Samstag, 18. Juli 2020

Als die Hyksos in Ägypten herrschten.


aus derStandard.at, 16. Juli 2020                              Siegel mit dem Namen des Hyksos-Herrschers Apophis
 
Wie Ägypten an die Hyksos fiel
 
Analysen menschlicher Überreste deuten an, dass es keine plötzliche Eroberung aus einem anderen Land gab, sondern eine Machtübernahme von innen her

1640 bis 1530 vor unserer Zeitrechnung war eine der Phasen, in denen das große Ägypten unter Fremdherr-schaft stand. In diesem Fall waren es die geheimnisumwitterten Hyksos. Viel weiß man nicht über sie, die sprachliche Einordnung ihrer Herrschernamen verweist aber darauf, dass sie aus Nordosten gekommen waren: aus einer Region, die sich von der Levante bis möglicherweise zum südöstlichen Teil Kleinasiens erstreckte.

Nun berichten Forscher im Fachmagazin "Plos One", wie es den Fremden gelungen sein dürfte, die Macht in Ägypten an sich zu reißen. Es sei keine klassische kriegerische Invasion gewesen, wie man sich das früher vorgestellt hatte, sondern eine Übernahme von innen. Die auf Analysen menschlicher Überreste beruhenden Ergebnisse wurden im Zuge eines Projekts des österreichischen Archäologen Manfred Bietak vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erzielt.



Den Hyksos ein Gesicht geben

Schon seit den 1960er Jahren graben österreichische Archäologen im östlichen Nildelta nach Hinterlassenschaf-ten der Hyksos. 2009 etwa gelang der spektakuläre Fund einer Pferdestute, die im Palast der Hyksos-Hauptstadt Tell el-Dab'a bestattet worden war. 2015 erhielt Bietak einen mit 2,5 Millionen Euro dotierten "Advanced Grant" des Europäischen Forschungsrats (ERC), um mit dem Projekt "The Hyksos Enigma" das Rätsel um die Herkunft der Königsdynastie zu entschlüsseln.

Bietak hatte bereits 1966 die Hauptstadt der Hyksos auf einem Ruinenhügel bei der heutigen Stadt Tell el-Dab'a entdeckt, ab 2005 legte er mit seinem Team einen ausgedehnten Palastbezirk aus der Hyksos-Zeit frei. Bei den Ausgrabungen wurden bereits viele Daten über die damalige Bevölkerung gewonnen, die neue Erkenntnisse über die Art der Siedlungen, über Palast-, Haus-, Grab- und Tempelarchitektur, über Opferrelikte und Grabbräu-che lieferten. Zudem wurden zahlreiche Relikte der Alltagskultur sowie Pflanzen- und tierisches Knochenmate-rial gesammelt, das über Bräuche der Hyksos und ihrer Vorgänger Aufschluss gibt.

Was menschliche Überreste verraten

Analysen von Knochen von in Tell el-Dab'a bestatteten Menschen sowie architektonische Vergleichsuntersu-chungen der Tempelanlagen gaben auch Auskunft über die lange rätselhafte geographische Herkunft der Hyksos. "Die Elite der Hyksos kam aus dem äußersten Norden Syriens", sagt Bietak. Nun gibt es weitere naturwissenschaftliche Erkenntnisse – in Form der Untersuchung von Strontium-Isotopenverhältnissen in Zähnen von 75 Menschen, die in Tell el-Dab'a begraben wurden. Solche Analysen erlauben Rückschlüsse auf die Herkunft der Personen.

Chris Stantis von der Universität Bournemouth, wo laut Bietak alle bioarchäologischen Untersuchungen des ERC-Projekts durchgeführt werden, analysierte dafür Proben von Zahnschmelz, die bereits in den 1960er Jahren genommen wurden. Ihr Vergleich der Isotopensignaturen aus Ägypten und anderen Ländern zeigte, dass ein großer Prozentsatz der Bevölkerung – sowohl vor als auch während der Hyksos-Dynastie – keine Einheimischen waren, sondern aus zahlreichen anderen Orten eingewandert war.

Keine plötzliche Eroberung

Dieses Ergebnis passe nicht zu der lange verbreiteten Geschichte einer plötzlichen Invasion aus einem einzigen weit entfernten Land, betonen die Forscher. Vielmehr dürfte es sich um eine multikulturelle Region gehandelt haben, in der eine der vorhandenen demographischen Gruppen schließlich an die Macht kam, nachdem sie bereits über Generationen dort gelebt hatte. Gut ein Jahrhundert dauerte ihre Herrschaft an, dann wurden die Hyksos von der aus Theben stammenden Herrscherfamilie der Ahmoniden entmachtet und wieder in Richtung ihrer Urheimat vertrieben.

Bietak würde sich wünschen, derartige Untersuchungen "auf weit größerer Basis gemeinsam mit den ägyptischen Kollegen fortzusetzen". Stantis hat mittlerweile eine Stelle am Smithsonian in Washington D.C. bekommen – für Bietak ein weiterer Beleg dafür, dass sich das ERC-Projekt als "Kaderschmiede für junge Nachwuchswissenschafter erweist". (red, APA,)

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Freitag, 17. Juli 2020

Vor 75 Jahren: Die Konferenz von Potsdam.

