Freitag, 3. September 2021

Unsere Arabienroute.

 

 aus spektrum.de, 1. 9. 2021                                                                                  Jubbah-Oase
Ausbreitung des Menschen 
Arabien war ein Hotspot der Menschheitsgeschichte
Seit 400 000 Jahren kamen immer wieder Frühmenschen von Afrika auf die Arabische Halbinsel. Sie folgten den Tierherden in eine zeitweise ergrünte Wüstenregion – und trafen auch auf Gattungsgenossen.

Forschende um Michael Petraglia und Huw Groucutt vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena fanden heraus, dass es mindestens fünf solcher grünen Zeitfenster gab, in denen verschiedene Menschenformen – Homo erectus, Neandertaler und Homo sapiens – auf die Arabische Halbinsel gelangten, sich womöglich begegneten und auch vermischt haben könnten: vor zirka 400 000 Jahren, dann vor 300 000, 200 000, 130 000 bis 75 000 Jahren und vor ungefähr 55 000 Jahren. Von der Halbinsel, so vermuten die Wissenschaftler, wanderten Gruppen auch weiter. So gelangten Menschen in mehreren Wellen in andere Winkel der Welt. Ihre These beruht auf Grabungsergebnissen aus der Nefud-Wüste, wie die Wissenschaftler um Petraglia in der aktuellen Ausgabe von »Nature« berichten. Dort, im Norden Saudi-Arabiens, haben die Ausgräber die Sedimente einstiger Seen frei gelegt und in den Schichten Steinwerkzeuge und Tierfossilien dokumentiert.

Die Sanddünen wichen einer Savanne

»Eine so lange Abfolge von Belegen für eine steinzeitliche Besiedlung in der heutigen Wüste, die sich damals in eine Savannenlandschaft verwandelte – das ist wirklich ein toller Fund«, freut sich Knut Bretzke von der Universität Tübingen. Der Archäologe sucht im Südosten der Arabischen Halbinsel im Oman und in den Vereinigten Arabischen Emiraten ebenfalls nach Spuren menschlicher Aktivitäten der letzten Jahrhunderttausende; an der Forschung in der Nefud-Wüste war er nicht beteiligt. Allzu überrascht von den Erkenntnissen seiner Kollegen ist Bretzke allerdings nicht: »Wir wissen ja, dass die Arabische Halbinsel heute zwar knochentrocken ist, aber früher immer wieder Perioden mit mehr Regen auftraten, in denen die Wüste einem üppigen Grasland wich.«


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Einen Wechsel zwischen extremer Trockenheit und feuchten Phasen voller Leben gab es nicht nur in Arabien, sondern auch in der Sahara und auf der Sinai-Halbinsel. Solche regionalen Klimawandel hingen nach Analysen von Martin Claußen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und seiner Arbeitsgruppe mit einem leichten Taumeln der Erdachse zusammen. Dadurch kam die Erde auf ihrer Umlaufbahn vor rund 10 000 Jahren im Juli dem Zentralgestirn am nächsten. Heute steht unser Planet dagegen im Januar an dieser Stelle. Nach weiteren 10 000 Jahren wird das so genannte Perihel dann wieder im Juli erreicht.

Die Neigung der Erdachse und die Nähe zur Sonne setzten einst einen Klimazyklus in Gang. Auf der Nordhalbkugel wurde es im Sommer ein wenig wärmer, während die Winter ein wenig kälter wurden. Die Temperaturunterschiede ließen den afrikanischen Sommermonsun anschwellen, der mehr Feuchtigkeit in die Wüsten Nordafrikas und der Arabischen Halbinsel trug. Aus dem sprießenden Grün verdunstete zusätzlich Wasser, was die Monsunregen weiter verstärkte und sie noch tiefer in die Wüsten vordringen ließ. Wanderte das Perihel wieder weiter, verringerten sich die Temperaturgegensätze und damit auch der Einfluss des Monsuns auf die Arabische Halbinsel und die Sahara. Die Folge: Die Savanne verwandelte sich wieder in eine Wüste.

Der klimatische Wandel hing noch von einer Reihe weiterer Faktoren ab. Während der Kaltzeiten, als mächtige Eispanzer weite Teile Nordamerikas und Nordeuropas unter sich begruben, verdunstete auch erheblich weniger Wasser aus den Meeren. Dadurch fielen weniger Niederschläge. Der Monsun schwächte sich ab und erreichte kaum die Sahara und die Arabische Halbinsel. Es waren denn auch wärmere Klimaepochen, in denen nicht nur auf der Arabischen Halbinsel, sondern auch in weiten Teilen der Sahara und auf dem Sinai saftige Grasflächen wogten und einzelne Baumgruppen standen.

Pflanzen und Tiere aus der Sahara und Arabien ähneln sich

Bald nachdem die grünen Landschaften entstanden waren, weideten dort Elefanten und Antilopen, die aus südlichen Gebieten zugezogen waren und noch heute über die Savannen Ostafrikas streifen. Wo sich heute Wüstenflächen erstrecken, gab es damals Flüsse und Seen, in denen die Tiere vor allem in den trockenen Jahreszeiten Wasser fanden. Selbst Flusspferde hielten sich auf der Arabischen Halbinsel auf. Michael Petraglia und sein Team haben Knochen der Dickhäuter gefunden. Eine solche Umwelt »war natürlich auch für die Menschen interessant«, sagt Petraglia. »Ohnehin waren die Jäger und Sammler der Steinzeit viel mobiler als viele Menschen heutzutage. Sie konnten solche neuen Lebensräume rasch nutzen.« Menschen waren den Tierherden gefolgt, von Afrika über den Sinai bis auf die Arabische Halbinsel, die den Wildbeutern mit ihren Grasländern und Galeriewäldern entlang der Gewässer auf rund 2,73 Millionen Quadratkilometern gute Jagdgründe bot.

Die Menschen kamen demnach über den Landweg. »Das Rote Meer mussten sie nicht überqueren«, erklärt Petraglia. Dass auch andere Lebewesen über diese Route nach Arabien gelangten, belegen heute dort lebende Tiere und Pflanzen, die auch in der Sahara vorkommen. »Aus der Sicht eines Biogeografen sind sich die Arabische Halbinsel und die Sahara sehr ähnlich«, so Archäologe Petraglia.

2006 fanden sich in Arabien erstmals frühe Spuren von Menschen

Dass sich während der Altsteinzeit tatsächlich Menschen auf der Arabischen Halbinsel aufhielten, war lange Zeit graue Theorie. Der Grund: Kaum ein Archäologe erforschte die Wüsten, weil sie dort einfach keine Funde vermuteten. »Die Ausgrabungen konzentrierten sich auf die heute fruchtbaren Gebiete in der Levante, in Israel und dem Libanon«, sagt Petraglia. Das änderte sich vor ungefähr 15 Jahren, als Hans-Peter Uerpmann von der Universität Tübingen und Knut Bretzke im Südosten der Halbinsel am Berg Jebel Faya in den Vereinigten Arabischen Emiraten etliche Steinwerkzeuge fanden. Das Alter der Geräte bestimmten sie auf 125 000 Jahre. Auf einen Schlag war klar, dass bereits in der Altsteinzeit Menschen auf der Arabischen Halbinsel gelebt hatten.

