Sonntag, 11. Dezember 2016

Noch überlebt Schlesien in Berlin.


aus nzz.ch, 10.12.2016, 05:30 Uhr                                                                              Berlin 1870, Schlesischer Bahnhof

Berlins Hinterland 
Schlesier bauen die deutsche Hauptstadt 
In der Geschichte Berlins spielt Schlesien eine bedeutende Rolle. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die engen Beziehungen zerstört. 

von Roswitha Schieb 

Neulich erzählte ein älterer Herr, ein aus Schlesien stammender Berliner, von seiner Vision: Er habe davon geträumt, morgens am Berliner Hauptbahnhof in einen ICE zu steigen, zwei Stunden später in Breslau anzukommen, über den Marktplatz, den Rynek, und über den angrenzenden Salzmarkt zu schlendern, sich dort eine Ausstellung im Oppenheim-Haus über die Beziehungen zwischen Breslau und Berlin anzuschauen, gut zu essen und zu trinken, abends elegant in zwei Stunden mit dem ICE nach Berlin zurückzugleiten, um diesmal am Ostbahnhof, dem früheren Schlesischen Bahnhof, auszusteigen. 

Dass die Realität anders aussieht – die Zugstrecke zwischen Berlin und Breslau wurde vor über einem Jahr eingestellt –, versuchen verschiedene Initiativen während des Breslauer Kulturhauptstadtjahrs auszugleichen, indem sie an die nach 1945 radikal abgebrochenen historischen Beziehungen zwischen Berlin und Breslau anknüpfen möchten: So gab es in diesem Sommer zumindest an den Wochenenden eine Zugverbindung zwischen den beiden Städten, den «Kulturzug», der zwar fünf Stunden lang gemächlich durch die Landschaft tuckerte, dafür aber mit Lesungen, musikalischen Darbietungen, Performances und einer sehr gut bestückten mobilen Bibliothek aufwartete. 

Berlins Hinterland 

Wer dann am Breslauer Hauptbahnhof ausstieg, konnte im Digital-Pavillon Luneta, einer Art igluförmigem Riesenskype, schauen, ob es in Berlin-Friedrichstrasse gerade regnete oder nicht, und dann vielleicht im Oppenheim-Haus am Plac Solny, dem Salzring, die Besitzerin Frau Violetta Wojnowski treffen, die ihr zukünftiges, privat finanziertes Kulturhaus auch als Brücke zwischen Berlin und Breslau gestalten will. Es ist ihr eine Herzensangelegenheit, an das historisch gewachsene Verhältnis zwischen den beiden Städten anzuknüpfen, an eine Zeit, in der es hiess, dass jeder zweite Berliner ein Schlesier oder, zugespitzt gesagt, ein Breslauer sei.

Wann dieser Satz geprägt wurde, woher der Baumeister des Brandenburger Tores kommt, woher die charakteristischen Granitplatten auf den breiten Berliner Trottoirs stammen, ob das Schlesische Tor in Kreuzberg etwas mit Schlesien zu tun hat: All diese Fragen zu beantworten, wird vielen Berlinern heutzutage nicht leichtfallen. Dabei war bis 1945 Schlesien etwa zweihundert Jahre lang das wichtigste Hinterland Berlins. 

Auch den nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien Vertriebenen gelang es in Berlin etwas besser als anderswo in Deutschland, ein neues Heimatgefühl zu entwickeln, weil hier seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine Art schlesischer Infrastruktur existierte, so etliche schlesische Fleischer und Bäcker, dass es damals bald einmal hiess, jeder gute Berliner Fleischer bzw. Bäcker komme aus Schlesien. Über zweihundert Strassennamen zeugen noch heute von der früheren Bedeutung Schlesiens für Berlin.

Mit der Eroberung dieser österreichisch geprägten Provinz durch Friedrich II. in den drei Schlesischen Kriegen zwischen 1740 und 1763 wurde Schlesien zu einem Bestandteil des norddeutsch-protestantischen Königreichs Preussen umgepolt, zu einer straff verwalteten Musterprovinz, die Berlin entscheidend mitbeeinflusste. Seit dem 19. Jahrhundert entdeckten die preussischen Könige die liebliche Landschaft des Riesengebirgsvorlandes und bauten sich Schlösser, Gärten und Herrenhäuser im Hirschberger Tal. Um 1900 wurde es für die Berliner immer selbstverständlicher, sommers wie winters ins Riesengebirge zu reisen.

C. D. Friedrich, Riesengebirge

Mit dem Aufstand der schlesischen Weber im Jahr 1844 drang neues soziales Gedankengut von Schlesien nach Berlin. Nachdem Berlin 1871 Hauptstadt des deutschen Kaiserreichs geworden war, wurde Schlesien mit seinen fünf Millionen Einwohnern eines der wichtigsten Einzugsgebiete der Metropole. Die Provinz Schlesien mit ihrer Hauptstadt Breslau stellte im Zuge der Industrialisierung nicht nur die meisten Arbeitskräfte für Berlin zur Verfügung, sie war auch eine bedeutende Bezugsquelle für Baumaterialien und Waren aller Art, die für die aufstrebende Hauptstadt benötigt wurden.

Basalt und Granit für den Eisenbahn- und Strassenbau sowie Sandstein und Marmor für viele Denkmäler und Monumentalbauten der Hauptstadt stammten ebenso aus Schlesien wie Ziegel, Zink, Porzellan, Kanalisationsrohre und Textilien. Auf diesen Stoffhandel bezieht sich die Allegorie der Oder, die als eine der vier weiblichen Figuren am Rand des Neptunbrunnens von Reinhold Begas auf dem Berliner Alexanderplatz sitzt, die Figur nämlich mit dem Ziegenfell, das auf den berühmten Breslauer Wollmarkt verweist. 

Schlesische Arbeitsmigranten 

Als Pionier der industriellen Revolution in Preussen gilt August Borsig, der 1823 von Breslau nach Berlin kam. Seine Eisengiesserei und Maschinenbau-Anstalt wurde schnell erfolgreich und berühmt. In Berlin liess der «Eisenbahnkönig» genannte Firmenchef die musterhaften Werkswohnungen in Borsigwalde erbauen. Von grosser Bedeutung für das aufstrebende Berlin waren auch der Bau von eisernen Brücken und sonstigen Eisenkonstruktionen wie etwa für das Hochbahnviadukt. Noch heute sind an den Stahlkonstruktionen des S-Bahnhofs Friedrichstrasse und auf eisernen Gullydeckeln die Firmenstempel aus Schlesien zu lesen.

Die Viertel um den früheren Schlesischen Bahnhof, heute Ostbahnhof, und um das Schlesische Tor in Kreuzberg herum wurden um 1900 oft von Arbeitssuchenden aus Schlesien bewohnt. Viele Mädchen und junge Frauen kamen als Dienstmädchen nach Berlin, etlichen gelang die Etablierung nicht, und sie rutschten in die Prostitution ab. So wurden die schlesischen Viertel immer stärker von Proletarisierung, Prostitution und Kriminalität geprägt. Basierend auf dem sozialreformerischen Gedankengut des Breslauers Ferdinand Lassalle waren es aber auch immer wieder Schlesier, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzten.

  Lassalle


Die Breslauerin Lina Morgenstern rief erstmalig Suppenküchen für Bedürftige ins Leben und ging als «Suppen-Lina» ins Berliner Gedächtnis ein. Auch der aus Breslau stammende Maler Hans Baluschek porträtierte immer wieder anklagend das soziale Elend Berlins, wenn er geisterhafte Fabrikkulissen, niedergedrückte wie auch aufbegehrende Arbeiter, die Einsamkeit des aus der proletarischen Gemeinschaft herausgefallenen Einzelnen und die Triebkräfte der industriellen Revolution in Form von fauchenden Lokomotiven malte.

In diesem Zusammenhang ist auch das literarische Schaffen des in Berlin wirkenden Schlesiers Gerhart Hauptmann erwähnenswert, der mit «Bahnwärter Thiel» eine Erzählung schuf, die an der Bahnstrecke Berlin–Breslau spielt und den Protagonisten in das Spannungsfeld zwischen preussischer Pflichterfüllung und industrieller Revolution versetzt. Und sein erstmalig in schlesischem Dialekt verfasstes Sozialdrama «Die Weber» führte, da es an den Standesschranken rüttelte, bei der Premiere am Deutschen Theater in Berlin zu einem Skandal. Kaiser Wilhelm II. kündigte empört seine Loge, was dem Erfolg des Stückes aber keinen Abbruch tat: Es wurde etwa zweihundert Mal aufgeführt. 

