Dienstag, 14. September 2021

Soll das eine Drohung sein?


Als Drohung muss man es nicht ernstnehmen, denn so reden sie schon seit vierzig Jahren; während derer haben sie sich immer enger an die Politik angeschmiegt.




Montag, 13. September 2021

Ein Erinnerungsort, leider.


Deutschlands tiefste Schande wird auf ewig nicht zu unterbieten sein, und hat ein Mahnmal inmitten seiner Hauptstadt.

Doch auch Deutschlands größte Blamage hat ihre Gedenkstätte, in der westdeutschen Pro-vinz.  

Im März standen sie alle - Arbeiter, Handwerker, Studenten, selbst biedere Bürger - gemein-sam auf den Barrikaden. Doch als im Juni der Aufstand der Pariser Arbeiter von den dortigen Demokraten im Blut erstickt worden war, bekamen auch die unsern kalte Füße. In die Verfas-sunggebende Versammlung in der Frankfurter Paulskirche, die eine Verfassung bloß fürs Ar-chiv geben sollte, war schon nicht mehr ein einziger Kandidat unter dem politischen Etikett Demokrat gewählt worden. Erst in einer Nachwahl gelang es dem Breslauer Wilhelm Wolf, unter diesem Parteinamen nach Frankfurt entsandt zu werden; er gehörte dem Bund der Kommunisten an, und Karl Marx hat ihm den ersten Band seines Kapitals gewidmet.

Die Revolution von 1918 ist von der Konterrevolution beendet worden. Die Revolution von 1848 ist in jämmerlicher Feigheit versandet. Deutscher Stolz würde gebieten, ihre Erinne-rungsstätte dem Erdboden gleichzumachen. Aber diesen Stolz müssten wir uns erst noch ver-dienen.


Ein weiter so darf es nicht geben; aber keine Experimente bitte!

Ein Kanzler, der seine Partei nicht hinter sich hat, in einer Koalition mit den Grünen und Der Linken?

Doch im Ernst wird der deutsche Wähler für keine Experimente stimmen, und die Demo-skopen werden wieder die Gelackmeierten sein.

Freitag, 10. September 2021

Regelt der Koran den gesellschaftlichen Alltag?

Mal poetisch, mal dogmatisch: Der Koran lässt viel Raum für Interpretationen. aus FAZ.NET, 9. 9. 2021                                                  Mal poetisch, mal dogmatisch: Der Koran lässt viel Raum für Interpretationen.

Normen aus dem Koran : 
Ist es Allahs Wille, dass Frauen weniger erben?
Forscher der Frankfurter Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft haben sich mit der Frage befasst, welche Normen der Koran den Muslimen vorgibt. Sie sehen mehrere Deutungsmöglichkeiten, neigen aber einer bestimmten Richtung zu.
 

„Gott verordnet euch hinsichtlich eurer Kinder: Auf eines männlichen Geschlechts kommt bei der Erbteilung gleichviel wie auf zwei weiblichen Geschlechts.“ So steht es im Koran, Sure 4, Vers 11. Mit der westlichen Rechtsordnung, überhaupt mit modernen Vorstellungen von Gerechtigkeit ist dieses Gebot unvereinbar. Doch müssen Muslime es tatsächlich wörtlich nehmen?

Mit dieser Frage haben sich Forscher der an der Goethe-Uni ansässigen Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft befasst. Den Wissenschaftlern diente die Erbschaftsregel als Ausgangspunkt für Überlegungen, wie verbindlich die normativen Aussagen des Korans für Gläubige generell sind. Das Thema, dem sich Farid Suleiman, Abdelaali El Maghraoui und Sara Rahman gewidmet haben, ist brisant. Denn gerne wird dem Islam unterstellt, er schreibe seinen Anhängern weit detaillierter als etwa das Christentum vor, wie sie zu leben hätten, um Gott wohlgefällig zu sein – und viele Muslime, so die Annahme, stellten diese Regeln über die Gesetze der Länder, in denen sie lebten.

Fortschrittliche und rückwärtsgewandte Auslegungen sind möglich

Das Papier führt drei Möglichkeiten auf, wie der Erbschaftsvers interpretiert werden kann. Die erste geht davon aus, dass er eine als natürlich angenommene Geschlechterordnung widerspiegelt: Der Mann als Versorger von Frau und Familie „verdient“ einen größeren Erbteil. Entspricht die Wirklichkeit nicht (mehr) dieser Vorstellung, sollte nicht das Gebot geändert werden, sondern die Gesellschaft. Eine weniger fundamentalistische Deutung sieht in der koranischen Norm einen „Impuls für eine ideale Gesellschaftsordnung“. Nach dieser Lesart wäre sie für die Zeit ihrer Entstehung sogar als fortschrittlich anzusehen: Im vorislamischen Arabien seien Frauen gänzlich von der Erbfolge ausgeschlossen gewesen und hätten sogar selbst vererbt werden können.

Der dritte Ansatz schließlich akzeptiert, dass es unterschiedliche Gesellschaftsordnungen gibt, und sieht in den normativen Aussagen des Korans nur einen allgemeinen Rahmen, der je nach Land und Kultur unterschiedlich ausgefüllt werden kann – was freilich eine restriktive Deutung einschließt. Das gelte auch mit Blick auf die Geschlechterrollen: Der Koran habe seine direkte Hörerschaft „dort abgeholt, wo sie sich gesellschaftlich befand, nämlich in einem patriarchalischen System; jedoch hat er dieses System weder bestätigt noch verneint“.

„Zwei Drittel der Suren sind den Psalmen der Bibel vergleichbar“

Die Frage, welche normative Kraft der Koran hat – oder haben sollte – treibt auch Mohammed Nekroumi um. Der Professor für Islamisch-Religiöse Studien an der Uni Erlangen leitet eine Forschungsgruppe der Frankfurter Akademie, die sich mit diesem Problem beschäftigt. Nekroumi relativiert zunächst den Raum, den religiöse Gebote in der heiligen Schrift der Muslime einnehmen: „Zwei Drittel der insgesamt 114 Suren des Korans kann man als poetisch bezeichnen, sie sind mit den Psalmen der Bibel vergleichbar.“ Aus dem übrigen Drittel könnten zwar Normen abgeleitet werden. „Aber die ethischen Botschaften dort sind integriert in narrative Diskurse, sie enthalten oft keine Angaben zu Orten oder konkreten Geschehnissen, sondern geben zum Beispiel bestimmte Gefühlslagen wieder“, erläutert der Wissenschaftler. „Daher ist es problematisch, daraus Normen abzuleiten, die für alle Zeit und in jeder Gesellschaft gelten sollen.“ Nach Ansicht Nekroumis hat sich während des 9. Jahrhunderts im Islam eine „Kluft“ zwischen Spiritualität und Normativität geöffnet. „Damals ging die Macht von den Mystikern auf die Juristen über. Die Juristen wurden als Kaste über alle anderen Wissenschaften gestellt.“ Andere Strömungen seien marginalisiert, ihre Anhänger zum Teil verfolgt worden. „Doch trotz der Hegemonie der Politiker und Juristen existierte die Vielfalt weiter.“

Diese Pluralität stärker sichtbar zu machen, ist eine der Aufgaben, denen sich die Frankfurter Islam-Akademie verschrieben hat. 2017 gegründet und vom Bundesbildungsministerium sowie der Stiftung Mercator finanziert, versteht sie sich als Plattform für Forschungsprojekte und für den Austausch zwischen Islamwissenschaftlern und der Gesellschaft. Dies soll auch dem Ziel dienen, den Diskurs über den Islam zu versachlichen.

Austausch mit USA und Europa statt mit muslimischen Ländern

Nicht nur Nekroumis Ausführungen zeigen, dass die Akademie für ein liberales Religionsverständnis steht. Das spiegelt sich ebenso in den Forschungsgegenständen und den dafür bevorzugten Kooperationspartnern wider. „Wir wollen wissenschaftliche Akteure aus Europa und den USA zusammenführen“, erklärt Geschäftsführerin Raida Chbib. „Auf den Austausch mit klassischen muslimischen Ländern verzichten wir bewusst.“ Für viele Themen, mit denen sich die Akademie beschäftige, würden sich dort gar keine Anknüpfungspunkte finden: „Eine Gefängnisseelsorge zum Beispiel gibt es in Ägypten nicht.“

Nah am Leben der Gläubigen zu sein, halten auch die Verfasser des Aufsatzes zur Normativität des Korans für wichtig. Sie empfehlen, die entsprechenden Suren im islamischen Religionsunterricht zu behandeln und die Schüler anzuleiten, unterschiedliche Sichtweisen einzuüben – etwa in Rollenspielen. Die Pluralität der Perspektiven solle dabei wertgeschätzt werden. Allerdings stünden die Pädagogen vor der „Herausforderung, Sichtweisen, die außerhalb der Grenzen der Rechtsstaatlichkeit stehen, in ihrer Gültigkeit und Legitimität zu entkräften“, geben die Autoren zu. Wohl wahr: Auch mancher deutsche Islamlehrer dürfte schon erlebt haben, dass in solchen Diskussionen noch heiklere Fragen aufgeworfen werden als die nach der gottgewollten Erbfolge.

