aus derStandard.at, 29. 9. 2021
Wie der alte deutsche Fleckerlteppich bis heute Wahlen beeinflusst
Ein Historiker
reagiert auf einen viral gegangen Tweet, der die Ergebnisse der
Bundestagswahl mit den alten deutschen Ländern verbindet
von Florian Niederndorfer aus Berlin
Dass jenes Land, das heute Deutschland heißt, erst seit 150 Jahren
als Nationalstaat besteht und vorher ein höchstens loser Bund aus Klein-
und Kleinststaaten verschiedenster Couleur war, tritt angesichts der
überaus bewegten neueren Geschichte unseres Nachbarlands mitunter in den
Hintergrund. Nun hat Klaudia Seibel, Literaturwissenschafterin aus dem
hessischen Wetzlar, die alten Verhältnisse aber auf Twitter in einen
höchst aktuellen Kontext gerückt: "Identifizieren Sie auf dieser Karte
die Grenzen der Königreiche Preußen, Bayern und Sachsen von 1870 sowie
die wichtigsten katholischen Bistümer", schrieb sie und kopierte eine
Karte mit den Ergebnissen der Bundestagswahl dazu.
Und siehe da: Tatsächlich decken sich die Hochburgen der Parteien
mitunter erstaunlich genau mit den oben genannten, heute zu Deutschland
vereinigten Gebieten. "Interessant ist ja, dass es keine
Ost-West-Teilung ist, sondern sich Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg
deutlich abheben", sagt Seibel.
Ob dies dem Zufall geschuldet ist oder doch die Geschichte nachwirkt,
wie Seibel vermutet, hat der STANDARD im Gespräch mit einem Historiker
versucht herauszufinden.
Natürlich spielte bei der Frage, wer wo wie wählt, eine Vielzahl von
Faktoren eine Rolle, sagt Christoph Nonn von der
Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Die wichtigsten: die Religion,
das Stadt-Land-Gefälle, die wirtschaftliche Entwicklung und die
Erfahrung der Menschen mit den Regierenden.
Nicht nur Religion entscheidend
Die CSU in Bayern etwa sei
eben nicht nur wegen des dort überwiegenden Katholizismus noch immer so
erfolgreich, sagt er, sondern auch weil die Partei seit dem Zweiten
Weltkrieg mit dem Aufstieg Bayerns vom Armenhaus zum
Technologievorreiter verbunden wird. Das Industrieland Saarland im
Südwesten – Heimat von Oskar Lafontaine und Erich Honecker – hingegen
wählte trotz der katholischen Dominanz am Sonntag mehrheitlich die SPD.
Rote Keimzelle im Osten
Mehr Stoff für Freundinnen und
Freunde historischer Erklärungen ortet der Professor da schon im Osten
der Republik. Dass die rechtsextreme AfD ausgerechnet in Sachsen und
Thüringen heute ihre Hochburgen hat, lässt sich Nonn zufolge durchaus
auf historische Entwicklungen seit 1870 zurückführen, wie es der Tweet
suggeriert. "Sachsen, wo die Industrialisierung ebenso wie in Thüringen
früh eingesetzt hatte, nannte man um 1900 das rote Königreich, weil dort
die Sozialdemokraten ebenfalls sehr erfolgreich waren", sagt Nonn. Der
Realsozialismus nach 1945 sei dort zu Beginn freudig begrüßt worden, die
DDR habe die Menschen in dieser roten Keimzelle dann aber rasch
enttäuscht. "Dass nach der Wende statt der von Helmut Kohl versprochenen
blühenden Landschaften ein "Abbau Ost" folgte, stellte die zweite
Enttäuschung dar", so Nonn.
Diesmal wandten sich die Menschen nicht vom SED-Sozialismus ab,
sondern vom rheinischen Kapitalismus der Marke CDU – und suchen nun ihr
Glück bei der AfD. "Der Norden der DDR war nach dem Krieg sehr stark
agrarisch geprägt, für diese Regionen war der Sozialismus ein Sprung
nach vorne", sagt Nonn. Dort könne man sich mit der SPD heute besser
anfreunden als im Süden.
Ein Fazit: Zum Teil, sagt Nonn, könne man das heutige Wahlverhalten
der Deutschen durchaus noch aus den Verhältnissen im 19. Jahrhundert
herleiten. "Das meiste davon ist aber viel später passiert und ein Teil
davon auch schlicht Zufall." Klaudia Seibel, deren Tweet mittlerweile
eine Million Aufrufe verbucht und von TV-Star Jan Böhmermann geteilt
wurde, erklärt sich den Erfolg ihres Gedankenexperiments so: "Vielleicht
weil’s eine einfache Erklärung für ein frappierendes Ergebnis ist".