
Als Drohung muss man es nicht ernstnehmen, denn so reden sie schon seit vierzig Jahren; während derer haben sie sich immer enger an die Politik angeschmiegt.

Als Drohung muss man es nicht ernstnehmen, denn so reden sie schon seit vierzig Jahren; während derer haben sie sich immer enger an die Politik angeschmiegt.

Deutschlands tiefste Schande wird auf ewig nicht zu unterbieten sein, und hat ein Mahnmal inmitten seiner Hauptstadt.
Doch auch Deutschlands größte Blamage hat ihre Gedenkstätte, in der westdeutschen Pro-vinz.
Im März standen sie alle - Arbeiter, Handwerker, Studenten, selbst biedere Bürger - gemein-sam auf den Barrikaden. Doch als im Juni der Aufstand der Pariser Arbeiter von den dortigen Demokraten im Blut erstickt worden war, bekamen auch die unsern kalte Füße. In die Verfas-sunggebende Versammlung in der Frankfurter Paulskirche, die eine Verfassung bloß fürs Ar-chiv geben sollte, war schon nicht mehr ein einziger Kandidat unter dem politischen Etikett Demokrat gewählt worden. Erst in einer Nachwahl gelang es dem Breslauer Wilhelm Wolf, unter diesem Parteinamen nach Frankfurt entsandt zu werden; er gehörte dem Bund der Kommunisten an, und Karl Marx hat ihm den ersten Band seines Kapitals gewidmet.
Die Revolution von 1918 ist von der Konterrevolution beendet worden. Die Revolution von 1848 ist in jämmerlicher Feigheit versandet. Deutscher Stolz würde gebieten, ihre Erinne-rungsstätte dem Erdboden gleichzumachen. Aber diesen Stolz müssten wir uns erst noch ver-dienen.
aus FAZ.NET, 9. 9. 2021 Mal poetisch, mal dogmatisch: Der Koran lässt viel Raum für Interpretationen.
„Gott verordnet euch hinsichtlich eurer Kinder: Auf eines männlichen Geschlechts kommt bei der Erbteilung gleichviel wie auf zwei weiblichen Geschlechts.“ So steht es im Koran, Sure 4, Vers 11. Mit der westlichen Rechtsordnung, überhaupt mit modernen Vorstellungen von Gerechtigkeit ist dieses Gebot unvereinbar. Doch müssen Muslime es tatsächlich wörtlich nehmen?
Mit dieser Frage haben sich Forscher der an der Goethe-Uni ansässigen Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft befasst. Den Wissenschaftlern diente die Erbschaftsregel als Ausgangspunkt für Überlegungen, wie verbindlich die normativen Aussagen des Korans für Gläubige generell sind. Das Thema, dem sich Farid Suleiman, Abdelaali El Maghraoui und Sara Rahman gewidmet haben, ist brisant. Denn gerne wird dem Islam unterstellt, er schreibe seinen Anhängern weit detaillierter als etwa das Christentum vor, wie sie zu leben hätten, um Gott wohlgefällig zu sein – und viele Muslime, so die Annahme, stellten diese Regeln über die Gesetze der Länder, in denen sie lebten.
Das Papier führt drei Möglichkeiten auf, wie der Erbschaftsvers interpretiert werden kann. Die erste geht davon aus, dass er eine als natürlich angenommene Geschlechterordnung widerspiegelt: Der Mann als Versorger von Frau und Familie „verdient“ einen größeren Erbteil. Entspricht die Wirklichkeit nicht (mehr) dieser Vorstellung, sollte nicht das Gebot geändert werden, sondern die Gesellschaft. Eine weniger fundamentalistische Deutung sieht in der koranischen Norm einen „Impuls für eine ideale Gesellschaftsordnung“. Nach dieser Lesart wäre sie für die Zeit ihrer Entstehung sogar als fortschrittlich anzusehen: Im vorislamischen Arabien seien Frauen gänzlich von der Erbfolge ausgeschlossen gewesen und hätten sogar selbst vererbt werden können.
Der dritte Ansatz schließlich akzeptiert, dass es unterschiedliche Gesellschaftsordnungen gibt, und sieht in den normativen Aussagen des Korans nur einen allgemeinen Rahmen, der je nach Land und Kultur unterschiedlich ausgefüllt werden kann – was freilich eine restriktive Deutung einschließt. Das gelte auch mit Blick auf die Geschlechterrollen: Der Koran habe seine direkte Hörerschaft „dort abgeholt, wo sie sich gesellschaftlich befand, nämlich in einem patriarchalischen System; jedoch hat er dieses System weder bestätigt noch verneint“.
Die Frage, welche normative Kraft der Koran hat – oder haben sollte – treibt auch Mohammed Nekroumi um. Der Professor für Islamisch-Religiöse Studien an der Uni Erlangen leitet eine Forschungsgruppe der Frankfurter Akademie, die sich mit diesem Problem beschäftigt. Nekroumi relativiert zunächst den Raum, den religiöse Gebote in der heiligen Schrift der Muslime einnehmen: „Zwei Drittel der insgesamt 114 Suren des Korans kann man als poetisch bezeichnen, sie sind mit den Psalmen der Bibel vergleichbar.“ Aus dem übrigen Drittel könnten zwar Normen abgeleitet werden. „Aber die ethischen Botschaften dort sind integriert in narrative Diskurse, sie enthalten oft keine Angaben zu Orten oder konkreten Geschehnissen, sondern geben zum Beispiel bestimmte Gefühlslagen wieder“, erläutert der Wissenschaftler. „Daher ist es problematisch, daraus Normen abzuleiten, die für alle Zeit und in jeder Gesellschaft gelten sollen.“ Nach Ansicht Nekroumis hat sich während des 9. Jahrhunderts im Islam eine „Kluft“ zwischen Spiritualität und Normativität geöffnet. „Damals ging die Macht von den Mystikern auf die Juristen über. Die Juristen wurden als Kaste über alle anderen Wissenschaften gestellt.“ Andere Strömungen seien marginalisiert, ihre Anhänger zum Teil verfolgt worden. „Doch trotz der Hegemonie der Politiker und Juristen existierte die Vielfalt weiter.“
Diese Pluralität stärker sichtbar zu machen, ist eine der Aufgaben, denen sich die Frankfurter Islam-Akademie verschrieben hat. 2017 gegründet und vom Bundesbildungsministerium sowie der Stiftung Mercator finanziert, versteht sie sich als Plattform für Forschungsprojekte und für den Austausch zwischen Islamwissenschaftlern und der Gesellschaft. Dies soll auch dem Ziel dienen, den Diskurs über den Islam zu versachlichen.
Nicht nur Nekroumis Ausführungen zeigen, dass die Akademie für ein liberales Religionsverständnis steht. Das spiegelt sich ebenso in den Forschungsgegenständen und den dafür bevorzugten Kooperationspartnern wider. „Wir wollen wissenschaftliche Akteure aus Europa und den USA zusammenführen“, erklärt Geschäftsführerin Raida Chbib. „Auf den Austausch mit klassischen muslimischen Ländern verzichten wir bewusst.“ Für viele Themen, mit denen sich die Akademie beschäftige, würden sich dort gar keine Anknüpfungspunkte finden: „Eine Gefängnisseelsorge zum Beispiel gibt es in Ägypten nicht.“
Nah am Leben der Gläubigen zu sein, halten auch die Verfasser des Aufsatzes zur Normativität des Korans für wichtig. Sie empfehlen, die entsprechenden Suren im islamischen Religionsunterricht zu behandeln und die Schüler anzuleiten, unterschiedliche Sichtweisen einzuüben – etwa in Rollenspielen. Die Pluralität der Perspektiven solle dabei wertgeschätzt werden. Allerdings stünden die Pädagogen vor der „Herausforderung, Sichtweisen, die außerhalb der Grenzen der Rechtsstaatlichkeit stehen, in ihrer Gültigkeit und Legitimität zu entkräften“, geben die Autoren zu. Wohl wahr: Auch mancher deutsche Islamlehrer dürfte schon erlebt haben, dass in solchen Diskussionen noch heiklere Fragen aufgeworfen werden als die nach der gottgewollten Erbfolge.