 

Nota. - 'Damals ging die Macht von den Mystikern auf die Juristen über. Die Juristen wurden als Kaste über alle anderen Wissenschaften gestellt.' Das scheint mir der springende Punkt zu sein. Wenn von islamischer Theologie die Rede ist, frage ich mich, was das sein soll. Die Schriftgelehrten sind Interpreten der koranischen Verhaltensvorschriften und als solche Juristen. Sie gehören sieben verschiedenen, aber offiziellen Rechtsschulen an - da gibt es eine Menge zu wissen, doch materiale Aussagen, an die man glauben könnte, wie etwa die christliche Dreifaltigkeit, kommen dort nicht vor, oder irre ich mich? Der nichtgelehrte einfache Gläubige steht mit seinen Annahmen den studierten Schriftauslegern jedenfalls hilflos gegenüber.

Anders wäre es bei den Mystikern. Für die gibt es überhaupt nur den Glauben, und den gewinnt man nicht durch Schriftkunde, sondern durch eigenes Erleben. Theologen, die eine kanonische Lehre erarbeiten, sind auch sie nicht, und in Nordafrika sind die dort seit dem Beginn der Islamisierung vorherrschen mystischen Schulen - eine 'Lehre' wird dort von Einem auf den Andern übertragen - das Hauptziel sunnitischer Terroristen.

Ja ja, in Wirklichkeit ist immer alles viel differenzierter und komplizierter, ich weiß. Eine oberste religiöse Autrorität, wie sie die Katholiken und die Ostkirchen kennen, kann es im Islam nicht geben, denn eine geweihte Priesterschaft setzt ein Sakrament voraus, und dergleichen gilt im Islam als heidnischer Aberglaube. Doch ohne verbindliche Instanzen kann eine Glaubenslehre die Gesellschaft nicht ordnen. Die persischen Mullakratie ist eine Hybride, und immer wieder heißt es, sie stünde kurz vor dem Ende. Doch darauf verzichten, die Gesellschaft zu ordnen, kann der Islam auch nicht - dafür kann er neben Verhaltensvorschriften nicht genügend Glaubensstoff anbieten.

PS. Das schwerste Kreuz (sic) einer islamischen Theologie ist wohl der Glaubenssatz, beim Koran handle es sich um Gottes ureigenste Worte, die der Erzengel Gabriel dem schlafenden Propheten direkt auf die Zunge gelegt hat. Solange das, und sei es metaphorisch, weitergilt, scheint mir eine liberale Auslegung, die nicht feige und verlogen wirkt, gar nicht möglich. Ich wüsste gern, wann dieser Glaubenssatz Eingang in den offiziösen Kanon gefunden hat. Im Koran selbst kann er ja nicht gut stehen. Und wenn doch, wären sie beide nicht zu retten.

JE

Mittwoch, 8. September 2021

Bier auch im frühzeitlichen China.

chinesisches Hu-Gefäß

aus derStandard.at, 2. 9. 2021

Die Anfänge des Bierkonsums
Menschen tranken vor mehr als 9.000 Jahren in der heutigen Türkei und in China Fermentiertes aus Getreide. War das schon vor der Sesshaftwerdung so?
 
von Julia Sica 

Bierbrauen hat in Europa eine jahrhundertelange Tradition. Brauereien beziehen sich dabei oft auf Reinheitsgebote, denen zufolge das Bier nur bestimmte Substanzen enthalten darf – meist sind es Variationen der Zutaten Hopfen, Malz, Gerste, Hefe und Wasser. So strikt wird die Definition unter Archäologinnen und Archäologen, die die jahrtausendealte Geschichte vergorener Getränke untersuchen, nicht ausgelegt: Eine nun veröffentlichte Studie, die schon im Titel dezidiert Bierkonsum vor 9.000 Jahren in China beschreibt, lässt dabei auch Reisbier gelten.

In der Studie von Jiajing Wang von den US-Universitäten Stanford und Dartmouth und ihrem Team wurden getöpferte Gefäße von einer Grabstätte im ostchinesischen Qiaotou unter die Lupe genommen. In einer Art Grabhügel wurden nämlich nicht nur zwei menschliche Skelette entdeckt, sondern auch bemalte Keramiken, die wohl als Trinkgefäße benutzt wurden. Sie dürften den Forschenden zufolge nicht nur zu den "ältesten bekannten bemalten Töpferwaren der Welt" gehören, sondern auch zum Konsum von Alkohol verwendet worden sein.

"Bier im weitesten Sinne"

Darauf liefert nicht nur die Form von sieben der 20 Gefäße einen Hinweis, da die sogenannten "Hu-Gefäße" eher in späteren Epochen für diesen Zweck genutzt wurden. Das Archäologieteam untersuchte auch mikrofossile Rückstände aus dem Inneren der Gefäße, um die Getränkeart einzugrenzen. Dabei zeigten sich botanische und mikrobielle Spuren – etwa von Stärkekörnchen, Hefe und Schimmel. Diese stimmen mit Rückständen aus der Biergärung überein und kommen so natürlicherweise nicht etwa im Boden vor – außer wenn Alkohol im Spiel ist.

"Unsere Ergebnisse ergaben, dass die Tongefäße zur Aufbewahrung von Bier im weitesten Sinne verwendet wurden", sagt Wang. Dabei habe es sich um ein fermentiertes Getränk gehandelt, das Reis, eine Getreidepflanze namens Hiobsträne sowie unidentifizierte Knollenfrüchte enthielt. Entsprechend hätte das steinzeitliche Bier nicht wie heute übliche Biersorten geschmeckt: "Stattdessen war es wahrscheinlich ein leicht fermentiertes und süßes, trübes Getränk", sagt die Archäologin, die sich mit früher Alkoholproduktion befasst.

Getränk zum Totenritual

Dabei gilt Bier als Überbegriff für fermentierte Getränke aus stärkehaltigen Substanzen, die in einem zweistufigen Prozess verarbeitet werden: Erst verwandeln Enzyme die Stärke in Zucker, dann kommen Hefepilze zum Einsatz, die den Zucker vor allem in Alkohol und Kohlendioxid umwandeln. Im chinesischen Steinzeitbier wurde vermutlich Schimmelpilz verwendet, um beide Prozesse anzutreiben. Das stellt den ältesten Hinweis auf diese Verwendung von Schimmel beim Bierbrauen dar, schreibt die Forschungsgruppe. Dieser ist dem Schimmel ähnlich, der auch zur Herstellung von Sake und anderen fermentierten Reisgetränken verwendet wird.

In den Gefäßen fanden sich Reste, die auf ein bierartiges Getränk hinweisen.

Aufgrund der Fundstelle bei einer Grabstätte mutmaßt die Gruppe, dass der Bierkonsum außerdem mit einem Bestattungsritual zu Ehren der Toten in Verbindung steht. Und da das Ernten und Verarbeiten von Reis einen recht hohen Arbeitsaufwand mit sich bringt, könnte das Getränk eher für besondere Anlässe hergestellt worden sein. Das ist auch im Kontext der Lebensweise relevant: Vor 9.000 Jahren lebten die meisten Gemeinschaft noch nicht sesshaft, sondern jagend und sammelnd. Auch die Kultivierung und Domestizierung der Reispflanze schritt etwa von vor 10.000 bis vor 6.000 Jahren voran.

Getreide vor der sesshaften Lebensweise

Es mehren sich allerdings die (teilweise mehr als 100.000 Jahre zurückreichenden) Indizien dafür, dass Kohlenhydrate wie Getreide auch auf dem Steinzeit-Speiseplan der Menschen standen und sich Jäger und Sammlerinnen nicht – wie im Rahmen der sogenannten Paläo-Diät behauptet – nur von Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse und Nüssen ernährten. An der 11.600 Jahre alten Tempelfundstätte von Göbekli Tepe in der heutigen Türkei entdeckten Forschende Mahlsteine, die sich besonders gut zum Erzeugen von Brei und Bier geeignet haben dürften. Für Mehl, um Backwaren herzustellen, waren sie aber wohl eher suboptimal, schrieb die Archäologin Laura Dietrich vom Deutschen Archäologischen Institut Berlin.