 Die Sitzungen in Potsdam waren keine exklusiven Gespräche der Regierungschefs. In 13 Vollsitzungen debattierten Delegationen der USA, der Sowjetunion und Großbritanniens über Reparationen, Demokratisierungskonzepte und Grenzen
aus Tagesspiegel.de, 15. 7. 2020

75 Jahre Potsdamer Konferenz
Der Kalte Krieg in Schloss Cecilienhof 
Die Alliierten hatten nicht geplant, das besiegte Deutschland zu teilen. Der Streit über Reparationen, Demokratisierung und die Neuordnung Europas aber machte eine Spaltung unumgänglich. 

von

Das dritte Treffen der siegreichen Alliierten im Kampf gegen Deutschland, das die Welt in einen sechs Jahre langen Vernichtungskrieg mit 65 Millionen Toten verwickelt hatte, sollte die „Berliner Konferenz“ werden. Das Deutsche Reich hatte kapituliert, der Nationalsozialismus war als Herrschaftsideologie erledigt – und in der Folge stand eine Neuordnung Europas an. Welcher Ort sollte dafür besser geeignet sein als Berlin, die verhasste Machtzentrale Hitlers?

Den Anstoß zur Konferenz gab der britische Premier Winston Churchill am 6. Mai 1945, aber es war Stalin, der Berlin als Ort des Treffens vorschlug. Truman schließlich trug den zunächst in Aussicht genommenen 15. Juli als Termin bei. Was dabei von vornherein feststand: Zum dritten Mal sollte die Gastgeberrolle der sowjetischen Seite zufallen, die mit 27 Million Menschen die höchsten Opferzahlen zu beklagen hatte.

In Teheran hatten die Großen Drei im Herbst 1943 in der sowjetischen Botschaft konferiert, in Jalta hatten sie sich im Februar 1945 auf sowjetischem Territorium getroffen und in Berlin würde das Treffen auf sowjetisch besetztem Gebiet stattfinden.

Im zerstörten Berlin gab es keine Räume

Die Vorbereitungen für die letzte der alliierten Kriegskonferenzen unter dem beziehungsreich-mehrdeutigen Code „Terminal“ – Endstation – begannen Anfang Juni. Doch im zerstörten Berlin gab es keine geeigneten Räume für die Unterbringung der Delegationen.

Sie fanden sich weit vor dem Stadtkern, im benachbarten Potsdam-Babelsberg, in einer Villenkolonie, die als Wohngebiet für die Delegationen dienen konnte. Unzerstört und allen Ansprüchen der Siegermächte genügend war auch der Tagungsort: Schloss Cecilienhof. So sollte es also statt der Berliner die „Potsdamer Konferenz“ werden.

Von den „Großen Drei“, die sich Ende November 1943 in Teheran und im Februar 1945 in Jalta getroffen hatten, war am Ende der Potsdamer Konferenz nur noch Stalin übrig. Anstelle des im April verstorbenen Franklin D. Roosevelt vertrat der neue Präsident Harry S. Truman die Vereinigten Staaten, und der britische Premierminister hieß ab 26. Juli 1945 nicht mehr Winston Churchill, sondern Clement Attlee.

Churchill hatte die Konferenz, die am 17. Juli begann und am 2. August endete, am 25. Juli verlassen, um das Ergebnis der britischen Unterhauswahlen in London abzuwarten. Der konservative Premier rechnete mit einem strahlenden Sieg. Stattdessen erlitt er eine bemerkenswerte Niederlage, reichte am 26. Juli sein Demissionsge-such ein und zwei Tage später, am 28. Juli, erschien auf der „Berliner Konferenz“ der neue Labour-Premier-minister Clement Attlee in Begleitung des neuen Außenministers Ernest Bevin.

Die Gegensätze verhärten sich

In dieser Konstellation ging es auf Schloss Cecilienhof um nichts weniger als die Neuordnung Europas. In der Deutschlandpolitik waren die Gegensätze durch Stalins Reparationsforderungen seit Jalta verhärtet. Zum Bruch kommen lassen wollte es Washington aber nicht. So lehnte es Präsident Truman auch ab, deutsche Gebiete als Faustpfand zu benutzen, wie Churchill angeregt hatte. Die Präsenz US-amerikanischer Truppen in Sachsen und Thüringen als Druckmittel gegen die Sowjetunion zu verwenden, schien Truman überzogen.


 Der britische Premierminister Winston Churchill, der amerikanische Präsident Harry S. Truman und der sowjetische Diktator Josef Stalin reichen sich während der Postdamer Konferenz vor Schloß Cecilienhof die Hände.
 Der britische Premierminister Winston Churchill, der amerikanische Präsident Harry S. Truman und der sowjetische Diktator Josef Stalin.
Am 28. Mai 1945 hatte er den Rückzug in die 1944 als US-Besatzungszone festgelegten Gebiete befohlen. Weil der Krieg gegen Japan noch andauerte, waren die USA am Einvernehmen mit der Sowjetunion und an deren Kriegseintritt in Ostasien interessiert. 

Die Atombombe verstörte Stalin zutiefst

Das änderte sich erst am Tag vor der Potsdamer Konferenz, als am 16. Juli 1945 die erste Atombombe erfolgreich getestet wurde. Mit der neuen Waffe beendeten die USA den Zweiten Weltkrieg auch auf dem asiatischen Schauplatz. US-Präsident Truman verstörte mit der Atombombe Stalin zutiefst und setzte die Gewichte auf den Potsdamer Verhandlungstisch.

Die politischen, territorialen und ökonomischen Probleme, die der Zweite Weltkrieg in Europa hinterlassen hatte, bedurften der Verständigung innerhalb der Anti-Hitler-Koalition, USA, Großbritannien und Sowjetunion. Die Westgrenze des als Staat wiedererstandenen Polen, damit verbunden die künftige Gestalt Deutschlands standen zur Debatte.