Nota. - 'Damals ging die Macht von den Mystikern auf die
Juristen über. Die Juristen wurden als Kaste über alle anderen
Wissenschaften gestellt.' Das scheint mir der springende Punkt zu sein. Wenn von islamischer Theologie die Rede ist, frage ich mich, was das sein soll. Die Schriftgelehrten sind Interpreten der koranischen Verhaltensvorschriften und als solche Juristen. Sie gehören sieben verschiedenen, aber offiziellen Rechtsschulen an - da gibt es eine Menge zu wissen, doch materiale Aussagen, an die man glauben könnte, wie etwa die christliche Dreifaltigkeit, kommen dort nicht vor, oder irre ich mich? Der nichtgelehrte einfache Gläubige steht mit seinen Annahmen den studierten Schriftauslegern jedenfalls hilflos gegenüber.
Anders wäre es bei den Mystikern. Für die gibt es überhaupt nur den Glauben, und den gewinnt man nicht durch Schriftkunde, sondern durch eigenes Erleben. Theologen, die eine kanonische Lehre erarbeiten, sind auch sie nicht, und in Nordafrika sind die dort seit dem Beginn der Islamisierung vorherrschen mystischen Schulen - eine 'Lehre' wird dort von Einem auf den Andern übertragen - das Hauptziel sunnitischer Terroristen.
Ja ja, in Wirklichkeit ist immer alles viel differenzierter und komplizierter, ich weiß. Eine oberste religiöse Autrorität, wie sie die Katholiken und die Ostkirchen kennen, kann es im Islam nicht geben, denn eine geweihte Priesterschaft setzt ein Sakrament voraus, und dergleichen gilt im Islam als heidnischer Aberglaube. Doch ohne verbindliche Instanzen kann eine Glaubenslehre die Gesellschaft nicht ordnen. Die persischen Mullakratie ist eine Hybride, und immer wieder heißt es, sie stünde kurz vor dem Ende. Doch darauf verzichten, die Gesellschaft zu ordnen, kann der Islam auch nicht - dafür kann er neben Verhaltensvorschriften nicht genügend Glaubensstoff anbieten.
PS. Das schwerste Kreuz (sic) einer islamischen Theologie ist wohl der Glaubenssatz, beim Koran handle es sich um Gottes ureigenste Worte, die der Erzengel Gabriel dem schlafenden Propheten direkt auf die Zunge gelegt hat. Solange das, und sei es metaphorisch, weitergilt, scheint mir eine liberale Auslegung, die nicht feige und verlogen wirkt, gar nicht möglich. Ich wüsste gern, wann dieser Glaubenssatz Eingang in den offiziösen Kanon gefunden hat. Im Koran selbst kann er ja nicht gut stehen. Und wenn doch, wären sie beide nicht zu retten.
JE
chinesisches Hu-Gefäß aus derStandard.at, 2. 9. 2021
Bierbrauen hat in Europa eine jahrhundertelange Tradition. Brauereien beziehen sich dabei oft auf Reinheitsgebote, denen zufolge das Bier nur bestimmte Substanzen enthalten darf – meist sind es Variationen der Zutaten Hopfen, Malz, Gerste, Hefe und Wasser. So strikt wird die Definition unter Archäologinnen und Archäologen, die die jahrtausendealte Geschichte vergorener Getränke untersuchen, nicht ausgelegt: Eine nun veröffentlichte Studie, die schon im Titel dezidiert Bierkonsum vor 9.000 Jahren in China beschreibt, lässt dabei auch Reisbier gelten.
In der Studie von Jiajing Wang von den US-Universitäten Stanford und Dartmouth und ihrem Team wurden getöpferte Gefäße von einer Grabstätte im ostchinesischen Qiaotou unter die Lupe genommen. In einer Art Grabhügel wurden nämlich nicht nur zwei menschliche Skelette entdeckt, sondern auch bemalte Keramiken, die wohl als Trinkgefäße benutzt wurden. Sie dürften den Forschenden zufolge nicht nur zu den "ältesten bekannten bemalten Töpferwaren der Welt" gehören, sondern auch zum Konsum von Alkohol verwendet worden sein.
Darauf liefert nicht nur die Form von sieben der 20 Gefäße einen Hinweis, da die sogenannten "Hu-Gefäße" eher in späteren Epochen für diesen Zweck genutzt wurden. Das Archäologieteam untersuchte auch mikrofossile Rückstände aus dem Inneren der Gefäße, um die Getränkeart einzugrenzen. Dabei zeigten sich botanische und mikrobielle Spuren – etwa von Stärkekörnchen, Hefe und Schimmel. Diese stimmen mit Rückständen aus der Biergärung überein und kommen so natürlicherweise nicht etwa im Boden vor – außer wenn Alkohol im Spiel ist.
"Unsere Ergebnisse ergaben, dass die Tongefäße zur Aufbewahrung von Bier im weitesten Sinne verwendet wurden", sagt Wang. Dabei habe es sich um ein fermentiertes Getränk gehandelt, das Reis, eine Getreidepflanze namens Hiobsträne sowie unidentifizierte Knollenfrüchte enthielt. Entsprechend hätte das steinzeitliche Bier nicht wie heute übliche Biersorten geschmeckt: "Stattdessen war es wahrscheinlich ein leicht fermentiertes und süßes, trübes Getränk", sagt die Archäologin, die sich mit früher Alkoholproduktion befasst.
Dabei gilt Bier als Überbegriff für fermentierte Getränke aus stärkehaltigen Substanzen, die in einem zweistufigen Prozess verarbeitet werden: Erst verwandeln Enzyme die Stärke in Zucker, dann kommen Hefepilze zum Einsatz, die den Zucker vor allem in Alkohol und Kohlendioxid umwandeln. Im chinesischen Steinzeitbier wurde vermutlich Schimmelpilz verwendet, um beide Prozesse anzutreiben. Das stellt den ältesten Hinweis auf diese Verwendung von Schimmel beim Bierbrauen dar, schreibt die Forschungsgruppe. Dieser ist dem Schimmel ähnlich, der auch zur Herstellung von Sake und anderen fermentierten Reisgetränken verwendet wird.

Aufgrund der Fundstelle bei einer Grabstätte mutmaßt die Gruppe, dass der Bierkonsum außerdem mit einem Bestattungsritual zu Ehren der Toten in Verbindung steht. Und da das Ernten und Verarbeiten von Reis einen recht hohen Arbeitsaufwand mit sich bringt, könnte das Getränk eher für besondere Anlässe hergestellt worden sein. Das ist auch im Kontext der Lebensweise relevant: Vor 9.000 Jahren lebten die meisten Gemeinschaft noch nicht sesshaft, sondern jagend und sammelnd. Auch die Kultivierung und Domestizierung der Reispflanze schritt etwa von vor 10.000 bis vor 6.000 Jahren voran.
Es mehren sich allerdings die (teilweise mehr als 100.000 Jahre zurückreichenden) Indizien dafür, dass Kohlenhydrate wie Getreide auch auf dem Steinzeit-Speiseplan der Menschen standen und sich Jäger und Sammlerinnen nicht – wie im Rahmen der sogenannten Paläo-Diät behauptet – nur von Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse und Nüssen ernährten. An der 11.600 Jahre alten Tempelfundstätte von Göbekli Tepe in der heutigen Türkei entdeckten Forschende Mahlsteine, die sich besonders gut zum Erzeugen von Brei und Bier geeignet haben dürften. Für Mehl, um Backwaren herzustellen, waren sie aber wohl eher suboptimal, schrieb die Archäologin Laura Dietrich vom Deutschen Archäologischen Institut Berlin.
