aus Der Standard, Wien, 28. Mai 2016
Was die Mongolen 1242 wirklich aus Ungarn vertrieb
Historiker und Dendrochronologe glauben: Das Klima dürfte ein wichtiger Grund gewesen sein
Princeton/Wien – Im 13. Jahrhundert beherrschten die Mongolen das größte zusammenhängende Landimperium aller Zeiten. Nach dem Tod von Dschingis Khan dauerte es einige Jahre, ehe sich die Mongolen an die Eroberung westlicher Länder machten. 1237 wurde Russland unterworfen, 1240 Polen, 1241 kam es zur legendären Schlacht von Liegnitz, in der sich der deutsche Herzog Heinrich II. von Schlesien mit ein paar Tausend Männern dem übermächtigen Feind entgegenstellte. Die Schlacht endete für die Deutschen mit einem Fiasko, doch der Blutzoll war auch unter den Mongolen so groß, dass sie von einem weiteren Vormarsch absahen.
So lautet zumindest die offizielle Version. Womöglich spielten noch ganz andere Faktoren eine entscheidende Rolle beim Rückzug der Mongolen aus Mitteleuropa, behaupten Nicola Di Cosmo (Princeton University) und Ulf Büntgen (Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in der Schweiz). Der Historiker Di Cosmo und der Dendrochronologe Büntgen haben das Wetter zwischen 1230 und 1250 sowohl aufgrund von historischen Quellen als auch von Baumringen rekonstruiert.
Wie sie im Fachblatt "Scientific Reports" berichten, folgten auf warme und trockene Sommer von 1238 bis 1241 nasskalte Bedingungen ab 1242. Damals dürften erhebliche Niederschläge die ungarische Ebene zum Sumpf gemacht haben, die Pferde der Mongolen hatten weniger zu fressen. Dadurch büßten die berittenen Truppen an Kampfkraft ein. Zudem dürften Plünderungen und Entvölkerung zu Hungersnöten geführt haben, was die Mongolen zusätzlich zum Abzug motiviert haben dürfte. Die Forscher halten ihre Fallstudie für ein Beispiel dafür, wie ein Klimawandel entscheidenden Einfluss auf vormoderne Entwicklungen hatte. (tasch)
Abstract
Scientific Reports: "Climatic and environmental aspects of the Mongol withdrawal from Hungary in 1242 CE"
Donnerstag, 16. Juni 2016
Dienstag, 14. Juni 2016
Fußball seit dem Mittelalter.
Schon die Ritter spielten Fußball
Claudia Ehrlich
Pressestelle der Universität des Saarlandes
Universität des Saarlandes
Wer glaubt, heute ginge es auf dem Spielfeld grob zu, der würde sich über den mittelalterlichen Fußball wundern: Das Spiel stand den damals allseits beliebten Steinschlachten und Faustkämpfen in nichts nach. Es kam ohne Spielfeld aus, Stadttore dienten als Tor. Fußball wird seit Jahrhunderten gespielt, das beweisen alte Quellen. In England und Italien war dieser Sport spätestens seit dem zwölften Jahrhundert weit verbreitet. In der Renaissance erhoben ihn die Medici-Fürsten zum Nationalspiel. Der Kulturhistoriker Wolfgang Behringer von der Universität des Saarlandes hat die Geschichte des Fußballs vom ersten Auftauchen in den Quellen bis heute erforscht.
Warum sind an manch altem Gemäuer in englischen oder italienischen Altstädten die Fenster auch der oberen Stockwerke vergittert? Warum betrieb man in schwindelnder Höhe solch teuren Aufwand? Die Antwort von Wolfgang Behringer: „Fußball! Zu Renaissance-Zeiten hatten die Menschen ihre Erfahrung damit: Sie wollten die teuren Fenstergläser vor den harten Bällen schützen.“ Fußball ist weit älter, als man vielleicht vermuten würde. Zwar ist er keine antike olympische Disziplin. Aber Professor Behringer hat in unzähligen Quellen – in Chroniken, Briefwechseln, Tagebüchern, Memoiren – Nachweise gefunden, die bis ins Mittelalter reichen.
Aus welcher Zeit stammt der älteste Beleg für den Fußball? „Quellen aus dem Mittelalter nennen nur Ballspiele, ohne weitere Unterscheidung. Ballspiele waren damals generell sehr beliebt. Etwa das dem Volleyball ähnliche Pallone, das in Deutschland und Italien die populärste Sportart war. Als die Quellen für Fußball einsetzen, gibt es diesen schon, so dass man über seine Anfänge nur spekulieren kann. Der vielleicht älteste handfeste Nachweis stammt aus dem Jahr 1137: Es handelt sich um einen Bericht vom Tod eines Jungen, der beim Fußballspiel in England starb“, erklärt Behringer.
„Ab dem Spätmittelalter waren England, Italien und auch Frankreich die Fußball-Hochburgen“, sagt der Historiker. Ein Spiel dauerte oft so lange es hell war, von morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit. Das Spielfeld konnte kilometerlang sein. Stadttore dienten an manchen Tagen als Tor. Zum Beispiel waren Faschingsdienstag und Aschermittwoch beliebte Termine für große Fußballturniere. Die Zahl der Spieler war nicht begrenzt und zimperlich ging es auch nicht zu. „Mord und Totschlag waren verboten, sonst war der Körpereinsatz nicht groß beschränkt. Massenraufereien, Unfälle, sogar Tote waren nicht selten – auch Blutrache nach solchen Vorfällen ist bekannt.“ Und so wurde der Fußball des Öfteren verboten: zwischen 1314 und 1667 insgesamt 30 Mal. „1424 wurde eine Geldstrafe für das Fußballspielen verhängt“, sagt Behringer.
In Italien traten beim Calcio genannten Fußball ganze Dörfer und Stadtviertel gegeneinander an. „Die Medici, die wie der sportbegeisterte Cosimo I. selbst spielten, erhoben das Spiel in Zeiten der Renaissance zu ihrem Markenzeichen, machten ihn in Florenz zum Nationalsport“, erklärt der Historiker. Die Medici pflegten eine galantere Spielart, zivilisierten das wilde Spiel. Zwar immer noch recht grob, aber bereits mit genauen Regeln, versuchten die 27 Spieler einer Mannschaft das gegnerische Zelt-Tor zu treffen. Der Ball, so eine Quelle aus dem Jahr 1625, war aus weißem Leder und mit Luft gefüllt.