Seit 2010 sichten Michael Petraglia und sein Team Satellitenbilder auf der Suche nach den Spuren längst verschwundener Gewässer – mit Erfolg. »Rund 10 000 solcher Paläoseen haben wir inzwischen identifiziert«, berichtet der Anthropologe. Einige hundert von etwa 1500 einstigen Seen in der Nefud-Wüste im Nordwesten der Arabischen Halbinsel hat er mit seinem Team in den letzten Jahren am Boden untersucht. Bei rund 70 Prozent dieser Gewässer wurden die Forscher fündig: Sie entdeckten nicht nur die Überreste von Tieren, sondern auch die Werkzeuge von Steinzeitmenschen.
Zwei Faustkeile | Die beiden Steinwerkzeuge – hier jeweils von zwei Seiten fotografiert – sind 400 000 Jahre alt. Sie stammen aus den Sedimenten eines einstigen Süßwassersees in der Nefud-Wüste und bezeugen die Anwesenheit von Homo erectus oder Vorfahren der Neandertaler.

In den meisten Fällen handelt es sich aber um zeitlich isolierte Fundorte. Anders als in der Levante, der Region im Osten des Mittelmeergebiets, wo oftmals in Höhlen mehrere Kulturschichten übereinanderliegen und sich daraus eine menschliche Entwicklungs- und Migrationsgeschichte ableiten lässt, fehlten solche Daten bisher für die Arabische Halbinsel. Doch in einer Senke der Nefud-Wüste stießen die Jenaer Forscher nun auf eine besonders gute Fundsituation: an den Paläoseen von Khall Amayshan 4, abgekürzt KAM 4. »An der Stelle haben wir in verschiedenen Schichten sehr viele Steinwerkzeuge gefunden, die zeigen: In fünf verschiedenen Epochen haben sich dort Seen gebildet, an denen jeweils Menschen lebten«, erklärt Petraglia. Die Sedimente der einstigen Süßwasserseen datierten die Forscher mit Hilfe der Lumineszenzmethode. Damit lässt sich der Zeitraum bemessen, seit ein Sediment letztmalig dem Sonnenlicht ausgesetzt war.

Am Fundplatz KAM 4 kann so erstmals auf der Arabischen Halbinsel eine Abfolge von Gewässern nachverfolgt werden in Verbindung mit Werkzeugen verschiedener Technologien. Eine ähnliche Fundstelle haben die Jenaer Forscher überdies 150 Kilometer östlich von KAM 4 aufgetan. In der Oase Jubbah fanden sich ebenfalls Sedimente von Paläoseen und eine ähnliche Parallelität zwischen Phasen von Savannenlandschaften und menschlicher sowie tierischer Präsenz. Vor allem an KAM 4 lässt sich nun auch in Arabien die Geschichte eines Ortes rekonstruieren.

Die ersten Menschenformen an den Seen waren Homo erectus oder Vorfahren der Neandertaler

Vor rund 400 000 Jahren war die Wüste dort grün, und die Menschen dieser Zeit verwendeten Faustkeile, die sie mit der typischen Technik der Kulturstufe des Acheuléen herstellten. »Dabei schlägt man von einem Feuerstein so lange Splitter ab, bis ein handlicher Faustkeil entsteht«, beschreibt Knut Bretzke die Arbeit der Steinzeithandwerker. Mit dieser Technik fertigten Zweibeiner bereits vor 1,76 Millionen Jahren ihre Faustkeile. Der anatomisch moderne Mensch kommt für diese Kultur also kaum in Frage. Selbst noch vor 400 000 Jahren müssen es auf der Arabischen Halbinsel Vertreter der Menschenlinie Homo erectus gewesen sein, die diese Werkzeuge genutzt haben. Oder die Vorfahren der Neandertaler, die womöglich über die Levante oder den Kaukasus auf die Arabische Halbinsel gelangt waren. Letzteres legen jedoch die Fundstücke nicht nahe. »Die Faustkeile ähneln eher den damals in Afrika genutzten Geräten«, lenkt Michael Petraglia den Blick auf den Kontinent südlich der Sahara. Unabhängig davon stellen die 400 000 Jahre alten Faustkeile den bislang ältesten Nachweis von Menschenformen in Arabien dar.

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Vor etwa 300 000 Jahren entstanden in der Region erneut Seen. Auch dieser Grünphase konnte Petraglias Team Faustkeile der Acheuléen-Kultur zuordnen. Womöglich hatten wieder Homo erectus oder Vorfahren der Neandertaler an einem See von KAM 4 gelebt. Und erneut ähneln die Werkzeuge solchen aus Afrika. In der nächsten Phase, vor rund 200 000 Jahren, sehen viele Steinwerkzeuge dagegen völlig anders aus – sie wurden eindeutig mittels der Levalloistechnik hergestellt.

»Dabei bearbeiten die Handwerker den Rohstein sehr aufwändig und sorgfältig, bis sie mit einem einzigen gezielten Schlag eine dünne Klinge mit rundherum scharfen Kanten abschlugen«, erklärt Bretzke. Diese Technik ist zwar typisch für anatomisch moderne Menschen, Homo sapiens. Nur beherrschten die Neandertaler, die zeitweise in der Levante auftauchten, die Technik genauso gut. Laut Bretzke muss man davon ausgehen, dass die Handwerker der Steinzeit eher problemlos Techniken von anderen Menschengruppen, denen sie begegnet waren, übernehmen konnten. Oder sie kopierten geschickt eine gefundene Klinge per »learning by doing«.

Die Brücke zwischen Afrika und Eurasien

In der Zeit vor 75 000 bis 130 000 Jahren erstreckten sich wieder Savannen und Seen auf der Arabischen Halbinsel. Und an dem Gewässer von KAM 4 hielten sich erneut Menschen auf. Michael Petraglia und seine Kollegen haben aus dieser Phase Steinwerkzeuge geborgen, die ähnlich den 200 000 Jahre alten Stücken mittels der Levalloistechnik produziert wurden und technisch mit afrikanischen Geräten verwandt sind. Für die Phase vor 55 000 Jahren liegt jedoch ein anderes Szenario nahe. Die Steingeräte waren zwar ebenfalls mittels einer Levalloistechnik hergestellt worden, aber einem Verfahren, das Neandertaler der nördlich gelegenen Region der Levante nutzten.


Grabung in Khall Amayshan 4
Grabung in Khall Amayshan 4 | In den vergangenen 400 000 Jahren bildeten sich an der Fundstätte im nördlichen Saudi-Arabien immer wieder Seen, an denen auch frühe Menschen verweilten.

Sehr wahrscheinlich streiften zu jener Zeit Neandertaler und Vertreter von Homo sapiens in Arabien umher. Für Experten der Menschheitsgeschichte wie Robin Denell von der University of Exeter führen die neuen Erkenntnisse zu einer interessanten Schlussfolgerung: »Alle modernen nicht afrikanischen Individuen tragen etwas Neandertaler-DNA in sich – und die Arabische Halbinsel könnte eine Region gewesen sein, wo sich frühe Menschen und Neandertaler begegneten und vermischten«, schreibt Denell in einem begleitenden Kommentar in »Nature«. »Die Arabische Halbinsel könnte also weit mehr als eine Drehscheibe zwischen Afrika und dem Rest der Welt gewesen sein«, vermutet auch Petraglia. Sie diente offenbar als Brücke – für Menschen aus Afrika und Neandertalern aus Europa und Asien – und als Ort, an dem verschiedene Menschenformen miteinander Nachkommen zeugten.

Alle Gruppen waren Jäger und Sammler, die vermutlich dorthin zogen, wo viele Tiere weideten und wo sie gut Beute machen konnten. Einige waren dem Wild aus Afrika gefolgt in die ergrünte Sahara und danach über die Sinai-Halbinsel weiter auf die Arabische Halbinsel. Von dort könnten die Sippen dann über den Kaukasus nach Sibirien im Osten und bis nach Europa im Westen gewandert sein. Und vermutlich wurden die Wege auch in die umgekehrte Richtung beschritten. Knut Bretzke und Michael Petraglia haben also triftige Gründe, auf der Arabischen Halbinsel nach weiteren Spuren unserer Vorfahren und möglicher Techtelmechtel mit Neandertalern zu suchen.