Zusammen mit ihrem Team kochte und braute sie selbst in Experimenten nach, was die Menschen vor knapp 12.000 Jahren anhand der gefundenen Utensilien hergestellt haben könnten. Ihr neolithisches Malzbier aus handgeschrotetem und gekeimtem Getreide war "ein bisschen bitter, aber trinkbar, wenn du Durst hast und in der Jungsteinzeit lebst", sagt Dietrich.
Die gut gemachten Reibsteine und weitere Werkzeuge zur Verarbeitung sind für sie wichtige Indizien dafür, dass Getreide schon vor dem Ackerbau als Wildpflanze zu den Grundnahrungsmitteln zählte: "Die Menschen in Göbekli Tepe wussten, was sie taten und wie man mit Getreide umzugehen hat. Über die Phase des Experimentierens waren sie hinaus." Deshalb geht sie auch nicht davon aus, dass – wie zuvor vermutet – bei den Tempel-Festmahlen nur gegrillte Tiere und Unmengen an Bier konsumiert wurden, sondern dass Getreidebrei ebenfalls wichtig war. Noch etwas älter dürften Funde im heutigen Israel sein, wo ein bierartiges Getränk schon vor 13.000 Jahren gebraut wurde.
Im Gegensatz zu Tierknochen sind die Spuren des Konsums allerdings meist schwieriger zu finden. Der Archäobotaniker Andreas Heiss von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) befasst sich von Berufs wegen mit alten Speiseresten. Verbranntes ist bisher erst wenig untersucht worden: "Es handelt sich einfach um kompliziertes Material – fragiles, hässliches Zeug. Die meisten Forscher schrecken schlicht davor zurück."
Mit seiner griechischen Kollegin Soultana Valamoti untersuchte er trotzdem ungewöhnliche, mehr als 5.000 Jahre alte Brandreste, die an Fundstellen in Süddeutschland und der Schweiz auftraten. Der mikroskopische Vergleich mit ähnlich alten Spuren aus ägyptischen Brauereien zeigte: Die besonders dünnen Zellwände der Körner weisen auf das Keimen oder Mälzen hin, das zur Herstellung von Bier eine wichtige Rolle spielt. In der Alpenregion wurde das Bierbrauen so auch für die Jungsteinzeit nachgewiesen – in einer Publikation mit dem klingenden Titel "Mashes to mashes, crust to crust".
Links
Plos One: "Early evidence for beer drinking in a 9000-year-old platform mound in southern China" (Open Source)
Nature/Spektrum: "Brot, Brei und Bier vor dem Ackerbau"
aus spektrum.de, 5. 8. 2021 Göbekli Tepe
Paläodiät
Brot, Brei und Bier vor dem Ackerbau
Nicht
erst als Menschen zum Feldbau übergingen, mahlten sie Getreide zu Mehl
und backten Brot. Schon Jäger und Sammler stellten im großen Stil Brei
und Bier her
von Andrew Curry
An
klaren Tagen reicht die Sicht von den Ruinen des Göbekli Tepe bis hin
zur 50 Kilometer entfernten syrischen Grenze. Die archäologische Stätte
im Süden der Türkei, die auf dem höchsten Punkt einer Bergkette liegt,
wird oft als der »älteste Tempel der Welt« bezeichnet. 11 600 Jahre
reichen die T-förmigen Säulen und kreisförmigen Einfriedungen zurück.
Sie sind damit älter als die frühesten Tongefäße im Vorderen Orient.
Die Erbauer
des Monuments lebten zu einer Zeit, als ein bedeutender Moment in der
Menschheitsgeschichte nahte: die Neolithische Revolution. Damals
begannen Menschen, allmählich Ackerbau zu betreiben, Nutzpflanzen und
Tiere zu züchten. Doch nicht so auf dem Göbekli Tepe. An dem Fundplatz
gibt es bisher keine Spuren von domestiziertem Getreide. Offenbar waren
die »Tempelbesucher« noch nicht zum Feldbau übergegangen. Vielmehr
lebten sie von der Jagd, wie zahlreiche Tierknochen belegen. Auf dem
Göbekli Tepe kamen vermutlich Gruppen von Jägern und Sammlern aus der
weiteren Umgebung zusammen und begingen üppige Feste mit reichlich
gebratenem Fleisch. Und vielleicht gaben derartige Gelage erst den
Anlass, die beeindruckende Architektur zu errichten.
In der
Archäologie hat diese These seit Langem Bestand. Bis vor einigen Jahren.
Denn die Beweislage hat sich geändert – dank Forscherinnen und
Forschern wie Laura Dietrich vom Deutschen Archäologischen Institut in
Berlin. Über die letzten vier Jahre hinweg hat sie herausgefunden,
dass sich die Erbauer von Göbekli Tepe bottichweise von Brei und
Eintopf ernährten – und das Getreide dafür in fast industriellem Maßstab
gemahlen und verarbeitet haben. Demnach standen Körner schon viel
früher auf dem Speiseplan als bislang vermutet – zu einer Zeit, als noch
kein Mensch Getreide domestiziert hatte.
>Dietrichs
Arbeit reiht sich ein in eine wachsende Zahl von Forschungsprojekten,
die sich mit der Rolle von Getreide und anderen stärkehaltigen
Nahrungsmitteln in der menschlichen Ernährungsgeschichte befassen. Dafür
wenden die Wissenschaftler verschiedene Methoden an. Sie untersuchen
winzige Gebrauchsspuren an Werkzeugen oder sequenzieren die Überbleibsel
alter DNA an Tongefäßen. Manche Forscher kochen sogar 12 000 Jahre alte
Speisen experimentell mit steinzeitlichen Methoden nach. Die
Archäologenzunft blickt aber noch weiter in die Vergangenheit. Gut
möglich, dass Menschen schon vor mehr als 100 000 Jahren stärkehaltige
Pflanzen gegessen haben.
Die
jüngsten Entdeckungen bringen eine alte Vorstellung ins Wanken: Dass
Menschen sich in der Frühzeit vor allem von Fleisch ernährt haben.
Ernährungstrends wie der Paläodiät, die zum Verzicht auf Getreide und
andere stärkehaltige Nahrungsmittel rät, hat diese These viele Anhänger
verschafft. Doch mittlerweile stellen Archäologen das Gegenteil fest:
»Wir haben genügend Belege beisammen, die uns zeigen, dass wir die ganze
Zeit eine komplette Lebensmittelkategorie übersehen haben«, sagt Dorian
Fuller, Archäobotaniker am University College London.
Stein um Stein | Die Archäologin Laura Dietrich
dokumentiert im »Steingarten« von Göbekli Tepe Reibsteine und Tröge.
»Alle, die schon einmal etwas gekocht haben, wissen: Manchmal brennt auch was an« (Lucy Kubiak-Martens, Archäobotanikerin, BIAX Consult Biological Archaeology & Environmental Reconstruction)
Den Steinen von Göbekli Tepe ihren einstigen Zweck zu entlocken, ist knifflig. Fleischmahlzeiten hinterlassen sehr viel deutlichere Spuren. Schlicht weil die Knochen von geschlachteten Tieren häufiger und besser die Zeiten überdauern als Getreide oder pflanzliche Kost. Und da organische Reste derart fragil sind, erweist sich die Archäobotanik – die Wissenschaft davon, wie Menschen einst Pflanzen nutzten – als mühselige und zeitintensive Arbeit: Die Spezialisten rücken normalerweise mit Eimern, Sieben und feinen Netzen an, um die Grabungserde auszuschwemmen. In Wasser sinken die schweren Erd- und Steinbröckchen ab, winzige organische Reste wie Samen, verkohltes Holz und verbranntes Essen schwimmen obenauf. Doch das meiste, was die Archäobotaniker herausfischen, sind Überreste von ungekochten Nahrungsmitteln. Grassamen, Getreidekörner oder Traubenkerne, die sich immerhin zählen und bestimmen lassen. Auf diese Weise zeigt sich, welche Vegetation einst im Umfeld eines Fundplatzes vorherrschte. Liegen nun auffällig große Mengen einer Art vor, scheint es sich um eine Nutzpflanze gehandelt zu haben, die Menschen vielleicht sogar angebaut hatten.
