heilpraxisnetaber davongekommen noch nicht.

...kann ich Ihnen nicht raten, CDU zu wählen. Doch tue ich es nicht, habe ich ein noch schlechteres.
Während die eine auf Pro7 Olaf Scholz schon zum Kanzler ausruft, flirtet der andere bei Anne Will mit der FDP. Offiziell haben wir wieder einen Lagerwahlkampf, aber offiziös wird es die Stunde der taktischen Wähler: Jene tritt nur in eine SPD-geführte Regierung ein; doch als Vizekanzler - und Finanzminister, Herr Merz, Herr Lindner! - unter Laschet hält sich Habeck bereit. Na, das wär doch auch ne Wahl! Sie unterstützt den Scholz wie der Strick den Gehenkten.
Pferdemilch als Erfolgsrezept der europäischen Eroberung
Vor
dem Beginn der Bronzezeit änderte sich in Europa einiges: Die alten
Bewohner verschwanden, überlegene Kulturen kamen aus der südöstlichen
Steppe. War Milch ihre Geheimwaffe?
von Jan Osterkamp
Der
Anfang der Bronzezeit ging in Europa mit einer recht beispiellosen
Veränderung der Bevölkerungsstruktur einher: Vor weniger als 5000 Jahren
begannen große Gruppen mobile Viehzüchter aus den Steppengebieten
nördlich des Schwarzen Meers durch ganz Europa zu ziehen und sich
niederzulassen. Sie – die Menschen der Jamnaja-Kultur und ihre
Nachkom-men – dominierten nach wenigen Jahrhunderten schließlich in ganz
Europa und Asien: Von Skandinavien gen Süden und nach Osten hin bis in
die heutige Mongolei lebten vor allem Menschen, die mit den Einwanderern
verwandt waren, wie verschiedene Genanalysen gezeigt haben.
Verschiedene
Theorien versuchen zu erklären, warum die aus dem Süden vordringenden
Ein-wanderer so ungemein erfolgreich waren und die früheren Bewohner in
einem so großen Ge-biet genetisch fast völlig übertrumpft haben.
Vermutlich waren sie technologisch und kulturell auf eine bestimmte Art
überlegen: Sie haben wohl Pferde, Rinder, Schafe und Ziegen gezüch-tet
und kannten und benutzen das Rad. Wahrscheinlich haben sie sich auch
anders und besser ernährt: Vermutet wurde, dass die Viehzüchter die
ersten Europäer waren, die sich in großem Maßstab mit Fleisch und Milch
von ihren Herden versorgen konnten.
Direkte Beweise für diese
Theorie fehlten bislang allerdings. Dies wollte ein internationales Team
von Genforschern ändern: Die Wissenschaftler um Shevan Wilkin vom Max
Planck Institut für Menschheitsgeschichte in Jena haben daher
Untersuchungen an den Überresten von 55 Menschen durchgeführt, die vor
und nach der europäischen Bronzezeitumwälzung in den Steppen nördlich
vom Schwarzen Meer gelebt hatten. Dabei konzentrierten sich die For-scher
auf die Zähne der Menschen – genauer, auf die penible Analyse des daran
anhaftenden Zahnsteins. Hier sind die Spuren der Ernährung der
Verstorbenen konserviert: Man findet hier etwa gut konservierte
Proteine. Anhand von Milcheiweiß kann man so zum Beispiel
her-ausarbeiten, ob die längst verstorbenen regelmäßig Milchprodukte
gegessen und getrunken haben und sogar, von welchen Tieren die Milch
stammte.