Schinkels Vorgänger 

Aber nicht nur industrie- und sozialgeschichtlich wurde Berlin von Schlesien stark geprägt, sondern mindestens ebenso sehr von Architekten, Künstlern und Schriftstellern. Das Brandenburger Tor, das ja fast gar kein Gebäude mehr darstellt, eher eine Mischung aus Nationalsymbol und Berlin-Logo, wurde vom schlesischen Baumeister Carl Gotthard Langhans errichtet. Dieser hatte sich auf etlichen Reisen nach Italien, Österreich, England und Frankreich von den Architekturströmungen des Klassizismus und der Neugotik inspirieren lassen.

Nachdem er seine innovativen Bauideen zunächst in Schlesien, vor allem auch in Breslau umgesetzt hatte, kam er aus der – fortschrittlicheren – Provinz ins Zentrum, um dann erstmalig in Berlin, wo noch der Stil des Barock vorherrschte, klassizistisch zu bauen. Schinkel, dessen Berühmtheit Langhans' Namen später verdunkelte, ist ohne diesen nicht zu denken. Auch das erste neugotische Gebäude in Berlin, der Turmhelm der Marienkirche, stammt von Langhans, der als wichtige Schaltstelle zwischen den Epochen die Berliner Architekturgeschichte entscheidend prägte.

Turmhelm Marienkirche

Ein anderer grosser Schlesier, der wie kaum ein Zweiter mit Berlin verbunden ist, hat das Spannungsfeld zwischen preussischer Geschichte und Industrialisierung mit seinem bildnerischen Werk geradezu kreiert: der Breslauer Adolph Menzel, dessen berühmte Gemälde «Das Flötenkonzert Friedrichs des Grossen» und «Das Eisenwalzwerk» in jedem deutschen Geschichtsbuch abgebildet sind. Menzel malte die ersten realistischen Industrie- und Arbeiterbilder in Deutschland. Vorbild des «Eisenwalzwerks» war ein Werk im oberschlesischen Königshütte. Er schuf durch seine Gemälde ein nahezu mythisches Bild Friedrichs II., das den Blick aller späteren Generationen auf den preussischen König sehr stark beeinflusste.

Dass die Urväter der Altberliner Posse und des Berliner Humors Schlesier und nicht Ur-Berliner waren, ist durchaus bemerkenswert: Der heute zu Unrecht vergessene, aus Breslau stammende David Kalisch prägte massgeblich die Altberliner Posse und feierte mit seinem Stück «Hundertausend Taler» enorme Triumphe. Seine Possen wirken vor allem durch Wortspielereien und Sprachwitze, die aus dem Wörtlichnehmen der Sprache resultieren, auch heute noch sehr lebendig.

Die aus Halb- und Unbildung entstandenen Wortneuschöpfungen erzeugen witzige Verschiebungen, wenn etwa ein nach oben strebendes Dienstmädchen am französischen Wort für Singspiel, Vaudeville, scheitert: «FRIEDERIKE: O denken Sie sich, wenn ich auftrete in den Gesangspossen, in den Wodu, Wasdu, Wiedu – FLÖRICKE: Wodewills! FRIEDERIKE: Woduwillst? Richtig!» David Kalisch war auch Mitbegründer der satirisch-politischen Wochenzeitschrift «Kladderadatsch», als deren Hauptherausgeber der aus Breslau stammende Ernst Dohm firmierte.

Kladderadatsch, N° 1


Ebenso wie etwas später der bekannte Kritiker Alfred Kerr entstammten Dohm und Kalisch dem assimilierten Breslauer Kaufmannsmilieu. All diese Schlesier, die zum Teil jüdische Wurzeln hatten, importierten einen geistreichen und sprachspielerischen Witz nach Berlin, der den etwas derben Berliner Humor enorm bereicherte. 

Das Bankhaus Oppenheim 

Diesem Milieu des aufstrebenden jüdischen Bürgertums in Breslau ist auch Heymann Oppenheim zuzurechnen, der 1790 aus der oberschlesischen Provinz nach Breslau kam, es hier zu Wohlstand und Anerkennung brachte, um dann 1810 das schöne, fünfstöckige, zentrale Haus am Salzring erwerben zu können. Hier führte er erfolgreich das Bankhaus Oppenheim, bis die dritte Generation Oppenheim nach Berlin zog, dort jedoch aufgrund der zu starken Konkurrenz das Bankhaus nicht zu etablieren vermochten.

Breslau, Salzmarkt Nordseite, Oppenheim-Haus (grün) 

In dem Breslauer Gebäude spiegeln sich der Aufstieg und die Assimilation des jüdischen Bürgertums ebenso wie auch die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts in nuce, so die Enteignung und Deportation jüdischer Bewohner, die Vertreibung der Deutschen nach 1945 und die verordnete Amnesie der neuen polnischen Bewohner während des Kalten Krieges. Es war eine Amnesie, die auf Gegenseitigkeit beruhte. Denn so selbstverständlich benachbart Schlesien für Berlin bis 1945 war, so gründlich ist es danach vergessen worden. Der Berliner Kunsthistoriker Helmut Börsch-Supan sieht in Schlesien eine Region, die Berlin im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wie keine zweite bereichert hat. «Vielleicht», so hofft er, «gibt es später einmal eine Inspiration für Berlin durch das polnische Schlesien.» 

Diese Zeit scheint jetzt angebrochen zu sein. Nach den zeitlich begrenzten Aktivitäten der Kulturhauptstadt wird das Oppenheim-Haus in Breslau versuchen, Berliner Kunst und Literatur dauerhaft nach Breslau zu holen, aber auch von der schlesischen Hauptstadt nach Berlin hineinzustrahlen. Es nennt sich «Op enheim», verschluckt also das eine «p», um sich als «open Heim» zu öffnen – der Kunst, der Literatur, der Wissenschaft, der Musik, der Geschichte, der Gastronomie und der Grenzüberschreitung. Die Anknüpfung an die alten historischen Beziehungen wird wohl kein Traum bleiben müssen. Nur die Errichtung einer ICE-Strecke zwischen den beiden Städten steht weiterhin in den Sternen.

Breslau, Altes Rathaus

Nota. - Ich bin einer der letzen überlebenden echten Berliner. Der echte Berliner ist wohl mit Spreewasser getauft, aber seine Großeltern, mindestens von einer Seite her, kamen aus Schlesien. Denn der echte Berliner entstand überhaupt erst mit der Industrialisierung und der Explosion von Berlin zur Großstadt. Der echte ist der proletarische Berliner, die Alteingesessenen von bürgerlicher Herkunft sind nachträglich Zugereiste eigner Art, selbst die Hugennotten sind authentischer. Man hört es noch heute an dem unterschiedlichen Berlinern ist Ost und West: Im Osten ist der schlesische Beitrag - z. B. i statt ü - bis heute hörbar; wenn auch weitgehend dem Sächsischen assimiliert... 
JE


Freitag, 9. Dezember 2016

Intelligenz stammt aus dem Ungewissen.

aus nzz.ch, 24.10.2007, 02:10 Uhr

Hat gesellschaftliches Lavieren zur Evolution besonderer kognitiver Fähigkeiten beigetragen?
Klug, klüger, am klügsten – Intelligenz bei Tieren
Dass Tiere zu besonderen Intelligenzleistungen fähig sind, zeigen immer mehr Fachpublikationen. Wie sich diese Fähigkeiten entwickelten, ist noch unklar. Womöglich förderte das gesellschaftliche Leben die Intelligenz.  

von Stephanie Kusma

Hochgebildete Musterschüler wie die 36 Jahre alte Gorilladame Koko oder der vor kurzem mit 31 Jahren gestorbene Graupapagei Alex erstaunen und erstaunten die Welt immer wieder mit ihren kommunikativen – und intellektuellen – Fähigkeiten.¹ Der Gorilla soll dabei aus einem Wortschatz von über 1000 Wörtern schöpfen. Der Papagei konnte zählen, Farben, Formen sowie Objekte benennen, hatte ein Konzept von «Null» und gebrauchte einfache Sätze wie «Ich will . . .». Auch von wild lebenden Tieren gibt es Beispiele für besondere Intelligenzleistungen – wobei sie ihre intellektuellen Kapazitäten allerdings eher praktischer einsetzen. Dass der Mensch nicht das einzige intelligente Lebewesen auf der Erde ist, zeigen denn auch immer neue Studien. Welche Faktoren genau zur Entwicklung von kognitiv besonders leistungsfähigen Gehirnen beigetragen haben, weiss man noch nicht. Verschiedene Ansätze werden hier zur Erklärung herbeigezogen.