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Donnerstag, 26. August 2021

Haiti - die Revolution der Sklaven.

Französische Truppen waren 1802 auf Saint-Domingue, dem damaligen Haiti, gelandet, um den Anführer der Revolution, Toussaint Louverture, gefangen zu setzen.

aus spektrum.de, 25. 8. 2021

Haiti
Die Revolution der Sklaven
Im August 1791 brach in der französischen Karibikkolonie Saint-Domingue erst ein Sklavenaufstand aus, dann kam es zur Revolution. 1804 entstand dann Haiti, der erste und einzige von ehemaligen Sklaven gegründete Staat der Weltgeschichte.


von Hakan Baykal

»Ich war einer Ihrer Soldaten und der erste Diener der Republik, nun aber bin ich elend, ruiniert, entehrt, ein Opfer meiner Dienste!« So schrieb 1802 ein General dem anderen; ein Revolutionär, Feldherr und Gesetzgeber einem ebensolchen; ein aus seiner Heimat verschleppter Gefangener einem Mann, dem dieses Schicksal noch bevorstand. Es schrieb Toussaint Louverture an Napoleon Bonaparte. Die beiden waren einander zwar nie persönlich begegnet, hatten allerdings über einige Jahre gelegentlich quer über den Ozean brieflich miteinander verkehrt und sich dabei ihrer gegenseitigen Hochachtung und Sympathie versichert. Nun aber war es vorbei mit den Höflichkeiten.

Napoleon (1769–1821) – seit 1799 als Erster Konsul der Französischen Republik auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Macht – hatte genug von dem Aufrührer aus Übersee. Louvertures letzter, verzweifelter Brief sollte unbeantwortet bleiben. Er hatte ihn in der Festung Fort de Joux im französischen Jura verfasst, wo ihn Napoleon unter härtesten Bedingungen hatte einkerkern lassen.

 
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Toussaint Louverture war 1743 als Kind von Sklaven auf der Plantage des Grafen von Bréda nahe Cap-Français, der Hauptstadt der französischen Kolonie Saint-Domingue, zur Welt gekommen. Über die ersten fünf Jahrzehnte seines Lebens ist nur wenig bekannt. Offenbar erhielt der Junge, dessen Vater vermutlich aus dem heutigen Benin stammte, eine relativ gute Ausbildung. Da Toussaint Bréda, wie er ursprünglich nach seinem Eigentümer hieß, eine schwächliche Konstitution hatte, gestattete ihm sein Herr, Lesen und Schreiben zu lernen. Später setzte der Aristokrat seinen Sklaven als Kutscher und Gutsverwalter ein – beides privilegierte Stellungen innerhalb der Sklavenhierarchie. 1776 entließ ihn der Graf in die Freiheit. Toussaint erwarb eine eigene kleine Kaffeeplantage, zu deren Bewirtschaftung er selbst zeitweise bis zu ein Dutzend Sklaven eingesetzt haben soll.

Toussaint Louverture (1743–1803)Toussaint Louverture (1743–1803) | Als sich im Lauf der Revolution herausstellte, dass die Franzosen gegenüber den Sklaven zu keinen Zugeständnissen bereit waren, stellte sich Louverture an die Spitze des Aufstands. Porträt von Denis Alexandre Volozan, um 1800.

Toussaint war ein verhältnismäßig gebildeter Mann. Er beherrschte neben seiner Muttersprache, dem westafrikanischen Fon, sowohl Kreolisch als auch Französisch, las antike Klassiker wie die Schriften Cäsars und Werke der Aufklärung. Nach und nach vergrößerte der Freigelassene seinen Besitz, nahm 1782 die ehemalige Sklavin Suzanne Simone zur Frau, die ihm zwei Söhne schenkte. Toussaint Bréda wurde zu einem wohlhabenden, angesehenen Mann. So hätte ein Leben, das in der Sklaverei begann, bis zu seinem glücklichen Ende weitergehen können – und niemand hätte etwas davon erfahren. Wenn nicht 15 Jahre nach Toussaints Freilassung ein gewaltiger Sturm seine Heimatinsel erfasst hätte, dessen Auswirkungen auch in Europa zu spüren waren: die Sklavenrevolte von 1791. Sie endete erst 1804 nach langem, blutigem Ringen mit der Gründung des unabhängigen Staats Haiti.

Eine Umwälzung, die gelingen konnte, erläutert Jürgen Osterhammel, emeritierter Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz, »weil hier und nur hier eine Kraft von außen, die Französische Revolution, die weiße Herrenkaste spaltete; weil es hier und nur hier eine wohlhabende Zwischenschicht freier Farbiger (»gens de couleur«) gab, die die Verwirrung der Weißen zu einer eigenen Erhebung nutzte; und weil hier und nur hier ein internationaler Konflikt um eine Zuckerinsel geführt wurde, bei dem die beteiligten Mächte – Frankreich, Spanien und Großbritannien – Sklavensöldner bewaffneten«.
 

Wie die erste Kolonie Europas entstand 

Um zu verstehen, wie es zu dieser einzigartigen Konstellation kam, hilft ein Blick zurück. Christoph Kolumbus hatte während seiner ersten Reise über den Atlantik im Dezember 1492 die Insel entdeckt, die sich heute die Staaten Haiti und Dominikanische Republik teilen. Er gab dem Eiland, das bei seinen Ureinwohnern Ayti hieß, den Namen La Isla Española (Hispaniola) und ließ dort aus den Planken der havarierten »Santa Maria« ein kleines Fort errichten, die erste spanische Kolonie in der Neuen Welt – und damit die erste europäische überhaupt.

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Nahezu umgehend legten die Spanier auf der Insel erste Zuckerplantagen an, auf denen sie Angehörige des einheimischen Volks der Arawak zur Sklavenarbeit zwangen. Binnen weniger Jahrzehnte war das Volk, das bei der Ankunft der Europäer geschätzte 250 000 bis 400 000 Seelen zählte, so gut wie ausgerottet – durch Versklavung zu Grunde gerichtet, in Kämpfen niedergemetzelt und von eingeschleppten Krankheiten dahingerafft. Bereits ab 1503 setzten die spanischen Kolonisten daher auch Sklaven aus Afrika in den Erzminen und auf den Plantagen der Insel ein. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte erlahmte die Entwicklung der Kolonie dennoch.

Die Spanier suchten vor allem Edelmetalle. Da die spärlichen Goldvorkommen Hispaniolas jedoch zur Neige gingen, verloren viele das Interesse an der Kolonie. Bald diente das Eiland lediglich als Brückenkopf auf dem Weg zu den ergiebigeren Besitzungen auf dem amerikanischen Festland. Im 17. Jahrhundert nisteten sich im Westen der Insel dann französische Freibeuter ein und legten den Grundstein für die Landnahme durch Frankreich. 1697 trat Spanien den westlichen Teil der Insel schließlich offiziell an das Land ab.

Die Sklaven produzierten Luxusgüter für Europa

Die neuen Siedler forcierten die Plantagenwirtschaft, und so wurde im 18. Jahrhundert aus Saint-Domingue, wie der Westen Hispaniolas nun hieß, eine der profitabelsten Kolonien jener Zeit – dank der massenhaften Verschleppung und Versklavung von Afrikanern, vorwiegend aus dem Gebiet der heutigen Staaten Gambia und Senegal. Auf diese Weise entstand auf der Karibikinsel innerhalb weniger Jahre eine Sklavengesellschaft. Die Sklaverei war das Mittel aller Produktion.