Zusammen mit ihrem Team kochte und braute sie selbst in Experimenten nach, was die Menschen vor knapp 12.000 Jahren anhand der gefundenen Utensilien hergestellt haben könnten. Ihr neolithisches Malzbier aus handgeschrotetem und gekeimtem Getreide war "ein bisschen bitter, aber trinkbar, wenn du Durst hast und in der Jungsteinzeit lebst", sagt Dietrich.

Die gut gemachten Reibsteine und weitere Werkzeuge zur Verarbeitung sind für sie wichtige Indizien dafür, dass Getreide schon vor dem Ackerbau als Wildpflanze zu den Grundnahrungsmitteln zählte: "Die Menschen in Göbekli Tepe wussten, was sie taten und wie man mit Getreide umzugehen hat. Über die Phase des Experimentierens waren sie hinaus." Deshalb geht sie auch nicht davon aus, dass – wie zuvor vermutet – bei den Tempel-Festmahlen nur gegrillte Tiere und Unmengen an Bier konsumiert wurden, sondern dass Getreidebrei ebenfalls wichtig war. Noch etwas älter dürften Funde im heutigen Israel sein, wo ein bierartiges Getränk schon vor 13.000 Jahren gebraut wurde.

Frühe Spuren in der Alpenregion

Im Gegensatz zu Tierknochen sind die Spuren des Konsums allerdings meist schwieriger zu finden. Der Archäobotaniker Andreas Heiss von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) befasst sich von Berufs wegen mit alten Speiseresten. Verbranntes ist bisher erst wenig untersucht worden: "Es handelt sich einfach um kompliziertes Material – fragiles, hässliches Zeug. Die meisten Forscher schrecken schlicht davor zurück."

Mit seiner griechischen Kollegin Soultana Valamoti untersuchte er trotzdem ungewöhnliche, mehr als 5.000 Jahre alte Brandreste, die an Fundstellen in Süddeutschland und der Schweiz auftraten. Der mikroskopische Vergleich mit ähnlich alten Spuren aus ägyptischen Brauereien zeigte: Die besonders dünnen Zellwände der Körner weisen auf das Keimen oder Mälzen hin, das zur Herstellung von Bier eine wichtige Rolle spielt. In der Alpenregion wurde das Bierbrauen so auch für die Jungsteinzeit nachgewiesen – in einer Publikation mit dem klingenden Titel "Mashes to mashes, crust to crust".

Links

Plos One: "Early evidence for beer drinking in a 9000-year-old platform mound in southern China" (Open Source)

Nature/Spektrum: "Brot, Brei und Bier vor dem Ackerbau"


Sonntag, 5. September 2021

Brot und Bier sind älter als der Ackerbau.

aus spektrum.de, 5. 8. 2021                                                          Göbekli Tepe

Paläodiät
Brot, Brei und Bier vor dem Ackerbau
Nicht erst als Menschen zum Feldbau übergingen, mahlten sie Getreide zu Mehl und backten Brot. Schon Jäger und Sammler stellten im großen Stil Brei und Bier her


von Andrew Curry

An klaren Tagen reicht die Sicht von den Ruinen des Göbekli Tepe bis hin zur 50 Kilometer entfernten syrischen Grenze. Die archäologische Stätte im Süden der Türkei, die auf dem höchsten Punkt einer Bergkette liegt, wird oft als der »älteste Tempel der Welt« bezeichnet. 11 600 Jahre reichen die T-förmigen Säulen und kreisförmigen Einfriedungen zurück. Sie sind damit älter als die frühesten Tongefäße im Vorderen Orient.

Die Erbauer des Monuments lebten zu einer Zeit, als ein bedeutender Moment in der Menschheitsgeschichte nahte: die Neolithische Revolution. Damals begannen Menschen, allmählich Ackerbau zu betreiben, Nutzpflanzen und Tiere zu züchten. Doch nicht so auf dem Göbekli Tepe. An dem Fundplatz gibt es bisher keine Spuren von domestiziertem Getreide. Offenbar waren die »Tempelbesucher« noch nicht zum Feldbau übergegangen. Vielmehr lebten sie von der Jagd, wie zahlreiche Tierknochen belegen. Auf dem Göbekli Tepe kamen vermutlich Gruppen von Jägern und Sammlern aus der weiteren Umgebung zusammen und begingen üppige Feste mit reichlich gebratenem Fleisch. Und vielleicht gaben derartige Gelage erst den Anlass, die beeindruckende Architektur zu errichten.

In der Archäologie hat diese These seit Langem Bestand. Bis vor einigen Jahren. Denn die Beweislage hat sich geändert – dank Forscherinnen und Forschern wie Laura Dietrich vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin. Über die letzten vier Jahre hinweg hat sie herausgefunden, dass sich die Erbauer von Göbekli Tepe bottichweise von Brei und Eintopf ernährten – und das Getreide dafür in fast industriellem Maßstab gemahlen und verarbeitet haben. Demnach standen Körner schon viel früher auf dem Speiseplan als bislang vermutet – zu einer Zeit, als noch kein Mensch Getreide domestiziert hatte.

>Dietrichs Arbeit reiht sich ein in eine wachsende Zahl von Forschungsprojekten, die sich mit der Rolle von Getreide und anderen stärkehaltigen Nahrungsmitteln in der menschlichen Ernährungsgeschichte befassen. Dafür wenden die Wissenschaftler verschiedene Methoden an. Sie untersuchen winzige Gebrauchsspuren an Werkzeugen oder sequenzieren die Überbleibsel alter DNA an Tongefäßen. Manche Forscher kochen sogar 12 000 Jahre alte Speisen experimentell mit steinzeitlichen Methoden nach. Die Archäologenzunft blickt aber noch weiter in die Vergangenheit. Gut möglich, dass Menschen schon vor mehr als 100 000 Jahren stärkehaltige Pflanzen gegessen haben.

Warum es die Paläodiät nie gab

Die jüngsten Entdeckungen bringen eine alte Vorstellung ins Wanken: Dass Menschen sich in der Frühzeit vor allem von Fleisch ernährt haben. Ernährungstrends wie der Paläodiät, die zum Verzicht auf Getreide und andere stärkehaltige Nahrungsmittel rät, hat diese These viele Anhänger verschafft. Doch mittlerweile stellen Archäologen das Gegenteil fest: »Wir haben genügend Belege beisammen, die uns zeigen, dass wir die ganze Zeit eine komplette Lebensmittelkategorie übersehen haben«, sagt Dorian Fuller, Archäobotaniker am University College London.

Stein um Stein
Stein um Stein | Die Archäologin Laura Dietrich dokumentiert im »Steingarten« von Göbekli Tepe Reibsteine und Tröge.


Die ersten Hinweise auf eine nicht ganz so fleischhaltige Festkultur auf dem Göbekli Tepe entdeckte Laura Dietrich im »Steingarten« der Grabung. So nennen Archäologen den Bereich, in dem die Steinfunde abgelegt werden. Dietrich dokumentierte dort Reibsteine aus Basalt, Tröge aus Kalkstein und größere bearbeitete Steinbrocken, die die Ausgräber immer wieder aus dem Ruinenfeld geklaubt haben. Gute zwei Jahrzehnte war die Steinsammlung stetig gewachsen, erzählt Dietrich. »Aber niemand hat sich je über die Stücke Gedanken gemacht.« Als sie 2016 begann, die Steinfunde zu katalogisieren, war sie zunächst über die schiere Menge an Material erstaunt. Der »Garten« erstreckte sich auf einer Fläche von der Größe eines Fußballfelds. Mehr als 10 000 Reibsteine, fast 650 große Steinteller und -gefäße – einige davon groß genug, um 200 Liter Flüssigkeit zu fassen – waren bei den Grabungen ans Licht gekommen.