Die im Fachmagazin »Nature« veröffentlichten Erkenntnisse
ergaben nun ein eindeutiges Muster: Vor der Bronzezeit zeigt sich im
Zahnstein von zehn Menschen in der Steppenregion der unteren Wolga
keine Spur von Milcheiweiß. Offenbar stand Milch in der Zeit dieser
Men-schen gar nicht oder nicht regelmäßig auf dem Speiseplan. Das änderte
sich aber, wie die Ana-lyse von Menschen zeigt, die später – in der
frühen Bronzezeit und dem Aufschwung der Jam-naja – vor Ort gelebt
hatten. Hier finden sich Reste von Milcheiweiß in 15 von 16 einzelnen
Zahnsteinproben. Menschen hatten hier die Milch von Ziegen, Kühen und
Schafen konsu-miert – und, in einem Fall, Pferdemilch. Stichproben aus
der späteren Bronzezeit belegen, dass die Bewohner vor Ort dann bei
Milchprodukten blieben.![]()
Unklar bleibt, in welcher Form die Jamnaja und ihre Verwandten Milch konsumiert haben können. Frühere Genuntersuchungen haben gezeigt, dass bei den Jamnaja der frühen Bron-zezeit noch keine Laktasepersistenz verbreitet war, dass sie also nicht die nötige genetische Ausstattung besaßen, um Milchzucker auch als Erwachsene problemlos zu verdauen. Es ist denkbar, dass die Milcheiweiße im Zahnstein von fermentierten Milchprodukten stammen, also etwa aus Käse oder Jogurt.
Nota. - Das allein schon wäre bemerkenswert: dass das Gros der Völker Europas von Men-schen abstammt, die, nachdem sie sich in Sesshaftigkeit niedergelassen hatten, nochmal in die Vaganz aufgebrochen sind und ihre neugewonnene Mobilität als siegreiche Waffe einsetzten - und dann doch wieder niedergelassen haben.
Aber - fügt der Historiker hinzu - nur bis zur sogenannten Völkerwanderung.
JE
moderockcenteraus welt.de, 16. 9. 2021
Komplizierte Vorschriften, teure Gesetze, widersprüchliche Verwaltungsanforderungen – Bürger und Wirtschaft in Deutschland stöhnen seit jeher über eine gewisse Wirklichkeitsferne des deutschen Staates. Neu ist, dass er sich nun mit seiner eigenen Bürokratie selbst stärker im Wege steht als seinen Verwaltungsobjekten.
Sprunghafte Erhöhungen der Folgekosten zur Erfüllung von Gesetzen haben nach dem nun vorgelegten Bericht des Nationalen Normenkontrollrats – einem unabhängigen Expertengremium zur Beratung der Bundesregierung in Sachen Bürokratieabbau – dazu geführt, „dass die Verwaltung die Wirtschaft erstmals als Hauptbetroffene abgelöst hat“.
Größter Posten: Das Ganztagsförderungsgesetz trieb die jährlich wiederkehrenden Dauerkosten der Kommunen, darunter vor allem die Personalkosten, binnen Jahresfrist um fast 3,8 Milliarden Euro nach oben – ein in den letzten zehn Jahren noch nie dagewesener Sprung.
Eine Fortsetzung des Trends ist programmiert. Nach dem Gesetz ist die stufenweise Einführung eines Anspruchs auf Ganztagsförderung für Grundschulkinder geplant, die ab dem Schuljahr 2025/2026 die erste Klassenstufe besuchen. Andere Paragrafenwerke wie das „Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie über die Förderung sauberer und energieeffizienter Straßenfahrzeuge“, das „IT-Sicherheitsgesetz“ und das Jahressteuergesetz trieben die Kosten um weitere Hunderte von Millionen Euro hoch.
Der Rat listet in seinem Bericht mit dem programmatischen Titel „Zukunftsfester Staat“ eine Reihe von kritischen Punkten auf, deren Lösung oft an zähen Strukturen scheitere. „Alle sind guten Willens“, sagte Kontrollrats-Chef Johannes Ludewig. „Aber Deutschland denkt und handelt zu kompliziert. Und am Ende sind wir zu langsam.“ Die Welt warte nicht auf Deutschland.
So versucht der Staat mit mäßigem Erfolg, die oft hoffnungslos veraltete Verwaltungspraxis mit dem Onlinezugangsgesetz zu modernisieren und den digitalen Zugang der Bürger zu Ämtern und Behörden zu verbessern. Bund und Länder müssen danach bis Ende des kommenden Jahres 2022 rund 600 Verwaltungsleistungen digitalisieren.