Zu den strittigen Fragen gehörte auch die Regierung im besetzten Österreich, die von der sowjetischen Seite ohne Konsultation mit den Westmächten sanktioniert war, und der Streit um Triest, wo die jugoslawischen Truppen Titos, der sich der Unterstützung Moskaus erfreute, britischem Militär, das die Interessen Italiens vertrat, gegenüberstanden. Zu regeln war auch, wie die ehemaligen Verbündeten Hitlers, Bulgarien und Rumänien sowie Ungarn, zu behandeln seien.

Die Arbeit oblag den Außenministern

Die Sitzungen in Potsdam waren keineswegs Gespräche der Regierungschefs unter vier Augen. In 13 Vollsit-zungen saßen Delegationen der drei Staaten miteinander am Tisch. Die eigentliche Arbeit oblag den drei Außenministern und den Ausschüssen und Unterausschüssen, in denen die Experten über Vorlagen debattierten, sie redigierten und Entscheidungen vorbereiteten.

Die Großen Drei trafen sich bis zur achten Sitzung immer am Spätnachmittag für jeweils etwa zwei Stunden. Das waren die Vollsitzungen, denen Einladungen und Bankette folgten, wobei man sich mit Tafelfreuden und Kunstgenüssen gegenseitig überbot. Hatte Stalin das von Truman gebotene Klavierduo durch zwei gewichtige Violinvirtuosinnen und zwei Pianisten aus Moskau übertrumpft, so ließ Churchill zu seinem Galadinner gleich die ganze Royal Air Force Band aus London einfliegen, die während des ganzen Abends (es war der 23. Juli) in voller Besetzung und Lautstärke rumorte.

Die gesellschaftlichen Ereignisse der Potsdamer Konferenz waren mit denen des Wiener Kongresses von 1814/15 nicht vergleichbar, wohl aber die Folgen für Europa und die Welt.


Das Treffen der "Großen Drei" sollte eigentlich in Berlin stattfinden. Da es dort keine angemessenen Räume mehr gab, wich man schließlich nach Potsdam aus.
Das Treffen der "Großen Drei" sollte eigentlich in Berlin stattfinden. Da es dort keine angemessenen Räume mehr gab, wich man nach Potsdam aus.
Obwohl schon in Jalta Anfang des Jahres 1945 in den Rang einer Besatzungsmacht erhoben, wurde die Provisorische Regierung der Französischen Republik nicht einmal zur Entsendung einer beobachtenden Delegation eingeladen. In Paris empfand man die Zurückweisung als ungemein kränkend. Als Revanche leisteten die Franzosen im Kontrollrat Obstruktion und fanden sich nur widerwillig zu Kompromissen bei der westlichen Deutschlandpolitik bereit. 

Entmilitarisierung Deutschlands

Das Ziel der Besatzung wurde in Potsdam klar definiert: völlige Entmilitarisierung Deutschlands einschließlich der Beseitigung der gesamten Rüstungsindustrie, alle deutschen Streitkräfte und die NSDAP wurden aufgelöst, alle Nazi-Gesetze außer Kraft gesetzt. Kriegsverbrecher und hohe NS-Funktionäre waren zu internieren, aktive NSDAP-Mitglieder sollten aus Ämtern und Stellungen entfernt werden.

Erziehungswesen, Rechtspflege und Verwaltung waren nach demokratischen Gesichtspunkten zu reorganisieren. Das wurde aber dann von Zone zu Zone so verschieden gehandhabt, dass der Grundsatz „soweit dieses praktisch durchführbar ist, muss die Behandlung der deutschen Bevölkerung in ganz Deutschland gleich sein“ pure Ironie war.

Die Frage, welche materiellen Entschädigungen Deutschland leisten sollte, entzweite die Sieger. Stalin forderte Reparationen im Wert von 20 Milliarden Dollar, davon die Hälfte für die Sowjetunion. Die Erfahrungen mit dem Versailler Vertrag, der Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg so hohe Kontributionen auferlegte, dass letztlich der US-Steuerzahler zahlen musste, schreckten die USA. Entschieden wurde der Streit, indem jede Besatzungsmacht aus ihrer Zone beliebig Güter und Produktionsmittel zur Befriedigung ihrer Ansprüche entnehmen durfte.

Auf der Tagesordnung stand auch die Frage, welches Territorium der wieder auferstehenden polnischen Nation zugestanden würde. Im Grundsatz waren die drei Großmächte mit der Provisorischen Polnischen Regierung einig, dass „bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens“ die deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie unter „die Verwaltung des polnischen Staates kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland betrachtet werden sollten“.


Keine Eintracht. Der britische Premierminister Winston Churchill, US-Präsident Harry Truman und der russische Führer Joseph Stalin unterhalten sich bei der Potsdamer Konferenz.
Der britische Premierminister Winston Churchill, US-Präsident Harry Truman und der russische Führer Joseph Stalin
Ebenfalls „vorbehaltlich der endgültigen Bestimmung der territorialen Fragen bei der Friedensregelung“ war das nördliche Ostpreußen mit Königsberg von Deutschland amputiert und der Sowjetunion angegliedert worden. 

Gravierender war der Beschluss der drei Großmächte, die deutsche Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslo-wakei und Ungarn auszuweisen. Zusammen mit den seit 1944 vor der vordringenden Roten Armee Fliehenden waren es schließlich mehr als zwölf Millionen Menschen, die aufgenommen, ernährt, gekleidet und behaust werden mussten. Da in der französischen Zone Flüchtlinge nicht willkommen waren, drängten sie sich in den drei anderen Besatzungszonen.