„Regelmäßig fanden große Spiele auf der Piazza Santa Croce oder auf dem Platz vor der Kirche Santa Maria Novella statt, was große Zuschauermassen anzog. Ein Anlass, einen großen Calcio zu veranstalten, wurde bei jeder Gelegenheit wahrgenommen, etwa bei Staatsbesuchen, Hochzeiten oder an Festtagen“, sagt Behringer. Im Winter wurde das Spiel kurzerhand aufs Eis verlegt – so geschehen 1491, als in Florenz der Arno zufror. „Ebene, nicht zugebaute Flächen ohne Wälder waren selten, da wurde die freie Eisfläche sofort zum Fußballplatz erklärt“, erläutert er.
Und Deutschland? „Deutschlands Fußballtradition ist eher jung“, erklärt er. Hier waren andere Ballspielarten beliebter, bei denen aber auch bisweilen der Fuß zum Einsatz kam, etwa beim Pallone, bei dem die Spieler verhindern mussten, dass der Ball auf den Boden fiel. In dieser Hinsicht – so fand Behringer in Tagebüchern heraus – könnte Herzog Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg im 16. Jahrhundert als einer der ersten verifizierten Fußballer in Deutschland gelten. Der Herzog war sehr sportlich. „In seinen Tagebüchern findet sich fast täglich der Eintrag ´Nachmittags Pallone`“, sagt Behringer.
Der Fußball in seiner heutigen Erscheinungsform entstand 1863: „In diesem Jahr wurde Fußball in England Schulsport. Im Zuge dessen legte man die Spielerzahl auf elf fest und formulierte Spielregeln. So wurden etwa grobe Fouls und die Zuhilfenahme der Hände untersagt. Der traditionelle, kampforientierte Football wurde in Rugby umbenannt. Aus einer Sportart wurden damit zwei“, erläutert der Historiker. Die Gründung der meisten deutschen Fußballvereine erfolgte seit den 1890er Jahren.
Bei den Olympischen Spielen der Neuzeit wurde Fußball olympische Disziplin, so in Paris 1900 bei den zweiten Olympischen Spielen, damals siegte Großbritannien im Fußballturnier, Frankreich im Rugby. „1908 kam es in London erstmals zu einem richtigen Turnier zwischen Nationalmannschaften – das englische Team gewann im Viertelfinale gegen Schweden 12:1 und das sogar ohne Trainer. 17:1 spielten die Dänen im Halbfinale gegen Frankreich – Torschützenkönig Sopus Niesen ging mit zehn Toren Rekord in die Geschichte ein. Im Finale siegte Großbritannien gegen Dänemark“, sagt Behringer.
Kontakt für die Presse:
Prof. Dr. Wolfgang Behringer
Tel: 0681-302-2319 oder 302-3337; Email: behringer@mx.uni-saarland.de
Zur Sportgeschichte hat Wolfgang Behringer ein Buch veröffentlicht:
„Kulturgeschichte des Sports. Vom antiken Olympia bis ins 21.Jahrhundert“ erschienen bei C.H. Beck, 2012, ISBN 978-3-406-63205-1
Sonntag, 12. Juni 2016
Was wir den Griechen schuldig sind.
Die 12 Arbeiten des Herakles
Erste jungsteinzeitliche Bauern Europas stammen aus der Ägäis
Petra Giegerich
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Internationales Team um Mainzer Palaeogenetiker weisen neolithische Migration aus Griechenland und Anatolien nach
Verschiedene Teile Europas wurden bereits vor rund 8000 Jahren von Bauern aus der nördlichen Ägäis besiedelt. Die Menschen wanderten aus dem Norden Griechenlands und der nordwestlichen Türkei nach Mitteleuropa und Spanien ein und brachten ihre sesshafte Lebensweise und landwirtschaftliche Praktiken mit in die zentraleuropäischen und mediterranen Gebiete, in denen jungsteinzeitliche Jäger-und-Sammler-Gesellschaften lebten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die ein internationales Team um die Mainzer Palaeogenetiker erstellt hat und die diese Woche in dem Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences erscheint. Die Wissenschaftler analysierten das Erbgut von archäologischen Skeletten aus Griechenland und der Türkei. Der Studie zufolge gelangten neolithische Siedler aus der Gegend um die Ägäis und das Marmarameer entlang einer Balkanroute nach Mitteleuropa. Etwa zur gleichen Zeit erreichten prähistorische Bauern aus dem ägäischen Raum auch über das Mittelmeer die iberische Halbinsel.
Die Kolonisten waren die ersten sesshaften Ackerbauern, die nach Europa kamen. Sie brachten Hausbau, Landwirtschaft und Haustiere mit in ihr neues Siedlungsgebiet. Während ihrer Expansion trafen sie auf Jäger und Sammler, die seit der Eiszeit in Europa ansässig waren. Gemäß der Studie vermischten sich die beiden Bevölkerungsgruppen anfänglich nur in sehr begrenztem Maße. "Man tauschte Kulturgüter und Kenntnisse aus, aber nur selten Ehepartner", beschreibt Studienleiter Joachim Burger von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) die ersten Kontakte. "Erst nach Jahrhunderten stieg die Zahl der Partnerschaften an." Die Mainzer Anthropologen hatten die Interaktion von Bauern und Wildbeutern im prähistorischen Europa bereits in Studien 2009 und 2013 untersucht. Nun weisen sie nach, dass die kulturellen Unterschiede und der zögerliche Kontakt der beiden Gruppen auf die völlig unterschiedliche geographische Herkunft zurückgehen.
"Die migrierenden Bauern brachten nicht nur eine völlig fremde Kultur mit, sondern sahen sicherlich auch anders aus und sprachen eine unterschiedliche Sprache", fügt Christina Papageorgopoulou von der Demokritus-Universität Thrakien hinzu. Sie hatte als Humboldt-Stipendiatin in Mainz die Studie mit Burger ins Leben gerufen.
Die Studie klärt eine langjährige Debatte über die Herkunft der ersten europäischen Bauern, indem sie anhand von Genomanalysen zeigt, dass die Ahnenliste von Zentral- und Südwesteuropa nach Griechenland und dem nordwestlichen Anatolien zurückverfolgt werden kann. "Es gab die Auffassung, dass die Landwirtschaft rein durch Ideentransfer nach Europa kam, ohne oder mit nur geringer Migrationsbewegung. Diese Ansichten können nun ad acta gelegt werden", so Burger mit einem Hinweis darauf, dass sich das Verständnis der neolithischen Revolution durch die Analysen alter DNA in den letzten sieben Jahren grundlegend geändert hat. Die Mainzer Palaeogenetiker um Joachim Burger sind Vorreiter bei der paläogenetischen Beforschung der Neolithisierung Europas.