In keiner anderen Siedlung im Vorderen Orient gibt es so viele Reibsteine, nicht einmal im späten Neolithikum, als der Ackerbau bereits etabliert war«, sagt Dietrich. »Außerdem haben wir hier eine ganze Bandbreite steinerner Gefäße – in allen möglichen Größen. Warum gab es derart viele Steingefäße?« Die Forscherin vermutet: Sie dienten zum Mahlen und Schroten von Getreide, um daraus Brei zu kochen und Bier zu brauen. Tatsächlich gehen Archäologen schon länger davon aus, dass die Steinbottiche von Göbekli Tepe einen rituellen Bierkonsum belegen – allerdings, so die bisherige Annahme, für eher gelegentliche und seltene Genussmomente.
»Alle, die schon einmal etwas gekocht haben, wissen: Manchmal brennt auch was an« (Lucy Kubiak-Martens, Archäobotanikerin, BIAX Consult Biological Archaeology & Environmental Reconstruction)

Den Steinen von Göbekli Tepe ihren einstigen Zweck zu entlocken, ist knifflig. Fleischmahlzeiten hinterlassen sehr viel deutlichere Spuren. Schlicht weil die Knochen von geschlachteten Tieren häufiger und besser die Zeiten überdauern als Getreide oder pflanzliche Kost. Und da organische Reste derart fragil sind, erweist sich die Archäobotanik – die Wissenschaft davon, wie Menschen einst Pflanzen nutzten – als mühselige und zeitintensive Arbeit: Die Spezialisten rücken normalerweise mit Eimern, Sieben und feinen Netzen an, um die Grabungserde auszuschwemmen. In Wasser sinken die schweren Erd- und Steinbröckchen ab, winzige organische Reste wie Samen, verkohltes Holz und verbranntes Essen schwimmen obenauf. Doch das meiste, was die Archäobotaniker herausfischen, sind Überreste von ungekochten Nahrungsmitteln. Grassamen, Getreidekörner oder Traubenkerne, die sich immerhin zählen und bestimmen lassen. Auf diese Weise zeigt sich, welche Vegetation einst im Umfeld eines Fundplatzes vorherrschte. Liegen nun auffällig große Mengen einer Art vor, scheint es sich um eine Nutzpflanze gehandelt zu haben, die Menschen vielleicht sogar angebaut hatten.

Mit die frühesten Belege für die Domestizierung von Pflanzen sind Körner des Einkorns. Exemplare kamen auch in der Nähe von Göbekli Tepe ans Licht. Sie unterscheiden sich sowohl äußerlich als auch genetisch geringfügig von der Wildform des Weizengetreides. Der Einkorn aus Göbekli Tepe hingegen gleicht der Urform. Folglich hatte man dort noch keine Getreide gezüchtet oder stand noch ganz am Anfang. Allerdings vermuten Experten auch, dass es Jahrhunderte dauerte, bis sich die Form der Körner durch die Zucht veränderte.

Kleinere und größere Küchenkatastrophen

Was sich deutlich schwieriger nachweisen lässt, sind gekochtes Gemüse oder Getreide. Allerdings haben Archäologen eine weitgehend unbeachtete Quelle ausfindig gemacht, um einstige Gerichte zu identifizieren: verkohlte Speisereste. Also das, was übrig blieb, wenn der Eintopf zu lange auf dem Feuer stand, Brotstücke durch den Rost fielen oder ein ganzer Laib im Ofen verbrannte. »Alle, die schon einmal etwas gekocht haben, wissen: Manchmal brennt auch was an«, erklärt die Archäobotanikerin Lucy Kubiak-Martens von der Firma BIAX Consult Biological Archaeology & Environmental Reconstruction im niederländischen Zaandam.


Spektrum Geschichte:  3/2021 Salzmumien Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Geschichte: 3/2021 Salzmumien

Überreste kleinerer und größerer Küchenkatastrophen sind schwer zu analysieren und fanden bis vor wenigen Jahren kaum wissenschaftliche Liebhaber. »Es handelt sich einfach um kompliziertes Material – fragiles, hässliches Zeug«, sagt Andreas Heiss, Archäobotaniker an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. »Die meisten Forscher schrecken schlicht davor zurück.« Hinzu kommt, dass Keramikscherben, an denen verbranntes Essen haftete, oft gesäubert oder als »Grobkeramik« entsorgt wurden. Verkohltes konnte auch mal als wahrscheinliches Lebensmittel dokumentiert werden, das sich nicht untersuchen ließ und daraufhin ins Depot wanderte oder weggeworfen wurde.

Der Weg, dies zu ändern, führt an den Herd. Diese Idee hatte jedenfalls Soultana Valamoti, die als Archäobotanikerin an der Aristoteles-Universität im griechischen Thessaloniki arbeitet. Nicht ganz zufällig ist Valamoti leidenschaftliche Köchin. In den ersten Jahren ihrer Forscherkarriere hat sie in ganz Griechenland Eimer und Siebe von Ausgrabungsstätte zu Ausgrabungsstätte geschleppt und dabei Museumsdepots nach alten Pflanzenresten durchsucht. Valamoti war überzeugt davon, dass verbrannte Speisereste ein unerschlossenes und ergiebiges Feld der Archäologie darstellten. Wenn man nur einen Weg finden würde, sie analytisch identifizieren zu können.


Das Fastfood der BronzezeitDeciphering ancient ‘recipes’ from charred cereal fragments: An integrated methodological approach using experimental, ethnographic and archaeological evidence


Schon vor mehr als zwei Jahrzehnten wandelte Valamoti daher ihr Labor in eine Versuchsküche um. Sie zerrieb Weizen, kochte Bulgur daraus und ließ ihn auf dem Herd verbrennen, um einen jahrtausendealten Küchenunfall zu simulieren. Tatsächlich ähnelten ihre verbrannten Reste 4000 Jahre alten Proben aus einer Fundstelle in Nordgriechenland. Diese Art der Getreidezubereitung hat ihren Ursprung demnach mindestens in der Bronzezeit.

Brot, Brei und Bulgur kontrolliert verbrennen lassen

Valamoti experimentierte jahrelang weiter. Seit 2016 konnte sie dank eines Zuschusses des Europäischen Forschungsrats eine Referenzsammlung mit mehr als 300 knusprig verkohlten Proben aus alten Zeiten und experimentell hergestellten Äquivalenten anlegen. Sie mischte Teig, backte Brot, kochte Brei, Bulgur und ein traditionelles griechisches Gericht namens Trachana aus alten Weizensorten und Gerste – und ließ alle Speisen im Ofen unter kontrollierten Bedingungen verbrennen.

»Es war das Fastfood der Vergangenheit« (Soultana Valamoti, Archäobotanikerin, Aristoteles-Universität Thessaloniki)

Anschließend betrachtete sie die Stücke im Mikroskop, vergrößert auf das 750- bis 1000-Fache, um typische Veränderungen in der Zellstruktur ausfindig zu machen, die beim Kochen, Backen und Garen entstehen. In starker Vergrößerung unterscheiden sich die Körner, je nachdem ob sie gekocht wurden oder frisch waren, ob sie gemahlen oder ganz belassen wurden, ob sie getrocknet oder eingeweicht waren. Beim Brotbacken zum Beispiel bilden sich spezielle Blasen, beim Kochen hingegen geliert die Stärke im Getreide, bevor es dann verkohlt, sagt Valamoti. »All das können wir im Rasterelektronenmikroskop erkennen.«

Durch ihre Experimente und den Vergleichen mit prähistorischen Proben hat Valamoti mehr herausgefunden als mit der reinen Bestimmung von Pflanzenarten möglich wäre. Sie hat die Kochmethoden und Gerichte des bronzezeitlichen Griechenlands rekonstruiert. Offenbar haben die Menschen dort seit mindestens 4000 Jahren Bulgur gegessen, wie sie in einer Studie von 2021 schreibt. Man kochte Gerste oder Weizen und ließ das Getreide trocknen, um es später bei Bedarf einzuweichen. So »konnte man die Ernte in großen Mengen verarbeiten und die Vorteile der heißen Sonne nutzen«, sagt Valamoti. »Die Menschen zehrten so übers ganze Jahr hinweg von ihrem Getreide. Es war das Fastfood der Vergangenheit«, so die Archäobotanikerin.

Die Pflanzenkost steckt in den Genen

Andere Forscher suchen ebenfalls nach den Spuren uralter Missgeschicke am Herdfeuer. Überreste angebrannter Speisen »liefern uns den unmittelbaren Beleg für ein Nahrungsmittel«, sagt Amaia Arranz-Otaegui. Das Forschungsfeld der Food Archaeology käme »einer Revolution gleich«, davon ist die Archäobotanikerin am Pariser Museum für Naturgeschichte überzeugt. Die Lebensmittel würden »eine völlig neue Informationsquelle bieten«. Zuvor fanden sich kaum Belege, dass etwa Frühmenschen auch Pflanzen aßen. Zwar »haben wir immer vermutet, dass die frühen Homininen und der frühe Homo sapiens sich von Stärke ernährten, wir hatten aber keine Beweise dafür«, betont Lucy Kubiak-Martens.