Voraussetzung und Motor dieser Entwicklung war das gewachsene Verlangen der westeuropäischen Bevölkerung nach Luxusgütern aus Übersee. Zucker, Kaffee, Kakao – mit dem Anstieg der Nachfrage nach diesen Gütern in der Alten Welt wuchs auch jene nach billigen Arbeitskräften auf den Plantagen der Neuen. Der transatlantische Handel mit Menschen nahm rasant zu.

»Das 18. Jahrhundert, bekanntlich das Jahrhundert der Aufklärung, war auch das schrecklichste Jahrhundert der Verschleppungen«, betont Michael Zeuske vom Center for Dependency and Slavery Studies der Universität Bonn. Insgesamt wurden von zirka 1500 bis zur Abschaffung des transatlantischen Sklavenhandels um 1850 an die zwölf Millionen Afrikaner in die nord- und südamerikanischen Kolonien geschafft – rund die Hälfte davon allein im Zeitalter Voltaires.

Sainte-Domingue verlangte stetig nach Sklaven


Mit tausenden hochprofitablen Plantagen, auf denen afrikanische Sklaven schufteten, galt Saint-Domingue damals als eine der ertragreichsten Kolonien jener Zeit. Doch der Bedarf an neuen Arbeitern war hoch, was sich auf die Bevölkerungsstruktur auswirkte. Ende der 1780er Jahre lebten neben etwas mehr als 30 000 weißen Europäern ungefähr ebenso viele freie und zum Teil gleichfalls wohlhabende »gens de couleur« in der Kolonie. Sie waren meist die Nachkommen von Franzosen und Sklavinnen oder Freigelassene wie Toussaint Bréda. Gemeinsam verfügten sie über rund eine halbe Million schwarze Sklaven. »Beinahe 90 Prozent der in der Kolonie lebenden Menschen waren das Eigentum einer anderen Person«, schreibt der Historiker Philipp Hanke in seinem Buch »Revolution in Haiti«.

Brennende Hauptstadt Brennende Hauptstadt | Ansicht von Cap-Français am 21. Juni 1793. Inmitten der Revolution brennt die Kapitale an der Nordküste der Karibikinsel Hispaniola. Kolorierter Druck von Jean-Baptiste Chapuy, um 1794.

Die Entwicklung der sozialen Strukturen in Saint-Domingue nahm einen Sonderweg innerhalb der Sklavengesellschaften der Karibik. »Im Gegensatz zu anderen großen Plantagenökonomien der Zeit stellt sich die Gesellschaft nicht als einfaches Zweiklassensystem dar«, präzisiert Hanke. In der britischen Kolonie Jamaika etwa waren die Verhältnisse klar: Weiße Europäer hatten alle Macht und jeden Besitz, Schwarze wie Kreolen hatten als Sklaven zu dienen. In Saint-Domingue hingegen entstand eine Gesellschaft, »die aus vier teilweise ökonomisch, teils nach Hautfarbe definierten Klassen bestand«, erklärt Osterhammel.

Die oberste Schicht bildeten reiche europäische Plantagenbesitzer und Angehörige der Inselbürokratie, die so genannten »grands blancs«, die großen Weißen. Ihnen formell als Untertanen des französischen Königs gleichgestellt, faktisch jedoch aus dem öffentlichen Leben und allen politischen Entscheidungen ausgeschlossen, waren die freien »gens de couleur«, von denen es viele als Pflanzer ebenfalls zu beträchtlichem Reichtum gebracht hatten. Deren Wohlstand erregte Neid unter den so genannten kleinen Weißen (»petits blancs«). Sie waren meist Aufseher auf den Plantagen oder Händler und Handwerker in den Städten, ursprünglich aus einfachen Verhältnissen in Frankreich kommend. Die unterste Schicht bildete schließlich die Masse der Sklaven, von denen rund zwei Drittel in Afrika geboren worden waren.

Ein brutales Regelwerk für den Umgang mit Sklaven

Den rechtlichen Rahmen für die Sklaverei gab der so genannte »Code Noir« vor. Das von König Ludwig XIV. 1685 erlassene Dekret legte fest, wer Sklaven halten dürfte, wie sie gehandelt und behandelt werden sollten. So durften die Sklavenhalter ihr menschliches Eigentum ausdrücklich in Ketten legen und schlagen, es war ihnen jedoch verboten, ihre Sklaven zu foltern oder grundlos zu töten. Wenn aber etwa ein Sklave die Hand gegen seinen Herrn oder dessen Familie erhob, drohte ihm die Hinrichtung. Vor Willkür schützte das Regelwerk die versklavten Afrikaner dabei nicht.

Der »Code Noir« war bis 1848 gültig, geriet danach allerdings in Vergessenheit. Der französische Philosoph Louis Sala-Molins entdeckte das Dekret Ende der 1980er Jahre wieder und beklagte, dass kaum einer der französischen Aufklärer sich dazu geäußert hatte. Eine Ausnahme war Guillaume Thomas François Raynal (1713–1796), der in seiner »Geschichte beider Indien« (»Histoire des deux Indes«) die Unmenschlichkeit der Sklaverei geißelte und prophezeite, dass diese Gewaltherrschaft eines Tages einen »schwarzen Spartakus« als Anführer der Versklavten gegen ihre weißen Herren hervorbringen werde. Das enzyklopädische Werk wurde verboten und öffentlich verbrannt, sein Autor geschmäht und für einige Jahre außer Landes getrieben. Er sollte dennoch Recht behalten.

Die Werte der Französischen Revolution machten vor der Sklaverei Halt

Die Politisierung weiter Teile der französischen Bevölkerung während der 1780er Jahre erfasste auch die Kolonien des Königreichs. Bereits 1788 wurde in Paris die »Société des Amis des Noirs« (Gesellschaft der Freunde der Schwarzen) gegründet, die sich eher am Rand für die Abschaffung der Sklaverei, besonders aber für die tatsächliche Gleichberechtigung der freien »gens de couleur« einsetzte. Mit dem Beginn der Französischen Revolution im Jahr darauf, vor allem mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August 1789 erhielt deren Sache erheblichen Auftrieb. Schließlich stellte der erste Artikel der Erklärung unmissverständlich fest: »Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es.«

Spektrum Geschichte:  2/2021 Die Macht der Verleumdung

Jean-Jacques Dessalines (1758–1806) | Nachdem Toussaint Louverture nach Frankreich verschleppt worden war, führte sein Weggefährte Dessalines die Revolution fort. Im November 1803 siegten die ehemaligen Sklaven dann endgültig gegen die französischen Invasoren.

Die »grands blancs« waren vorwiegend Aristokraten und hatten daher bereits die Erhebung in ihrem Heimatland abgelehnt. Die »kleinen Weißen« waren zwar eher für die Ideale der Französischen Revolution zu begeistern, wollten aber oft keine gemeinsame Sache mit den Schwarzen machen. Den Sklaven hingegen hatten die Anführer des Aufstands damit Hoffnungen gemacht, dass auch in Europa die »weißen Sklaven« ihre Herren verjagt hätten. Nun wollten sie es jenen gleichtun. Die freien und reichen »gens de couleur« waren allerdings zwiegespalten: Einerseits hofften sie, endlich Emanzipation zu erlangen; andererseits fürchteten sie, durch die Revolution allen Besitz und Wohlstand zu verlieren. Darüber hinaus witterten die Kolonialmächte Großbritannien und Spanien ihre Chance, aus den Unruhen Profit zu schlagen, und mischten kräftig mit – entweder indem sie Aufständische bewaffneten oder selbst in die Kampfhandlungen eingriffen.