Die Umsetzung werde zwar vielerorts engagiert vorangetrieben, meint der Rat. „Trotzdem ist der Erfolg ungewiss“, lautet das nüchterne Fazit. Ohne eine „strategische Neuausrichtung“ sei das ganze Projekt gefährdet. Notwendig seien mehr Standardanwendungen, die stärkere Nutzung von Plattformen und einfachere Verbreitung guter Lösungen – kurz: ein „App-Store für die Verwaltung“.
Doch die komplexen Regularien und Strukturen zu überwinden, sei schwierig. Auch das geltende Recht sei nicht digitaltauglich: „Hindernisse sind komplizierte Gesetze und mehrdeutige Begrifflichkeiten.“ Für neue Gesetze müsse deshalb ein „Digital-Check“ eingeführt werden.
Dass der Versuch einer Zähmung der überbordenden Bürokratie dem Kampf gegen die legendäre vielköpfige Hydra gleicht, zeigt die Entwicklung der „One-in, One-out“-Regel. Ihr liegt der eigentlich sinnvolle Gedanke zugrunde, dass jeder kostentreibenden Neuregelung für die Wirtschaft der Wegfall einer vorhandenen anderen Regel gegenüber stehen müsse.
Auf dem Papier klappt das gut. Nur dort. Im Zeitraum Juli 2020 bis Juli 2021, mit dem sich der Bericht befasst, sei die Wirtschaft netto um gut 500 Millionen Euro entlastet worden, schreibt der Rat. Um dann allerdings im gleichen Atemzug eine „Realitätslücke“ zu beklagen, aus der die schöne Ziffer resultiere: die zunehmende Verlagerung von Regulierungen aus dem nationalen Recht ins EU-Recht. Dieses werde in der Berechnung aber nicht erfasst.
Beziehe man diesen Effekt ein, so ergebe sich keine Entlastung, sondern eine Belastung der Wirtschaft von 37 Millionen Euro. „Diese Realitätslücke muss geschlossen werden“, fordert der Normenkontrollrat folgerichtig.
Das Thema Bürokratieabbau ist ein politischer Dauerbrenner, gerade vor wichtigen Wahlen. Auch diesmal hat etwa Armin Laschet, der Kanzlerkandidat der Union, erklärt, die Streichung „überflüssiger Bürokratie“ sei Teil seines „Entfesselungspakets“.
Er forderte zudem, wie die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft und andere Wirtschaftsverbände, eine „One-in, Two-out“-Regel: Für jede neue Vorschrift müssten zwei alte fallen, um die Belastungen zu senken. Weder Grüne noch SPD sind gegen Bürokratieabbau, die FDP hat sich – vergeblich – gar für ein „viertes Bürokratie-Entlastungsgesetz“ eingesetzt. Stattdessen gab es ein „Maßnahmenpaket“ der Bundesregierung.
Doch Anstrengungen, die Regelungswut des Staates einzuhegen, gibt es wohl, seitdem Meyers Konversationslexikon von 1895 Bürokratie als „Bezeichnung für eine kurzsichtige und engherzige Beamtenwirtschaft, welcher das Verständnis für die praktischen Bedürfnisse des Volkes gebricht“ definierte.
Auch mit dem jüngsten Anlauf sind Kritiker nicht
zufrieden. „Die 22 Einzelpunkte des Pakets sind eher Pünktchen,
Forderungen aus der Wirtschaft werden weiterhin ignoriert“, monierte
etwa Klaus-Heiner Röhl vom unternehmernahen Kölner Institut der
deutschen Wirtschaft.
Statt einer besseren Steuer-Software zur Kommunikation mit dem Fiskus benötigten die Unternehmen zum Beispiel ein Planungs- und Genehmigungsrecht, das nicht als Investitionsbremse wirke. Dazu zähle auch die lange Dauer von Genehmigungsverfahren.
Anders als Tesla mit seinem Werk in Brandenburg könne kein deutscher Mittelständler das Risiko eingehen, Produktionsanlagen noch vor der Erteilung der Genehmigung zu bauen, um sie am Ende womöglich wieder abreißen zu müssen.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass ein neuer Bundeskanzler Laschet oder Scholz das Schwert zieht und den gordischen Knoten beim Planungs- und Genehmigungsrecht durchhaut, ist leider sehr gering“, ahnt Röhl. Zu vieles greife ineinander, von der Bürgerbeteiligung über EU-Recht bis zum Verbandsklagerecht.