Sesshaftigkeit, Ackerbau und Tierhaltung haben sich bereits vor 10.000 Jahren in einer Gegend entwickelt, in der heute die Türkei, Syrien, Iran und Irak aneinander grenzen, dem sogenannten Fruchtbaren Halbmond. Zuzana Hofmanová, neben Susanne Kreutzer die Erstautorin der neuen Studie, führt dazu aus: "Ob die ersten Ackerbauern letztendlich aus dieser Gegend kamen, ist noch nicht bewiesen. Aber mit Sicherheit konnten wir feststellen, dass sie samt ihrer revolutionären neolithischen Kultur weite Teile Europas über die nördliche Ägäis in nur kurzer Zeit besiedelt haben."
Es sollte nicht die letzte große Migration nach Europa sein: Vor ca. 5.000 Jahren erreichten Bewohner der osteuropäischen Steppe Mitteleuropa und gingen in den Gesellschaften ehemaliger Jäger und Sammler und früher Bauern auf. Mehrheitlich aus einer Mischung dieser drei Gruppen entstanden die heutigen Bevölkerungen Europas.
Fotos:
http://www.uni-mainz.de/bilder_presse/10_anthropologie_migration_aegaeis_01.jpg
Menschliches Skelett von einer Ausgrabung im nördlichen Griechenland
Foto/©: K. Kotsakis und P. Halstead, Paliambela Excavation Project Archive
http://www.uni-mainz.de/bilder_presse/10_anthropologie_migration_aegaeis_02.jpg
Blick in den Reinraum des DNA-Spurenlabors
Foto/©: AG Palaeogenetik, JGU
http://www.uni-mainz.de/bilder_presse/10_anthropologie_migration_aegaeis_03.jpg
Untersuchung alter DNA im Labor
Foto/©: AG Palaeogenetik, JGU
Veröffentlichung:
Zuzana Hofmanová, Susanne Kreutzer et al.
Early farmers from across Europe directly descended from Neolithic Aegeans
Proceedings of the National Academy of Sciences, 8. Juni 2016
DOI: 10.1073/pnas.1523951113
Nota. - Haste Töne: Nicht wir Deutschen haben das Arbeiten erfunden, sondern ausgerechnet aus Griechenland haben sie es zu uns gebracht! Da isses ja wohl unsere Schuldigkeit, ihnen jetzt unter die Arme zu greifen, wo sie's nach so langer Zeit ein bissel leid geworden sind.
Oder war es im Gegenteil ein böser Fluch, mit dem sie uns damals überzogen haben? Da dürften wir froh sein, dass uns seit ein, zwei Generationen auch schonmal was andres einfällt, wenn wir nach dem Sinn der Lebens gefragt werden, als ausgerechnet die Maloche.
Aber auch dann dürften wir über die Griechen nicht die Augenbrauen hochziehen: Sie waren uns schon wieder voraus.
JE
Freitag, 10. Juni 2016
Bore out und die Zukunft der Arbeit.
aus Süddeutsche.de, 10. Juni 2016, 09:12 Uhr
Modernes Arbeitsleben
Langweiler von Beruf
Wer im Job chronisch unterbeschäftigt ist, schadet seiner Firma - und sich selbst. Doch wie kommt man in diese Situation? Und warum ist es so schwer, sich daraus zu befreien?
Von Johannes Kuhn, New Orleans
Kein anderer Simulant der modernen Arbeitswelt, nicht der Schleimer, nicht der Kompetenz-Imitator, fristet ein so klägliches Dasein wie der Beschäftigungsvortäuscher. Gut getarnt verbringt er die Tage damit, bis zum Feierabend Tätigkeiten zu simulieren, während er in Wahrheit doch vor allem eins tut: sich langweilen.
Für Firmen stellen solche Mitarbeiter eine Gefahr dar: Eine Forschungsgruppe von Montclair State University und University of South Florida fand unter den chronisch Unterbeschäftigten eine höhere Wahrscheinlichkeit für kontraproduktives Arbeitsverhalten. Stärker als ausgelastete Mitarbeiter beteiligen sie sich demnach an Mobbing, Selbstisolation, Diebstahl oder Sabotage.
Dabei ist Langeweile in der Arbeit, und das ist die traurige Wahrheit, eher Regel als Ausnahme: In der jährlichen Gallup-Umfrage zur Mitarbeitermotivation in Deutschland gaben zuletzt 68 Prozent der Beschäftigten an, lediglich Dienst nach Vorschrift zu machen.
Der Wirtschaftswissenschaftler Roland Paulsen beschreibt in seinem Buch "Empty Work" das Schicksal eines solch tapferen Wesens: Ein schwedischer Bankangestellter langweilt sich zu Tode, weil sein Vollzeit-Job aus einer Tätigkeit besteht, für die er jeden Tag nur 15 Minuten benötigt. Als er es satt hat, den Rest seiner Zeit zu verschwenden, wendet er sich an einen Vorgesetzten. Das Resultat: Der Mann behält zwar seinen Job, aber leider auch die Aufgabe. Gekürzt auf eine Halbtagsstelle. In vielen anderen Ländern wäre er wahrscheinlich entlassen worden.
Früher galt der Gelangweilte schlicht als Faulenzer mit bösen Absichten. Sicher, hinter manchem Computerbildschirm döst ein Nichtstuer aus Passion, doch als Problem erhält das "Bore-Out" ("Wie Burn-out, nur nicht so interessant",spottete der Guardian) seit einigen Jahren eine angemessene Würdigung.
"Erst gehst du ins Internet, und dann schließt du dich in ein leeres Büro ein und weinst"
Selbst als jüngst ein Franzose seinen Arbeitgeber wegen permanenter Unterforderung auf 385 000 Euro Schadenersatz verklagte, offenbarte der Fall neben Größenwahn die typische Tragik des Gelangweilten: "Ich hatte einige Materialien zu kaufen, ein bisschen Papier, und dann war mein Tag vorbei", klagte der Mann Medienberichten zufolge. "Erst gehst du ins Internet, und dann schließt du dich in ein leeres Büro ein und weinst."