Toussaint Louverture schlug sich auf die Seite der Revolutionäre


In dieser Situation betrat Toussaint Bréda die Bühne der Geschichte. Anfangs hatte er sich nicht am Aufstand beteiligt. Er soll sogar seinen einstigen Herrn und dessen Familie vor der Wut der Sklaven beschützt und ihnen das Leben gerettet haben. »Erst als deutlich wurde, dass die europäischen Kolonisten gegenüber den aufständischen Sklaven zu keinen Kompromissen bereit waren, schloss er sich den Rebellen an«, erklärt Hanke. Spätestens seit dem Jahr 1793 zeigte sich Toussaint Bréda unter dem selbst gewählten Namen »Louverture« als einer der bedeutendsten Heerführer der Revolutionäre.

Anfangs kämpfte er in spanischen Diensten gegen die französischen Kolonialherren. Nachdem aber die Nationalversammlung in Paris im August 1793 die Sklaverei in allen französischen Gebieten abgeschafft und alle männlichen Befreiten zu gleichberechtigten Staatsbürgern erklärt hatte, wechselte er die Fronten. Zu diesem Zeitpunkt standen die französischen Revolutionsarmeen in Europa gegen eine Koalition europäischer Mächte unter der Führung von Österreich, Preußen und Großbritannien. Im September 1793 landeten nun auch die ersten 600 britischen Soldaten in Saint-Domingue. In den nächsten fünf Jahren sollten ihnen über 20 000 folgen, von denen rund die Hälfte dem Gelbfieber erlag.

Die Verfassung eines neuen Staats tritt in Kraft

Louverture, der offenbar über einiges strategisches Geschick verfügte, gelang es, die Aufständischen unter seiner Führung zu vereinen sowie die spanischen und britischen Truppen nach und nach zurückzudrängen und schließlich 1798 zu besiegen. Just in diesem Jahr beschloss das nun in Paris regierende Direktorium, dass in Afrika oder den amerikanischen Besitzungen geborene Schwarze in Frankreich als Migranten zu gelten hatten, über deren weiteren Status individuell zu entscheiden sei. Die Sklaven, die sich selbst befreit hatten, verloren aber ihre gleichberechtigte Staatsbürgerschaft. Als sich dann 1799 abzuzeichnen begann, dass Napoleon Bonaparte erwog, die Sklaverei wieder einzuführen, kam auch Louvertures Loyalität zur Französischen Republik ins Wanken.

Am 4. Februar 1801 unterzeichnete Toussaint Louverture die Verfassung von Saint-Domingue. »Unter den Bedingungen des Kolonialismus sollte eine auf Freiheit und Gleichheit basierende Ordnung etabliert werden«, schreibt Hanke. Die Verfassung war die erste überhaupt, in der allein die Möglichkeit, ein Mensch könne Eigentum eines anderen sein, explizit ausgeschlossen wurde. Das war einzigartig. Obwohl in den Jahren zuvor unter anderem Maximilien de Robespierre (1758–1794) darauf gedrängt hatte, ein Sklavereiverbot in der französischen Verfassung festzuschreiben, war dies nicht geschehen. Von der einzigen anderen modernen Republik der westlichen Hemisphäre, den Vereinigten Staaten, war ein solches Verbot sowieso nicht zu erwarten – waren doch zahlreiche der Gründerväter selbst Sklavenhalter, allen voran der damals amtierende Präsident Thomas Jefferson (1743–1826).

Die Verfassung für Saint-Domingue beinhaltete zwar dezidiert keine Loslösung von Frankreich, Napoleon verstand sie dennoch als solche. In einem Brief an Louverture schrieb er, sie enthalte einiges, »was dem Stolz und der Souveränität des französischen Volkes« zuwiderliefe. Im Februar 1802 landete eine französische Streitmacht von mehr als 20 000 Mann unter der Führung von General Charles Victoire Emmanuel Leclerc (1772–1802), einem Schwager Napoleons, in Saint-Domingue. Ihr Auftrag war es, Toussaint Louverture festzunehmen, jedweden Aufruhr zu befrieden und die Wiedereinführung der Sklaverei durchzusetzen.

Frankreich bekam die Kolonie nicht mehr unter Kontrolle

Den ersten Teil seiner Aufgabe erledigte Leclerc umgehend: Louverture wurde Anfang Juni 1802 gefangen genommen und nach Frankreich deportiert. Nur zehn Monate darauf, am 7. April 1803, erlag er den Folgen der Haftbedingungen. Die Befriedung der Kolonie ließ sich allerdings weit schwieriger an. »Es ist notwendig, alle Schwarzen in den Bergen zu vernichten, Männer und Frauen, nur Kinder unter zwölf Jahren sollen verschont werden«, schrieb Leclerc an seinen Schwager. Anders sei die Kolonie nicht unter Kontrolle zu bringen.

Der General behielt Recht, sollte jedoch den Tag, an dem die Kolonie endgültig für Frankreich verloren ging, ebenso wenig miterleben wie Louverture. Er starb wie viele seiner Soldaten am Gelbfieber. Die Schwarzen von Saint-Domingue, die sich selbst befreit hatten, kämpften unter der Führung von Jean-Jacques Dessalines (1758–1806), dem Weggefährten und Nachfolger Louvertures, weiter gegen die französischen Invasoren und schlugen diese in einer alles entscheidenden Schlacht im November 1803. Am 1. Januar 1804 proklamierte der siegreiche General die Unabhängigkeit seiner Heimat, die nun in Anlehnung an ihren ursprünglichen Namen Haiti hieß.

Sowohl die europäischen Kolonialmächte als auch die USA versagten dem jungen Staat über Jahrzehnte die Akzeptanz. Frankreich war 1825 bereit, Haiti als unabhängigen Staat anzuerkennen – unter extremen Bedingungen. »Die Vereinbarung mit Frankreich ist eines der seltenen Beispiele in der Geschichte, in dem ein militärisch siegreiches Land genötigt wurde, für seine Unabhängigkeit Reparationen zu zahlen«, weiß Hanke. Für die Anerkennung seiner Eigenständigkeit durch das frühere Mutterland musste sich Haiti unter Androhung einer neuerlichen Invasion und der Wiedereinführung der Sklaverei bereit erklären, die ungeheure Summe von 150 Millionen Goldfrancs zu bezahlen – als Entschädigung nicht nur für den Verlust von Land, sondern ausdrücklich auch für das verlorene Humankapital, die Sklaven. Die Auswirkung dieser Reparationen, die Haiti bis 1947 zu entrichten hatte, waren verheerend für das Land, das heute noch zu den ärmsten der Welt zählt.

 

Nota. - Ich fürchte, spektrum wird diese Geschichte nicht bis zu ihrem bitteren gegenwärtigen Ende forterzählen. Sie ging weiter damit, dass der neue Staat, um die exorbitante Reparations-summe aufzubringen, den größten Reichtum des Landes zu Geld machen musste: Die Edel-holzwälder, die Haitit bedeckten, wurden kahlgeschlagen und das Land ist seither schutzlos der Erosion preisgegeben. Es folgte ein bis heute nicht endender Jammer.
JE

Dienstag, 24. August 2021

Sie glauben doch nicht, dass ich das kommentiere.

 


 Und ich tu es doch: Mit denen sollen die Sozis koalieren, da kommt zusammen, was zusmmem passt.

 

 

Montag, 23. August 2021

Die Geburt des Westens in der Schlacht von Salamis.

Kampf zwischen Griechen und Persern: Das Relief ziert den so genannten Alexandersarkophag aus Sidon, um 325 v. Chr.
 aus spektrum.de, 22. 8. 2021

Perserkriege : Die Geburt des Überlegenheitsgefühls
Vor 2500 Jahren endeten die Perserkriege. Die vereinten Griechen hatten gesiegt. Und fanden alsbald eine Erklärung für ihren Erfolg: Ihre Kultur sei allem Fremden überlegen.

Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. stand das Ende der griechischen Welt bevor. Die Perserkönige, die bereits dutzende Völkerschaften erobert hatten, machten sich daran, endgültig alle griechischen Stadtstaaten einzunehmen. Bald sollten das aristokratische Sparta und das demokratische Athen, aber auch Poleis wie Syrakus auf Sizilien und Korinth auf dem Peloponnes den Großkönigen Tribut leisten. Doch es kam anders. Ein Bündnis, wie es die Hellenen nie zuvor geschlossen haben, behielt bei der letzten Schlacht 479 v. Chr. die Oberhand. Die Perser unter König Xerxes I. (519–465 v. Chr.) unternahmen danach keinen weiteren Angriff auf Griechenland. Und die Hellenen? Sie rätselten, wie sie eigentlich siegen konnten, und kamen zu dem Schluss: Es habe an ihrer Kultur gelegen. Ihre Werte und Überzeugungen seien offenbar allem Fremden überlegen.

Als die Perser im Jahr 480 v. Chr. den Hellespont, die heutigen Dardanellen, überquerten, erschien es vielen Städten angesichts der Truppenmacht des Gegners zwecklos, Widerstand zu leisten. Zwar hatten die Invasoren schon zuvor mit einer kleinen Streitmacht den Fuß auf die griechische Halbinsel gesetzt – damals schlugen sie die Athener 490 v. Chr. bei Marathon –, doch das griechische Kleinasien war bereits in persischer Hand. Und das Heer, mit dem Xerxes nun auftauchte, war gewaltig.

Mehrere nordgriechische Städte ergaben sich daraufhin den heranmarschierenden Persern. Angesichts der Bedrohung kontaktierten andere Poleis das Orakel von Delphi, das sich aus demselben Grund mehr um die eigene Zukunft sorgte. Die Stadt Argos solle neutral bleiben, riet es. Auch Kreta solle sich lieber heraushalten. Vermutlich versuchte es zu verhindern, dass sich in Griechenland vermeintlich sinnloser Widerstand formierte. Doch die Athener wollten sich damit nicht zufriedengeben. Als das Orakel auch ihnen den Rat erteilte, den Kampf zu meiden, verlangten sie eine zweite, bessere Weissagung. Die bekamen sie: Athen solle auf seine hölzernen Wälle vertrauen. Wie so oft bei Orakelsprüchen galt es, die Worte auszudeuten. Hölzerne Wälle – offenbar sollte man den Persern mit Schiffen entgegentreten.

Das griechische Bündnis zeigte Erfolg

Zwischen der Insel Salamis und der attischen Küste bescherte das von Athen angeführte Bündnis dann den Persern eine krachende Niederlage. Die Athener hatten gut daran getan, alles auf ihre Flotte zu setzen. Die Verbände der Perser fielen auseinander. Gegen die gut koordinierten Griechen waren sie machtlos. Xerxes kehrte dem Krieg daraufhin den Rücken und übergab den Oberbefehl der Landstreitkräfte an seinen Feldherrn Mardonios. Im Sommer 479 v. Chr., vor genau 2500 Jahren, zog dieser bei Platää in Mittelgriechenland mit den persischen Truppen gegen das griechische Landheer, das der Spartanerkönig Pausanias anführte. Wie schon bei Salamis waren die Perser zahlenmäßig überlegen – und wieder wurden sie geschlagen. Obwohl die griechische Allianz alles andere als souverän agierte. Die Spartaner versuchten, den Kampf zu meiden, und die Kommandeure um Pausanias zeichneten sich durch Unentschlossenheit aus. Doch als es schließlich zur größten Schlacht kam, die die griechische Welt bis dahin gesehen hatte, obsiegte die Disziplin der Hopliten aus Sparta, Tegea und Athen. 759 von ihnen fielen, 3000 persische Krieger gerieten in Gefangenschaft.

Der Perserkrieg war vorüber. Griechenland blieb frei.

Aus einer vormals verzweifelten Hoffnung war Realität geworden. Die Griechen konnten es selbst kaum glauben. Was war geschehen? Wie hatten sie es geschafft, die unbesiegbaren Perser zu bezwingen? Wunder genug war es schon, dass sie erfolgreich ein Bündnis geschmiedet hatten – eine Allianz, die alte Erzfeinde wie Athen und Ägina auf dem Schlachtfeld als Partner zusammenführte. Die Not hatte ihnen vor Augen geführt, dass sie mehr einte, als die zersplitterten Stadtstaaten bisher glaubten. So erklärt es zumindest der antike Geschichtsschreiber Herodot (490/480–430/420 v. Chr.). Er überliefert, die Athener hätten die »Bluts- und Sprachgemeinschaft« der Griechen beschworen, die »Gemeinsamkeit der Heiligtümer, Opferfeste und Lebensweise«. Auch wenn sich die Stadtstaaten regelmäßig und oft befehdeten, so seien ihre Bewohner doch alle von einem Schlag, so die Aussage.

Es waren die Perser, die mit ihrem Feldzug das gemeinsame Vorgehen der Griechen erzwungen haben. Für ihre militärische Allianz suchten die Hellenen daher gemeinsame Qualitäten, mit denen sie sich von den orientalischen Invasoren absetzen konnten. Eine lautete beispielsweise: Tugendhaftigkeit. So lässt Herodot den Perser Tigranes, als er von den Olympischen Spielen erfährt, bei denen die Sieger einzig Ruhm und einen Olivenkranz heimführten, verblüfft und erschrocken ausrufen: »Weh, Mardonios! Du führst uns in einen Krieg gegen ein Volk, das nicht um Geldeswert ringt, sondern um den Tugendpreis?«

Eine neue Überzeugung reift heran: Panhellenismus

Herodot betont gleich zu Beginn seiner »Historien« den Gegensatz zwischen Griechen und Persern – und warum die Perser schon seit dem mythischen Fall Trojas einen Groll auf die Griechen hegen würden: »Von dieser Zeit an hätten die Perser stets, was hellenisch ist, als feindlich betrachtet. Denn sie sehen ganz Asien als ihr Vaterland und alle Barbarenvölker, die es bewohnen, als ihre Verwandten an. Europa aber und das Land der Hellenen gilt ihnen als fremdes Land.« Obwohl Herodot im Lauf seines Werks Gemeinsamkeiten zwischen Griechen und Persern herauskehrt, formt sich aus deren Andersartigkeit ein Feindbild, auf dem in seinen Augen der Widerstand der Griechen gründete. Dieses Feindbild ist es schließlich, das eine neue Überzeugung hervorbringt: Herodot spricht vom Panhellenismus, der griechischen Einheit angesichts der äußeren Bedrohung.

Der unverhoffte Sieg sorgte für einen grundsätzlichen Bewusstseinswandel bei den Griechen

Das war neu – eine gemeinsame politische Identität. Zu dieser Zeit war sie allerdings noch nicht an das Gefühl selbstverständlicher Überlegenheit gekoppelt. Herodot geht es mehr darum, einen scheinbar aussichtslosen Kampf und einen umso erstaunlicheren Triumph zu erklären. »Große und wunderbare Taten« billigt er beiden Seiten zu; und die persische Wesensart wird von Herodot trotz seines panhellenischen Anliegens keinesfalls abschätzig geschildert. Diese Ansicht hatte in Griechenland schon lange Bestand. Drei Jahrhunderte vor dem Geschichtsschreiber stellte Homer in seiner »Ilias« die Achäer, die als Orientalen aufgefassten Trojaner und alle übrigen Völker als in ihrem Ansehen einander ähnlich dar.