Werkzeugmacher

Im Jahr 1960 beobachtete Jane Goodall im Gebiet des heutigen Gombe National Park in Tansania den Schimpansen David Greybeard bei einer ungewöhnlichen Tätigkeit: Er hatte, wie sie herausfand, mit einem Grashalm nach Termiten gefischt. Nicht lange danach zeigte sich, dass die Schimpansen solche einfachen Werkzeuge nicht nur benutzten, sondern sogar selbst herstellten, indem sie etwa Zweige von ihren Blättern befreiten. Vor diesen Beobachtungen war man davon ausgegangen, dass nur der Mensch hierzu imstande sei. Bis heute kennt man allein von den Menschenaffen Dutzende solcher Beispiele; es sind gar ganze Werkzeugkulturen bekannt. Auch Neukaledonische Krähen sind äusserst begabte «Handwerker», die aus Blättern und Dornen Werkzeuge fertigen, mit deren Hilfe sie verborgene Leckereien aus Ritzen oder Spalten ziehen. Und sogar im Meer wird mit Hilfsmitteln gearbeitet: Grosse Tümmler in der Shark Bay in Westaustralien benutzen Schwämme, um mit ihnen am Boden nach Nahrung zu stöbern.

Die meisten Hinweise auf ganz besondere kognitive Fähigkeiten hat man aber noch immer von Primaten. Dies dürfte zum Teil daran liegen, dass sich die meisten Untersuchungen auf Primaten konzentrierten, erklärt Klaus Zuberbühler von der University of St. Andrews in Schottland. Primaten seien auf diesem Gebiet aber auch besonders befähigt. Speziell die erwähnten Krähen und andere Rabenvögel haben sich in Untersuchungen in Labor und Freiland jedoch ebenfalls als «intellektuell» sehr begabt erwiesen. Und auch von Elefanten und Delphinen gibt es deutliche Hinweise auf besondere kognitive Fähigkeiten – so lassen Studien beispielsweise vermuten, dass Elefanten und Grosse Tümmler ihr Spiegelbild erkennen, was als grosse Intelligenzleistung gilt. Meist sind die kognitiven Leistungen von Tieren weniger spektakulär, dafür sind sie recht breit gestreut. Sie finden sich unter anderem bei Fischen, Vögeln und den verschiedensten Säugetieren. Man kennt laut Experten mittlerweile mehrere «Intelligenzspitzen»; zu diesen gehören neben den Primaten (mit dem Menschen als Superhirn) die Rabenvögeln und Papageien, Delphine und Elefanten.

Flüchtiges Futter

Verschiedenste Faktoren wurden oder werden als wichtig für die Entwicklung von Intelligenz propagiert. Dazu gehören eine lange Jugend oder die Spezialisierung auf besonders energiereiche Nahrung, die genügend Energie für die «Zusatzleistung» des Gehirns zur Verfügung stellt. Carel van Schaik von der Universität Zürich wiederum hält das soziale Lernen für den Knackpunkt bei der Entwicklung von Intelligenz. Es ermögliche Tieren, in viel kürzerer Zeit Wissen zu erwerben, als wenn sie alles alleine durch Versuch und Irrtum herausfinden müssten, erklärt der Forscher. Dies beschleunige die Entwicklung von Intelligenz, weil sich so jedes zusätzliche «Quentchen Intelligenz» maximal ausnützen lasse.

Zurzeit, erklärt man in Fachkreisen, seien allerdings vor allem zwei Thesen im Gespräch, die Hypothesen der sozialen und der ökologischen Intelligenz. Letztere beruht auf der Idee, dass besondere Umweltbedingungen oder auch Spezialisierungen dazu geführt haben, dass bestimmte Arten in ihrer Umwelt schwierigere Aufgaben zu lösen hatten als andere. Frisst ein Tier zum Beispiel Gras, dürfte dessen Nahrungssuche sich einfacher gestalten als diejenige eines Tieres, das sich hauptsächlich von Früchten ernährt. Früchte sind oft nur zu bestimmten Zeiten reif, die Bäume oder Sträucher, an denen sie zu finden sind, stehen verteilt über eine grosse Fläche – ein Fruchtfresser sollte sich also möglichst merken können, wo in seinem Gebiet welche «Obstbäume» stehen, in welchem Reifezustand deren Früchte sind und wie lange sie noch brauchen, bis sie essfertig sind. Tatsächlich sind einige Früchtefresser offenbar imstande, dies zu leisten – und noch viel mehr.

Wetter gut, Feigen reif

So folgerten Zuberbühler und seine Kollegen aus einer Studie, dass manche Primaten sich bei der Futtersuche auch nach dem Wetter der vorhergehenden Tage richten. Die Wissenschafter beobachteten 210 Tage lang eine Gruppe von Mantelmangaben, die zu den Meerkatzenartigen gehören. Dabei stellten sie fest, dass die Tiere Feigenbäume, von denen sie wussten, dass sie reifende Früchte trugen, nach einigen besonders heissen Tagen deutlich häufiger wieder aufsuchten als unter normalen «Wetterumständen». Offenbar sind die Tiere also in der Lage, den Einfluss des vergangenen Wetters auf den Zustand der Feigen abzuschätzen – und damit womöglich auch imstande, Ereignisse in der Zukunft zu antizipieren. Dass die Mangaben wissen, wo in ihrem Revier fruchtende Bäume zu finden sind, hatte das Team schon in einer früheren Studie gezeigt.

Aber nicht nur bei Primaten greift die Hypothese der ökologischen Intelligenz. Westliche Buschhäher etwa, die zu den als sehr intelligent geltenden Rabenvögeln gehören, legen Futterverstecke an. Diese müssen sie allerdings auch wiederfinden, was an sich schon schwierig ist. Sie waren aber, wie Nicola Clayton und Tony Dickinson von der University of Cambridge in England berichten, darüber hinaus in Experimenten auch imstande, die Haltbarkeit der versteckten Nahrung zu berücksichtigen. So sammelten sie auch länger haltbare, aber weniger geliebte Erdnüsse und nicht nur bevorzugte, aber leicht verderbliche Insekten. Zudem entnahmen sie die Vorräte auch in der richtigen Reihenfolge. Auch viele Fleischfresser zeichnen sich durch besondere kognitive Fähigkeiten aus – im Licht dieser These nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Karnivoren auf flüchtige, nicht überall zu findende Nahrung angewiesen sind, die ihrerseits intensiv versucht, sich dem Gefressenwerden zu entziehen.

Die zweite grosse Hypothese zur Entwicklung kognitiver Fähigkeiten ist die Hypothese der sozialen Intelligenz. Sie besagt, dass es das Lavieren in komplexen sozialen Gemeinschaften ist, das die Entwicklung der Intelligenz vorantreibt. Ein Diskussionspunkt ist unter anderem, ob so eine «allgemeine» oder eine ausschliesslich «soziale» Intelligenz entsteht. Zugrunde liege der These vom «sozialen Gehirn», dass das Leben in einer grösseren Gruppe zwar Vorteile wie einen besseren Schutz vor Feinden biete, sagt Zuberbühler, aber auch Nachteile habe. Man lebe schliesslich mit seinen stärksten Konkurrenten, etwa im Bereich Nahrung oder Geschlechtspartner, aufs Engste zusammen. Es sei daher von Vorteil, wenn man sich in seiner Gruppe auskenne und gegen soziale Probleme gewappnet sei, die sich aus dem Gemeinschaftsleben ergäben. Dabei seien geschlossene, individualisierte Gruppen gemeint, erklärt der Forscher, die sich aus jeweils mehreren männlichen und weiblichen Mitgliedern zusammensetzten und in der sich die einzelnen Individuen persönlich kennen – im Gegensatz etwa zu den riesigen, weitgehend anonymen Gnuherden Afrikas.