Nicht nur dieser Extremfall wirft die Frage auf, wie Menschen in solche Situationen kommen. Häufig, so fand Paulsen in seiner Befragung von 40unproduktiven Mitarbeitern heraus, seien interessante Aufgaben einfach von Vorgesetzten an Kollegen delegiert worden. Könnte es sein, fragt er deshalb, dass die wachsende Ungleichheit in der Arbeitswelt nicht nur finanziell stärker wird, sondern sich auch zwischen anregenden und langweiligen Jobs zeigt? Eine Frage, über die all jene nur müde lächeln können, die vor lauter Stress und Überstunden für Langeweile im Job schlicht keine Zeit haben.
Gegenwart trifft auf Ideal
Was die Ödnis des Nichtstuns zusätzlich belastet, ist der Anspruch, nicht einfach nur einen Job zu machen, sondern in der Arbeit Erfüllung zu finden. "Wir erwarten von einem Beruf nicht nur Aufstiegsmöglichkeiten und Einkommen, sondern auch Sinn, Freude und Daseinsberechtigung", schreibt die Atlantic-Autorin Ellen Ruppel Shell. Untersuchungen zeigen, dass die berufliche Midlife-Krise häufig so um die 40 beginnt und vor allem damit zusammenhängt, dass wir unsere (triste) Gegenwart mit dem (nostalgisch gefärbten) Wunschbild unseres Berufs vergleichen, das wir in unseren Zwanzigern hatten. Neben dem Faulpelz-Stigma bedeutet Nichtstun in der Arbeit auch eine ständige Konfrontation mit dem Ideal einer erfüllenden Arbeit, das mit dem Selbstverwirklichungs-Hype einhergeht.
Dabei, so legt eine Studie der Duke University in North Carolina nahe, sind wir es selbst, die häufig lieber einfache als erfüllende Aufgaben wählen. Die Forscher setzten eine Gruppe von Probanden in ein Klassenzimmer und erklärten, ihnen für fünf Minuten Stillsitzen 2,50 Dollar zu zahlen. Als Alternative boten sie an, ein Puzzle zu lösen. Wenn die Puzzelei gleichzeitig besser bezahlt wurde, entschieden sich 82 Prozent der Testpersonen dafür. Bei gleicher Bezahlung schrumpfte der Puzzlespieler-Anteil auf 36 Prozent - obwohl die Spieler danach deutlich zufriedener waren. Kurz: Wenn wir die Wahl zwischen einem langweiligen und einem interessanten Job haben, entscheiden wir uns bei gleicher Bezahlung für den langweiligen.
Die Ansprüche ans Arbeitsleben sind geringer als gedacht
Je länger wir in dieser Situation verharren, desto geringer die Motivation, zu kündigen. Gerade in Deutschland wächst mit der Dauer der Firmenzugehörigkeit die Sicherheit des Jobs, zugleich aber auch die Verantwortung für Familie oder die eigene Altersvorsorge. Und weiterhin bevorzugt der Arbeitsmarkt Erfahrung nur so lange, bis sie zu teuer wird oder die typische Altersdiskriminierung von Personalabteilungen einsetzt. Und wer garantiert, dass es in einer anderen Firma besser ist? Was also tun? Am Ende kommt es darauf an, wie sehr sich der Einzelne damit abfinden kann, regelmäßig nach einem unproduktiven Tag schlecht gelaunt nach Hause zu kommen - Langeweile macht schließlich schlechte Laune.
Wenn 68 Prozent der Deutschen Dienst nach Vorschrift machen, einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge jedoch 67 Prozent mit ihrer Arbeitsstelle zufrieden sind, deutet das darauf hin, dass unsere Ansprüche an ein erfüllendes (oder ausgefülltes) Arbeitsleben ohnehin geringer als gedacht sind. 65 Prozent der Deutschen würde sogar dann weiter arbeiten, wenn sie einen hohen Geldbetrag gewinnen würden. Ein Teil davon ahnt womöglich, sich ohne Arbeit vollends zu langweilen.
Nota. - So selbstverständlich, dass man es gar nicht mehr zu erwähnen braucht, ist es nun auch wieder nicht: Das hat alles mit der digitalen Revolution zu tun. Solange die Berufsarbeit typischerweise Industriearbeit war, wurde sie in erster Linie mit den Händen und im Stehen verrichtet. Erst, seit sie typischerweise Büroarbeit geworden ist, geschieht sie im Sitzen und fast regungslos - wenn man die Mundbewegung beim Schwatzen am Telefon unberücksichtigt lässt. Und nun fällt es keinem, und zunächst auch den "Betroffenen" nicht, auf, dass da einer nix zu tun hat.
Und weil es zur digitalen Revolution gehört, lässt sich das Phänomen nur in deren Rahmen lösen.
Was wird aus der Arbeit? Leute, die am liebsten gar nichts täten, gab es immer; heute tauchen sie in den Großraumbüros unter, und das geht nur, weil ihre Arbeit gar nicht gebraucht wird und entfallen kann. Viel mehr Leute aber würden sich zu Tode langweilen, wenn sie nichts zu tun hätten, worin sie einen Sinn erkennen können.
Im Erwerbsleben wird es bald auch für die keine Arbeit mehr geben. Von beiden Seiten aus, sowohl der Seite der Arbeitnehmer als von der Seite der Unternehmen, wäre es sinnvoll, Arbeit und Lebensunterhalt voneinander zu scheiden. Es würden nur noch die arbeiten, die es wirklich wollen, und die anderen würden, 'so Gott will, durch lange Weile genötigt, an ihren Geist zu denken', wie J. G. Fichte sagt (und nur ein paar werden finden, dass sie gar keinen haben). Dann werden sie unruhig und müssen sich selber was einfallen lassen, wovon sie aber vielleicht nicht leben könnten.
Kurz und gut, die Lösung bestünde in einem bedarfsunabhängigen Grundeinkommen.
JE
Modernes Arbeitsleben
Langweiler von Beruf
Wer im Job chronisch unterbeschäftigt ist, schadet seiner Firma - und sich selbst. Doch wie kommt man in diese Situation? Und warum ist es so schwer, sich daraus zu befreien?
Von Johannes Kuhn, New Orleans
Kein anderer Simulant der modernen Arbeitswelt, nicht der Schleimer, nicht der Kompetenz-Imitator, fristet ein so klägliches Dasein wie der Beschäftigungsvortäuscher. Gut getarnt verbringt er die Tage damit, bis zum Feierabend Tätigkeiten zu simulieren, während er in Wahrheit doch vor allem eins tut: sich langweilen.