Churchill ist skeptisch

Churchill, der am 16. August 1945 im britischen Unterhaus zum ersten Mal als Oppositionsführer auftrat, beurteilte die Ergebnisse der Potsdamer Konferenz skeptisch. Ein Deutschland ohne Kopf sei am Ende des Kampfes den Eroberern in die Hände gefallen, es werde vielleicht viele Jahre dauern, bis irgendein staatlicher Aufbau in Deutschland möglich sei. Voll Sorge erwähnte Churchill den zwangsweisen Exodus der Sudeten-deutschen aus der Tschechoslowakei, er befürchtete, „dass eine Tragödie ungeheuren Ausmaßes sich hinter dem Eisernen Vorhang, der Europa gegenwärtig entzweischneidet“, abspielte.

Im August 1945 war „Eiserner Vorhang“ noch eine brillante Formulierung, bald gehörte sie im Zeichen des Kalten Kriegs, der seinen Höhepunkt in Europa im Sommer 1948 in der Berlin-Blockade haben sollte, zum alltäglichen Wortschatz. Ebenso das „Potsdamer Abkommen“. Ein solches Dokument mit der Qualität eines völkerrechtlichen Vertrags hat es jedoch nie gegeben. 

Europa und die Welt sind für Jahrzehnte gespalten

Es existiert lediglich ein Resümee der zahlreichen Kompromisse, mit denen grundlegende Meinungsver-schiedenheiten über Reparationen, Demokratisierungskonzepte, Grenzen und die politischen Strukturen Deutschlands und Europas kaschiert wurden. Trotzdem war in der DDR die Überzeugung verordnet, das „Potsdamer Abkommen“ sei vom Westen gebrochen worden. In der Bundesrepublik galt dafür die Sowjetunion als schuldig an der Teilung Deutschlands.

Die Potsdamer Konferenz hinterließ Europa und die Welt gespalten in Interessensphären der Sowjetunion einerseits und der Westmächte andererseits. Die Alliierten hatten in Potsdam nicht die Absicht gehabt, Deutschland zu teilen. Aber die Formelkompromisse, mit denen die Gegensätze in der Reparationsfrage überbrückt wurden, dividierten Deutschland in zwei Territorien unter diametralem Einfluss, aus denen 1949 zwei Staaten mit konträrer Gesellschaftsordnung und gegensätzlichen politischen Systemen wurden. Und der „Kalte Krieg“, der in Potsdam begann, teilte die Welt.

Donnerstag, 16. Juli 2020

Die Gründerjahre und der Schwarze Freitag 1873.

Krach an der Wiener Börse 9. 5. 1873
aus derStandard.at, 15. Juli 2020

Als bei der Finanzkrise 1873 die Gründer krachen gingen
Bereits im 19. Jahrhundert ging von Österreich ein heftiger Sturm aus. Der Krach der Wiener Börse im Jahr 1873 löste einen Flächenbrand aus
 
von Leopold Stefan
 
Börsenhändler täuschten Selbstmord vor, indem sie ihre alten Kleider an einer Brücke niederlegten und in neuen das Weite suchten. Das berichtete die Wiener Zeitung 1873 nach einem fulminanten Finanzcrash am österrei-chischen Aktienmarkt, der das Ende einer globalen Hochkonjunktur einläutete. Am berüchtigten Schwarzen Freitag am 9. Mai platzte eine Immobilienblase. Kurse brachen um bis zu 90 Prozent ein, noch am gleichen Tag gingen 120 Unternehmen pleite.

Etwas später im Jahr kollabierten die Märkte in Berlin und New York. Der Gründerboom endete im Gründer-crash. Die sogenannte lange Depression bis zur Mitte der 1890er-Jahre war die schwerste Wirtschaftskrise des 19. Jahrhunderts. Wie konnte es so weit kommen? Und lassen sich knapp 150 Jahre danach noch Lehren daraus ziehen? 

Nationalbank machtlos

Nach dem Wiener Börsenkrach versuchte die Nationalbank einzugreifen, war aber machtlos. Ein Muster, das sich in vielen Staaten wiederholen sollte. Bei einer Krisensitzung machte ein Vertreter darauf aufmerksam, dass man bereit sei, nach Kräften zu helfen, doch verfüge die Nationalbank nur über eine Reserve von 18 Millionen Gulden. Zur Einordnung: Allein die Creditanstalt hatte in den turbulenten Tagen vor dem großen Krach Akti-enpakete im Wert von 20 Millionen Gulden auf den Markt geschmissen. Mit einem Notfallfonds der Großban-ken wurden die Märkte letztlich beruhigt, auf niedrigem Niveau.

Ähnlich reagierten die New Yorker Banken, die ein gemeinsames Sicherheitsnetz knüpften. Am Ende dieses Prozesses wurde schließlich 1913 die Federal Reserve, die amerikanische Notenbank, etabliert. Eine großange-legte Konjunkturpolitik, wie man sie heute gewohnt ist, war damals weder Thema noch machbar. 

Lange Deflation

Dass Spekulationsblasen irgendwann platzen, ist klar. Wirtschaftshistoriker warnen davor, einzelne Auslöser als Krisenursache zu bewerten. "Es gibt immer einen Dominostein, und wo der fällt, kann Zufall sein", sagt Werner Plumpe, Wirtschaftshistoriker an der Goethe-Universität in Frankfurt im STANDARD-Gespräch. "Da die Ban-ken alle spekulativ verbunden sind, kann das schnell eine Kaskade auslösen."