Auch der Normenkontrollrat ist nicht optimistisch. „Komplexe Planungs-, Genehmigungs- und Gerichtsverfahren benötigen vielfach bis zu zehn Jahre und mehr“, beklagt der Bericht. Dies sei sogar zu langsam, um rechtzeitig klimafreundliche Infrastrukturen und Techniken auf den Weg zu bringen.
Zwar seien in den letzten Jahren Fortschritte erzielt worden, doch das Tempo reiche nicht. Die Corona-Krise habe erneut augenfällig gemacht, dass der Staat nach wie vor zu kleinteilig und zögerlich arbeite, etwa mit der Fax-Übermittlung von Infektionszahlen oder der zähen Auszahlung von Hilfe für kleine Unternehmen.
Alles in allem fehle es an Entschlossenheit, die Ziele umzusetzen, meinen die Regierungsberater. Abzulesen ist dies unter anderem an den Einmalkosten zur Erfüllung von Gesetzen. Hier liegt die Wirtschaft mit 5,8 Milliarden Euro weiter vor der Verwaltung in Führung.
Nota. - Das Glaubensbekenntnis aller Liberalen ist seit Adam Smith die unsichtbare Hand des Marktes. Milton Friedmann hat das Bild mit dem bleiernen Fuß des Staates vervollständigt. Doch anders als auf der Autobahn beschleunigt er in der Gesellschaft nicht, sondern bremst. Dessen oberster Leidtragende ist freilich - der Staat selbst. Das Bleigewicht der Bürokratie lähmt tagtäglich millionenfach den Rechtsstaat und untergräbt sein eigentliches Fundament: die Zustimmung der Bürger.
Das ist alles uralt, aber darum nicht minder richtig, und man kann es... gar nicht oft genug wiederholen? Ach, das Wiederholen hat seit 1895 nichts gebracht. Man muss das Übel bei der Wurzel packen, und das bedeutet nicht Verwaltungsreform, sondern Gesellschaftsveränderung.
JE
aus nzz.ch, 16.09.2021
von Thomas Ribi
Das
Vergangene ist nie vergangen. Die Auseinandersetzung darüber auch
nicht. Und nun ist der Holocaust wieder einmal an der Reihe. Genauer
gesagt: die Bedeutung des Holocaust im Selbstverständnis der Deutschen.
Der australische Historiker A. Dirk Moses hat die Diskussion
losgetreten. Die überragende Position, die das Gedenken an den Holocaust
für die deutsche Staatsräson einnehme, so kritisierte er in einem Beitrag im Schweizer Onlineportal «Geschichte der Gegenwart»,
verstelle den Blick für die Untaten in den Kolonien. Zum Beispiel den
Völkermord an den indigenen Herero und Nama in Namibia durch deutsche
Kolonialtruppen.
Moses geht noch einen Schritt weiter, indem er dem Holocaust-Gedenken eine nicht offen deklarierte Absicht unterstellt. Die Erinnerung an die industriell organisierte Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten werde bewusst instrumentalisiert, sagt er. Nicht einfach als Mahnmal für einen Zivilisationsbruch, der sich nie wiederholen darf. Sondern zum einen als Verpflichtung Deutschlands gegenüber den Juden – konkret: dem Staat Israel. Zum anderen, um die kolonialen Verbrechen der Deutschen auszublenden.
Auf einmal war sie wieder da, die Frage nach der Singularität des Holocaust. Und die Historiker waren auf vertrautem Gelände. Das hatten wir ja schon einmal. Mitte der 1980er Jahre, als der deutsche Historiker Ernst Nolte die Shoah mit dem Gulag-System verglich, den Nationalsozialismus als Reaktion auf die «existenzielle Bedrohung» Deutschlands durch den Kommunismus zu verstehen versuchte, und damit einen Skandal auslöste. Die zentrale Frage im «Historikerstreit», der sich an Noltes Thesen anschloss, war genau diese: Kann man den Holocaust mit anderen historischen Tatsachen vergleichen? Und darf man es tun?