Tatsächlich hat man von vielen Tieren Hinweise darauf, dass sie sehr gut mit den Tücken – und Vorteilen – des Lebens in einer engen Gemeinschaft umgehen können. Verschiedenste Studien haben etwa gezeigt, dass viele Primaten genau wissen, wie die Mitglieder ihrer Gruppe in Rang und Verwandtschaftsgrad zueinander – und zu ihnen selbst – stehen. Und sie vermögen dieses Wissen offenbar auch zu nutzen. So schreien Schimpansen, die von einem ranghöheren Artgenossen bedroht werden, je nach Heftigkeit des Angriffs auf unterschiedliche Weise und geben so – im schlecht einsehbaren Tropenwald – auch Informationen über den Zusammenstoss weiter. Zuberbühler und seine Kollegin Katie Slocombe untersuchten nun, ob sich die Schreie des Opfers in Abhängigkeit von der Zuhörerschaft änderten – und wurden fündig, wie sie in einer gerade veröffentlichten Studie beschreiben.

Die Schimpansen zeigten eine Tendenz, in ihren Schreien bei heftigen Attacken die Stärke des Angriffs zu «übertreiben», wenn sie einen Zuhörer in der Nähe wussten, der einen höheren Rang bekleidete als der Angreifer. Tatsächlich gelang es den «Betrügern» so, in einigen der untersuchten Fällen Hilfe zu rekrutieren. Dies lässt laut den Forschern vermuten, dass die Tiere nicht nur über die Rangordnung in ihrer Gruppe Bescheid wussten, sondern dieses Wissen möglicherweise auch bewusst zum «Betrug» einsetzten. Auch bei den bereits erwähnten Westlichen Buschhähern gibt es Hinweise darauf, dass die Tiere sich in Artgenossen hineinversetzen und deren Verhalten antizipieren können. Werden sie nämlich in Experimenten von anderen Hähern beim Anlegen ihrer Futtervorräte beobachtet, suchen sie sich vom Beobachter möglichst schlecht einsehbare, etwa schlecht beleuchtete Orte für ihre Verstecke aus, wie Clayton und Nathan Emery von der University of Cambridge beobachtet haben. Oder sie räumen die Nahrung in unbeobachteten Momenten woanders hin – beides allerdings nur, falls sie selbst schon einmal das Futterversteck eines Artgenossen geplündert haben.

Soziale Intelligenz bei Hyänen

Als alleinige Erklärung für die Entwicklung von Intelligenz bietet sich aber auch die Hypothese vom «sozialen Gehirn» nicht an, wie Kay Holekamp von der Michigan State University in East Lansing, Michigan, betont. Sie studiert Tüpfelhyänen in Kenya. Diese lebten, so erklärt sie, in einem gesellschaftlichen System, das jenem der Meerkatzenartigen entspreche, zu denen unter anderen Paviane und Mangaben gehören. Wie bei diesen erkennen sich auch bei den Tüpfelhyänen die Gruppenmitglieder individuell, erinnern sich offenbar noch nach Jahren an sie, wissen um den Platz anderer in der Rangordnung und erkennen ihre Verwandtschaft. Bei der Jagd und der Verteidigung des Reviers arbeiten sie erfolgreich zusammen. Doch insgesamt seien sie in ihrem Verhalten viel weniger flexibel als die Affen, sagt die Wissenschafterin. Dies zeige, dass es weitere Faktoren geben müsse, die der Entwicklung von Intelligenz zugrunde lägen – eine Meinung, die andere Forscher teilen. So ist auch Andrew Whiten von der University of St. Andrews in Schottland, einer der Väter der These vom «Sozialen Gehirn», der Ansicht, dass sich diese und die Hypothese der ökologischen Intelligenz nicht ausschliessen. Der nächste, zugegebenermassen äusserst schwierige Schritt sollte nun sein, sagt Holekamp, die verschiedenen Faktoren zu identifizieren und in einer einzigen These zu vereinen. 


Nota. - Einfache und klare Strukturen, wo man weiß, woran man ist, fordern nicht zum Überlegen heraus. Sie sind dafür gut, dass man sich Fragen gar nicht erst stellen muss. Wo nichts ganz klar und nichts ganz sicher ist, muss man sich auf allerhand gefasst machen; so einfach ist das.
JE

Sonntag, 4. Dezember 2016

Wie Medienrevolutionen Geschichte machten.

aus nzz.ch,

Medienwandel und Gesellschaft 4.0
Die vielfache Vertreibung aus dem Paradies 
Von der Stammesgesellschaft über die antike Hochkultur und die Buchdruckgesellschaft zur digitalen Gesellschaft der Gegenwart und der Zukunft: Es sind Medienrevolutionen, die Geschichte machen. 

von Dirk Baecker 

Seit der Einführung des Internets spielt sich ein Medienwandel ab, der in seiner epochalen Bedeutung nur mit der Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks zu vergleichen ist. Zählt man nach dem Vorbild der Softwareentwickler, bekommen wir es nach der Stammesgesellschaft – der Gesellschaft 1.0 –, der antiken Hochkultur, 2.0, und der modernen Buchdruckgesellschaft, 3.0, mit der digitalen Gesellschaft, 4.0, zu tun. Die Null deutet an, dass es sich um eine historisch grobe Einteilung handelt.

Ins Gefüge der Welt eingreifen




Dieser Medienwandel begann lange vor der Einführung des Internets in den frühen 1990er Jahren und auch lange vor der Entwicklung von Computern mit der Entdeckung der Elektrizität. Elektrizität bedeutet Wechsel- wirkung, die sich nahezu gleichzeitig abspielt und sich daher nicht mehr auf Kausalität herunterbuchstabieren lässt. Elektrizität bedeutet nahezu augenblickliche Verknüpfungen in Lichtgeschwindigkeit und damit eine Nachrichtentechnik, die die Welt zum «globalen Dorf» (Marshall McLuhan) schrumpfen lässt. Und Elektrizität bedeutet die Möglichkeit elektronischer Steuerung, der sich Computer und Netzwerke von Computern verdan- ken, zunächst als Grossrechner in Behörden, Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen, dann als Personalcomputer auf den Schreibtischen, schliesslich als Smartphone für jedermann. Elektrizität bedeutet, dass mithilfe kleinster Signale oder Impulse grosse Energien zu dirigieren und zu kontrollieren sind.

Die Elektronik greift in das Gefüge der Welt selbst ein, transformiert die Materie, ermöglicht Fernsteuerung und verwandelt den Menschen selbst in einen Impuls, der nur noch an wenigen Stellen der Maschinerie die Chance hat, einen Schalter umzulegen, um etwas zu bewirken, oder ein Ergebnis abzulesen, mit dem er etwas anfangen kann. Strenggenommen machen sich die Computer, die sogenannten sozialen Netzwerke und auch das Internet der Dinge nur das zunutze, was mit der Elektronik in den Bereich des Möglichen rückt.

Das sind erstens nahezu instantane Verknüpfungen quer über den ganzen Globus und zweitens eine Verschal- tung aller alten Medien, Sprache, Bild, Ton und Schrift, in einem neuen Medienverbund, dessen Logik mit unseren an das respektvolle Gespräch, die kritische Lektüre, das konzentrierte Zuhören und die aufmerksame Betrachtung gebundenen Gewohnheiten kaum noch etwas zu tun hat.
 
Gedächtnis über die Zeiten

Wir müssen unsere Theorie der Gesellschaft auf ein neues Verständnis von Medien umstellen, um zu begreifen, was mit uns geschieht. Medien sind Kulturtechniken. Sie vermitteln Kommunikation und Handlung. Das ist ihr einfachster Begriff. Im Medium der Sprache können Gedanken, die im Bewusstsein verschlossen sind, anderen zugänglich gemacht werden. Im Medium der Schrift können nicht nur Abwesende erreicht werden, sondern es kann ein Zeiten übergreifendes Gedächtnis aufgebaut werden, das die Gegenwart unter den Druck setzt, sich gegenüber Ursprung und Herkunft zu rechtfertigen.


