aus spektrum.de, 10. 2. 2022 Ruinen von Mohendjo Daro im Industal
von Michael Marshall
Jeder
Gärtner weiß: Je mehr Regenwürmer in seiner Erde leben, desto mehr
Ertrag bringt sie hervor. Als der Archäologe Harvey Weiss und sein Team
von der Yale University in New Haven, Connecticut, eine jahrtausendealte
Siedlung im Nordosten Syriens erforschten, stießen sie auf eine alte
Lössschicht, in der es kaum Anzeichen der fleißigen Bodenverbesserer
gab. Für die Forschergruppe war damit klar: Vor Jahrtausenden musste ein
klimatisches Extremereignis die Region heimgesucht haben. Sie sorgte
dafür, dass sich eine Staubdecke über das Ackerland legte und den Boden
unwirtlich machte – selbst für Regenwürmer.Weiss
erkannte, dass eine lang anhaltende Dürre etwa um 2200 v. Chr. das Reich
von Akkad heimgesucht hatte, das damals weite Teile Mesopotamien
beherrschte. Es war der vorderasiatische Landstrich, der von den Flüssen
Euphrat und Tigris geprägt ist. Etwa 50 Jahre später war der erste
große Flächenstaat der Geschichte bereits Vergangenheit. Die
Zentralgewalt hatte sich aufgelöst, viele Menschen waren aus der Region
geflohen, die ihnen nicht mehr ausreichend Nahrung gab. Eine düstere
Warnung, wie anfällig komplexe Gesellschaften gegenüber einem
Klimawandel sein können.
Seit den Ausgrabungen in Syrien in den frühen 1990er Jahren bildet die Dürre für Weiss einen Schwerpunkt seiner Forschungen. Er ist davon überzeugt, dass sie globale Ausmaße hatte. Belege fänden sich nicht allein in Mesopotamien, sondern auch am Nil, in der Ägäis und im Mittelmeerraum bis nach Spanien. Überall zerbrach die Ordnung, emigrierten Menschen.
Die
abrupt einsetzende Trockenphase wird heute auch als
4,2-Kilojahr-Ereignis bezeichnet. Mit einem Kilojahr ist ein Zeitraum
von 1000 Jahren gemeint. In diesem Fall soll sich die Megadürre
4,2 Kilojahre vor heute (»before present«) ereignet haben. Die
chronologische Angabe »before present« bezieht sich – so die
Übereinkunft der Naturwissenschaften – auf das Jahr 1950.
»Es ist ziemlich schlüssig, dass das Ereignis vor 4,2 Kilojahren den Mittelmeerraum traf, ebenso Bereiche im Vorderen Orient« (Nick Scroxton, Paläoklimatologe, Maynooth University in Irland)Unter Forscherinnen und Forschern, die sich mit der jüngsten Erdgeschichte beschäftigen, hat die vermeintliche Megadürre zudem einige Bedeutung erlangt. Seit 2018 gilt sie als Beginn des Meghalayum, des dritten und aktuellen Abschnitts unseres Erdzeitalters Holozän. Benannt wurde er von der Internationalen Kommission für Stratigraphie nach einer Region in Indien. Dort dokumentierten Forschende die weltumspannende Trockenheit in Probenmaterial, das sie aus einem Stalagmiten in der indischen Mawmluh-Höhle im Bundesstaat Meghalaya gewonnen haben. Die Definition des Meghalayum beruht allerdings auf der Annahme, dass die Dürre vor 4,2 Kilojahren den gesamten Planeten heimgesucht hätte.
Diese
erdgeschichtliche Marke war und ist jedoch umstritten. Viele
Paläoklimatologen sind der Ansicht, dass es sich gar nicht um ein
einziges, globales Ereignis gehandelt habe, sondern um eine Reihe
zeitlich aufeinanderfolgender Dürreperioden, die unterschiedliche
Gebiete unterschiedlich stark erfassten. »Es ist ziemlich schlüssig,
dass das Ereignis vor 4,2 Kilojahren den Mittelmeerraum traf, ebenso
Bereiche im Vorderen Orient«, versichert Nick Scroxton, Paläoklimatologe
an der Maynooth University in Irland. Andernorts hingegen seien die
Beweise »nicht schlüssig«.
Der Untergang des Reichs von Akkad
Tell
Leilan lieferte dafür sozusagen die Blaupause. Der Hügel im Nordosten
Syriens verbirgt die Überreste einer Stadt, die dort jahrhundertelang
vor und während des akkadischen Reichs florierte. Weiss und seine
Kollegen begannen ihre Ausgrabungen in den späten 1970er Jahren. Keine
20 Jahre später wussten sie, dass Menschen dort seit 2700 v. Chr.
lebten, den Ort aber nach einem halben Jahrtausend aufgaben. Gut
drei Jahrhunderte lag er verlassen, bis um 1900 v. Chr. wieder Anzeichen
für eine Besiedlung in den Grabungsschichten auftauchten
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Vermutlich brachten die Felder einfach nicht mehr genug Ertrag, um die Stadtbevölkerung ausreichend zu ernähren. »Es gab ähnliche Entwicklungen von der Levante bis zum Indus«, erkannte Weiss. Dies deutet darauf hin, dass sich die Dürre über einen Großteil Südwestasiens erstreckte und zu gesellschaftlichen Umwälzungen führte.