Was folgte, war aber keineswegs eine wirtschaftliche Notlage, wie man sie später im 20. Jahrhundert erlebte, sondern eine lange Periode schwachen Wachstums und häufigerer, kleiner Einbrüche. Die zwei Jahrzehnte nach dem Crash waren von einer hartnäckigen Deflation geprägt: Die Preise brachen ein. Erst 1914 erreichten sie wieder das Niveau der Gründerjahre. Aus Sicht von Konsumenten, die Kutschen, Hüte oder Kohle zum Heizen kauften, wirken niedrige Preise wie ein Segen in harten Zeiten. Aus einer wirtschaftlichen Vogelperspektive fällt das Urteil anders aus. Deflation weist drauf hin, dass wenig nachgefragt wird: Unternehmen und Konsumenten gehen nicht auf Großeinkauf. Entweder, weil es ihnen selber schon schlecht geht und sie sparen müssen, oder weil sie Anschaffungen hinauszögern, bis sie noch günstiger werden. Deflation hemmt die wirtschaftliche Dy-namik. 

Rätsel um Deflation

Historiker haben geraume Zeit gerätselt, was diese lange Deflation auslöste. Zwei Erklärungen werden oft be-tont. Am Anfang des Booms standen immense Goldfunde in Kalifornien und Australien. Damals waren solche Entdeckungen der einzige Weg, die Geldmenge zu erhöhen. "Im Grunde hatten alle Staaten den Gold-Standard. Da kann man nicht wie heute auf den Knopf drücken, und es wird mehr", erklärt Plumpe. Auch am Ende der langen Deflation stehen große Goldfunde in Südafrika und in Alaska. Solche Zufälle spielten damals eine Rolle, als Erklärung für den großen Boom und die lange Krisenzeit danach reichten sie aber nicht. 

Schöpferische Kraft

Eine Erklärung für diese und andere Krisen entwickelte 1911 ein junger Ökonom an der Universität in Graz. Joseph Schumpeter erklärte sich die Auf- und Abwärtsdynamik der Wirtschaft mit der schöpferischen Kraft des Kapitalismus. Große Innovationen ziehen die ganze Wirtschaft mit, bis der Konkurrenzkampf die Gewinne wieder abschmilzt und Preise fallen. Mitunter lasse sich diese Dynamik in langen Wellen beobachten, wie es Schumpeter später beschrieb. Der Gründerboom war vom Ausbau der Eisenbahn sowie von der Kohle- und Stahlindustrie geprägt. Auch am Ende der langen Depression standen Innovationen: Die chemische Industrie entwickelte Kunstdünger, neue Textilien oder Medikamente und die Elektrotechnik revolutionierten die Ener-gieerzeugung. Ab Mitte der 1890er ging es bergauf, auch Gewinne und Preise legten zu. 

Vergleiche hinken

Mit der heutigen Wirtschaftskrise, eine Folge der Seuchenbekämpfung, lässt sich die lange Depression im 19. Jahrhundert kaum vergleichen. Doch gewisse Lehren hallen nach. So lange die Währungen an Gold gekettet waren, leisteten Zentralbanken nur Schützenhilfe für in Panik geratene Märkte. Staaten hatten zu wenig Einfluss auf die Wirtschaft, um großartig auf Krisen zu reagieren. Doch vor allem Deutschland zeigte vor, wie die öffent-liche Hand die Wirtschaft stärken konnte. Das staatlich geprägte Bildungswesen ermöglichte deutschen Unter-nehmen, von Fachkräften zu profitieren. Als die lange Depression endete, waren sie die größten Gewinner des Aufschwungs. Eine Lehre, die gut gealtert ist. Auch heute gilt, dass Gesellschaften mit hohem Ausbildungsni-veau nach einer Krise schneller Fuß fassen.

So wie Goldfunde und Erfindungen ist die Corona-Pandemie de facto zufällig in diesem Jahr aufgetreten. Krisen kommen oft unvermittelt. Wie eine Gesellschaft mit ihnen zurechtkommt, ist sehr wohl planbar. Gegen die Krise der Zwischenkriegszeit war jedoch niemand gewappnet.




Mittwoch, 15. Juli 2020

Die Mauer in den Köpfen ist nur ein Maschendrahtzaun.

aus spektrum.de, 15.07.2020

Unterscheiden sich Ost- und Westdeutsche charakterlich?
Wie wir wissen, ist es noch immer nicht ganz gelungen, die Lebensverhältnisse zu beiden Seiten der alten Grenzen einander anzugleichen. Äußert sich das auch in der Persönlichkeit der Menschen?

Die Erfahrungen der Menschen in der alten Bundesrepublik und in der DDR während der deutschen Teilung prägen bis heute, drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, das Bild von uns selbst und den jeweils anderen »drü-ben«. Im Herbst 1989 trafen zwei Welten aufeinander, die, gemessen an der Dauer der Teilung, nur wenig Zeit hatten, um sich aneinander zu gewöhnen. In sprachlichen Abgrenzungen vom »Jammerossi« oder »Besserwes-si« finden alte Vorbehalte teils immer noch Ausdruck. Das Klischee vom Ostdeutschen ist dabei eines vom eher bescheidenen, stillen sowie verbitterten Bürger; den Westdeutschen wird dagegen Arroganz und ein Hang zur Selbstdarstellung, allerdings auch mehr Durchsetzungsvermögen nachgesagt. Inwiefern unterscheiden sich Ost- und Westdeutsche aber tatsächlich hinsichtlich ihres Charakters?