Die Perserkriege änderten das. Der unverhoffte Sieg sorgte für einen grundsätzlichen Bewusstseinswandel bei den Griechen. Noch zu Herodots Zeiten erklärten sich die Hellenen ihren Erfolg damit, dass sie in allen Belangen überlegen waren. In der Folge breiteten sich im 5. Jahrhundert v. Chr. Stereotype aus, die schnell die Wahrnehmung von der nichtgriechischen Welt bestimmten: Barbaren seien despotisch, grausam, treulos, verschlagen, intrigant, süchtig nach Luxus, verweichlicht und machthungrig. Die griechische Freiheit wurde einer barbarischen Sklavennatur gegenübergestellt, die griechische Männlichkeit der barbarischen Weiblichkeit.

Die gemeinsame Identität brachte ein Überlegenheitsgefühl hervor

Der Dramatiker Euripides (um 480–406 v. Chr.) lässt in seiner Tragödie »Iphigenie in Aulis« die Protagonistin ausrufen, Griechen müssten über Barbaren herrschen und nicht umgekehrt, denn Barbaren seien Sklaven, Griechen aber frei. Nicht anders äußert sich der berühmte Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) in seiner staatsphilosophischen Schrift »Politik«: Naturgemäß sei ein Nichtgrieche eher zur Sklaverei geeignet als ein Grieche, schreibt er dort. Im 4. Jahrhundert v. Chr. hat sich dieses Bild derart verfestigt, dass man sich einen Krieg gegen die Perser eigentlich nur noch als einzige große Sklavenjagd vorstellen konnte. Es gehörte zum guten Ton griechischer Intellektueller, den Barbaren jedwede Qualitäten und Errungenschaften abzusprechen. Der Redenschreiber Isokrates etwa, der Zeit seines Lebens versuchte, die Griechen zu einer Invasion des Perserreichs zu bewegen, war überzeugt davon, dass die Barbaren tugendlos seien – die meisten von ihnen wären besser zur Knechtschaft erzogen als die Sklaven der Griechen.

Als König Philipp von Makedonien schließlich über die hellenischen Poleis herrschte, wurde von ihm und seinem Sohn Alexander erwartet, dass sie das Perserreich überrennen und plündern würden. Umso größer war der Unmut in der griechischen Welt, als sich Alexander der Große (356–323 v. Chr.) nach seinem Sieg nicht darum scherte. Er wollte die Welt beherrschen, aber als König eines Vielvölkerstaats. Er integrierte den persischen Adel in sein Gefolge, stellte ihn auf eine Stufe mit Griechen und Makedonen.

Der Sieg Griechenlands fand in Herodot seinen ersten und lange Zeit einzigen Beobachter, der um Aufklärung bemüht war

Diese Politik, die ihm schon zu Lebzeiten viel Kritik einbrachte – selbst von seinen eigenen Soldaten –, starb mit dem makedonischen Feldherrn. Die Diadochen und Epigonen, also Alexanders Generäle und deren Nachfolger, die sein Reich untereinander aufgeteilt hatten, beendeten die Annäherung. Griechen sollten wieder über Barbaren stehen, auch wenn Letztere die Möglichkeit hatten, durch einen griechischen Lebensstil selbst griechische Privilegien zu erhalten. Rassismus in seiner heutigen Form bestimmte das Denken der Griechen nicht. Sie glaubten aber, dass ein Barbar nur durch die Annahme ihrer Kultur dazu berechtigt war, mit ihnen auf einer Stufe zu stehen.

Herodot, ein »Barbarenfreund«, so der Vorwurf

Der Geschichtsschreiber Plutarch (um 45–um 125), der die wichtigsten Biografien der Antike verfasst hat, machte Herodot später in seiner Schrift »Über Herodots Bösartigkeit« den Vorwurf, ein Barbarenfreund gewesen zu sein. Plutarch durchforstete das Werk seines Vorgängers nach Passagen, in denen Nichtgriechen besser dastünden als Griechen, empörte sich bitterlich darüber und zerlegte eine Textstelle nach der anderen.

Der Sieg Griechenlands fand in Herodot seinen ersten und lange Zeit einzigen Beobachter, der um Aufklärung bemüht war. Für alle anderen war die Sache klar: Griechisch zu sein, war der Maßstab. Und jene Hellenen, die nicht gegen die Perser gekämpft oder sie sogar unterstützt haben, standen schnell im Verdacht Barbarenfreunde und Feinde der griechischen Sache zu sein. Sie waren bemüht, ihre Rolle im Nachhinein zu übertünchen, die Ereignisse etwa in Monumenten im Gedächtnis der Griechen zu verändern. Auch die Makedonen standen in den Perserkriegen noch auf Seite der Invasoren. Ihren Ruf, halbe Barbaren zu sein, werden sie nie ganz los, obwohl sie es sind, die schließlich die Könige der hellenistischen Reiche stellen.

Für Perser, Ägypter, Skythen, Thraker, Juden und alle anderen »Fremdvölker« galt nun, dass sie sich entweder griechisch bilden und griechischen Grundsätzen folgend leben müssten – oder ihren Platz am unteren Ende der Hierarchie hinnehmen sollten.

Samstag, 21. August 2021

Völkerwanderung und Entstädterung am Ende des Römischen Reichs.

aus derStandard.at, 12. 8. 2021           Der Kathreinkogel südlich des Wörthersees, in der Spätantike Rückzugsort der Bevölkerung.

Höhensiedlungen in Kärnten: 
Warum es die römische Bevölkerung auf die Berge zog
Massive Migrationswellen aus dem Barbaricum führten zu Verarmung und einer Destabilisierung der Sicherheit in den Tälern und einer Flucht auf die Berge
 
von Helmut Schwaiger

Heute sind der Kathreinkogel, der Ulrichsberg oder der Hemmaberg beliebte Kärntner Ausflugs- und Wanderziele, in der Spätantike waren sie jedoch Rückzugsorte der schutzsuchenden Bevölkerung. Was waren allerdings die Gründe dafür, dass die in den Tälern gelegenen römischen Städte und Dörfer verlassen wurden und stattdessen auf den Bergen gesiedelt wurde? Und unter welchen Bedingungen lebten die Menschen in der Peripherie des Imperium Romanum am Ende der Antike und dem Übergang in das Mittelalter?

Balkanroute offen

Ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. sah sich das Römische Reich mit massiven Migrationswellen aus dem Barbaricum, so die lateinische Bezeichnung für Gebiete außerhalb des Imperiums, konfrontiert. Anfangs erfolgte die Ansiedlung eigennützig und geordnet: Um Söldner für das römische Heer zu rekrutieren, wurden Verträge (foedera) mit meist germanischstämmigen Kriegerverbänden geschlossen und diesen Land zugewiesen, das sie gemeinsam mit ihren Familien bewirtschafteten. Die Menschen wurden also gezielt zur Stärkung der Wirtschaftskraft und zur Verteidigung des Limes ins Land geholt. Besonders dicht war dieses Netz an Foederatensiedlungen an der mittleren und unteren Donau, wo der äußere Druck auf die römischen Grenzen immer stärker wurde.

Push- und Pullfaktoren

Bald entwickelte sich eine Eigendynamik, ausgelöst durch drei Hauptfaktoren. Die Bewohner des südosteuropäischen Barbaricums waren durch Migrationsströme aus dem Kaukasus und Zentralasien selbst unter Druck gekommen und wurden von den neu Ankommenden aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben. Missernten und daraus resultierende Hungersnöte waren eine weitere Triebfeder, das Glück in der Auswanderung zu suchen und die Donaugrenze legal oder eben illegal zu überschreiten. Die große Anzahl an Flüchtlingen überforderte selbst die römische Verwaltung. Erzählungen vom Reichtum Italiens und dem hohen Lebensstandard seiner Bewohner taten ihr Übriges, um dem Wunsch nach einem besseren Leben nachzugeben und sich auf den Weg zu machen.