Im Medium des Buchdrucks beginnt ein massenhaftes und nicht mehr durch die Autorität der Kirche kontrol- liertes Lesen und Schreiben, das alle Verhältnisse «kritisch» auf den Kopf stellt und nur mühsam durch «Ver- nunft» und «Aufklärung» kanalisiert werden kann. Im Medium der Elektronik werden Rechenprozesse, Spei- cherkapazitäten und Netzwerke aufgebaut, die von menschlichen Aktivitäten und anderen Sensoren gefüttert werden und eine Welt errechnen, die unser Verständnis überfordert.
 
Selbstüberschätzung

Der entscheidende Schritt für ein Verständnis der digitalen Gesellschaft ist mit diesem einfachen Medienbegriff allerdings nicht getan. Medien vermitteln nicht nur Kommunikation und Handlung, so als hätten diese ihren Ursprung (ihre «Intention») ausserhalb der Gesellschaft in den Köpfen und Körpern der beteiligten Menschen und müssten nur noch miteinander verknüpft werden. Dieses Bild entspricht einer «humanistischen» Selbst- überschätzung des Menschen. Die «Katastrophe», das heisst den Systemwandel durch die Einführung neuer Medien, versteht man erst, wenn man sich vor Augen führt, dass Medien auch das Erleben von Welt und Gesellschaft verändern.

Sie ermöglichen eine neue Orientierung, wecken neue Wünsche, Absichten und Interessen. Das Buch verändert unser Lesen, wie Mikroskop und Fernglas unser Sehen verändern. Die Eröffnung eines Benutzerkontos auf einer sozialen Plattform im Netz verändert unseren Sinn für gesellschaftliche Möglichkeiten, wie die Bilder aus dem reichen Norden die Durchhaltebereitschaft im armen Süden verändern. Ein etwas anspruchsvollerer Medienbegriff stellt daher darauf ab, dass Medien nicht nur bereits vorhandene Wirklichkeiten vermitteln, sondern neue Möglichkeiten in Reichweite rücken und vorstellbar machen. Die Medien, in denen wir uns bewegen, schaffen die Welt, an der wir uns mit ihrer Hilfe orientieren.
 
Ewige Wiederkehr des Gleichen

Erst auf diesem Umweg versteht man, was sich mit der Einführung von Sprache, Schrift, Buchdruck, Elektronik und anderen Medien jeweils ereignet. Jedes dieser Medien eröffnet eine neue Welt, die mit der alten Welt nicht abgestimmt ist. Das Auftauchen der Sprache vor 100 000 bis 300 000 Jahren vertrieb die Menschen aus einer Welt, die auf die Evidenz der Wahrnehmung beschränkt war. Das Auftauchen der Schrift vor 7000 bis 10 000 Jahren durch die Einführung der Buchführung in der Palastwirtschaft Mesopotamiens vertrieb die Menschen aus einer Welt, die reine Gegenwart war, abgesichert durch eine mythische Vergangenheit und die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Die Welt explodiert in die Zeithorizonte von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die sich nicht wiederholen, sondern voneinander unterscheiden. Die Griechen erfinden Komödien und Tragödien, in denen das beschrieben werden kann, und entwickeln eine Philosophie, die versucht, den Überblick zu behalten. Das Auftauchen des Buchdrucks vor fünfhundert Jahren, vierte Vertreibung aus dem Paradies, konfrontiert die Menschen mit einer Welt, die bis in den letzten Winkel «kritisch» untersucht werden kann.
 
Nichts versteht sich von selbst

Nichts mehr versteht sich traditionell von selbst, weil man über alles vergleichend nachlesen und alles neu beschreiben kann. Die Ordnung der Stände bricht auseinander, und an ihre Stelle treten eine demokratisch verwaltete Macht, ein über Märkte kontrolliertes Geld, eine empirisch, das heisst unter Wissenschaftern theoretisch und methodisch überprüfte Wahrheit, eine nicht mehr an die Familie, sondern an die Leidenschaft gebundene Liebe und nicht zuletzt eine Kunst, die nicht mehr am Vorbild der Natur, sondern an der Originalität des Künstlers orientiert ist. Das ist die moderne Gesellschaft. Sie kann nur noch dynamisch stabilisiert werden. Wir haben kaum verstanden, was das heisst, und müssen uns doch schon wieder auf eine neue Welt einlassen.

Das auffälligste Phänomen einer digitalen Gesellschaft sind die Bildschirme, die Displays unserer Computer, Smartphones und Tablets. Ihre Oberflächen faszinieren, so Niklas Luhmann, wie früher nur die ominösen Zeichen der Religion faszinierten. Sie verbinden uns mit den unergründlichen Tiefen unsichtbarer Maschinen, wie wir früher mit der Welt der Götter und Geister verbunden waren. Wir starten unsere Suchanfragen, checken unsere E-Mails, posten unsere Blog-Beiträge, liken, was andere posten, wischen weg, was uns nicht interessiert, und sind jedes Mal im Kontakt mit einem Netzwerk, das wir nicht verstehen, aber immer wieder neu zu spüren bekommen.
 
Eine neue Welt erkunden

Wieder liegt die Faszination des neuen Mediums nicht darin, dass es ein besseres Instrument für die Vermittlung von Nachrichten ist als die alten Medien des Briefs, der Bibliotheksrecherche und des Zettelkastens. Vielmehr lässt es uns eine neue Welt erleben und macht uns so zur unfreiwilligen Voraussetzung seines eigenen Bestehens. Börsenmakler, Piloten im Cockpit, Ingenieure an Überwachungsmonitoren, Krankenhausärzte an ihren mit Metadatenbanken verknüpften Terminals, Soldaten mit einer von künstlicher Intelligenz unterstützten Gefechtsausrüstung, Firmen und Geheimdienste, die rätseln, was ihnen die neueste Big-Data-Auswertung zu sagen hat, erkunden eine neue Welt, die sich ihre Menschen zurechtlegt, während diese noch glauben, sie würden sie erschaffen.

Kommunikation und Handlung wird im Medium unsichtbarer Maschinen verrechnet. Diese Maschinen sind an Kommunikation beteiligt, wie früher nur Menschen an ihr beteiligt waren. Auch den Maschinen wird ein unzugängliches Gedächtnis, eine undurchschaubare Vernetzung, wenn auch noch nicht ein freier Wille, geschweige denn ein verschlossenes Bewusstsein zugerechnet. Wie stellen wir uns darauf ein? Werden wir sie mit uns reden lassen? Und werden sie uns mit sich reden lassen? Für die Gesellschaft gilt, dass nur die Formen der Kommunikation flächendeckend eingeführt werden, die man auch ablehnen kann. Die Möglichkeit der Negation regiert die Gesellschaft. Gilt das auch für unsere Kommunikation mit den unsichtbaren Maschinen?
 
Nur direkter Kontakt hilft

Das Einzige, was hilft, ist der direkte Kontakt mit ihnen. Der Kontakt muss uns ihnen nicht ausliefern. Er wiegt uns aber auch nicht in der Illusion, dass wir noch die Macht hätten. Das Design der Schnittstellen zwischen Mensch, Maschine und Gesellschaft übernimmt die Macht. Und daran nehmen wir teil, ohne uns restlos auszuliefern und ohne die vollständige Kontrolle zu haben. Ingenieure entwerfen dieses Design, Künstler spielen damit, und Nutzer setzen es ein. Worauf es ankommt, ist die Kontrolle von Maschinen, die uns kontrollieren.

Wir liefern uns den Maschinen nur aus, wenn wir das Gefühl haben, jederzeit auch wieder aussteigen zu können. Jede App tritt hierzu den Beweis an. Und «Kontrolle» bedeutet nicht Herrschaft, sondern wechselseitige Abhängigkeit. Die Epoche der digitalen Gesellschaft ist das kybernetische Zeitalter der Rückkopplung auf Ebenen, die wir früher als Ebenen der Natur, der Kultur und der Technik voneinander unterschieden haben, jetzt aber als medial ineinander verwoben begreifen müssen.