Dazu gibt es überraschend wenige empirisch-psychologische Studien. Die Wirtschaftswissenschaftler Tim Friehe, Markus Pannenberg und Michael Wedow versuchten 2015, Persönlichkeitseigenschaften von Ost- und Westdeutschen aus den Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer regelmäßigen repräsentativen Bevölkerungsumfrage, abzuleiten. Demnach zeigen Ostdeutsche eine geringere »internale Kontrollüberzeu-gung« – das heißt, sie nehmen ihr Leben im Schnitt als weniger vom eigenen Verhalten beeinflusst und folglich als schlechter kontrollierbar wahr. Friehe und seine Kollegen fanden zudem heraus, dass Ostdeutsche tendenziell gewissenhafter und verträglicher im Umgang mit anderen auftreten, zugleich aber nicht so offen für Neues sind wie Westdeutsche. Diese Befunde decken sich mit einer früheren Studie des Leipziger Soziologen Elmar Brähler. In dessen Untersuchung von 2002 waren Ostdeutsche ebenfalls etwas verträglicher und gewissenhafter als West-deutsche.

Eine mögliche Erklärung liefern die Lebensbedingungen in der ehemaligen DDR. Auf Grund der Mangelwirt-schaft waren vorausschauende Planung und penible Organisation des eigenen Lebens besonders wichtig. Gute Beziehungen zu anderen halfen dabei, Lieferengpässe zu überbrücken. Wer jemanden kannte, der etwas repa-rieren oder besorgen konnte, war im Vorteil. Ein hohes Maß an Verträglichkeit erleichterte es den Ostdeutschen somit, im Alltag über die Runden zu kommen. Erstaunlicherweise haben solche gesellschaftlichen Prägungen über längere Zeit Bestand als die jeweiligen Lebensumstände selbst. Das hat vermutlich damit zu tun, dass sie in der Rückschau der Menschen auf ihr Leben immer wieder aktualisiert werden.

Spektrum Kompakt:  Persönlichkeit – Was den Charakter formt  
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Und wie sieht es mit dem Bild vom selbstverliebten Wessi aus? Auch in Sachen Narzissmus lassen sich bis heute, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, Unterschiede ausmachen. Im ostdeutschen Realsozialismus bis 1990 herrschte eine kollektivistische Denkweise vor – der Einzelne ordnete sich den Interessen der Gemein-schaft unter. Im kapitalistischen Westen dagegen dominierte eine individualistische Prägung, die persönliche Ziele, Bedürfnisse und Wünsche über Gruppeninteressen stellt. Eine Studie unseres Berliner Teams von 2018 ergab, dass Menschen, die im Kapitalismus aufgewachsen sind, einen stärkeren Hang zum Narzissmus zeigen als in der DDR sozialisierte Deutsche. Unter jüngeren Leuten, die erst nach der Wende eingeschult wurden, waren zwischen Ost und West dagegen keine Abweichungen im Narzissmus mehr zu verzeichnen.

Wie wir wissen, ist es noch immer nicht ganz gelungen, die Lebensverhältnisse zu beiden Seiten der alten Grenzen einander anzugleichen. Laut Experten wie dem Soziologen Brähler hat auch das politische Geschehen seit der Wiedervereinigung gewisse Unterschiede gefördert: So entstand die ostdeutsche »Erinnerungsgemein-schaft« mit ihren teils nostalgischen Zuschreibungen erst nach der Wendezeit. Die jahrzehntelange Teilung hat offenbar eine Mauer in den Köpfen hinterlassen, die deutlich langsamer bröckelt als die echte Grenzmauer. 


Nota. - Dem ist wenig hinzuzufügen. Allerdings muss man Ausdrücke wie Narzissmus und Bescheidenheit cum grano salis nehmen. Wer in Verhältnissen großgeworden ist, wo erstens vieles unsicher ist und zweitens vom eigenen Einsatz abhängt, macht sich um sich selbst mehr Gedanken als ums große Ganze. Wer andererseits all-überall in Knappheit lebt, der er sich niemals entziehen kann, kann sie sich allenfalls schönreden. Aber das muss ihn nicht davon abhalten, pausenlos zu nörgeln: Das mag ihm gar zu einer zweiten Natur werden.
JE 

Sonntag, 12. Juli 2020

Neolithische Kolonisierung.

aus derStandard.at, 12. Juli 2020

Kühles Klima bremste in Europa Einwanderung von Bauern aus der Levante
Neuankömmlinge vermischten sich in kälteren Gebieten mit den lokalen Jägern und Sammlern

Wien – Vor etwa 9.000 Jahren brachten jungsteinzeitliche Bewohner der Levante die Landwirtschaft nach Europa. Ihr Wanderungen durch Europa vollzogen sich allerdings nicht auf allen Routen gleich schnell: Häufig bremste kühles Klima ihr Fortkommen. Die Ankömmlinge mischten sich dann mit lokal ansässigen Jägern und Sammlern, wie ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung im Fachjournal "Nature Human Behaviour" berichtet. Einzig die warme Mittelmeerroute ermöglichte unverzögerte Einwanderung.