Spektrum Geschichte:  1/2021 Der Eroberungszug der Bauern Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Geschichte: 1/2021 Der Eroberungszug der Bauern


Dass Menschen schon lange von stärkehaltiger Nahrung zehren, untermauern genetische Daten. Im Erbgut des Homo sapiens finden sich verglichen mit anderen Primaten mehr Kopien jenes Gens, das Enzyme zur Verdauung von Stärke produziert. »Der Mensch hat bis zu 20 Kopien, der Schimpanse nur zwei«, sagt Cynthia Larbey, Archäobotanikerin an der University of Cambridge, die an der entsprechenden Studie aus dem Jahr 2016 beteiligt war. Diese genetische Anpassung in der menschlichen Abstammungslinie prägte die Ernährung unserer Vorfahren – und die heutiger Menschen. »Stärkehaltiges Essen scheint für den Homo sapiens einen Selektionsvorteil geboten zu haben«, erklärt Larbey.

Auf der Suche nach handfesten archäologischen Belegen sah sich die Forscherin zirka 120 000 Jahre alte Herdstellen in Südafrika an. Sie pickte teils erdnussgroße Reste verkohlter Pflanzen aus den Befunden und analysierte die Stücke. Und tatsächlich: Im Rasterelektronenmikroskop identifizierte sie Zellgewebe von stärkehaltigen Gewächsen. Damit hatte Larbey den frühesten Beleg ausfindig gemacht, dass Menschen Stärke enthaltende Gerichte kochten. »Von vor 65 000 bis vor 120 000 Jahren bereiteten sie so Wurzeln und Knollen zu«, sagt Larbey. Die Belege decken einen bemerkenswert langen Zeitraum ab, vor allem im Vergleich zu den tierischen Überresten der gleichen Fundstelle. »Im Lauf der Zeit änderten sich zwar die Jagdtechniken und -strategien, aber man kochte und aß immerfort Pflanzen.«

Die frühen Menschen ernährten sich offenbar ausgewogen: Sie nutzten stärkehaltige Pflanzen als Kalorienquelle, wenn wenige Wildtiere umherstreiften oder schwer zu erlegen waren. »Und wenn man in neue Ökosysteme vorgedrungen und dort in der Lage war, Kohlenhydrate zu finden, dann hatte man sich gleich ein wichtiges Grundnahrungsmittel gesichert«, fügt Larbey hinzu.

Vegetarische Mahlzeiten im Zahnstein der Neandertaler

Schon bei den Neandertalern dürfte die pflanzliche Ernährung eine wichtige Rolle gespielt haben. 2011 untersuchte die Paläoanthropologin Amanda Henry von der Universität Leiden den Zahnbelag solcher Frühmenschen, die vor rund 40 000 bis 46 000 Jahren im heutigen Iran und in Belgien gelebt haben. Im Zahnstein steckten Mikrofossilien von Pflanzen. Offenbar hatten sowohl die Neandertaler in Europa als auch die im Vorderen Orient stärkehaltige Nahrung wie Knollen, Getreide oder Datteln gekocht und gegessen. »Pflanzen sind in unserer Umwelt allgegenwärtig«, sagt Henry. »Daher ist es keine Überraschung, dass wir sie nutzen.«

»Die altmodische Vorstellung, Jäger und Sammler hätten keine Stärke gegessen, ist Unsinn« (Dorian Fuller, Archäobotaniker, University College London)

Im Mai 2021 berichteten Paläogenetiker um Christina Warinner von der Harvard University, dass es ihnen gelungen war, bakterielle DNA aus dem Zahnbelag von Neandertalern zu extrahieren. Darunter befand sich eine Probe vom Zahn eines Individuums, das vor 100 000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Serbien gelebt hatte. Einige der identifizierten Bakterienarten sind in der Lage, Stärke in Zucker aufzuspalten. Vermutlich hatten sich die Neandertaler also bereits an eine pflanzliche Ernährung angepasst. Im Zahnstein früher anatomisch moderner Menschen fand sich ein ähnliches Mikrobiom. Offenbar ernährten auch sie sich von stärkehaltigen Pflanzen.

Diese Erkenntnisse widersprechen der weit verbreiteten Meinung, unsere Vorfahren hätten ihre Zeit am Lagerfeuer verbracht und dabei nur Mammutsteaks verspeist – Stichwort Paläodiät. Deren Anhänger fordern, auf Getreide oder Kartoffeln zu verzichten, weil sich unsere Jäger-und-Sammler-Vorfahren nicht davon ernährt hätten; sie evolutionär nicht darauf eingestellt gewesen seien. Doch inzwischen ist klar, dass seit der Altsteinzeit verschiedene Menschenformen, sobald sie das Feuer kontrollieren konnten, auch kohlenhydrathaltige Nahrung zubereiteten und verspeisten. »Die altmodische Vorstellung, Jäger und Sammler hätten keine Stärke gegessen, ist Unsinn«, sagt Archäobotaniker Dorian Fuller.

Wer waren die Köche?

Um herauszufinden, wie Menschen einst am Herdfeuer werkelten, wollen Archäologen die Köche selbst genauer erforschen. Schon länger beschäftigen sich Wissenschaftler mit dem Haushalts- und Alltagsleben vergangener Kulturen. »Wir versuchen Informationsquellen zu finden, die uns mehr über diese Menschen verraten, die in Schriftquellen nicht vorkommen«, erklärt die Archäologin Sarah Graff von der Arizona State University in Tempe.

Spektrum Geschichte:  6/2020 Europas erste Metropolen Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Geschichte: 6/2020 Europas erste Metropolen


Stießen Forscher bisher auf pflanzliche Überreste, stuften sie die Funde meist als »Ökofakte« ein – als natürliche, eher zufällig entstandene Objekte. Samen, Pollen und verbranntes Holz dienten vor allem dazu, die Vegetation einer Region zu rekonstruieren. Mittlerweile hat sich das geändert. Nahrungsreste geben Aufschluss über Tätigkeiten, die handwerkliches Können, gewisse Fähigkeiten und absichtsvolles Handeln voraussetzen. »Der Fund eines zubereiteten Lebensmittels muss in erster Linie als Artefakt verstanden werden, und an zweiter Stelle als zu bestimmende Pflanzenart«, meint Fuller. »Erhitzt, fermentiert, eingeweicht – die Tätigkeit, Nahrung zuzubereiten, ist durchaus mit den Töpfern von Keramik vergleichbar.«

Weil Archäologen immer enger mit Forschern aus Nachbardisziplinen zusammenarbeiten, tun sich immer mehr erstaunliche Parallelen über Zeiten und Kulturen hinweg auf. In Baden-Württemberg und der Schweiz etwa entdeckten Ausgräber an neolithischen, mehr als 5000 Jahre alten Fundstellen ungewöhnlich geformte Brandreste. Auf den ersten Blick schien es, als wäre der Inhalt eines großen Tongefäßes so lange erhitzt worden, bis die Flüssigkeit verdampft war und sich der organische Stoff einbrannte. Zunächst vermuteten die Ausgräber, dass die verkohlten Krusten aus Vorratsgefäßen für Getreide stammten, die bei einem Feuer zerstört wurden. Im Rasterelektronenmikroskop fiel aber auf, dass die Zellwände einzelner Körner ungewöhnlich dünn waren. Hier schien etwas anderes vorgefallen zu sein.

Heiss und Valamoti verglichen die Reste mit solchen aus altägyptischen Brauereien, die etwa derselben Zeit angehören. Ihr Fazit: Die dünnen Zellwände waren durch Keimen oder Mälzen entstanden, eine wichtige Phase im Brauprozess. Die frühen Bauern der Alpenregion hatten demnach Bier gebraut. »Wir kamen zu einem völlig anderen Ergebnis, als anfangs angenommen«, sagt Heiss.

