Dienstag, 15. April 2014

Politische Romantik?

aus nzz.ch, 15. April 2014, 05:30

Eine kunterbunte Tagung über «Politische Romantik» in Frankfurt am Main
Pathos und Politik


«Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Krieges beleuchten wir unsere eigene Lage», hiess es in der Ankündigung der Tagung «Politische Romantik», laut Untertitel ein Kongress «über die Spannung zwischen Leidenschaft und Politik». Die Romantik als politische Kraft sei «Deutschlands dunkles Vermächtnis», so Hortensia Völckers, die Leiterin der veranstaltenden Bundeskulturstiftung, doch seien die Romantiker als Rebellen unersetzlich, gerade angesichts der «Politikmüdigkeit unserer saturierten Konsumgesellschaft». – Ukraine, Finanzkrise, postsowjetische Seele, Entfremdungsprozesse der 68er Bewegung, kapitalismuskritische Interpretationen von Goethes «Faust» – es scheint nichts zu geben, was nicht zum Tagungsthema gepasst hätte. Unter den über dreissig Referenten fanden sich Namen wie Peter Sloterdijk, Karl-Heinz Bohrer, Herfried Münkler, Tariq Ali, Swetlana Alexijewitsch, Cora Stephan. Was darf man von einer solch ambitionierten Tagung erwarten: Antworten? Fragen? Thesen? Und verständigt sich die intellektuelle Klasse mit sich selbst – oder richtet sie sich an die Zuhörer, die hier so willkommen und erwünscht waren, dass sie nicht einmal Eintritt bezahlen mussten?

Untergangssüchtige «Charismokraten»

Der Begriff «Politische Romantik» stammt von Carl Schmitt, dessen gleichnamige Schrift von 1919 durch die Tagung irrlichterte. Der Romantiker frage in seinem Hang zur Weltflucht nicht nach einer «causa», ihm reiche die «occasio»: «Die politische Romantik ist ein Begleitaffekt des Romantikers zu einem politischen Vorgang, der occasionell eine romantische Produktivität hervorruft.» Dem weltflüchtigen Romantiker fehle «eigner Entschluss, eigne Verantwortung und eigne Gefahr». In seinem Vortrag «Politischer Ikarismus» erinnerte Peter Sloterdijk an Schmitts Argumentation, um sich dann allerdings älteren Modellen der politischen Romantik zuzuwenden, dem mittelalterlichen Alexanderroman sowie dem Tribun Rienzi, der durch Wagners gleichnamige Oper zur Identifikationsfigur Hitlers wurde. «Charismokraten» wie Lenin, Stalin, Mussolini, Hitler, Idi Amin, so Sloterdijk, teilten «die heimliche Liebe der Unglücklichen zum spektakulären Untergang». Am Ende seines bemerkenswert thesenschwachen Referats kam Sloterdijk unvermittelt auf die heutige Gesellschaft zu sprechen, in einem Seitenhieb auf politisierende Intellektuelle der Gegenwart diesmal ohne Namensnennung, die einen «zureichenden Grund gesehen haben, endlich unter ihr Niveau zu gehen und den Boden des Realen zu betreten». Das war's dann auch schon mit der Welterklärung.

  • lesen Sie morgen hier: Was heißt denn Romantik?

Karl-Heinz Bohrer ist ein streitbarer, in vieler Hinsicht radikaler und oft überraschender Intellektueller, einer, den man auch einmal «persönlich erleben» möchte, und so war denn der Saal bei seinem Vortrag «Lob des Okkasionalismus» bis auf den letzten Platz gefüllt, während der ukrainische Autor Serhij Zhadan nebenan leider vor leeren Rängen über das Schicksal der Ukraine sprechen musste. Eine zündende Diskussion war immerhin zu verzeichnen – die über die «Dämonen des Kapitalismus». Die Kritik der Feuilletonisten am Finanzkapitalismus sei die heutige Form romantischer Kritik, so der Soziologe Norbert Bolz, denn diese Kritik sei nicht auf Sachverstand gegründet, sondern entspringe der Frustration darüber, dass die Intellektuellen im Gegensatz zu den Bankern, die sie kritisierten, kein Einkommen erzielten, das ihrem Status entspreche. Joseph Vogl, der als Germanist eine vielbeachtete Kapitalismuskritik verfasst hat, hielt dagegen: Der Markt mit Adam Smiths Vorstellung von der «unsichtbaren Hand» sei die romantische Institution schlechthin. Der Glaube, dass sich Finanzmärkte nicht steuern liessen, sei «Teil der Legendenbildung», so der Regisseur und Dokumentarfilmer Andres Veiel: Seine Interviews mit Aussteigern aus der Finanzbranche hätten ergeben, dass im Inneren des Systems niemand mehr an dieses glaube. «Wir müssen wieder gestalten lernen», so Veiel – eine Haltung, die wiederum Norbert Bolz als pure Romantik ablehnte. Und so weiter.

Suchen

Oft musste man den Bezug zum Tagungsthema suchen. So sprach etwa der Schweizer Musikjournalist Tobi Müller in einer Diskussion über Musikclips aus Kalifornien mit Blick auf «Tiny Tortures» von Flying Lotus über die Ausserirdischen, die in solchen Filmen nie fehlen dürften: «Das ist Kalifornien: Man war am Ende der Frontier angekommen, und nun blieb nur noch der Outer Space.»  Auch das kann man, wenn man will, als Ausdruck politischer Romantik verstehen. Die Frage, ob Max Weber ein Vertreter der politischen Romantik gewesen sei, ging in der Plauderei seiner Biografen Jürgen Kaube und Joachim Radkau leider unter; und auch die originelle Frage, ob sich die rechtsstaatlichen Verfahren kultisch – also irgendwie «romantisch» – aufladen liessen, gehörte zu den vielen Fragen, die an dieser Tagung auf seltsame Weise ins Leere liefen.


Nota.

Wenn man einen Feuilleton-Begriff von Romantik zum Ausgangspunkt nimmt, kann auch nur eine Feuilleton-Jamboree zustande kommen: Jeder darf mal ein bissel was flunkern. Man mochte sich fragen, welchem Zweck eine Bundeskulturstiftung dienen soll; jetzt kommt man des Sache schon näher: Entertainment auf gehobenem Niveau - man sieht, die deutsche Intelligenz schläft nicht. Aber die langweilt sich und schlägt die Zeit tot.
JE
  





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