Ein Team um Andrea Manica von der Universität Cambridge (Großbriannien) untersuchte anhand archäologischer Funde die Einwanderungsgeschwindigkeit der Jungsteinzeitbauern auf den vier bekannten Hauptrouten: Entlang des Mittelmeeres, durch Zentraleuropa bis England, von Mitteleuropa nach Skandinavien und vom Balkan direkt in den Nordosten Europas. An der Studie war auch Ron Pinhasi vom Department für Evolutionäre Anthropologie der Universität Wien beteiligt.

Keine Verzögerung auf der Mittelmeerroute

Alle vier Einwanderungsachsen hatten zunächst eine sich rasch voranbewegende "Expansionsfront", so die Forscher. Dahinter füllten die Neuankömmlinge die benachbarten Gebiete. Bei drei Routen wurde die Einwanderung aber gebremst, und zwar vor 8.200 Jahren in Zentraleuropa, vor 7.400 Jahren nach Skandinavien und vor 7.700 Jahren Richtung Nordeuropa. Auf der Mittelmeerroute kamen die Einwanderer hingegen ohne Verzögerung bis zur Atlantikküste auf der Iberischen Halbinsel.

Die vier Hauptrouten der Jungsteinzeitbauern durch Europa: Entlang des Mittelmeeres (blau), durch Zentraleuropa bis England (lila), von Mitteleuropa nach Skandinavien (orange) und vom Balkan direkt in den Nordosten Europas (grün).
 
Die Forscher fanden heraus, dass die Bauern offensichtlich durch niedrige Temperaturen gebremst wurden. In Regionen, wo es zu wenige Pflanzenwachstumstage über fünf Grad Celsius oder zu niedrige Sommertemperaturen gab, standen sie quasi an. Offensichtlich wuchsen ihre wärmeliebenden Nutzpflanzen, die sie aus dem Südosten mitgebracht haben, dort nicht gut genug, um sie üppig zu versorgen. Von diesem Problem wurden die Einwanderer entlang der warmen Mittelmeerküste nicht behelligt.

Vermischungen

Die DNA in den alten Menschenknochen von den Fundstellen quer durch Europa verriet den Forschern, dass sich die Jungsteinzeitbauern überall dort viel mehr mit den hiesigen Jäger- und Sammlervölkern mischten, wo ihre Einwanderung gebremst wurde. Wenn ihre Nahrungsmittelproduktion nicht mehr verlässlich funktionierte, kamen die Bauernvölker wohl selbst wieder mehr auf das Jagen und Sammeln zurück, meinen die Forscher. Sie tauschten Waren mit den ansässigen Jäger-Sammlern aus, und lernten ihr Wissen über die lokalen Begebenheiten zu schätzen. Und sie zeugten miteinander Nachkommen. (red, APA.)

 

Abstract





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Samstag, 11. Juli 2020

Auffallen.

                          

Wer am am liebsten so sein will wie die andern, nur um nicht aufzufallen, ist ein armes Würstchen.
Wer auf alle Fälle anders sein will als die andern, nur um aufzufallen, ist eine Schießbudenfigur.


Wer seine pp. Identität darin findet, dass er sich zu einer Mindeheit bekennt, ist beides.





Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE. 

Freitag, 10. Juli 2020

Nachtrag zum Offenen Brief.

aus nzz.ch, 9.07.2020

Berühmte Denker und Autoren haben genug: 150 grosse Namen wehren sich in einem offenem Brief
Mit wachsender Militanz fordern Minderheiten ihre Rechte ein. Viele Anliegen sind begründet, aber der Ruf nach Toleranz schlägt oft in sein Gegenteil um.

von Marion Löhndorf, London

In einem offenen Brief riefen mehr als 150 Autoren zu mehr Toleranz in immer intoleranter werdenden Zeiten auf. Zu den Unterzeichnern gehören Literaturschaffende und Intellektuelle wie Salman Rushdie, Martin Amis, Margaret Atwood, John Banville, Louis Begley, Daniel Kehlmann und J. K. Rowling, Noam Chomsky, Greil Marcus, Steven Pinker, Malcolm Gladwell und Gloria Steinem.

Der Initiator des Briefes, der amerikanische Autor Thomas Chatterton Williams, Sohn eines Schwarzen und einer Weissen, machte sich schon in seinem Buch «Self-Portrait in Black and White» (2019) Gedanken zum Thema Rasse und Rassismus. In einem Interview mit der «New York Times» betonte er die kulturell, intellek-tuell und politisch breit ausgefächerte Herkunft der Unterzeichner des Schreibens: «Wir sind nicht nur ein Haufen alter weisser Männer, die herumsitzen und diesen Brief schreiben. Dieser schliesst viele schwarze, muslimische und jüdische Denker ein, Menschen, die trans sind, schwul, alt, jung, rechts und links.» 

Die tobenden Toleranten

Anlass waren die antirassistischen Proteste, denen die Absender in der Sache – den Forderungen nach Gleichheit, Inklusion und Polizeireform – zustimmen. Doch vertieft der Brief, der in «Harper’s Magazine» online veröffentlicht und vielfach in Auszügen zitiert und kommentiert wurde, das Thema nicht. Es dient nur als Einstieg.

Worum es den Autoren und Autorinnen primär geht, ist die Kritik an Ton und Impetus der öffentlichen Debatten über Reizthemen. Und zwar jener, in denen sich immer neue Fronten auftun und die mit einem Totalitätsanspruch geführt werden, der kleinste Abweichungen von einer neu er- und umkämpften Norm mit Ausgrenzung und persönlichen Drohungen ahndet. Es sind Toleranzforderungen im Tonfall des Fanatismus.