Mit die frühesten Belege für die Domestizierung von Pflanzen sind Körner des Einkorns. Exemplare kamen auch in der Nähe von Göbekli Tepe ans Licht. Sie unterscheiden sich sowohl äußerlich als auch genetisch geringfügig von der Wildform des Weizengetreides. Der Einkorn aus Göbekli Tepe hingegen gleicht der Urform. Folglich hatte man dort noch keine Getreide gezüchtet oder stand noch ganz am Anfang. Allerdings vermuten Experten auch, dass es Jahrhunderte dauerte, bis sich die Form der Körner durch die Zucht veränderte.
Was sich deutlich schwieriger nachweisen lässt, sind gekochtes Gemüse oder Getreide. Allerdings haben Archäologen eine weitgehend unbeachtete Quelle ausfindig gemacht, um einstige Gerichte zu identifizieren: verkohlte Speisereste. Also das, was übrig blieb, wenn der Eintopf zu lange auf dem Feuer stand, Brotstücke durch den Rost fielen oder ein ganzer Laib im Ofen verbrannte. »Alle, die schon einmal etwas gekocht haben, wissen: Manchmal brennt auch was an«, erklärt die Archäobotanikerin Lucy Kubiak-Martens von der Firma BIAX Consult Biological Archaeology & Environmental Reconstruction im niederländischen Zaandam.
Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Geschichte: 3/2021 Salzmumien
Der Weg, dies zu ändern, führt an den Herd. Diese Idee hatte jedenfalls Soultana Valamoti, die als Archäobotanikerin an der Aristoteles-Universität im griechischen Thessaloniki arbeitet. Nicht ganz zufällig ist Valamoti leidenschaftliche Köchin. In den ersten Jahren ihrer Forscherkarriere hat sie in ganz Griechenland Eimer und Siebe von Ausgrabungsstätte zu Ausgrabungsstätte geschleppt und dabei Museumsdepots nach alten Pflanzenresten durchsucht. Valamoti war überzeugt davon, dass verbrannte Speisereste ein unerschlossenes und ergiebiges Feld der Archäologie darstellten. Wenn man nur einen Weg finden würde, sie analytisch identifizieren zu können.
Deciphering
ancient ‘recipes’ from charred cereal fragments: An integrated
methodological approach using experimental, ethnographic and
archaeological evidence
Schon vor mehr als zwei Jahrzehnten wandelte Valamoti daher
ihr Labor in eine Versuchsküche um. Sie zerrieb Weizen, kochte Bulgur
daraus und ließ ihn auf dem Herd verbrennen, um einen jahrtausendealten
Küchenunfall zu simulieren. Tatsächlich ähnelten ihre verbrannten Reste
4000 Jahre alten Proben aus einer Fundstelle in Nordgriechenland. Diese Art der Getreidezubereitung hat ihren Ursprung demnach mindestens in der Bronzezeit.
Brot, Brei und Bulgur kontrolliert verbrennen lassen
Valamoti experimentierte jahrelang weiter. Seit 2016 konnte sie dank eines Zuschusses des Europäischen Forschungsrats eine Referenzsammlung mit mehr als 300 knusprig verkohlten Proben aus alten Zeiten und experimentell hergestellten Äquivalenten anlegen. Sie mischte Teig, backte Brot, kochte Brei, Bulgur und ein traditionelles griechisches Gericht namens Trachana aus alten Weizensorten und Gerste – und ließ alle Speisen im Ofen unter kontrollierten Bedingungen verbrennen.
»Es war das Fastfood der Vergangenheit« (Soultana Valamoti, Archäobotanikerin, Aristoteles-Universität Thessaloniki)
Anschließend betrachtete sie die Stücke im Mikroskop, vergrößert auf das 750- bis 1000-Fache, um typische Veränderungen in der Zellstruktur ausfindig zu machen, die beim Kochen, Backen und Garen entstehen. In starker Vergrößerung unterscheiden sich die Körner, je nachdem ob sie gekocht wurden oder frisch waren, ob sie gemahlen oder ganz belassen wurden, ob sie getrocknet oder eingeweicht waren. Beim Brotbacken zum Beispiel bilden sich spezielle Blasen, beim Kochen hingegen geliert die Stärke im Getreide, bevor es dann verkohlt, sagt Valamoti. »All das können wir im Rasterelektronenmikroskop erkennen.«
Durch ihre Experimente und
den Vergleichen mit prähistorischen Proben hat Valamoti mehr
herausgefunden als mit der reinen Bestimmung von Pflanzenarten möglich
wäre. Sie hat die Kochmethoden und Gerichte des bronzezeitlichen
Griechenlands rekonstruiert. Offenbar haben die Menschen dort seit
mindestens 4000 Jahren Bulgur gegessen, wie sie in einer Studie von 2021 schreibt.
Man kochte Gerste oder Weizen und ließ das Getreide trocknen, um es
später bei Bedarf einzuweichen. So »konnte man die Ernte in großen
Mengen verarbeiten und die Vorteile der heißen Sonne nutzen«, sagt
Valamoti. »Die Menschen zehrten so übers ganze Jahr hinweg von ihrem
Getreide. Es war das Fastfood der Vergangenheit«, so die
Archäobotanikerin.
Die Pflanzenkost steckt in den Genen
Andere
Forscher suchen ebenfalls nach den Spuren uralter Missgeschicke am
Herdfeuer. Überreste angebrannter Speisen »liefern uns den unmittelbaren
Beleg für ein Nahrungsmittel«, sagt Amaia Arranz-Otaegui. Das
Forschungsfeld der Food Archaeology käme »einer Revolution gleich«,
davon ist die Archäobotanikerin am Pariser Museum für Naturgeschichte
überzeugt. Die Lebensmittel würden »eine völlig neue Informationsquelle
bieten«. Zuvor fanden sich kaum Belege, dass etwa Frühmenschen auch
Pflanzen aßen. Zwar »haben wir immer vermutet, dass die frühen Homininen
und der frühe Homo sapiens sich von Stärke ernährten, wir hatten aber keine Beweise dafür«, betont Lucy Kubiak-Martens.
Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Geschichte: 1/2021 Der Eroberungszug der Bauern
Dass Menschen schon lange von stärkehaltiger Nahrung zehren, untermauern genetische Daten. Im Erbgut des Homo sapiens
finden sich verglichen mit anderen Primaten mehr Kopien jenes Gens, das
Enzyme zur Verdauung von Stärke produziert. »Der Mensch hat bis zu
20 Kopien, der Schimpanse nur zwei«, sagt Cynthia Larbey,
Archäobotanikerin an der University of Cambridge, die an der entsprechenden Studie aus dem Jahr 2016 beteiligt war.
Diese genetische Anpassung in der menschlichen Abstammungslinie prägte
die Ernährung unserer Vorfahren – und die heutiger Menschen.
»Stärkehaltiges Essen scheint für den Homo sapiens einen Selektionsvorteil geboten zu haben«, erklärt Larbey.