Verräterische Blasen im Brot

Die Kunst des Brotbackens scheint noch weiter zurückzugehen als das Brauerhandwerk. Arranz-Otaegui forschte an einem 14 500 Jahre alten Fundort in Jordanien, als sie verbrannte Stückchen von »möglichen Nahrungsmitteln« aus den Feuerstellen einstiger Jäger-und-Sammler-Kulturen klaubte. Sie legte die schwarzen Reste in ein Rasterelektronenmikroskop und zeigte Aufnahmen davon der Archäobotanikerin Lara González Carretero vom Museum of London Archaeology. González Carretero arbeitet am neolithischen Siedlungsplatz Çatalhöyük in der Türkei, wo sie nach Spuren von Brotbäckern sucht. Die beiden Forscherinnen waren erstaunt, als sie die verkohlten Fragmente aus Jordanien in Vergrößerung sahen: Sie entdeckten ebenjene Blasen, wie sie für Brot typisch sind.

Die meisten Archäologen gehen davon aus, dass Brot erst mit der Neolithischen Revolution auf den Speiseplan des Menschen kam. Getreidezucht und Ackerbau etablierten sich aber 5000 Jahre, nachdem Brotkrumen ins Herdfeuer der Jäger und Sammler fielen. Wie es scheint, hatten die frühen Bäcker in Jordanien wilden Weizen verarbeitet.

Der Fund könnte erklären, warum sich die Neolithische Revolution überhaupt ereignete; sie weltweit, unabhängig voneinander, mehrfach und zu unterschiedlichen Zeiten vonstattenging. Bevor es den Feldbau gab, war Brot womöglich ein Luxusprodukt gewesen. Es erforderte viel Zeit und mühsame Arbeit, genügend Wildgetreide zu sammeln. Vielleicht lieferte der Aufwand den Anlass, den »Broterwerb« zu beschleunigen. Arranz-Otaegui ist überzeugt davon, dass der Bedarf an Brot – zumindest im Vorderen Orient – zur Domestizierung des Weizens führte. Weil man nach einem Weg gesuchte hatte, stets genug Brot backen zu können. »Was wir in Jordanien herausgefunden haben, ändert auch unser Bild vom großen Ganzen«, erklärt Arranz-Otaegui. »Eine der wichtigsten Fragen in der Archäologie lautet: Was hat den Übergang zur Landwirtschaft bewirkt? Und jetzt sehen wir, dass Jäger und Sammler Getreide nutzten.«

Uralter Herd Uralter Herd | An dieser Feuerstelle am Fundplatz Shubayqa 1 in Jordanien entdeckten Forscherinnen und Forscher verbrannte Reste von Brot. Das verkohlte Gebäck ist älter als die frühesten Nachweise für Ackerbau

Als nächster Punkt auf dem Menü der Archäobotaniker steht das prähistorische Salatbüffet – ebenfalls ein vernachlässigter Bereich einstiger Ernährungsweisen. Derzeit tüfteln Forscher an Methoden, um Spuren von rohem Gemüse nachzuweisen. Ungegartes Grünzeug zeichnet sich nämlich noch seltener im archäologischen Fundspektrum ab als erhitzte Samen und Körner. Lucy Kubiak-Martens nennt es das Missing Link in der Forschung über prähistorische Ernährungsgewohnheiten. »Es gibt keine Möglichkeit, anhand verkohlter Speisereste nachzuweisen, dass Menschen einst grünen Salat verzehrten.« Aber es gibt zumindest eine vermutlich auskunftsfreudige Fundgattung: »Sie wären überrascht, wenn Sie wüssten, wie viel grünes Gemüse sich in menschlichen Koprolithen finden lässt«, sagt Kubiak-Martens. Die Rede ist von fossilierten oder konservierten Fäkalien. Die niederländische Forscherin erhielt 2019 eine Förderung, um 6300 Jahre alte Koprolithen zu untersuchen, die sich in Feuchtbodengebieten der Niederlande erhalten haben. Die Wissenschaftlerin hofft, dass die Ausscheidungen preisgeben, was bei den frühen Bauern Europas aufgetischt wurde.

Alte Mahlzeiten neu gekocht

Einige Forscher scheuen keine Mühen, die vorgeschichtlichen Ernährungsgewohnheiten aufzudecken. Wie im Fall von Göbekli Tepe. Dort kamen kaum organische Überreste ans Licht – und damit viel zu wenig, um die damalige pflanzliche Kost zu rekonstruieren. Aus diesem Grund ging Laura Dietrich das Problem anders an. Anstatt die Speisen von damals nachzukochen, nahm sie die überlieferten Küchenutensilien und bildete sie nach.

In ihrer Experimentierküche in Berlin demonstriert Dietrich ihr Verfahren, das nicht nur viel Zeit fordert, sondern auch großen Körpereinsatz. Aus schwarzem Basalt hat sie einen handlichen Reibstein ungefähr so groß wie ein Brötchen gefertigt. Dietrich fotografiert das Stück aus 144 verschiedenen Blickwinkeln. Dann mahlt sie Mehl. Acht Stunden lang zerreibt sie mit dem Basalt vier Kilogramm Einkorn. Anschließend lichtet Dietrich den auch als Läufer bezeichneten Stein erneut ab. Sie lädt die Bilder in ein Softwareprogramm, das daraus zwei 3-D-Modelle kreiert. Ihr Fazit: Das Mahlen von feinem Mehl, das zum Brotbacken taugt, hinterlässt andere Spuren auf der Steinoberfläche als wenn das Getreide nur grob zerrieben wird, etwa um Brei zu kochen oder Bier zu brauen.

Das Bier von Göbekli Tepe – »ein bisschen bitter, aber trinkbar, wenn du Durst hast und in der Jungsteinzeit lebst« (Laura Dietrich, Archäologin, Deutsches Archäologisches Institut Berlin)

Nachdem die Archäologin mittlerweile Tausende von Reibsteinen in der Hand hatte, spürt sie oft schon beim Anfassen, wofür sie einmal verwendet wurden. »Ich berühre die Steine, um die Abnutzungsspuren zu ertasten«, sagt sie. »Die Finger können Veränderungen auf der Nanoebene fühlen.« Dietrich verglich die Gebrauchsspuren an ihren Kopien mit denen an Läufern im Steingarten von Göbekli Tepe. Dabei fand sie heraus, dass mit den dortigen Exemplaren nur selten feines Brotmehl gemahlen wurde. Viel häufiger hatten die Menschen das Getreide nur grob zerrieben, wie Dietrich 2020 in einer Studie beschreibt. Gerade ausreichend genug, um die harte Außenschale, die Kleie, aufzubrechen. So ließ sich das Getreide leichter zu Brei kochen oder zu Bier vergären.

Die Forscherin wollte ihre Hypothese prüfen. Sie beauftragte einen Steinmetz, einen Steinbottich aus Göbekli Tepe mit einem Fassungsvermögen von 30 Litern nachzubilden. Zusammen mit ihrem Team kochte Dietrich 2019 damit Brei, indem sie heiße Steine in den Behälter legte. In dem Gefäß braute sie auch neolithisches Bier aus handgeschrotetem gekeimtem Getreide, also aus Malz. Was dabei herauskam, war »ein bisschen bitter, aber trinkbar«, findet Dietrich, »wenn du Durst hast und in der Jungsteinzeit lebst.«

Viel Getreide in Göbekli Tepe

Was ging vor 12 000 Jahren in Göbekli Tepe vor sich? Offenbar etwas, das Archäologen eigentlich sehr viel später vermuten. Die Reibsteine und Tröge belegen, dass sich die Erbauer der Stätte mit dem wilden Getreide gut auskannten und wussten, wie man es zubereitet. Im Grund waren sie bereits frühe Bauern, obwohl sie nicht über domestizierte Nutzpflanzen verfügten. »Das sind die besten Reibsteine überhaupt – und ich habe schon viele Reibsteine gesehen«, sagt Dietrich. »Die Menschen in Göbekli Tepe wussten, was sie taten und wie man mit Getreide umzugehen hat. Über die Phase des Experimentierens waren sie hinaus.«

Dietrichs Experimente haben die Deutung des Göbekli Tepe gewandelt. Zuvor gingen die meisten Archäologen davon aus, dass sich auf dem Hügel zahlreiche Jäger zu Festzeiten traf, gegrillte Antilope verspeisten und dazu bottichweise lauwarmes Bier tranken. »Keiner hat die Möglichkeit erwogen, dass hier im großen Stil pflanzliche Kost konsumiert wurde«, sagt Dietrich.