Dabei fällt auf, dass die Angriffe der tobenden Toleranten nicht etwa den Rechtsextremen gelten, sondern vor allem den Linken und anderen Sympathisanten. Dieser Angriff auf Verbündete ist nicht nur widersprüchlich, er ist auch kontraproduktiv. Und er verweist auf das heimliche Motiv der neuen Schneeflocken-Generation: sich um jeden Preis abzugrenzen.

Das Problem, das die Unterzeichnenden in ihrem Schreiben ansprechen, hat sich nach ihrer Auffassung verschärft: «Der freie Austausch von Information und Ideen, das Rückgrat einer liberalen Gesellschaft, wird täglich eingeschränkt.» Während wir dies von der radikalen Rechten gewohnt seien, verbreiteten sich in unserer Kultur insgesamt eine Intoleranz gegenüber anderslautenden Meinungen, ein Trend zur öffentlichen Beschämung und Ausgrenzung und die Tendenz, komplexe politische Themen in blind machender moralischer Gewissheit aufzulösen.

Eine wichtige Geste

Die Klagen sind nicht neu, die Analyse ist nicht überraschend. Aber die Attacken der Vereinfacher und Verabsolutierer sind es auch nicht, und sie lassen nicht nach. Da wird ein altertümliches Meinungsinstrument wie ein offener Brief auf einmal als Geste bedeutsam und mit seiner Aussage wichtig. Er kann von denen, die sich gestern noch in der politischen Mitte oder rechts und links davon wähnten und die sich nun plötzlich ins Abseits des zugelassenen Meinungsspektrums gedrängt fühlen, mindestens als Trost oder Solidaritätsbekundung und idealerweise als Ermutigung begriffen werden.

Die Unterzeichner geben an, das Schreiben gegen den autoritären Zeitgeist aus Sorge um unsere Demokratie verfasst zu haben. Aber zwischen den Zeilen wird klar: Die Autoren des intellektuellen Establishments fühlen sich selbst von der Cancel-Culture ins Abseits der Tabuzonen gedrängt. Sie schreiben, dass harte Diskussionen mit robuster und beissender Gegenrede aus allen Richtungen zwar zu begrüssen seien. Aber eben nicht auf diese Weise und nicht mit Konsequenzen, die das Leben oder die Karriere der Teilnehmer gefährden können.

Hier wird der Brief gewissermassen persönlich und spricht von Leitern von Institutionen, die im panischen Versuch einer Schadensbegrenzung «übereilte, unverhältnismässige Strafen verhängten, anstatt durchdachte Reformen anzugehen». Die Beispiele, die der Brief anführt, sind konkret genug, um auf Ereignisse der letzten Monate bezogen zu werden: Herausgeber werden für die Veröffentlichung umstrittener Texte entlassen, Bücher werden wegen angeblichen Mangels an Authentizität zurückgezogen, Journalisten dürfen nicht über bestimmte Themen schreiben, Professoren nicht bestimmte literarische Werke zitieren.

Viele Unterzeichner des Briefs waren in der Vergangenheit selbst in heftige Debatten verstrickt, manche waren schlimmsten Angriffen und Einschränkungen ausgesetzt, wie Khaled Khalifa, dessen Romane für seine Kritik an der syrischen Regierung in seinem Heimatland verboten wurden, und Salman Rushdie, dessen Buch «Die satanischen Verse» auf einer Demonstration von Muslimen in Bradford symbolisch verbrannt und dessen Tod vom iranischen Revolutionsführer Khomeiny gefordert wurde.

Eine andere Art von Drohungen und Beschimpfungen erlebte die «Harry Potter»-Autorin J. K. Rowling mehrfach, gerade kürzlich wieder im Zusammenhang mit der Transgender-Debatte. Im Zusammenhang mit dem offenen Brief verglich J. K. Rowling im Gespräch mit dem «Guardian» das derzeitige kulturelle Klima mit dem der McCarthy-Ära in den USA – der Zeit des konservativen, amerikanischen Senators, dessen Kommunisten-hetze in den fünfziger Jahren Karrieren und Leben zerstörte und dessen Name zum Synonym wurde für Verleumdung durch willkürliche Beschuldigungen und nicht belegte Vorwürfe.

Triumph der Extremisten

Vor zwei Jahren hatte schon Rowlings Kollegin und Mitunterzeichnerin Margaret Atwood einen ähnlichen Vergleich in der Hochphase der #MeToo-Bewegung gezogen. Damals schrieb sie in einer Kolumne in Kanadas zweitgrösster Tageszeitung, sie sehe in der Bewegung Anzeichen einer Mentalität, die nach dem Prinzip «Schuldig durch Anklage» urteile. Die kanadische Schriftstellerin fühlte sich an die Hexenprozesse im Amerika des 17. Jahrhunderts erinnert – obwohl sie die Überzeugungen der #MeToo-Bewegung teilte und deren Engagement als «Symptom einer kaputten Justiz» wahrnahm.

Atwoods damalige Kritik richtete sich gegen die militanten Exponentinnen der Bewegung. «In extremen Zeiten gewinnen die Extremisten», schrieb sie damals. «Ihre Ideologie wird zur Religion, und jeder, der ihre Ansichten nicht nachplappert, wird als Ungläubiger, Häretiker oder Verräter gesehen, und die Gemässigten in der Mitte werden zerstört.» Atwood wurde damals von Feministinnen in einer Unflätigkeit beschimpft, die ihre Analyse bestätigte, statt sie mit Argumenten zu entkräften. Die Forderung nach Toleranz verkommt vielerorts zu einer Drohung.