Für Firmen stellen solche Mitarbeiter eine Gefahr dar: Eine Forschungsgruppe von Montclair State University und University of South Florida fand unter den chronisch Unterbeschäftigten eine höhere Wahrscheinlichkeit für kontraproduktives Arbeitsverhalten. Stärker als ausgelastete Mitarbeiter beteiligen sie sich demnach an Mobbing, Selbstisolation, Diebstahl oder Sabotage.
Dabei ist Langeweile in der Arbeit, und das ist die traurige Wahrheit, eher Regel als Ausnahme: In der jährlichen Gallup-Umfrage zur Mitarbeitermotivation in Deutschland gaben zuletzt 68 Prozent der Beschäftigten an, lediglich Dienst nach Vorschrift zu machen.
Der Wirtschaftswissenschaftler Roland Paulsen beschreibt in seinem Buch "Empty Work" das Schicksal eines solch tapferen Wesens: Ein schwedischer Bankangestellter langweilt sich zu Tode, weil sein Vollzeit-Job aus einer Tätigkeit besteht, für die er jeden Tag nur 15 Minuten benötigt. Als er es satt hat, den Rest seiner Zeit zu verschwenden, wendet er sich an einen Vorgesetzten. Das Resultat: Der Mann behält zwar seinen Job, aber leider auch die Aufgabe. Gekürzt auf eine Halbtagsstelle. In vielen anderen Ländern wäre er wahrscheinlich entlassen worden.
Früher galt der Gelangweilte schlicht als Faulenzer mit bösen Absichten. Sicher, hinter manchem Computerbildschirm döst ein Nichtstuer aus Passion, doch als Problem erhält das "Bore-Out" ("Wie Burn-out, nur nicht so interessant",spottete der Guardian) seit einigen Jahren eine angemessene Würdigung.
"Erst gehst du ins Internet, und dann schließt du dich in ein leeres Büro ein und weinst"
Selbst als jüngst ein Franzose seinen Arbeitgeber wegen permanenter Unterforderung auf 385 000 Euro Schadenersatz verklagte, offenbarte der Fall neben Größenwahn die typische Tragik des Gelangweilten: "Ich hatte einige Materialien zu kaufen, ein bisschen Papier, und dann war mein Tag vorbei", klagte der Mann Medienberichten zufolge. "Erst gehst du ins Internet, und dann schließt du dich in ein leeres Büro ein und weinst."
Nicht nur dieser Extremfall wirft die Frage auf, wie Menschen in solche Situationen kommen. Häufig, so fand Paulsen in seiner Befragung von 40unproduktiven Mitarbeitern heraus, seien interessante Aufgaben einfach von Vorgesetzten an Kollegen delegiert worden. Könnte es sein, fragt er deshalb, dass die wachsende Ungleichheit in der Arbeitswelt nicht nur finanziell stärker wird, sondern sich auch zwischen anregenden und langweiligen Jobs zeigt? Eine Frage, über die all jene nur müde lächeln können, die vor lauter Stress und Überstunden für Langeweile im Job schlicht keine Zeit haben.
Gegenwart trifft auf Ideal
Was die Ödnis des Nichtstuns zusätzlich belastet, ist der Anspruch, nicht einfach nur einen Job zu machen, sondern in der Arbeit Erfüllung zu finden. "Wir erwarten von einem Beruf nicht nur Aufstiegsmöglichkeiten und Einkommen, sondern auch Sinn, Freude und Daseinsberechtigung", schreibt die Atlantic-Autorin Ellen Ruppel Shell. Untersuchungen zeigen, dass die berufliche Midlife-Krise häufig so um die 40 beginnt und vor allem damit zusammenhängt, dass wir unsere (triste) Gegenwart mit dem (nostalgisch gefärbten) Wunschbild unseres Berufs vergleichen, das wir in unseren Zwanzigern hatten. Neben dem Faulpelz-Stigma bedeutet Nichtstun in der Arbeit auch eine ständige Konfrontation mit dem Ideal einer erfüllenden Arbeit, das mit dem Selbstverwirklichungs-Hype einhergeht.
Dabei, so legt eine Studie der Duke University in North Carolina nahe, sind wir es selbst, die häufig lieber einfache als erfüllende Aufgaben wählen. Die Forscher setzten eine Gruppe von Probanden in ein Klassenzimmer und erklärten, ihnen für fünf Minuten Stillsitzen 2,50 Dollar zu zahlen. Als Alternative boten sie an, ein Puzzle zu lösen. Wenn die Puzzelei gleichzeitig besser bezahlt wurde, entschieden sich 82 Prozent der Testpersonen dafür. Bei gleicher Bezahlung schrumpfte der Puzzlespieler-Anteil auf 36 Prozent - obwohl die Spieler danach deutlich zufriedener waren. Kurz: Wenn wir die Wahl zwischen einem langweiligen und einem interessanten Job haben, entscheiden wir uns bei gleicher Bezahlung für den langweiligen.
Die Ansprüche ans Arbeitsleben sind geringer als gedacht
Je länger wir in dieser Situation verharren, desto geringer die Motivation, zu kündigen. Gerade in Deutschland wächst mit der Dauer der Firmenzugehörigkeit die Sicherheit des Jobs, zugleich aber auch die Verantwortung für Familie oder die eigene Altersvorsorge. Und weiterhin bevorzugt der Arbeitsmarkt Erfahrung nur so lange, bis sie zu teuer wird oder die typische Altersdiskriminierung von Personalabteilungen einsetzt. Und wer garantiert, dass es in einer anderen Firma besser ist? Was also tun? Am Ende kommt es darauf an, wie sehr sich der Einzelne damit abfinden kann, regelmäßig nach einem unproduktiven Tag schlecht gelaunt nach Hause zu kommen - Langeweile macht schließlich schlechte Laune.
Wenn 68 Prozent der Deutschen Dienst nach Vorschrift machen, einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge jedoch 67 Prozent mit ihrer Arbeitsstelle zufrieden sind, deutet das darauf hin, dass unsere Ansprüche an ein erfüllendes (oder ausgefülltes) Arbeitsleben ohnehin geringer als gedacht sind. 65 Prozent der Deutschen würde sogar dann weiter arbeiten, wenn sie einen hohen Geldbetrag gewinnen würden. Ein Teil davon ahnt womöglich, sich ohne Arbeit vollends zu langweilen.