Auf der Suche nach handfesten archäologischen Belegen sah sich die Forscherin zirka 120 000 Jahre alte Herdstellen in Südafrika an. Sie pickte teils erdnussgroße Reste verkohlter Pflanzen aus den Befunden und analysierte die Stücke. Und tatsächlich: Im Rasterelektronenmikroskop identifizierte sie Zellgewebe von stärkehaltigen Gewächsen. Damit hatte Larbey den frühesten Beleg ausfindig gemacht, dass Menschen Stärke enthaltende Gerichte kochten. »Von vor 65 000 bis vor 120 000 Jahren bereiteten sie so Wurzeln und Knollen zu«, sagt Larbey. Die Belege decken einen bemerkenswert langen Zeitraum ab, vor allem im Vergleich zu den tierischen Überresten der gleichen Fundstelle. »Im Lauf der Zeit änderten sich zwar die Jagdtechniken und -strategien, aber man kochte und aß immerfort Pflanzen.«
Die frühen Menschen ernährten
sich offenbar ausgewogen: Sie nutzten stärkehaltige Pflanzen als
Kalorienquelle, wenn wenige Wildtiere umherstreiften oder schwer zu
erlegen waren. »Und wenn man in neue Ökosysteme vorgedrungen und dort in
der Lage war, Kohlenhydrate zu finden, dann hatte man sich gleich ein
wichtiges Grundnahrungsmittel gesichert«, fügt Larbey hinzu.
Vegetarische Mahlzeiten im Zahnstein der Neandertaler
Schon bei den Neandertalern dürfte die pflanzliche Ernährung eine wichtige Rolle gespielt haben. 2011 untersuchte die Paläoanthropologin Amanda Henry von der Universität Leiden den Zahnbelag solcher Frühmenschen, die vor rund 40 000 bis 46 000 Jahren im heutigen Iran und in Belgien gelebt haben. Im Zahnstein steckten Mikrofossilien von Pflanzen. Offenbar hatten sowohl die Neandertaler in Europa als auch die im Vorderen Orient stärkehaltige Nahrung wie Knollen, Getreide oder Datteln gekocht und gegessen. »Pflanzen sind in unserer Umwelt allgegenwärtig«, sagt Henry. »Daher ist es keine Überraschung, dass wir sie nutzen.«
»Die altmodische Vorstellung, Jäger und Sammler hätten keine Stärke gegessen, ist Unsinn« (Dorian Fuller, Archäobotaniker, University College London)
Im Mai 2021 berichteten Paläogenetiker um Christina Warinner von der Harvard University, dass es ihnen gelungen war, bakterielle DNA aus dem Zahnbelag von Neandertalern zu extrahieren. Darunter befand sich eine Probe vom Zahn eines Individuums, das vor 100 000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Serbien gelebt hatte. Einige der identifizierten Bakterienarten sind in der Lage, Stärke in Zucker aufzuspalten. Vermutlich hatten sich die Neandertaler also bereits an eine pflanzliche Ernährung angepasst. Im Zahnstein früher anatomisch moderner Menschen fand sich ein ähnliches Mikrobiom. Offenbar ernährten auch sie sich von stärkehaltigen Pflanzen.
Diese Erkenntnisse widersprechen der weit verbreiteten Meinung, unsere Vorfahren hätten ihre Zeit am Lagerfeuer verbracht und dabei nur Mammutsteaks verspeist – Stichwort Paläodiät. Deren Anhänger fordern, auf Getreide oder Kartoffeln zu verzichten, weil sich unsere Jäger-und-Sammler-Vorfahren nicht davon ernährt hätten; sie evolutionär nicht darauf eingestellt gewesen seien. Doch inzwischen ist klar, dass seit der Altsteinzeit verschiedene Menschenformen, sobald sie das Feuer kontrollieren konnten, auch kohlenhydrathaltige Nahrung zubereiteten und verspeisten. »Die altmodische Vorstellung, Jäger und Sammler hätten keine Stärke gegessen, ist Unsinn«, sagt Archäobotaniker Dorian Fuller.
Um
herauszufinden, wie Menschen einst am Herdfeuer werkelten, wollen
Archäologen die Köche selbst genauer erforschen. Schon länger
beschäftigen sich Wissenschaftler mit dem Haushalts- und Alltagsleben
vergangener Kulturen. »Wir versuchen Informationsquellen zu finden, die
uns mehr über diese Menschen verraten, die in Schriftquellen nicht
vorkommen«, erklärt die Archäologin Sarah Graff von der Arizona State
University in Tempe. Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Geschichte: 6/2020 Europas erste Metropolen
Stießen Forscher bisher auf pflanzliche Überreste, stuften
sie die Funde meist als »Ökofakte« ein – als natürliche, eher zufällig
entstandene Objekte. Samen, Pollen und verbranntes Holz dienten vor
allem dazu, die Vegetation einer Region zu rekonstruieren. Mittlerweile
hat sich das geändert. Nahrungsreste geben Aufschluss über Tätigkeiten,
die handwerkliches Können, gewisse Fähigkeiten und absichtsvolles
Handeln voraussetzen. »Der Fund eines zubereiteten Lebensmittels muss in
erster Linie als Artefakt verstanden werden, und an zweiter Stelle als
zu bestimmende Pflanzenart«, meint Fuller. »Erhitzt, fermentiert,
eingeweicht – die Tätigkeit, Nahrung zuzubereiten, ist durchaus mit den
Töpfern von Keramik vergleichbar.«
Weil Archäologen immer enger mit Forschern aus Nachbardisziplinen zusammenarbeiten, tun sich immer mehr erstaunliche Parallelen über Zeiten und Kulturen hinweg auf. In Baden-Württemberg und der Schweiz etwa entdeckten Ausgräber an neolithischen, mehr als 5000 Jahre alten Fundstellen ungewöhnlich geformte Brandreste. Auf den ersten Blick schien es, als wäre der Inhalt eines großen Tongefäßes so lange erhitzt worden, bis die Flüssigkeit verdampft war und sich der organische Stoff einbrannte. Zunächst vermuteten die Ausgräber, dass die verkohlten Krusten aus Vorratsgefäßen für Getreide stammten, die bei einem Feuer zerstört wurden. Im Rasterelektronenmikroskop fiel aber auf, dass die Zellwände einzelner Körner ungewöhnlich dünn waren. Hier schien etwas anderes vorgefallen zu sein.
Heiss und Valamoti verglichen die Reste mit solchen aus altägyptischen Brauereien, die etwa derselben Zeit angehören. Ihr Fazit: Die dünnen Zellwände waren durch Keimen oder Mälzen entstanden, eine wichtige Phase im Brauprozess. Die frühen Bauern der Alpenregion hatten demnach Bier gebraut. »Wir kamen zu einem völlig anderen Ergebnis, als anfangs angenommen«, sagt Heiss.
Die Kunst des Brotbackens scheint noch weiter zurückzugehen als das Brauerhandwerk. Arranz-Otaegui forschte an einem 14 500 Jahre alten Fundort in Jordanien, als sie verbrannte Stückchen von »möglichen Nahrungsmitteln« aus den Feuerstellen einstiger Jäger-und-Sammler-Kulturen klaubte. Sie legte die schwarzen Reste in ein Rasterelektronenmikroskop und zeigte Aufnahmen davon der Archäobotanikerin Lara González Carretero vom Museum of London Archaeology. González Carretero arbeitet am neolithischen Siedlungsplatz Çatalhöyük in der Türkei, wo sie nach Spuren von Brotbäckern sucht. Die beiden Forscherinnen waren erstaunt, als sie die verkohlten Fragmente aus Jordanien in Vergrößerung sahen: Sie entdeckten ebenjene Blasen, wie sie für Brot typisch sind.
Die meisten Archäologen gehen davon aus, dass Brot erst mit der Neolithischen Revolution auf den Speiseplan des Menschen kam. Getreidezucht und Ackerbau etablierten sich aber 5000 Jahre, nachdem Brotkrumen ins Herdfeuer der Jäger und Sammler fielen. Wie es scheint, hatten die frühen Bäcker in Jordanien wilden Weizen verarbeitet.