Sehr bald trat damals Jürgen Habermas auf den Plan, mit einer Kampfansage. Nolte und die Historiker, die ihn argumentierend unterstützten, so Habermas, bereiteten einer Revision der Geschichte der NS-Zeit den Boden, leugneten die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung und zimmerten sich und den konservativen Kräften der Bundesrepublik eine deutschnational geprägte Nato-Philosophie zurecht.
Damit war für Habermas die Raison d’Être Deutschlands in Nachkriegseuropa gefährdet. Wer den Deutschen mit Verweis auf eine angebliche «Schuldbesessenheit» die Schamröte angesichts des Faktums des Holocaust austreiben wolle, wer sie zu einer konventionellen Form ihrer nationalen Identität zurückrufen wolle, so schloss er seine Anklage, zerstöre die einzige verlässliche Basis von Deutschlands Bindung an den Westen.
Das war scharf geschossen, gegen eine konservative Intervention, die für Habermas nur auf eine Relativierung der deutschen Schuld hinauslaufen konnte und damit den Grundkonsens der Bundesrepublik aufkündigte. Vor wenigen Tagen hat sich Jürgen Habermas nun wieder in die Debatte eingeschaltet. In einem Beitrag für das «Philosophie Magazin» nimmt der 92-jährige Altmeister der Diskursethik Stellung zu dem, was in den deutschen Feuilletons bereits zum «Historikerstreit 2.0» hochstilisiert wurde. Die Argumente, die vor gut drei Jahrzehnten galten, lässt er dabei nicht mehr gelten. Oder nur noch zum Teil.
«Wie alle historischen Tatsachen mit anderen Tatsachen verglichen werden können, so auch der Holocaust mit anderen Genoziden», hält er fest. Der Sinn des Vergleichs hänge vom Kontext ab. Und da sieht Habermas den entscheidenden Unterschied zwischen heute und gestern. «Im sogenannten Historikerstreit», schreibt er, «ging es seinerzeit darum, ob der Vergleich des Holocaust mit den stalinschen Verbrechen die nachgeborenen Deutschen von ihrer politischen Verantwortung oder, wie Jaspers mahnte, ‹Haftung› für die NS-Massenverbrechen entlasten könne.»
Die zentrale Frage der heutigen Kontroverse dagegen laute, ob der Holocaust im politischen Selbstverständnis der Deutschen den Stellenwert eines einzigartigen Zivilisationsbruchs verliere, wenn man ihn in die Perspektive einer Nachfolge der Kolonialverbrechen rücke, die erst heute wieder in Erinnerung gerufen würden. Und ob sich bereits im Genozid der deutschen Kolonialverwaltung im südlichen Afrika die kriminellen Züge zeigten, die im Holocaust verstärkt und in anderer Weise wiederkehrten.
Im Kern, das steht für Habermas ausser Frage, trage der Holocaust singuläre Züge: die Wendung gegen die Juden als «inneren Feind», der nicht ausgebeutet werde, um ein Ziel zu erreichen (Land oder Bodenschätze), sondern aus rein ideologischen Gründen ausgelöscht werde. Auf diesem singulären Zug zu beharren, so schliesst Habermas, bedeute allerdings nicht, «dass sich das politische Selbstverständnis der Bürger einer Nation einfrieren lässt».
Die Erinnerung an die Kolonialgeschichte sei wichtig. Denn die politische Kultur Deutschlands müsse sich angesichts der Immigration der vergangenen Jahrzehnte «so erweitern, dass sich Angehörige anderer kultureller Lebensformen mit ihrem Erbe und gegebenenfalls auch mit ihrer Leidensgeschichte darin wiedererkennen können». Mit dem Erwerb der Staatsbürgerschaft akzeptierten die neuen Bürgerinnen und Bürger ja auch die politische Kultur und das geschichtliche Erbe des Landes. Die Ächtung des Holocaust sei unerlässlicher Kern davon: «Aber der Immigrant erwirbt gleichzeitig die Stimme eines Mitbürgers, die von nun an in der Öffentlichkeit zählt und unsere politische Kultur verändern und erweitern kann.»