Nota. - So selbstverständlich, dass man es gar nicht mehr zu erwähnen braucht, ist es nun auch wieder nicht: Das hat alles mit der digitalen Revolution zu tun. Solange die Berufsarbeit typischerweise Industriearbeit war, wurde sie in erster Linie mit den Händen und im Stehen verrichtet. Erst, seit sie typischerweise Büroarbeit geworden ist, geschieht sie im Sitzen und fast regungslos - wenn man die Mundbewegung beim Schwatzen am Telefon unberücksichtigt lässt. Und nun fällt es keinem, und zunächst auch den "Betroffenen" nicht, auf, dass da einer nix zu tun hat.
Und weil es zur digitalen Revolution gehört, lässt sich das Phänomen nur in deren Rahmen lösen.
Was wird aus der Arbeit? Leute, die am liebsten gar nichts täten, gab es immer; heute tauchen sie in den Großraumbüros unter, und das geht nur, weil ihre Arbeit gar nicht gebraucht wird und entfallen kann. Viel mehr Leute aber würden sich zu Tode langweilen, wenn sie nichts zu tun hätten, worin sie einen Sinn erkennen können.
Im Erwerbsleben wird es bald auch für die keine Arbeit mehr geben. Von beiden Seiten aus, sowohl der Seite der Arbeitnehmer als von der Seite der Unternehmen, wäre es sinnvoll, Arbeit und Lebensunterhalt voneinander zu scheiden. Es würden nur noch die arbeiten, die es wirklich wollen, und die anderen würden, 'so Gott will, durch lange Weile genötigt, an ihren Geist zu denken', wie J. G. Fichte sagt (und nur ein paar werden finden, dass sie gar keinen haben). Dann werden sie unruhig und müssen sich selber was einfallen lassen, wovon sie aber vielleicht nicht leben könnten.
Kurz und gut, die Lösung bestünde in einem bedarfsunabhängigen Grundeinkommen.
JE
Donnerstag, 9. Juni 2016
Bringt sich Schäuble in Stellung?

aus Süddeutsche.de, 9. 6. 2016
"...Schäuble warnt Europa angesichts immer größerer Hürden für Migranten vor einer Einigelung. "Die Abschottung ist doch das, was uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren ließe", sagt der Christdemokrat.
In Deutschland trügen Muslime zu Offenheit und Vielfalt bei: "Schauen Sie sich doch mal die dritte Generation der Türken an, gerade auch die Frauen. Das ist doch ein enormes innovatorisches Potenzial."
Zugleich fordert er einen grundlegenden Wandel im Umgang mit der arabischen Welt und Afrika: "Afrika wird unser Problem sein, wir müssen diese Aufgabe annehmen." Der Christdemokrat findet, dass in der Vergangenheit das Interesse am Kontinent südlich des Mittelmeeres zu gering ausgeprägt war. "Wir haben ja erst nach 1990 angefangen, uns ernsthaft mit der Tatsache zu beschäftigen, dass es außerhalb der westlichen Welt noch etwas anderes gibt. Hart gesagt, hat uns der Mittlere Osten Afrika vom Hals gehalten", so Schäuble. "Das ist jetzt vorbei."
Angesichts der Fluchtbewegung aus den Krisenzonen des Mittleren Ostens und Afrikas sieht Schäuble die Notwendigkeit, dass der Westen sich verstärkt um die Regionen kümmert: "Eines ist doch klar für die Zukunft: Wir werden mehr im Irak investieren müssen, in Syrien und in Libyen, und dann werden wir in der Subsahara mehr für deren Entwicklung bezahlen müssen." Zudem sollte Europa endlich seine Märkte für Produkte aus diesen Regionen öffnen. "Die Nordafrikaner verlangen das jetzt von uns, wenn sie Flüchtlinge zurückhalten. Aber die haben doch auch recht", sagt der in Freiburg geborene Politiker. In der globalisierten Welt sei es notwendig, "noch einmal eine maßvolle Revolution, einen grundlegenden Wandel ohne Übertreibung zu schaffen".
Er werde bei den G7-Treffen von seinen Kollegen aus den anderen großen Industrienationen gelegentlich "ein bisschen belächelt", wenn er sage: Eigentlich brauchten die reichen Länder "gar nicht mehr so viel" Wachstum. "Lasst uns doch lieber die aufstrebenden Ökonomien des Südens stärker fördern", schlage er dann vor - und stößt damit auf Widerstand. "Das passt manchem nicht, wenn ich das sage."
Schäuble äußert in dem Gespräch seine Sorge über den politischen Zustand der Vereinigten Staaten von Amerika. Die momentane US-Demokratie sei "aus der Sicht eines nichtwestlichen Menschen (...) mehr eine Plutokratie des großen Geldes als eine Demokratie". "Auch die Amerikaner müssen lernen, die Welt aus der Perspektive von anderen zu sehen und nicht nur aus der eigenen. Warum ist es ihnen beispielsweise noch immer nicht richtig gelungen, Lateinamerika ein guter Partner zu sein?"
Kritik an den USA, das eigene Wirtschaftswachstum nicht als oberste Maxime, Hilfe für Afrika und ein Plädoyer für Zuwanderung: Schäuble vertritt in dem Interview Standpunkte, die mitunter ziemlich untypisch für die Union sind. Vor allem aber wirkt er trotz seiner 73 Lebensjahre: progressiv.
Vielleicht hat das Vorpreschen des wohl mächtigsten Bundesministers auch noch einen anderen Grund. Nachdem Bundespräsident Joachim Gauck zu Wochenbeginn auch öffentlich erklärt hatte, nicht für eine zweite Amtszeit zu kandidieren, war Schäuble als möglicher Nachfolger genannt worden. Mit Ansichten wie im Zeit-Interview dürfte Schäuble auch Anklang jenseits der Union finden. Vor mehr als zehn Jahren war er schon mal ein Anwärter für das höchste Amt im Staate. Damals wurde er aber von einer Person ausgebremst: Angela Merkel.
Gerade der Kurs der Kanzlerin bei Zuwanderung und Flüchtlingskrise ist bei manchen Parteifreunden umstritten. Mit seinen aktuellen Äußerungen dürfte Schäuble der CDU-Vorsitzenden mehr denn je nutzen."
*
Und da wir schonmal dabei sind: Den plausibelsten Einfall zur Gauck-Nachfolge hat, wenn ich nicht irre, die taz gehabt: Kein anderer käme in Frage als Jérôme Boateng, Deutschlands beliebtester Nachbar!
Plausibel, aber unrealistisch. Herr Boateng ist noch jung und mit seiner Berufskarriere lange nicht am Ende. Der will erst noch was erleben.