Dirk Baecker lehrt Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke. Zum Thema erschienen «Studien zur nächsten Gesellschaft» (2007), «Kulturkalkül» (2014) und «Wozu Theorie?» (2016) im Suhrkamp- und im Merve-Verlag.


Nota. - So gut und richtig das alles ist, es hat doch wieder diesen entscheidenden schweren Mangel: Es versteht Kommunikation im Ernst nur wieder als Kommunikation zwischen Vorstellenden. Das ist zwar in Hinblick auf die Gesellschaften 1.0, 2.0 uns 3.0 das, was an den Medienrevolutionen am meisten hervorzuheben ist: Sie haben die Welt, wie sie in unserer Vorstellung vorkommt, ganz neu gestaltet. 

Aber in Hinblick auf die "Gesellschaft 4.0", wie Dirk Baecker sie nennt, ist es eine Platitüde. Das wissen wir längst, dass ein Medium, das das Verhältnis zwischen digital und analog an jeder Wegbiegung neu auf den Kopf stellt, in unseren Vorstellungen tagtäglich Karneval in Rio feiert, und mancher Feuilletonist verdient daran sein Brot - daran musste ich denken, als ich den Rat las, uns den Maschinen "restlos auszuliefern", um "Kontrolle zu haben".

Was übersehen, überplaudert wird, ist der Umstand, dass diesmal die Welt, wie sie auch außerhalb unserer Vorstellung vorkommt, durch ebendasselbe Medium verändert wird: Die Maschinen vermitteln nicht mehr bloß die Kommunikation zwischen Vorstellenden, sondern vermitteln zwischen einander. Nämlich als Produzenten einer Welt von Dingen, als Stellvertreter der lebendigen Arbeiter, die unsere Vorfahren waren und die wir nun nicht mehr lange zu sein brauchen. 

Das steht nicht in Konkurrenz zur Kommunikation zwischen Vorstellenden, sondern eröffnet ihr im Gegenteil eine ganz eigne Dimension. Weil es eine Kommunikation 4.0 zwischen Maschinen zu beherrschen gibt, findet - fände? - eine Kommunikation 4.0 zwischen den Vorstellenden ihren spezifischen Gegenstand, wodurch sie nicht mehr beliebig und dem guten Willen überlassen bleibt, sondern erforderlich wird, und das ist schonmal die Rohform der Realität.
JE 

 

Samstag, 3. Dezember 2016

Vor 500 Jahren: die "Utopia" von Thomas Morus.

 
aus nzz.ch, Titelholzschnitt der Ausgabe von 1516

Gesellschaftskritik im Gewand der Ironie
Im Jahr 1517 ist ein philosophischer Dialog erschienen, der Geschichte geschrieben und eine literarische Gattung begründet hat: die «Utopia» des englischen Humanisten und Staatsmannes Thomas More.
 
von Werner von Koppenfels

Die Neue Welt, die Kolumbus 1492 entdeckte, wurde von Europa aus nicht nur als zu kultivierende Wildnis und auszubeutende Kolonie angesehen, sondern auch als eine Art wiedergefundenes Paradies; anders gesagt: als Alternative zur eigenen Mangelhaftigkeit. Die Andere Welt ist möglicherweise eine bessere. Noch Montaigne, der Naivität unverdächtig, preist knapp hundert Jahre später in seinem Essay über die «Kannibalen» das naturnahe Leben der Indianer als Abglanz des Goldenen Zeitalters. Selbst dass sie gelegentlich ihre toten Feinde verzehren, erhebt sie über die Europäer, die ihre Dissidenten bei lebendigem Leibe schmoren.

Ferne Insel mit Fernwirkung

Etwas anders steht es in einem schon 1516 erschienenen Buch von unvergleichlicher Fernwirkung. Dort erfährt man aus dem Mund eines Forschungsreisenden, der sich als Gefährte Vespuccis ausgibt und soeben auf der Südhalbkugel ein unbekanntes Inselreich entdeckt haben will, die wunderbarsten Erlebnisse einer Weltreise seien nicht irgendwelche sagenhaften Ungeheuer, sondern heilsam und weise eingerichtete Staatswesen.

Das Buch, das sich in elegantem Latein an eine gesamteuropäische gebildete Leserschaft wendet, trägt den vollen Titel «Ein wahrhaft goldenes, ebenso nutzbringendes wie unterhaltsames Büchlein über die beste Staatsverfassung und über die neue Insel Utopia, aus der Feder des hochberühmten Thomas Morus». Herausgegeben hat es der Humanist Petrus Egidius, mit dem sich der Jurist und Diplomat Sir Thomas More als Vertreter einer Londoner Handelsdelegation in Antwerpen angefreundet hatte.

Seine Fiktion dient als Erprobungsraum neuer Ideen: Witz und Ernst sind hier keine Gegensätze.
Von dieser biografischen Situation aus führt der Text von Europa nach Utopia und von der Realität in die Fiktion. Nach der Frühmesse im Liebfrauendom macht Egidius More mit dem Entdeckungsreisenden Raphael Hythlodeus bekannt, von dem es vieldeutig heisst, er sei welterfahren wie Odysseus und Platon. Um ihn nach seinen Erlebnissen zu befragen, zieht sich More mit ihm auf die Rasenbank hinter Mores Herberge zurück.

Den ersten, dialogisch-satirischen Teil, in dem der Weitgereiste als Krankheitsherd des europäischen Systems Machtgier und wirtschaftlichen Eigennutz ausmacht, beendet der Gang zum Mittagessen; nachmittags führt Raphael Hythlodeus dann sein positives Gegenbeispiel, den Inselstaat Utopia, systematisch vor Augen. Nach seinem leidenschaftlichen Schlussappell vertagt man die Aussprache auf ein andermal und begibt sich wiederum zu Tisch: ein listig-offenes Ende, wie man es auch von Mores Freund Erasmus kennt, als Auftrag an den Leser, seinen Standort im Disput selbst zu finden.

Thomas More, Hans Holbein d. J. um 1527
 
Im Spannungsfeld zeitgenössischer Machtansprüche ist der Humanist zum ironischen Grenzgang 
zwischen appellativem Realismus und fiktionalem Spiel verurteilt. Doch seine Fiktion dient als Erprobungsraum neuer Ideen: Witz und Ernst sind hier keine Gegensätze. Während Platons «Staat» als hypothetische Konstruktion entworfen war, ist Utopia in genialer Zweideutigkeit ausser- und innerweltlich situiert. Es bleibt ideales Phantasieland der Antipoden Europas und erscheint doch in der Ära Vespuccis für kühne Entdeckernaturen erreichbar.

Aus Sicht der Antipoden

Der Moment humanistischer Besinnung, während Europa in die Neuzeit aufbricht, gibt diesem Bild eines à la Platon auf Gerechtigkeit gegründeten Staates eine politische Dringlichkeit, wie sie die utopischen Phantasien der Antike nach dem Zerfall der Polis nicht mehr erlangen konnten. Die «neue Insel» ist eine konsequent spiegelverkehrte Version von Mores Heimatinsel England. Raphael ist in beiden Welten bewandert, bleibt aber hier wie dort ein Fremder. Er sieht Europa mit den Augen Utopias, Utopia als Europäer – und rät seinen Landsleuten, sich so lange mit den Augen ihrer Antipoden zu betrachten, bis ihnen die Schuppen von den Augen fallen.

Durch die Ironie seiner griechischen Wortspiele geht More sicher, dass seine Erzählung nicht als Reiseabenteuer, sondern als Lehrfabel verstanden wird: «Utopia» bezeichnet bekanntlich einen Nichtort, der Hauptfluss der Insel heisst Anyder, Wasserlos, und der gewählte Herrscher Ademus, Ohne-Volk. Hythlodeus schliesslich trägt einen teuflisch zweideutigen Namen, der mit «Possenfeind» ebenso übersetzbar ist wie mit «Verbreiter von Possen».