In einer Studie aus dem Jahr 2020 legt sie dar, dass das »Grillen-und-Bier«-Szenario für Göbekli Tepe ganz und gar nicht zutrifft. Die vielen Werkzeuge zur Getreideverarbeitung zeigen, dass dort schon vor dem Übergang zum Ackerbau Getreide zu den Grundnahrungsmitteln zählte – und nicht nur in vergorener Form als gelegentliches Genussmittel.

Spektrum Geschichte:  1/2020 Unsere geheimnisvollsten Stätten Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Geschichte: 1/2020 Unsere geheimnisvollsten Stätten


© Springer Nature Limited

© Springer Nature Limited
Nature, 10.1038/d41586-021-01681-w, 2021

Nota. - Das würde ja auch wirklich nicht viel Sinn ergeben: Erst wurden die Menschen sess-haft und bauten Getreide an, und dann erfanden sie Brot und Bier... Andersrum ist es plausib-ler. Und es würde das alte Rätsel lösen: Warum in Gottes Namen haben die Menschen den Ackerbau erfunden? Das war doch harte Arbeit, und auf die Dauer hat es mehr Schaden als... Na ja. 

JE

Freitag, 3. September 2021

Unsere Arabienroute.

 

 aus spektrum.de, 1. 9. 2021                                                                                  Jubbah-Oase
Ausbreitung des Menschen 
Arabien war ein Hotspot der Menschheitsgeschichte
Seit 400 000 Jahren kamen immer wieder Frühmenschen von Afrika auf die Arabische Halbinsel. Sie folgten den Tierherden in eine zeitweise ergrünte Wüstenregion – und trafen auch auf Gattungsgenossen.

Forschende um Michael Petraglia und Huw Groucutt vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena fanden heraus, dass es mindestens fünf solcher grünen Zeitfenster gab, in denen verschiedene Menschenformen – Homo erectus, Neandertaler und Homo sapiens – auf die Arabische Halbinsel gelangten, sich womöglich begegneten und auch vermischt haben könnten: vor zirka 400 000 Jahren, dann vor 300 000, 200 000, 130 000 bis 75 000 Jahren und vor ungefähr 55 000 Jahren. Von der Halbinsel, so vermuten die Wissenschaftler, wanderten Gruppen auch weiter. So gelangten Menschen in mehreren Wellen in andere Winkel der Welt. Ihre These beruht auf Grabungsergebnissen aus der Nefud-Wüste, wie die Wissenschaftler um Petraglia in der aktuellen Ausgabe von »Nature« berichten. Dort, im Norden Saudi-Arabiens, haben die Ausgräber die Sedimente einstiger Seen frei gelegt und in den Schichten Steinwerkzeuge und Tierfossilien dokumentiert.

Die Sanddünen wichen einer Savanne

»Eine so lange Abfolge von Belegen für eine steinzeitliche Besiedlung in der heutigen Wüste, die sich damals in eine Savannenlandschaft verwandelte – das ist wirklich ein toller Fund«, freut sich Knut Bretzke von der Universität Tübingen. Der Archäologe sucht im Südosten der Arabischen Halbinsel im Oman und in den Vereinigten Arabischen Emiraten ebenfalls nach Spuren menschlicher Aktivitäten der letzten Jahrhunderttausende; an der Forschung in der Nefud-Wüste war er nicht beteiligt. Allzu überrascht von den Erkenntnissen seiner Kollegen ist Bretzke allerdings nicht: »Wir wissen ja, dass die Arabische Halbinsel heute zwar knochentrocken ist, aber früher immer wieder Perioden mit mehr Regen auftraten, in denen die Wüste einem üppigen Grasland wich.«


Spektrum Geschichte:  4/2021 Die Ersten in AmerikaDas könnte Sie auch interessieren: Spektrum Geschichte: 4/2021 Die Ersten in Amerika

Einen Wechsel zwischen extremer Trockenheit und feuchten Phasen voller Leben gab es nicht nur in Arabien, sondern auch in der Sahara und auf der Sinai-Halbinsel. Solche regionalen Klimawandel hingen nach Analysen von Martin Claußen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und seiner Arbeitsgruppe mit einem leichten Taumeln der Erdachse zusammen. Dadurch kam die Erde auf ihrer Umlaufbahn vor rund 10 000 Jahren im Juli dem Zentralgestirn am nächsten. Heute steht unser Planet dagegen im Januar an dieser Stelle. Nach weiteren 10 000 Jahren wird das so genannte Perihel dann wieder im Juli erreicht.

Die Neigung der Erdachse und die Nähe zur Sonne setzten einst einen Klimazyklus in Gang. Auf der Nordhalbkugel wurde es im Sommer ein wenig wärmer, während die Winter ein wenig kälter wurden. Die Temperaturunterschiede ließen den afrikanischen Sommermonsun anschwellen, der mehr Feuchtigkeit in die Wüsten Nordafrikas und der Arabischen Halbinsel trug. Aus dem sprießenden Grün verdunstete zusätzlich Wasser, was die Monsunregen weiter verstärkte und sie noch tiefer in die Wüsten vordringen ließ. Wanderte das Perihel wieder weiter, verringerten sich die Temperaturgegensätze und damit auch der Einfluss des Monsuns auf die Arabische Halbinsel und die Sahara. Die Folge: Die Savanne verwandelte sich wieder in eine Wüste.

Der klimatische Wandel hing noch von einer Reihe weiterer Faktoren ab. Während der Kaltzeiten, als mächtige Eispanzer weite Teile Nordamerikas und Nordeuropas unter sich begruben, verdunstete auch erheblich weniger Wasser aus den Meeren. Dadurch fielen weniger Niederschläge. Der Monsun schwächte sich ab und erreichte kaum die Sahara und die Arabische Halbinsel. Es waren denn auch wärmere Klimaepochen, in denen nicht nur auf der Arabischen Halbinsel, sondern auch in weiten Teilen der Sahara und auf dem Sinai saftige Grasflächen wogten und einzelne Baumgruppen standen.

Pflanzen und Tiere aus der Sahara und Arabien ähneln sich

Bald nachdem die grünen Landschaften entstanden waren, weideten dort Elefanten und Antilopen, die aus südlichen Gebieten zugezogen waren und noch heute über die Savannen Ostafrikas streifen. Wo sich heute Wüstenflächen erstrecken, gab es damals Flüsse und Seen, in denen die Tiere vor allem in den trockenen Jahreszeiten Wasser fanden. Selbst Flusspferde hielten sich auf der Arabischen Halbinsel auf. Michael Petraglia und sein Team haben Knochen der Dickhäuter gefunden. Eine solche Umwelt »war natürlich auch für die Menschen interessant«, sagt Petraglia. »Ohnehin waren die Jäger und Sammler der Steinzeit viel mobiler als viele Menschen heutzutage. Sie konnten solche neuen Lebensräume rasch nutzen.« Menschen waren den Tierherden gefolgt, von Afrika über den Sinai bis auf die Arabische Halbinsel, die den Wildbeutern mit ihren Grasländern und Galeriewäldern entlang der Gewässer auf rund 2,73 Millionen Quadratkilometern gute Jagdgründe bot.

Die Menschen kamen demnach über den Landweg. »Das Rote Meer mussten sie nicht überqueren«, erklärt Petraglia. Dass auch andere Lebewesen über diese Route nach Arabien gelangten, belegen heute dort lebende Tiere und Pflanzen, die auch in der Sahara vorkommen. »Aus der Sicht eines Biogeografen sind sich die Arabische Halbinsel und die Sahara sehr ähnlich«, so Archäologe Petraglia.

2006 fanden sich in Arabien erstmals frühe Spuren von Menschen

Dass sich während der Altsteinzeit tatsächlich Menschen auf der Arabischen Halbinsel aufhielten, war lange Zeit graue Theorie. Der Grund: Kaum ein Archäologe erforschte die Wüsten, weil sie dort einfach keine Funde vermuteten. »Die Ausgrabungen konzentrierten sich auf die heute fruchtbaren Gebiete in der Levante, in Israel und dem Libanon«, sagt Petraglia. Das änderte sich vor ungefähr 15 Jahren, als Hans-Peter Uerpmann von der Universität Tübingen und Knut Bretzke im Südosten der Halbinsel am Berg Jebel Faya in den Vereinigten Arabischen Emiraten etliche Steinwerkzeuge fanden. Das Alter der Geräte bestimmten sie auf 125 000 Jahre. Auf einen Schlag war klar, dass bereits in der Altsteinzeit Menschen auf der Arabischen Halbinsel gelebt hatten.