Realistischer war der Vorschlag der Süddeutschen, listig in einen bunten Strauß gebunen. Niemand hat sich so sehr wie Joachim Gauck um die Deutsche Einheit verdient gemacht wie Gregor Gysi. Der ist ein kluger Mann, witzig und allgemein beliebt, und hat an seiner Loyalität gegenüber dem Grundgesetz nie den Hauch eines Zweifels gelassen. Und was das Wichtigste ist: Er hat die, die es am wenigsten wahrhaben wollten, an den Gedanken gewöhnt, dass die DDR aus vollem Recht untergegangen ist. Ohne Gysi würde in Ostdeutschland längst die AfD regieren. Dass er in der falschen Partei ist, kann man ihm da schonmal nachsehen.
Das Dumme ist, auch er wird nicht wollen. Schade. Das hätte einen Eiertanz gegeben bei den andern! Dass denen zu einem wirklich großen Wurf der Schneid fehlt, ahnen wir sowieso. Aber die Chance hätte man ihnen doch geben sollen.
JE
Wege der Pest: Andersrum wird ein Schuh draus.
Pest zog von Europa nach Asien
Moderne Pestbakterien stammen von nur einem mittelalterlichen Stamm ab
Ausbreitung nach Osten: Sowohl die heute weltweit kursierenden Pestbakterien als auch die Erreger der großen Pandemie im China des 19. Jahrhunderts haben einen gemeinsamen Ursprung: den Peststamm, der im Mittelalter in Europa den Schwarzen Tod wüten ließ. Das belegen Genanalysen historischer Pestopfer. Demnach wurde die Pest nicht mehrfach von Asien nach Europa eingeschleppt, sondern breite sich umgekehrt von Europa nach Asien aus.
Die Pest ist vor allem wegen ihrer drei großen Pandemien berüchtigt: die justinianische Pest im 8. Jahrhundert, den Schwarzen Tod des Mittelalters, der mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung hinraffte und schließlich eine große Pandemie im China des 19. Jahrhunderts. Aber auch nach der mittelalterlichen Pandemie gab es in Europa jahrhundertelang immer wieder Pestausbrüche.
Woher die diese Ausbrüche kamen, ist jedoch bisher unklar. Einige Indizien sprechen für eine wiederholte Einschleppung aus Asien, andere für ein europäisches Reservoir der Pesterreger. Heute gilt der Erreger in Europa als ausgestorben, in anderen Regionen der Welt existiert er jedoch noch.
Pesterreger aus historischen Gräbern
Um die Entwicklungsgeschichte dieses berüchtigten Erregers näher zu untersuchen, analysierten und verglichen Maria Spyrou vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und ihre Kollegen das Erbgut von verschiedenen historischen und heutigen Pesterregern (Yersinia pestis). Dafür entnahmen sie Proben aus alten Massengräbern im spanischen Barcelona und im süddeutschen Ellwangen, sowie aus einem Einzelgrab im russischen Bolgar.
Massengrab von Pestopfern eines Ausbruchs im 16. Jahrhundert im süddeutschen Ellwangen.
"Wir haben gehofft, durch die Untersuchung von Pestopfern verschiedener Pestwellen unterschiedliche Entwicklungsstufen des Bakteriums im mittelalterlichen Europa erfassen zu können", erklärt Spyrou. Während die spanischen Pesttoten Mitte des 14. Jahrhundert starben und damit eher zu Beginn der Ära des Schwarzen Todes, stammen die russischen Pestbakterien aus den Jahrzehnten nach dem Abklingen der Pandemie. Die Ellwanger Probe ist einem späteren Pestausbruch im 16. Jahrhundert zuzurechnen.
Eine große Welle
Das Ergebnis: Die Pestbakterien aus den mittelalterlichen Toten von Barcelona gehören zum gleichen Stamm wie bereits zuvor sequenzierte Erreger aus Londoner Pestopfern des 14. Jahrhunderts. "Das spricht für eine gleichzeitige Präsenz dieses Peststamms in Nord- und Südeuropa und stützt die Annahme, dass der Erreger Europa in einer einzigen Welle erreichte und überzog", konstatieren Spyrou und ihre Kollegen.
Aus diesem Stamm der Pestbakterien entwickelte sich dann später der in Ellwangen isolierte Erreger. Er ist den Bakterien aus Barcelona und London noch bemerkenswert ähnlich, wie die Forscher berichten. Gleichzeitig fanden sie aber auch gemeinsame Genmerkmale mit Pestbakterien, die aus Opfern der Pestepidemie von 1720 -1722 in Marseille isoliert worden waren. Dieser Ausbruch gilt als das letzte große Aufflackern der Seuche in Europa.

So breitete sich die Pest seit dem Mittelalter aus
Von Europa nach Asien und nicht umgekehrt
Nach Ansicht der Forscher bestätigen diese Funde, dass auch die Pestausbrüche nach dem Mittelalter auf ein europäisches Reservoir zurückgehen – und nicht auf wiederholte Neueinschleppungen aus Asien. "Die Hinweise verdichten sich, dass das Pestbakterium sich noch über Jahrhunderte nach dem Ende des Schwarzen Todes in Europa aufhielt", sagt Koautorin Kirsten Bos vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.
Und nicht nur das: Die aus den russischen Pestopfern isolierten Pesterreger sprechen dafür, dass die Pestausbrüche in Asien und vor allem die Pandemie im 19. Jahrhundert in China auf Abkömmlinge europäischer Pestbakterien zurückgehen. "Das ist das Schlüsselergebnis unserer Studie", betonen die Forscher. Die Genanalyen zeigen, dass die Pestbakterien aus Bolgar gegenüber denen aus London und Barcelona zusätzlich Mutationen erworben hatten.
Ein Ursprung für alle modernen Pesterreger
"Unsere Studien liefert damit erstmals genetische Belege dafür, dass die Pest sich nach dem Schwarzen Tod von Europa nach Asien ausbreitete", erklärt Spyrou. "Und sie zeigte eine Verbindung zwischen der Seuche des 14. Jahrhunderts und der modernen Pest." Denn frühere Genvergleiche ergaben, dass die heute noch im Umlauf befindlichen Pestbakterien von den Erregern der dritten großen Pandemie in China abstammen.
"Obwohl heute in China verschiedene Stämme des Pesterregers existieren, hat nur die Abstammungslinie, die Jahrhunderte zuvor in Europa den Schwarzen Tod verursacht hat, Südostasien im späten 19. Jahrhundert verlassen und sich schnell nahezu über die ganze Welt verbreitet", erklärt Alexander Herbig vom MPI für Menschheitsgeschichte. Damit liegt der Ursprung aller heutigen Pesterreger im Prinzip im mittelalterlichen Europa. (Cell Host & Microbe, 2016; doi: 10.1016/j.chom.2016.05.012)
(Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Cell Press, 09.06.2016 - NPO)
Montag, 6. Juni 2016
Armut ist erblich - wer hätte das gedacht!