Das Beiwerk der Herausgeber vertieft das Ironiespiel mit der besonderen «Wahrheit» des Textes. Es enthält neben einer Karte und Sprachproben Utopias vor allem einen Briefwechsel, der den im Werk inszenierten durch einen epistolaren Dialog rahmt. Darin verbürgen sich die Freunde für Mores Wahrheitsliebe, er wiederum bürgt als Augenzeuge für Raphael und dieser für die Existenz Utopias. So fragt More/«Morus» (hier beginnt die Verwandlung des Autors in eine Kunstfigur seiner Erzählung) den Egidius als Zeugen jenes denkwürdigen Gesprächs, welche Position der Insel Raphael denn damals genannt habe. Dieser bedauert postwendend, die Ortsangabe sei leider im Hustenanfall eines Anwesenden untergegangen.

Solche Spässe wusste die Humanistenfamilie zu schätzen. Die Unliterarischen, die Faden, die kein Salz mögen, und all jene, die eine Satire so fürchten wie der Teufel das Weihwasser, sind nicht die Leser, die More sich wünscht, wie er einleitend betont.

Die tugendhaften Heiden der Neuen Welt sind bessere Christen als die Pseudochristen der Alten.
Doch die Ironie des Buches reicht tiefer. Sie liegt wesentlich darin, dass der Autor seine Persona «Morus» im Dialog nicht zum Wortführer, sondern zum Gegenredner macht, der sich durch seine diplomatische Kompromissbereitschaft von der utopischen Unbedingtheit Raphaels absetzt. Eine derartige Rollenverteilung ist nicht zuletzt ein Mittel taktischer Zweideutigkeit, denn sie stellt dem Leser die Identifikation mit den politisch brisanten Einrichtungen Utopias frei: Abschaffung von Privateigentum, von Luxus und Standeshierarchie, Arbeitspflicht für alle, Entgrenzung der Familie zu Wohngemeinschaften, Eugenik und Euthanasie.

Wenn «Morus» auf das grosse Schlussplädoyer Raphaels nur zu antworten weiss, eine generelle Besitzlosigkeit halte er für absurd, weil sie aller Pracht und Würde, die doch «nach allgemeiner Ansicht» die wahre Zierde eines Staates seien, den Garaus mache, so erscheint die Formel «ut publica est opinio» als die subtilste Ironie des Textes. Gerade im Dementi nähern sich hier die gegnerischen Standpunkte einander an.

Schafe als Wölfe

Raphaels Angriff auf den europäischen Status quo schreitet von der sarkastischen Pointierung fort zur flammenden Anklage. Dazwischen liegt die affektfrei und ohne Einwürfe der Zuhörer vorgetragene Präsentation des Idealstaates, also das sprechende, hochgradig paradoxe Bild einer alternativen Welt. Am Anfang verfremden sich unter dem Blick des auswärtigen Betrachters die englischen Schafe, für deren Aufzucht Äcker brachgelegt und Gemeindeweiden privatisiert werden, zu reissenden Wölfen. Derselbe Beobachter erfährt in Utopia, dass Gold dort nur für das Nachtgeschirr Verwendung findet, dass das Kriegshandwerk nicht als heroisch, sondern als viehisch gilt und dass der Tod, nach Ernst Bloch die grösste Gegenutopie, erfolgreich akklimatisiert wurde.

Ziel der Staatsverfassung ist das gesicherte Glück aller, im Sinn eines humanistisch vertieften, geistigen Epikuräertums. Die Appellstruktur des Textes gipfelt in zwei zusammengehörigen Paradoxa: Die tugendhaften Heiden der Neuen Welt sind bessere Christen als die Pseudochristen der Alten, die Christi Lehre handhaben «wie einen bleiernen Massstab», der sich nach Belieben verbiegen lässt; und: Die europäischen Gemeinwesen sind nichts anderes als «eine Verschwörung der Reichen» zur Ausbeutung der Gemeinschaft – eine These, die durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag nachklingt.

Ein Gattungsmodell

Mit seiner «Utopia» stellt More den kommenden Sozialplanern und Phantasten ein fast unendlich ausbaufähiges Gattungsmodell zur Verfügung. Die Nachfolger bereichern etwa die Hinführung auf das Thema um eine spannende Abenteuerreise, oder sie rücken ein Lehrgespräch zwischen Entdecker und einheimischem Mentor ins Zentrum. Mit dem Schrumpfen der weissen Flecken auf dem Globus wird später die geografische Distanz durch den Zeitsprung in eine ideale Zukunft ersetzt (beginnend mit Louis-Sébastien Merciers 1771 erschienenem Roman «Das Jahr 2440»). Der historisch begründete Verdacht, dass die geschlossene Gesellschaft Utopias kein Glückstraum, sondern ein Albtraum sein könnte, hat am Ende eine Konjunktur dystopischer Romane inspiriert, für die kein Ende absehbar ist.

Es ist dies nicht die einzige Ironie, die die Geschichte für Sir Thomas More bereithielt. Die in seinem Buch heiss diskutierte, von Raphael emphatisch verneinte Frage, ob ein Philosoph Berater und Mitverantwortlicher der grossen Politik sein könne, beantwortete er selbst positiv, indem er sich in die Dienste Heinrichs VIII. begab und darin zum Amt des Lordkanzlers aufstieg. Mit Heinrichs Abfall von Rom war das Ende seiner Kompromissbereitschaft erreicht. Er zog mit bewundernswerter Grösse das Schafott der Vergewaltigung des eigenen Gewissens vor und bestätigte so auf tragische Weise den gewaltigen Abstand zwischen der neuen und der alten Insel.



Mittwoch, 30. November 2016

Donald Trump verdanken wir der Digitalisierung.

 aus Der Standard, Wien, 28. November 2016, 08:00

"Smarte Software übernimmt Routinejobs"
Die Wahl Donald Trumps ist Symptom eines bröckelnden sozialen Zusammenhalts: Für Martin Ford liegt ein Grund dafür in neuen Technologien

Interview
 
STANDARD: Sie prophezeien, dass Automatisierung und Robotik eine Welt ohne Arbeitsplätze schaffen werden. Vorhersagen haben oft das Problem, dass sie einzelne Trends herausgreifen und daraus eine Zukunft entwerfen, die dann entsprechend dramatisch aussieht. Ist Ihre Vorhersage da anders?
 
Ford: Niemand kennt die Zukunft. Wir können nichts anderes tun, als Trends zu identifizieren, die wichtig sein werden. Massenarbeitslosigkeit mag ein Worst-Case-Szenario sein. Vielleicht kommt es nicht so weit, vielleicht sind die Auswirkungen weniger extrem. Aber wir sehen jetzt schon, dass die Ungleichheit größer wird. Es könnte auch sein, dass es weiterhin viele Jobs gibt, die Gehälter aber immer weiter sinken. Das wäre das am wenigsten dramatische Szenario, dennoch wäre es ein großes Problem.
 
STANDARD: Manche Forscher sagen, die Robotik steht heute dort, wo Computer in den 1960ern waren ...
 
Ford: ... ich würde sagen in den 1970ern, als die ersten PCs auf den Markt kamen. Ich denke oft an den Film Wall Street aus den 80ern, in dem Michael Douglas mit einem riesigen Mobiltelefon am Strand entlanggeht. So sieht Technologie in einem frühen Entwicklungsstadium aus. Man braucht sich nur anzusehen, wie sich die Handys bis heute entwickelt haben.
 
STANDARD: In den 70ern war aber nicht klar, wie und in welchem Ausmaß Computer 30 Jahre später eingesetzt werden. Wie kann man das in der Robotik vorhersehen? 

Ford: Es gibt gewisse Dinge, die wir sehr wohl wissen. Maschinen bekommen kognitive Fähigkeiten. Sie lernen, fällen Entscheidungen. Wir wissen, dass sie immer anspruchsvollere Arbeit erledigen. Das wird vieles ändern.

STANDARD: Sie schreiben, dass nicht nur körperliche, sondern in großem Umfang auch Kopfarbeit ersetzt wird. Haben Sie Beispiele für gefährdete Jobs, die hohe Problemlösekompetenz erfordern?
 
Ford: Wer vor seinem Computer sitzt und an den immer gleichen Analysen arbeitet, wird ersetzt werden. Auch Universitätsabgänger werden betroffen sein. Die Systeme zur Erstellung von journalistischen Inhalten werden besser werden. Langfristig wird nicht mehr der Radiologe Röntgenbilder betrachten, der Job wird vollständig von Computern übernommen, die unglaublich gut im Erkennen von Mustern sind. Die Anzahl von Jobs im Finanzsektor großer US-Unternehmen ist zuletzt um 40 Prozent zurückgegangen. Smarte Software übernimmt immer mehr Routinejobs in diesem Bereich.
 