Seit 2010 sichten Michael Petraglia und sein Team Satellitenbilder auf der Suche nach den Spuren längst verschwundener Gewässer – mit Erfolg. »Rund 10 000 solcher Paläoseen haben wir inzwischen identifiziert«, berichtet der Anthropologe. Einige hundert von etwa 1500 einstigen Seen in der Nefud-Wüste im Nordwesten der Arabischen Halbinsel hat er mit seinem Team in den letzten Jahren am Boden untersucht. Bei rund 70 Prozent dieser Gewässer wurden die Forscher fündig: Sie entdeckten nicht nur die Überreste von Tieren, sondern auch die Werkzeuge von Steinzeitmenschen.
Zwei Faustkeile | Die beiden Steinwerkzeuge – hier jeweils von zwei Seiten fotografiert – sind 400 000 Jahre alt. Sie stammen aus den Sedimenten eines einstigen Süßwassersees in der Nefud-Wüste und bezeugen die Anwesenheit von Homo erectus oder Vorfahren der Neandertaler.

In den meisten Fällen handelt es sich aber um zeitlich isolierte Fundorte. Anders als in der Levante, der Region im Osten des Mittelmeergebiets, wo oftmals in Höhlen mehrere Kulturschichten übereinanderliegen und sich daraus eine menschliche Entwicklungs- und Migrationsgeschichte ableiten lässt, fehlten solche Daten bisher für die Arabische Halbinsel. Doch in einer Senke der Nefud-Wüste stießen die Jenaer Forscher nun auf eine besonders gute Fundsituation: an den Paläoseen von Khall Amayshan 4, abgekürzt KAM 4. »An der Stelle haben wir in verschiedenen Schichten sehr viele Steinwerkzeuge gefunden, die zeigen: In fünf verschiedenen Epochen haben sich dort Seen gebildet, an denen jeweils Menschen lebten«, erklärt Petraglia. Die Sedimente der einstigen Süßwasserseen datierten die Forscher mit Hilfe der Lumineszenzmethode. Damit lässt sich der Zeitraum bemessen, seit ein Sediment letztmalig dem Sonnenlicht ausgesetzt war.

Am Fundplatz KAM 4 kann so erstmals auf der Arabischen Halbinsel eine Abfolge von Gewässern nachverfolgt werden in Verbindung mit Werkzeugen verschiedener Technologien. Eine ähnliche Fundstelle haben die Jenaer Forscher überdies 150 Kilometer östlich von KAM 4 aufgetan. In der Oase Jubbah fanden sich ebenfalls Sedimente von Paläoseen und eine ähnliche Parallelität zwischen Phasen von Savannenlandschaften und menschlicher sowie tierischer Präsenz. Vor allem an KAM 4 lässt sich nun auch in Arabien die Geschichte eines Ortes rekonstruieren.

Die ersten Menschenformen an den Seen waren Homo erectus oder Vorfahren der Neandertaler

Vor rund 400 000 Jahren war die Wüste dort grün, und die Menschen dieser Zeit verwendeten Faustkeile, die sie mit der typischen Technik der Kulturstufe des Acheuléen herstellten. »Dabei schlägt man von einem Feuerstein so lange Splitter ab, bis ein handlicher Faustkeil entsteht«, beschreibt Knut Bretzke die Arbeit der Steinzeithandwerker. Mit dieser Technik fertigten Zweibeiner bereits vor 1,76 Millionen Jahren ihre Faustkeile. Der anatomisch moderne Mensch kommt für diese Kultur also kaum in Frage. Selbst noch vor 400 000 Jahren müssen es auf der Arabischen Halbinsel Vertreter der Menschenlinie Homo erectus gewesen sein, die diese Werkzeuge genutzt haben. Oder die Vorfahren der Neandertaler, die womöglich über die Levante oder den Kaukasus auf die Arabische Halbinsel gelangt waren. Letzteres legen jedoch die Fundstücke nicht nahe. »Die Faustkeile ähneln eher den damals in Afrika genutzten Geräten«, lenkt Michael Petraglia den Blick auf den Kontinent südlich der Sahara. Unabhängig davon stellen die 400 000 Jahre alten Faustkeile den bislang ältesten Nachweis von Menschenformen in Arabien dar.

Spektrum Kompakt:  Humanevolution – Die Entstehung des modernen MenschenDas könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Humanevolution – Die Entstehung des modernen Menschen

Vor etwa 300 000 Jahren entstanden in der Region erneut Seen. Auch dieser Grünphase konnte Petraglias Team Faustkeile der Acheuléen-Kultur zuordnen. Womöglich hatten wieder Homo erectus oder Vorfahren der Neandertaler an einem See von KAM 4 gelebt. Und erneut ähneln die Werkzeuge solchen aus Afrika. In der nächsten Phase, vor rund 200 000 Jahren, sehen viele Steinwerkzeuge dagegen völlig anders aus – sie wurden eindeutig mittels der Levalloistechnik hergestellt.

»Dabei bearbeiten die Handwerker den Rohstein sehr aufwändig und sorgfältig, bis sie mit einem einzigen gezielten Schlag eine dünne Klinge mit rundherum scharfen Kanten abschlugen«, erklärt Bretzke. Diese Technik ist zwar typisch für anatomisch moderne Menschen, Homo sapiens. Nur beherrschten die Neandertaler, die zeitweise in der Levante auftauchten, die Technik genauso gut. Laut Bretzke muss man davon ausgehen, dass die Handwerker der Steinzeit eher problemlos Techniken von anderen Menschengruppen, denen sie begegnet waren, übernehmen konnten. Oder sie kopierten geschickt eine gefundene Klinge per »learning by doing«.

Die Brücke zwischen Afrika und Eurasien

In der Zeit vor 75 000 bis 130 000 Jahren erstreckten sich wieder Savannen und Seen auf der Arabischen Halbinsel. Und an dem Gewässer von KAM 4 hielten sich erneut Menschen auf. Michael Petraglia und seine Kollegen haben aus dieser Phase Steinwerkzeuge geborgen, die ähnlich den 200 000 Jahre alten Stücken mittels der Levalloistechnik produziert wurden und technisch mit afrikanischen Geräten verwandt sind. Für die Phase vor 55 000 Jahren liegt jedoch ein anderes Szenario nahe. Die Steingeräte waren zwar ebenfalls mittels einer Levalloistechnik hergestellt worden, aber einem Verfahren, das Neandertaler der nördlich gelegenen Region der Levante nutzten.


Grabung in Khall Amayshan 4
Grabung in Khall Amayshan 4 | In den vergangenen 400 000 Jahren bildeten sich an der Fundstätte im nördlichen Saudi-Arabien immer wieder Seen, an denen auch frühe Menschen verweilten.

Sehr wahrscheinlich streiften zu jener Zeit Neandertaler und Vertreter von Homo sapiens in Arabien umher. Für Experten der Menschheitsgeschichte wie Robin Denell von der University of Exeter führen die neuen Erkenntnisse zu einer interessanten Schlussfolgerung: »Alle modernen nicht afrikanischen Individuen tragen etwas Neandertaler-DNA in sich – und die Arabische Halbinsel könnte eine Region gewesen sein, wo sich frühe Menschen und Neandertaler begegneten und vermischten«, schreibt Denell in einem begleitenden Kommentar in »Nature«. »Die Arabische Halbinsel könnte also weit mehr als eine Drehscheibe zwischen Afrika und dem Rest der Welt gewesen sein«, vermutet auch Petraglia. Sie diente offenbar als Brücke – für Menschen aus Afrika und Neandertalern aus Europa und Asien – und als Ort, an dem verschiedene Menschenformen miteinander Nachkommen zeugten.

Alle Gruppen waren Jäger und Sammler, die vermutlich dorthin zogen, wo viele Tiere weideten und wo sie gut Beute machen konnten. Einige waren dem Wild aus Afrika gefolgt in die ergrünte Sahara und danach über die Sinai-Halbinsel weiter auf die Arabische Halbinsel. Von dort könnten die Sippen dann über den Kaukasus nach Sibirien im Osten und bis nach Europa im Westen gewandert sein. Und vermutlich wurden die Wege auch in die umgekehrte Richtung beschritten. Knut Bretzke und Michael Petraglia haben also triftige Gründe, auf der Arabischen Halbinsel nach weiteren Spuren unserer Vorfahren und möglicher Techtelmechtel mit Neandertalern zu suchen.

Spektrum Kompakt:  Die Gattung Homo – Zeitgenossen des modernen Menschen Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Die Gattung Homo – Zeitgenossen des modernen Menschen