Epigenetik
Armut hinterlässt Spuren im Erbgut von Kindern
Kinder aus armen Familien sind anfälliger für psychische Krankheiten. Forscher finden Hinweise, dass Veränderungen in der DNA dafür verantwortlich sein könnten.
von Felix Hütten
Armut kann das Gehirn von Kindern verändern. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler der Duke University in North Carolina (USA) in einer aktuellen Studie, vorgestellt im Fachmagazin Molecular Psychiatry. Schön länger bekannt ist, dass Kinder in einkommensschwachen Haushalten häufiger an psychischen Krankheiten wie Depression leiden als Kinder wohlhabender Eltern. Bislang haben Experten hierfür soziale Gründe aufgeführt: häufiger Stress, schlechte Ernährung und Sorgen um die Zukunft.
Ein Team um den Neurowissenschaftler Ahmad Hariri hat nun untersucht, ob sich die Folgen von Armut direkt im Gehirn von Kindern bemerkbar machen. Seine Vermutung: Kontinuierlicher Stress beeinflusst bestimmte Genabschnitte im Erbgut, die wiederum psychische Erkrankungen begünstigen können.
Angstzentrum armer Kinder wird aktiver
Hierfür untersuchte das Team bestimmte chemische Markierungen, auch Methylgruppen genannt, die das Auslesen von Genen steuern können. Im Fokus der Studie stand vor allem ein Gen, das für den Transport des Glückshormons Serotonin im Gehirn zuständig ist. Mediziner vermuten schon länger, dass bei Patienten mit Selbstmordabsichten und starker Depression dieser Transport gestört sein könnte.
Hariri und sein Team untersuchten 183 Jugendliche aus den USA auf Depressionen. Zudem testeten sie, wie die Probanden auf leichte Angst reagieren. Sie zeigten ihnen Bilder von angsteinflößenden Gesichtern und überprüften mit Hirnscans, ob das Angstzentrum im Gehirn vermehrt aktiviert wurde.
Die Versuche zeigten, dass jene Kinder, die in armen Verhältnisse aufgewachsen sind, eine verstärke Methylierung jenes Gens aufwiesen, das für den Serotonin-Transport verantwortlich ist. Solche chemische Markierungen bestimmen, ob ein Gen aktiviert oder stillgelegt wird, wobei sich die im Gen enthaltenen Informationen selbst nicht ändern. In dem untersuchten Fall führt die Anheftung von Methylgruppen dazu, dass weniger Transportzellen gebildet werden. Die Gehirnzellen wiederum laufen dadurch Gefahr, weniger Serotonin zu erhalten. Zudem wurde das Angstzentrum bei Kindern aus armen Haushalten stärker als bei wohlhabenden Kindern aktiviert. Beides kann im Erwachsenenalter Depression begünstigen.
Die Studie ist ein weiteres Argument für die Vermutung, dass Gene durch äußere Einflüsse beeinflusst werden und sich diese Veränderungen vererben können. Das Verständnis dieser Veränderungen, in der Fachsprache als Epigenetik bezeichnet, ist ein wichtiger Schlüssel für individuelle Therapien.
Seth Pollak, Kinderpsychologe an der University of Wisconsin, erklärt die Ergebnisse in der Fachzeitschrift Nature: "Man kann ein spezielles Gen in sich tragen, das Krankheiten fördert - aber abhängig von Erfahrungen, die man macht oder nicht macht, kann dieses Gen nie aktiviert werden."
Pollak kritisiert allerdings, dass die Zahl der Probanden der Studie nicht ausreiche, um allgemeine Aussagen zu treffen. Die Forscher kündigten deshalb an, in einer weiteren Studie mehr als 1000 Probanden untersuchen zu wollen .
Nota. - Um Persönlichkeitsstörungen zu enttabuisieren, war es nützlich, die Parole auszustreuen, Gemüts- und Geisteskrankheiten seien "Krankheiten wie jede andere". Aber das sind sie natürlich nicht. Unter einer Krankheit verstehen wir landläufig ein Leiden, das durch einen Störfaktor, einen Schädling, eine Noxa ausgelöst wurde. Ein Virus der Spanischen Grippe verursacht eine Spanische Grippe und keine Asiatische Grippe und keine Wadenkrämpfe. Es ist zwar kein rein mechanisches Kausalitätsverhältnis, weil jeder Organismus auf seine Weise reagiert und äußere Umstände aller Art auch ihre Rolle spielen, nicht zu reden von Rückkoppelungseffekten. Aber man weiß, worauf es ankommt: Letzten Endes wird die Noxa unschädlich gemacht werden müssen, alles andere ist nur Palliativ.
Und eben das kann man von Persönlichkeitsstörungen nicht sagen. Die Suche nach Ursache und Wirkung kann nur in die Irre führen, zumal wo es sich um chronische Erscheinungsbilder handelt. Man wird immer mit einem systemischen Vorgang rechnen müssen, wo das Ei nicht von der Henne zu unterscheiden ist.
Aber so ganz sicher ist auch das nicht. Man weiß, das Stoffwechselstörungen, namentlich Fehlfunktionen im endokrinalen System, bei vielen dieser Erkrankungen "auch eine Rolle spielen"; nur weiß man nicht, welche. Es sind Faktoren materieller Art, die sich empirisch nachweisen, ein wenig sogar messen lassen. Wie könnten die psychogen verursacht sein? Irgendwie müssen sie wohl doch am Anfang einer Ursache-Wirkung-Kette stehen! Ganz unvermeidlich stellt sich die Frage bei den Depressionen, die unzweifelhaft von eingeschränkter Serotonin-Aufnahme bedingt werden. Wie soll ein so eindeutig physiologischer Vorgang durch bloße Stimmungsveränderung hervorgerufen werden - wo er doch selbst die Stimmungsveränderung ist! Auch Umwelteinflüsse sind hier schwer vorstellbar.
Nun also auch hier: die Epigenetik!
Was immer dabei im Einzelnen noch herauskommen mag - sicher ist, dass die Kausalitätsbetrachtung nun auch bei den 'rein physiologischen' Vorgängen beiseite zu lassen ist. Systemisches Denken wird zum Normalfall.
JE
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