Der
Fund könnte erklären, warum sich die Neolithische Revolution überhaupt
ereignete; sie weltweit, unabhängig voneinander, mehrfach und zu
unterschiedlichen Zeiten vonstattenging. Bevor es den Feldbau gab, war
Brot womöglich ein Luxusprodukt gewesen. Es erforderte viel Zeit und
mühsame Arbeit, genügend Wildgetreide zu sammeln. Vielleicht lieferte
der Aufwand den Anlass, den »Broterwerb« zu beschleunigen.
Arranz-Otaegui ist überzeugt davon, dass der Bedarf an Brot – zumindest
im Vorderen Orient – zur Domestizierung des Weizens führte. Weil man
nach einem Weg gesuchte hatte, stets genug Brot backen zu können. »Was
wir in Jordanien herausgefunden haben, ändert auch unser Bild vom großen
Ganzen«, erklärt Arranz-Otaegui. »Eine der wichtigsten Fragen in der
Archäologie lautet: Was hat den Übergang zur Landwirtschaft bewirkt? Und
jetzt sehen wir, dass Jäger und Sammler Getreide nutzten.«
Uralter Herd | An dieser Feuerstelle am Fundplatz
Shubayqa 1 in Jordanien entdeckten Forscherinnen und Forscher verbrannte
Reste von Brot. Das verkohlte Gebäck ist älter als die frühesten
Nachweise für Ackerbau
Als nächster Punkt auf dem Menü der Archäobotaniker steht
das prähistorische Salatbüffet – ebenfalls ein vernachlässigter Bereich
einstiger Ernährungsweisen. Derzeit tüfteln Forscher an Methoden, um
Spuren von rohem Gemüse nachzuweisen. Ungegartes Grünzeug zeichnet sich
nämlich noch seltener im archäologischen Fundspektrum ab als erhitzte
Samen und Körner. Lucy Kubiak-Martens nennt es das Missing Link in der
Forschung über prähistorische Ernährungsgewohnheiten. »Es gibt keine
Möglichkeit, anhand verkohlter Speisereste nachzuweisen, dass Menschen
einst grünen Salat verzehrten.« Aber es gibt zumindest eine vermutlich
auskunftsfreudige Fundgattung: »Sie wären überrascht, wenn Sie wüssten,
wie viel grünes Gemüse sich in menschlichen Koprolithen finden lässt«,
sagt Kubiak-Martens. Die Rede ist von fossilierten oder konservierten
Fäkalien. Die niederländische Forscherin erhielt 2019 eine Förderung, um
6300 Jahre alte Koprolithen zu untersuchen, die sich in
Feuchtbodengebieten der Niederlande erhalten haben. Die
Wissenschaftlerin hofft, dass die Ausscheidungen preisgeben, was bei den
frühen Bauern Europas aufgetischt wurde.
Einige Forscher scheuen keine Mühen, die vorgeschichtlichen Ernährungsgewohnheiten aufzudecken. Wie im Fall von Göbekli Tepe. Dort kamen kaum organische Überreste ans Licht – und damit viel zu wenig, um die damalige pflanzliche Kost zu rekonstruieren. Aus diesem Grund ging Laura Dietrich das Problem anders an. Anstatt die Speisen von damals nachzukochen, nahm sie die überlieferten Küchenutensilien und bildete sie nach.
In ihrer Experimentierküche in Berlin demonstriert Dietrich ihr Verfahren, das nicht nur viel Zeit fordert, sondern auch großen Körpereinsatz. Aus schwarzem Basalt hat sie einen handlichen Reibstein ungefähr so groß wie ein Brötchen gefertigt. Dietrich fotografiert das Stück aus 144 verschiedenen Blickwinkeln. Dann mahlt sie Mehl. Acht Stunden lang zerreibt sie mit dem Basalt vier Kilogramm Einkorn. Anschließend lichtet Dietrich den auch als Läufer bezeichneten Stein erneut ab. Sie lädt die Bilder in ein Softwareprogramm, das daraus zwei 3-D-Modelle kreiert. Ihr Fazit: Das Mahlen von feinem Mehl, das zum Brotbacken taugt, hinterlässt andere Spuren auf der Steinoberfläche als wenn das Getreide nur grob zerrieben wird, etwa um Brei zu kochen oder Bier zu brauen.
Das Bier von Göbekli Tepe – »ein bisschen bitter, aber trinkbar, wenn du Durst hast und in der Jungsteinzeit lebst« (Laura Dietrich, Archäologin, Deutsches Archäologisches Institut Berlin)
Nachdem die Archäologin mittlerweile Tausende von Reibsteinen in der Hand hatte, spürt sie oft schon beim Anfassen, wofür sie einmal verwendet wurden. »Ich berühre die Steine, um die Abnutzungsspuren zu ertasten«, sagt sie. »Die Finger können Veränderungen auf der Nanoebene fühlen.« Dietrich verglich die Gebrauchsspuren an ihren Kopien mit denen an Läufern im Steingarten von Göbekli Tepe. Dabei fand sie heraus, dass mit den dortigen Exemplaren nur selten feines Brotmehl gemahlen wurde. Viel häufiger hatten die Menschen das Getreide nur grob zerrieben, wie Dietrich 2020 in einer Studie beschreibt. Gerade ausreichend genug, um die harte Außenschale, die Kleie, aufzubrechen. So ließ sich das Getreide leichter zu Brei kochen oder zu Bier vergären.
Die Forscherin wollte ihre Hypothese prüfen. Sie beauftragte einen Steinmetz, einen Steinbottich aus Göbekli Tepe mit einem Fassungsvermögen von 30 Litern nachzubilden. Zusammen mit ihrem Team kochte Dietrich 2019 damit Brei, indem sie heiße Steine in den Behälter legte. In dem Gefäß braute sie auch neolithisches Bier aus handgeschrotetem gekeimtem Getreide, also aus Malz. Was dabei herauskam, war »ein bisschen bitter, aber trinkbar«, findet Dietrich, »wenn du Durst hast und in der Jungsteinzeit lebst.«
Was ging vor 12 000 Jahren in Göbekli Tepe vor sich? Offenbar etwas, das Archäologen eigentlich sehr viel später vermuten. Die Reibsteine und Tröge belegen, dass sich die Erbauer der Stätte mit dem wilden Getreide gut auskannten und wussten, wie man es zubereitet. Im Grund waren sie bereits frühe Bauern, obwohl sie nicht über domestizierte Nutzpflanzen verfügten. »Das sind die besten Reibsteine überhaupt – und ich habe schon viele Reibsteine gesehen«, sagt Dietrich. »Die Menschen in Göbekli Tepe wussten, was sie taten und wie man mit Getreide umzugehen hat. Über die Phase des Experimentierens waren sie hinaus.«
Dietrichs Experimente haben die Deutung des Göbekli Tepe gewandelt. Zuvor gingen die meisten Archäologen davon aus, dass sich auf dem Hügel zahlreiche Jäger zu Festzeiten traf, gegrillte Antilope verspeisten und dazu bottichweise lauwarmes Bier tranken. »Keiner hat die Möglichkeit erwogen, dass hier im großen Stil pflanzliche Kost konsumiert wurde«, sagt Dietrich.