Was nun also? Der Holocaust ist singulär. Aber so ganz dann eben doch nicht? Und wenn’s darum geht, die politische Kultur ein bisschen bunter zu machen, braucht’s halt auch einmal etwas Neues? Schwer zu glauben, aber anscheinend meint Habermas das so. Die deutsche Erinnerungskultur soll irgendwie anschlussfähig werden für Bürgerinnen und Bürger aus anderen Kulturen. Und dafür ist Habermas bereit, eine Position aufzuweichen, die ihm vor gut drei Jahrzehnten als nicht verhandelbar galt.
Das ist mehr als heikel. Zum einen mit Blick auf die Perspektive, die A. Dirk Moses eröffnet hatte: die Loyalität Deutschlands gegenüber Israel. Zum anderen angesichts der Tatsache, dass die Immigration der vergangenen Jahre Deutschland auch um eine neue Form des Antisemitismus «bereichert» hat, die islamistische. Da wünschte man sich die Entschiedenheit zurück, mit der Habermas 1986 festgehalten hatte, dass es nur einen Konsens geben könne, der Deutschland dem Westen nicht entfremde: die in Überzeugungen verankerte Bindung an universalistische Verfassungsprinzipien. Dem ist nichts beizufügen.
Nota. - Über nichts werde in den Vereinigten Staaten so viel gelogen, heißt es, wie über die Rassenfrage. Über nichts wird in Deutschland so viel gelogen wie über - ja wie soll ich's nen-nen? Judenfrage doch wohl nicht.
Und kaum etwas war in Deutschland so verheuchelt wie der pp. Historikerstreit.
Wenn man zwei unterscheiden will, wird man sie zuvor schon vergleichen müssen; nicht erst, um sie gleichsetzen zu können. Im geschichtswissenschaftlichen Kern hatte Ernst Nolte da-mals natürlich Recht. Nachdem und weil in Russland eine Weltrevolution begonnen hatte, formierte sich im restlichen Europa eine Konterrevolution, zu deren äußerster Spitze der deutsche Nationalsozialismus wurde. Die Landgewinne der Konterrevolution im Westen be-stärkten die Kontervolution in Russland selbst. Hitler und Stalin waren Zwillingsgestirne, wie Leo Trotzki sagte. Hier die Konterrevolution von außen, dort von innen. Der Unterschied tritt zutage, sofern man sie vergleicht; sonst nicht.
Nun neigten Nolte und seine Mitstreiter dazu, auch die begonnen industrielle Vernichtung der europäischen Juden zu vergleichen mit Stalins Großer Säuberung, aber nicht, um die Unter-schiede auszumachen, sondern um sie gleichzusetzen.
Da erweist sich aber eine Singularität. Während Stalin das verbrecherische, aber rationale Ziel verfolgte, erstens alle möglichen Widersacher zu eliminieren und zweitens durch Furcht und Schrecken die ganze Gesellschaft so zu lähmen, dass als einziger Akteur - tja: wirklich nur er selber übrigblieb, erscheint der Judenmord als ganz und gar irrational. Vielen Tausenden kam es zupass, weil sie mitplündern durften, aber das war nur Beiwerk. Und der Aufbau eines My-thos vom altbösen Feind hatte da längst stattgefunden und erheischte eher dessen fortdau-ernde Präsenz und eben nicht seine Vernichtung. Eine allgemeine Terrorisierung konnte schließlich im Moment der Generalmobilmachauung für den Letzten aller Kriege gar nicht beabsichtigt sein, und so hat sich das NS-Regime alle Mühe gegeben, den Massenmord zu verschleiern; mit einigem Erfolg, denn selbst in Widerstandkreisen gab es keinerlei Vor-stellung von dessen tatsächlichem Ausmaß. Insofern wird die Shoah ein einzigartiges Mysterium bleiben.
Dass Hitler und Stalins Herrschaftssysteme schon von Zeitgenossen unter dem Schlagwort Totalitarismus in einen Topf geworfen wurden, war wohlverdient, und auch Leo Trotzki hat den Begriff gelegentlich benutzt. Dass die Ähnlichkeiten der beiden nicht nur eine optische war, sondern in ihrer historischen Mission begründet ist, konnten und können nur Apologeten der einen oder der andern Seite bestreiten.
JE