STANDARD: Die Politiker erklären, dass für die wegfallenden Arbeitsplätze neue geschaffen werden. Sehen Sie das nicht so?
 
Ford: Die Anzahl der Jobs, die wegfallen, ist potenziell viel größer. Neue Jobs, die geschaffen werden, passen vielleicht nicht zu den Fähigkeiten und zur Ausbildung von vielen Menschen. Jemand, der jetzt ein Taxi fährt oder Hamburger brät, hat dann vielleicht keine Chance mehr.
 
STANDARD: Bildung bewahrt vor Jobverlust, lautet hier das Credo.
 
Ford: Bildung ist noch immer wichtig, aber meine Befürchtung ist, dass sie nicht ausreichen wird. Wenn die Technologie fähiger wird, können viele Menschen nicht mehr mithalten.
 
STANDARD: Menschen sind soziale Wesen und wollen sich vielleicht nicht ständig mit Robotern umgeben. Im Tourismus und anderen Dienstleistungsbereichen ist weitgehende Automatisierung nicht vorstellbar – oder doch?

Ford:
Hier wird sich besonders viel ändern. In den fortschrittlichsten Märkten arbeitet ein Großteil der Menschen im Dienstleistungsbereich. Viele Jobs werden durch die Automatisierung betroffen sein: im Fastfood-Bereich, im Handel, in Hotels, Tour Guides etwa.

 
STANDARD: Werden Dienstleistungen, die von realen Menschen ausgeführt werden, in den Luxusbereich abwandern?
 
Ford: Ja. Manche Menschen werden weiterhin darauf Wert legen. Man kann einen Tourguide anheuern, um eine Stadt anzusehen. Doch es kann sein, dass man einen schlechten Guide erwischt. Das Service am Smartphone ist aber jedenfalls akkurat, verlinkt weitere Informationen, und man kann es für einen Dollar downloaden. Viele Leute werden das wählen.
 
STANDARD: Sie sagen, wenn aufgrund der Automatisierung der Wohlstand nicht mehr alle erreicht, gefährde das den sozialen Zusammenhalt. Sehen Sie die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten bereits als erstes Zeichen dafür?
 
Ford: Sicher. Er ist ein Symptom der Tatsache, dass sich viele Menschen zurückgelassen fühlen, weil sie keinen Anteil mehr am Wachstum haben. Und das haben sie tatsächlich nicht. Diese Menschen haben recht, sie werden zurückgelassen. Sie zeigen wie Trump auf die Globalisierung und Immigranten als Hauptprobleme. Sie sprechen noch nicht über Technologie, weil sie sie als Ursache noch nicht erkannt haben. Ich glaube aber, dass Technologie wahrscheinlich einer der größten Faktoren ist, der die Menschen in diese Lage gebracht hat.
 
STANDARD: Die öffentliche Wahrnehmung könnte sich mit der Zeit also auch gegen die Technologie wenden?
 
Ford: Natürlich. Wenn Leute ihre Zukunft bedroht sehen, könnte es eine Gegenbewegung geben. Es wäre aber ein großer Fehler, den Einsatz von Technologie einschränken zu wollen. Das würde den Fortschritt beenden.
 
STANDARD: Sie schlagen für die Zukunft ein allgemeines Grundeinkommen vor. Warum wäre das der richtige Schritt?
 
Ford: Im Moment ist es nicht machbar. Bestimmt nicht in den USA, aber auch in Europa hat das gescheiterte Referendum in der Schweiz gezeigt, dass man noch nicht so weit ist. In Finnland laufen Pilotprojekte, und man experimentiert damit. Ich glaube, das ist genau das, was wir tun sollten. Wenn Bildung nicht mehr hilft, bleiben nicht viele Optionen. Die Menschen müssen überleben, und die Wirtschaft braucht Konsumenten.
 
STANDARD: Woher soll das Geld dafür kommen?
 
Ford: Ein Teil davon muss eine Form der Besteuerung sein, die jene Leute trifft, die von der Entwicklung extrem profitieren und sehr viel Kapital anhäufen. Vielleicht progressivere Steuern oder solche, die sich stärker an Kapital als an Arbeit orientieren. Auch Maschinensteuern sind eine Möglichkeit. Alle Varianten führen in dieselbe Richtung. Roboter und Technologie sind eine Form von Kapital. Nur wenige Menschen besitzen dieses Kapital und profitieren davon.
 
STANDARD: Aber auch mit Grundeinkommen wird es wenige Reiche und wenige Unternehmen geben, die den Markt bestimmen.
 
Ford: Das Problem der Ungleichheit ist Teil des Kapitalismus. Wir können nur moderierend eingreifen. Das Grundeinkommen wäre ein Werkzeug dafür.
 
STANDARD: Gerade in den USA stellt für viele Menschen ein Grundeinkommen den Kapitalismus selbst infrage. Wie begegnen Sie ihnen?
 
Ford: Menschen nehmen das so wahr, aber dem ist nicht so. Wenn man sich das historisch anschaut, waren jene Ökonomen, die ein Basiseinkommen vorgeschlagen haben, große Befürworter des Kapitalismus – etwa Friedrich Hayek. Das Grundeinkommen kann man als marktorientierten Ansatz für ein soziales Sicherheitsnetz sehen. Man gibt Menschen Geld, sodass sie es dem Markt wieder zuführen können. Es steht im Gegensatz zu einem Modell, in dem die Regierung Teile der Wirtschaft verstaatlicht, um mehr Jobs zu schaffen. Das Grundeinkommen ist eine Art, den Kapitalismus zu adaptieren und ihn zu verbessern.
 
STANDARD: Global gesehen könnte ein Grundeinkommen zum Migrationsgrund werden, was die Finanzierung erschwert. Wie soll das Konzept auf internationaler Ebene funktionieren?
 
Ford: Ein Grundeinkommen ist nicht kompatibel mit offenen Grenzen. Man braucht also eine bessere Immigrationspolitik. Ich verstehe die humanitären Gründe, Flüchtlinge aufzunehmen. Viele Leute haben aber keine Ausbildung und können sich kaum in die Wirtschaft fügen. Das ist ein Problem. Die Debatte ist leider aber derart mit Rassismus versetzt, dass eine rationale Diskussion schwierig ist. Man braucht Lösungen für die Herkunftsländer. Auch hier werden die neuen Technologien Einfluss haben. Bisher wurden Staaten wohlhabend, indem sie Fabriken gebaut haben, in denen viele Menschen mit geringer Ausbildung Arbeit fanden. Wir werden solche Fabriken nicht mehr brauchen. Diese Zukunft verschwindet gerade. Wie werden diese Länder es also schaffen, zu Wohlstand zu kommen?


Martin Ford startete seine Karriere mit einer Softwarefirma im Silicon Valley. Sein 2015 erschienenes Buch "Rise of the Robots: Technology and the Threat of a Jobless Future" stieß auf großes Medienecho. Vergangene Woche war er auf Einladung des Verkehrsministeriums bei Veranstaltungen in Wien zu Gast.


Nota. - Globalisierung und Digitalisieruung sind die zwei Seiten derselben Medaille. Es ist aber nicht die Globalisierungsseite, von der Menschen sich zu Recht bedroht fühlen, sondern die Digitalisie- rungsseite. Demagogen und alle, die zu faul und feige sind, den Stier bei den Hörnern zu packen, lamentieren über die Globalisierung und finden bei jedem Datschenbesitzer und Gartenzwerg ein offenes Ohr.

Die gegenwärtige Bundesregierung versucht hartnäckig, dagegen zu steuern. Das wird ihr dauerhaft nur gelingen, wenn sie die Rattenfänger mit den wahren Problemen der Digitalen Revolution konfron- tiert, denn da müssen sie passen. Dass Angela Merkel das Thema in den vergangenen Wochen immer wieder angesprochen hat, lässt hoffen. Doch ein Politiker sollte Fragen nur dann öffentlich stellen, wenn ihm auch schon Antworten vorschweben.
JE