In einer Studie aus dem Jahr 2020
legt sie dar, dass das »Grillen-und-Bier«-Szenario für Göbekli Tepe
ganz und gar nicht zutrifft. Die vielen Werkzeuge zur
Getreideverarbeitung zeigen, dass dort schon vor dem Übergang zum
Ackerbau Getreide zu den Grundnahrungsmitteln zählte – und nicht nur in
vergorener Form als gelegentliches Genussmittel. Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Geschichte: 1/2020 Unsere geheimnisvollsten Stätten
© Springer Nature Limited
Nature, 10.1038/d41586-021-01681-w, 2021
Nota. - Das würde ja auch wirklich nicht viel Sinn ergeben: Erst wurden die Menschen sess-haft und bauten Getreide an, und dann erfanden sie Brot und Bier... Andersrum ist es plausib-ler. Und es würde das alte Rätsel lösen: Warum in Gottes Namen haben die Menschen den Ackerbau erfunden? Das war doch harte Arbeit, und auf die Dauer hat es mehr Schaden als... Na ja.
JE
aus spektrum.de, 1. 9. 2021 Jubbah-Oase
Forschende um
Michael Petraglia und Huw Groucutt vom Max-Planck-Institut für
Menschheitsgeschichte in Jena fanden heraus, dass es mindestens fünf
solcher grünen Zeitfenster gab, in denen verschiedene Menschenformen – Homo erectus, Neandertaler und Homo sapiens –
auf die Arabische Halbinsel gelangten, sich womöglich begegneten und
auch vermischt haben könnten: vor zirka 400 000 Jahren, dann vor
300 000, 200 000, 130 000 bis 75 000 Jahren und vor ungefähr
55 000 Jahren. Von der Halbinsel, so vermuten die Wissenschaftler,
wanderten Gruppen auch weiter. So gelangten Menschen in mehreren Wellen
in andere Winkel der Welt. Ihre These beruht auf Grabungsergebnissen aus
der Nefud-Wüste, wie die Wissenschaftler um Petraglia in der aktuellen Ausgabe von »Nature«
berichten. Dort, im Norden Saudi-Arabiens, haben die Ausgräber die
Sedimente einstiger Seen frei gelegt und in den Schichten Steinwerkzeuge
und Tierfossilien dokumentiert.
Die Sanddünen wichen einer Savanne
»Eine
so lange Abfolge von Belegen für eine steinzeitliche Besiedlung in der
heutigen Wüste, die sich damals in eine Savannenlandschaft verwandelte –
das ist wirklich ein toller Fund«, freut sich Knut Bretzke von der
Universität Tübingen. Der Archäologe sucht im Südosten der Arabischen
Halbinsel im Oman und in den Vereinigten Arabischen Emiraten ebenfalls
nach Spuren menschlicher Aktivitäten der letzten Jahrhunderttausende; an
der Forschung in der Nefud-Wüste war er nicht beteiligt. Allzu
überrascht von den Erkenntnissen seiner Kollegen ist Bretzke allerdings
nicht: »Wir wissen ja, dass die Arabische Halbinsel heute zwar
knochentrocken ist, aber früher immer wieder Perioden mit mehr Regen
auftraten, in denen die Wüste einem üppigen Grasland wich.«
Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Geschichte: 4/2021 Die Ersten in Amerika
Die
Neigung der Erdachse und die Nähe zur Sonne setzten einst einen
Klimazyklus in Gang. Auf der Nordhalbkugel wurde es im Sommer ein wenig
wärmer, während die Winter ein wenig kälter wurden. Die
Temperaturunterschiede ließen den afrikanischen Sommermonsun
anschwellen, der mehr Feuchtigkeit in die Wüsten Nordafrikas und der
Arabischen Halbinsel trug. Aus dem sprießenden Grün verdunstete
zusätzlich Wasser, was die Monsunregen weiter verstärkte und sie noch
tiefer in die Wüsten vordringen ließ. Wanderte das Perihel wieder
weiter, verringerten sich die Temperaturgegensätze und damit auch der
Einfluss des Monsuns auf die Arabische Halbinsel und die Sahara. Die
Folge: Die Savanne verwandelte sich wieder in eine Wüste.
Der
klimatische Wandel hing noch von einer Reihe weiterer Faktoren ab.
Während der Kaltzeiten, als mächtige Eispanzer weite Teile Nordamerikas
und Nordeuropas unter sich begruben, verdunstete auch erheblich weniger
Wasser aus den Meeren. Dadurch fielen weniger Niederschläge. Der Monsun
schwächte sich ab und erreichte kaum die Sahara und die Arabische
Halbinsel. Es waren denn auch wärmere Klimaepochen, in denen nicht nur
auf der Arabischen Halbinsel, sondern auch in weiten Teilen der Sahara
und auf dem Sinai saftige Grasflächen wogten und einzelne Baumgruppen
standen.
Pflanzen und Tiere aus der Sahara und Arabien ähneln sich
Bald
nachdem die grünen Landschaften entstanden waren, weideten dort
Elefanten und Antilopen, die aus südlichen Gebieten zugezogen waren und
noch heute über die Savannen Ostafrikas streifen. Wo sich heute
Wüstenflächen erstrecken, gab es damals Flüsse und Seen, in denen die
Tiere vor allem in den trockenen Jahreszeiten Wasser fanden. Selbst
Flusspferde hielten sich auf der Arabischen Halbinsel auf. Michael
Petraglia und sein Team haben Knochen der Dickhäuter gefunden. Eine
solche Umwelt »war natürlich auch für die Menschen interessant«, sagt
Petraglia. »Ohnehin waren die Jäger und Sammler der Steinzeit viel
mobiler als viele Menschen heutzutage. Sie konnten solche neuen
Lebensräume rasch nutzen.« Menschen waren den Tierherden gefolgt, von
Afrika über den Sinai bis auf die Arabische Halbinsel, die den
Wildbeutern mit ihren Grasländern und Galeriewäldern entlang der
Gewässer auf rund 2,73 Millionen Quadratkilometern gute Jagdgründe bot.
Die
Menschen kamen demnach über den Landweg. »Das Rote Meer mussten sie
nicht überqueren«, erklärt Petraglia. Dass auch andere Lebewesen über
diese Route nach Arabien gelangten, belegen heute dort lebende Tiere und
Pflanzen, die auch in der Sahara vorkommen. »Aus der Sicht eines
Biogeografen sind sich die Arabische Halbinsel und die Sahara sehr
ähnlich«, so Archäologe Petraglia.
2006 fanden sich in Arabien erstmals frühe Spuren von Menschen
Dass
sich während der Altsteinzeit tatsächlich Menschen auf der Arabischen
Halbinsel aufhielten, war lange Zeit graue Theorie. Der Grund: Kaum ein
Archäologe erforschte die Wüsten, weil sie dort einfach keine Funde
vermuteten. »Die Ausgrabungen konzentrierten sich auf die heute
fruchtbaren Gebiete in der Levante, in Israel und dem Libanon«, sagt
Petraglia. Das änderte sich vor ungefähr 15 Jahren, als Hans-Peter
Uerpmann von der Universität Tübingen und Knut Bretzke im Südosten der
Halbinsel am Berg Jebel Faya in den Vereinigten Arabischen Emiraten
etliche Steinwerkzeuge fanden. Das Alter der Geräte bestimmten sie auf
125 000 Jahre. Auf einen Schlag war klar, dass bereits in der
Altsteinzeit Menschen auf der Arabischen Halbinsel gelebt hatten.
Seit
2010 sichten Michael Petraglia und sein Team Satellitenbilder auf der
Suche nach den Spuren längst verschwundener Gewässer – mit Erfolg. »Rund
10 000 solcher Paläoseen haben wir inzwischen identifiziert«, berichtet
der Anthropologe. Einige hundert von etwa 1500 einstigen Seen in der
Nefud-Wüste im Nordwesten der Arabischen Halbinsel hat er mit seinem
Team in den letzten Jahren am Boden untersucht. Bei rund 70 Prozent
dieser Gewässer wurden die Forscher fündig: Sie entdeckten nicht nur die
Überreste von Tieren, sondern auch die Werkzeuge von Steinzeitmenschen.