Bollwerk Ostalpen

Nachdem der Donaulimes durchlässig geworden war, mussten weitere Maßnahmen gesetzt werden, um das römische Kernland zu schützen. Entlang der Haupteinfallsroute nach Italien errichtete man in den Julischen Alpen ein 80 Kilometer langes Befestigungssystem, das die Verbindung zwischen Emona (Ljubljana) und Aquileia kontrollierte. Eine alternative Route führte die Drau aufwärts bis nach Santicum (Villach), von wo aus man über das Kanaltal Italien ohne große Anstrengungen erreichen konnte. Für die Bewohner der Region stellten die kriegerischen Übergriffe eine große Belastung dar: Die am Weg liegenden blühenden römischen Städte Poetovio (Ptuj), Celeia (Celje) und Virunum (Zollfeld) wurden zur Plünderung freigegeben, die bäuerliche Landbevölkerung musste sowohl die eigenen Soldaten als auch die Invasoren mit Lebensmitteln versorgen.

 
 
Germanische Bügelfibeln aus Kärnten sind Indizien für die Anwesenheit nichtrömischer Bevölkerungs-gruppen

 

 

Steuerlast, Verarmung und Stadtflucht

Es waren aber nicht nur externe Faktoren, die den Menschen zusetzten und letztendlich zu einer Entfremdung von Individuum und Staat führten. Um der drückend hohen Steuerlast zu entkommen, gaben viele Bauern die Bodenbewirtschaftung auf, in den Städten mussten Bürger zur Bekleidung öffentlicher Ämter, die sie nach römischer Tradition selbst zu finanzieren hatten, gezwungen werden. Stark rückläufig war auch die private Wohltätigkeit, was wiederum zu einer Verarmung vor allem der städtischen Bevölkerung führte. Die Folgen waren für das Sozialgefüge dramatisch: Während sich Wohlhabende den Verpflichtungen durch Stadtflucht entzogen und ihre Landsitze zu befestigten Kastellen ausbauten, schlossen sich Arme Banden an, die durch Straßenüberfälle eine Gefahr für den Waren- und Personenverkehr darstellten.

 

Berge bieten Schutz

Die Bevölkerung reagierte auf diese Destabilisierung mit einem Rückzug auf Bergrücken. Die Dichte ist vor allem in Slowenien und Kärnten sehr hoch, wo zahlreiche spätantike Höhensiedlungen entdeckt und erforscht werden konnten. Auch wenn die Topografie das individuelle Erscheinungsbild maßgeblich beeinflusste, so folgen sie doch alle einem bestimmten Muster. Quellwasser, Weideflächen und verfügbares Bauland waren Grundvoraussetzung für die Gründung eines Bergdorfes. Die exponierte Lage ermöglichte eine Überwachung der Verkehrswege in den Tälern, wodurch auf Bedrohungen rasch reagiert werden konnte. Steil abfallende Hänge boten einen natürlichen Schutz, wo notwendig wurden zusätzlich Mauerringe errichtet. Im Zentrum stand eine kleine Dorfkirche, um die sich in Streulage Häuser und Gehöfte gruppierten. Die Toten wurden außerhalb der Siedlung, entlang der Zufahrtswege, bestattet.

Der Hemmaberg bei Globasnitz, die bekannteste spätantike Höhensiedlung im Ostalpenraum.

Ausgrabungen im Befestigungssystem am Hemmaberg 2021.
Der Weg in die Selbstversorgung

Die Auflösung römischer Organisationsstrukturen und der drastische Mobilitätsrückgang veränderten auch das Wirtschaftssystem. Sowohl der Fern- als auch der Regionalhandel waren weitgehend zusammengebrochen, ebenso kam das spezialisierte Handwerk zum Erliegen. Die Bewohner der Höhensiedlungen stellten die Güter des täglichen Bedarfs ohne großes technologisches Wissen nun selbst her. Keramikgefäße wurden nicht mehr auf der Scheibe gedreht, sondern in Wulsttechnik aufgebaut. Der Brand erfolgte in Gruben, Töpferöfen sucht man vergeblich. Diese häusliche Produktionsweise eröffnete aber auch neue Gestaltungsmöglichkeiten. Im Gegensatz zur massenproduzierten Grobkeramik der römischen Kaiserzeit sind die spätantiken Gefäße individualistisch liebevoll verziert. Gärten, Felder und Weideflächen ermöglichten Pflanzenbau und Tierhaltung innerhalb der Siedlungen sowie in der unmittelbaren Umgebung.

Die Höhensiedlungen entwickelten sich immer mehr zu autarken Einheiten, die neben der Selbstversorgung auch auf Selbstverwaltung setzten. Rom rückte immer weiter in die Ferne, was viele auch als Erleichterung empfanden. 

Helmut Schwaiger ist Archäologe am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und leitet die Ausgrabungen auf dem Hemmaberg.

 

 

Donnerstag, 19. August 2021

Sie hätten sich eben zusammenreißen müssen.


Ich werde mir nicht die Zunge verbrennen und aus Umfragen Schlüsse ziehen, mit denen ich mich am Wahlabend blamiere. Darum bescheide ich mich, die Umfragen zu kommentieren.

Auffällig ist der Aufschwung der SPD, die sie aber nur ihrem Kandidaten verdankt - zuverläs-sig biederer Routinier - und dem Umstand, dass sie sich selber ganz klein macht. Und der Auf-schwung der Liberalen, denen viele CDU-Anhänger zutrauen, den grünen und/oder sozialde-mokratischen Anwandlungen der Rest-CDU zu trotzen.

Und natürlich, dieses erklärt jenes, der Absturz der Union. "Es liegt am Kandidaten." Na ja; es liegt daran, was er vertritt - oder eben nicht. Die Merzverfallenen haben es seit zwanzig Jahren gewusst: Die Union müsse sich auf ihren Markenkern besinnen! Doch genau das hat sie ge-macht: Ihr Merkenkern ist Kanzler:innenwahlverein. Wer könnte den so treffend repräsentie-ren wie Laschet?

Die Zukunft der CDU könnte sein, ich predige es seit Jahr und Tag, sich zur Sammelplattform eine offensiven, radikalen Mitte zu profilieren. Da wird sie nach allen Seiten nostalgische Ge-folgsleute verprellen, und von allen Seiten dynamische neue Kräft ab- und zu sich ziehen. Was im Saldo überwiegt, muss nicht ihre erste Sorge sein. Ihre erste und eigentlich einzige Sorge muss sein, sich eine Zukunft zu schaffen und nicht als ein Schatten der Vergangenheit zu ver-trocknen. Wenn sie es nicht schafft, diese Rolle zu spielen, wird sie keine spielen.

Man stelle sich vor - ausgemacht ist noch nichts -, Laschet versackt im Morast und Scholz wird Kanzler. Nicht mit der Linken, sondern mit der FDP. Da wird die SPD mutieren. Kühnert-Esken-Bohrjan bleiben in der Versenkung, in die sie sich schon geduckt haben, und die ver-bleibende RumpfSPD sammelt alle trotzig verbliebenen Landser der Bonner Republik und ihres rheinischen Kapitalismus um sich. Ein bisschen frischen Wind von außerhalb würde sie wohl auch brauchen, doch der würde ihnen schon aus der untergehenden CDU und von den engültig gescheiterten Grünen her zuwehen. 

Olaf Scholz als Gesicht der Radikalen Mitte? Dafür ist er doch zu sehr Kassenwart und zu gut bewährt als Mann von gestern. Entscheidend würde sein, was sie aus dem wichtigsten Erbe der Ära Merkel macht: der Erkenntnis nämlich, dass Deutschalnd in der Welt nicht nur eine eigene Rolle spielen kann, sondern um seiner und Europas Willen spielen muss. Da wären sowieso neue Köpfe nötig.