Zwei Faustkeile | Die beiden Steinwerkzeuge – hier
jeweils von zwei Seiten fotografiert – sind 400 000 Jahre alt. Sie
stammen aus den Sedimenten eines einstigen Süßwassersees in der
Nefud-Wüste und bezeugen die Anwesenheit von Homo erectus oder Vorfahren der Neandertaler.
In den meisten Fällen handelt es sich aber um zeitlich isolierte Fundorte. Anders als in der Levante, der Region im Osten des Mittelmeergebiets,
wo oftmals in Höhlen mehrere Kulturschichten übereinanderliegen und
sich daraus eine menschliche Entwicklungs- und Migrationsgeschichte
ableiten lässt, fehlten solche Daten bisher für die Arabische Halbinsel.
Doch in einer Senke der Nefud-Wüste stießen die Jenaer Forscher nun auf
eine besonders gute Fundsituation: an den Paläoseen von Khall
Amayshan 4, abgekürzt KAM 4. »An der Stelle haben wir in verschiedenen
Schichten sehr viele Steinwerkzeuge gefunden, die zeigen: In fünf
verschiedenen Epochen haben sich dort Seen gebildet, an denen jeweils
Menschen lebten«, erklärt Petraglia. Die Sedimente der einstigen
Süßwasserseen datierten die Forscher mit Hilfe der Lumineszenzmethode. Damit lässt sich der Zeitraum bemessen, seit ein Sediment letztmalig dem Sonnenlicht ausgesetzt war.
Am
Fundplatz KAM 4 kann so erstmals auf der Arabischen Halbinsel eine
Abfolge von Gewässern nachverfolgt werden in Verbindung mit Werkzeugen
verschiedener Technologien. Eine ähnliche Fundstelle haben die Jenaer
Forscher überdies 150 Kilometer östlich von KAM 4 aufgetan. In der Oase
Jubbah fanden sich ebenfalls Sedimente von Paläoseen und eine ähnliche
Parallelität zwischen Phasen von Savannenlandschaften und menschlicher
sowie tierischer Präsenz. Vor allem an KAM 4 lässt sich nun auch in
Arabien die Geschichte eines Ortes rekonstruieren.
Die ersten Menschenformen an den Seen waren Homo erectus oder Vorfahren der Neandertaler
Vor
rund 400 000 Jahren war die Wüste dort grün, und die Menschen dieser
Zeit verwendeten Faustkeile, die sie mit der typischen Technik der
Kulturstufe des Acheuléen herstellten. »Dabei schlägt man von einem
Feuerstein so lange Splitter ab, bis ein handlicher Faustkeil entsteht«,
beschreibt Knut Bretzke die Arbeit der Steinzeithandwerker. Mit dieser
Technik fertigten Zweibeiner bereits vor 1,76 Millionen Jahren ihre
Faustkeile. Der anatomisch moderne Mensch kommt für diese Kultur also
kaum in Frage. Selbst noch vor 400 000 Jahren müssen es auf der
Arabischen Halbinsel Vertreter der Menschenlinie Homo erectus
gewesen sein, die diese Werkzeuge genutzt haben. Oder die Vorfahren der
Neandertaler, die womöglich über die Levante oder den Kaukasus auf die
Arabische Halbinsel gelangt waren. Letzteres legen jedoch die Fundstücke
nicht nahe. »Die Faustkeile ähneln eher den damals in Afrika genutzten
Geräten«, lenkt Michael Petraglia den Blick auf den Kontinent südlich
der Sahara. Unabhängig davon stellen die 400 000 Jahre alten Faustkeile
den bislang ältesten Nachweis von Menschenformen in Arabien dar.Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Humanevolution – Die Entstehung des modernen Menschen
Vor etwa 300 000 Jahren entstanden in der Region erneut Seen.
Auch dieser Grünphase konnte Petraglias Team Faustkeile der
Acheuléen-Kultur zuordnen. Womöglich hatten wieder Homo erectus
oder Vorfahren der Neandertaler an einem See von KAM 4 gelebt. Und
erneut ähneln die Werkzeuge solchen aus Afrika. In der nächsten Phase,
vor rund 200 000 Jahren, sehen viele Steinwerkzeuge dagegen völlig
anders aus – sie wurden eindeutig mittels der Levalloistechnik
hergestellt.
»Dabei bearbeiten die Handwerker den Rohstein sehr
aufwändig und sorgfältig, bis sie mit einem einzigen gezielten Schlag
eine dünne Klinge mit rundherum scharfen Kanten abschlugen«, erklärt
Bretzke. Diese Technik ist zwar typisch für anatomisch moderne Menschen,
Homo sapiens. Nur beherrschten die Neandertaler, die zeitweise
in der Levante auftauchten, die Technik genauso gut. Laut Bretzke muss
man davon ausgehen, dass die Handwerker der Steinzeit eher problemlos
Techniken von anderen Menschengruppen, denen sie begegnet waren,
übernehmen konnten. Oder sie kopierten geschickt eine gefundene Klinge
per »learning by doing«.
Die Brücke zwischen Afrika und Eurasien
In
der Zeit vor 75 000 bis 130 000 Jahren erstreckten sich wieder Savannen
und Seen auf der Arabischen Halbinsel. Und an dem Gewässer von KAM 4
hielten sich erneut Menschen auf. Michael Petraglia und seine Kollegen
haben aus dieser Phase Steinwerkzeuge geborgen, die ähnlich den
200 000 Jahre alten Stücken mittels der Levalloistechnik produziert
wurden und technisch mit afrikanischen Geräten verwandt sind. Für die
Phase vor 55 000 Jahren liegt jedoch ein anderes Szenario nahe. Die
Steingeräte waren zwar ebenfalls mittels einer Levalloistechnik
hergestellt worden, aber einem Verfahren, das Neandertaler der nördlich
gelegenen Region der Levante nutzten.
Grabung in Khall Amayshan 4 | In den vergangenen
400 000 Jahren bildeten sich an der Fundstätte im nördlichen
Saudi-Arabien immer wieder Seen, an denen auch frühe Menschen
verweilten.
Sehr wahrscheinlich streiften zu jener Zeit Neandertaler und Vertreter von Homo sapiens
in Arabien umher. Für Experten der Menschheitsgeschichte wie Robin
Denell von der University of Exeter führen die neuen Erkenntnisse zu
einer interessanten Schlussfolgerung: »Alle modernen nicht afrikanischen
Individuen tragen etwas Neandertaler-DNA in sich – und die Arabische
Halbinsel könnte eine Region gewesen sein, wo sich frühe Menschen und
Neandertaler begegneten und vermischten«, schreibt Denell in einem
begleitenden Kommentar in »Nature«.
»Die Arabische Halbinsel könnte also weit mehr als eine Drehscheibe
zwischen Afrika und dem Rest der Welt gewesen sein«, vermutet auch
Petraglia. Sie diente offenbar als Brücke – für Menschen aus Afrika und
Neandertalern aus Europa und Asien – und als Ort, an dem verschiedene
Menschenformen miteinander Nachkommen zeugten.
Alle Gruppen waren Jäger und Sammler, die vermutlich dorthin zogen, wo viele Tiere weideten und wo sie gut Beute machen konnten. Einige waren dem Wild aus Afrika gefolgt in die ergrünte Sahara und danach über die Sinai-Halbinsel weiter auf die Arabische Halbinsel. Von dort könnten die Sippen dann über den Kaukasus nach Sibirien im Osten und bis nach Europa im Westen gewandert sein. Und vermutlich wurden die Wege auch in die umgekehrte Richtung beschritten. Knut Bretzke und Michael Petraglia haben also triftige Gründe, auf der Arabischen Halbinsel nach weiteren Spuren unserer Vorfahren und möglicher Techtelmechtel mit Neandertalern zu suchen.