Die
1993 publizierte These stieß zunächst auf Unglauben, doch Weiss war
nicht der Erste, der eine solche Behauptung für diesen Zeitraum
aufstellte. Außerdem häuften sich allmählich die Belege. Beispielsweise
fand 2006 ein Team, dem auch der Geochemiker Giovanni Zanchetta von der
Universität Pisa in Italien angehörte, in einer italienischen Höhle Anzeichen für eine Dürre in der Region vor zirka 4200 Jahren.
Konnte
es ein Zufall sein, dass Ägypten etwa gleichzeitig in eine Phase der
Instabilität rutschte? In der »Ersten Zwischenzeit« von 2181 bis
2055 v. Chr. gab es keine Zentralregierung mehr und mehrere Herrscher
konkurrierten miteinander. Es gibt Indizien, dass der Nil ab
2200 v. Chr. weniger Wasser führte. Laut Weiss ist die beste Erklärung
dafür, dass die Monsunregen nachgelassen hatten, die den Strom sonst
speisten. Weil die Landwirtschaft aber wesentlich von den jährlichen
Überflutungen seiner Ufer abhing, deren Schlammfrachten die Felder
fruchtbar machten, sowie von einem funktionierenden Bewässerungssystem,
sanken die Ernteerträge und das Vertrauen der Bevölkerung in ihre
Pharaonen. Manche Ägyptologen wenden dagegen allerdings ein, dass
Ägyptens Städte nicht wie die in Mesopotamien verlassen wurden, mochten
sich auch die politischen Verhältnisse verändert haben.
Doch die eigentliche Herausforderung, das 4,2-Kilojahr-Ereignis zu erforschen, haben weniger Archäologen, sondern Paläoklimatologen zu bewältigen. Sie versuchen, die klimatischen Veränderungen in einer fernen Vergangenheit zu rekonstruieren. Dazu werten sie Klimaproxies aus. Das sind neben wetterbezogenen Hinweisen in eventuell vorhandenen Textquellen vor allem natürliche »Archive«: Pollen im Sediment eines Sees verweisen vielleicht auf eine üppige Flora in seiner Umgebung; Tropfsteine entstehen, weil Regen in kalkhaltigem Gestein versickert und dabei durch das im Wasser gelöste Kohlendioxid Kalziumkarbonat herauslöst, das gegebenenfalls beim Austritt in eine Höhle Stalagmiten wachsen lässt. An deren Schichtabfolgen kann man dann beispielsweise ablesen, ob Jahre regenarm waren. Der Anteil des schweren Sauerstoffisotops 18O liefert einen Hinweis auf die Temperatur, denn auf Grund seiner höheren Masse verdunstet es nicht so einfach wie das leichtere Sauerstoffisotop 16O und gelangt somit in geringerem Maße in Wolken und Niederschlag.
Solche
Archive auszuwerten bedeutet aber auch, die gewonnenen Informationen zu
datieren. Eine der genauesten Methoden im geologischen Kontext basiert
auf dem radioaktiven Zerfall von Uran in Thorium – sofern das
Untersuchungsobjekt ausreichend Uran enthielt und nicht zu stark mit
weiteren Substanzen verunreinigt wurde. »Viele der Proxyanalysen, die
nun als Beleg einer globalen Megadürre herangezogen werden, waren
ursprünglich für andere Untersuchungen gedacht«, kritisiert Stacy
Carolin, Paläoklimatologin an der University of Cambridge. Zudem gebe es
zu wenig Daten und keine, die für Trockenzeiten in der Zeit vor
4200 Jahre »before present« sprechen.
100 Jahre zu viel!
Das
gelte auch für den Stalagmiten aus der Mawmluh-Höhle: »Es gibt dazu
nicht viele Uran-Thorium-Altersangaben.« Später habe man andere
Stalagmiten der Höhle genauer untersucht. Demnach datiert die im
Tropfstein ablesbare Dürrezeit auf 4300 Jahre »before present«. »Das
sind 100 Jahre zu viel!«, sagt Carolin. Etliche Experten
halten das Stalagmitenarchiv der Mawmluh-Höhle daher für unzuverlässig.Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Grundwasser – Wertvolle Ressource in der Tiefe
Viele
Forscher warnen zudem, dass bei der Datierung geologischer Archive aus
jener erdgeschichtlichen Phase Fehlerspannen von Jahrhunderten nicht
ungewöhnlich seien. Bruce Railsback, Geochemiker an der University of
Georgia in Athens, stellte fest, dass aus diesem Grund Dürrephasen, die
Jahrhunderte vor oder nach der Zeit vor 4200 Jahren stattfanden, als
Beweis für das 4,2-Kilojahr-Ereignis interpretiert wurden.
Wird ein Proxy genauer und mit einer höheren Datendichte analysiert, ergibt sich mitunter ein unübersichtlicheres Bild. In einer Vorabveröffentlichung aus dem Jahr 2020 berichteten Scroxton und seine Mitautoren von einem Stalagmiten aus Madagaskar,
der Indizien für Trockenheit lieferte, und zwar für einen Großteil des
Zeitraums zwischen 4320 und 3830 »before present«. Der fragliche
Zeithorizont liegt mittendrin, doch die Daten sprechen gegen eine damals
plötzlich eintretende Veränderung.
Menschen sind dem Klima nicht vollkommen schutzlos ausgeliefert
Die
Ungewissheit darüber, wie und wann genau sich das Klima in einer Region
verschlechtert hat, erschwert es, Verbindungen zu Veränderungen in der
jeweiligen Kultur herzustellen. Etliche Anthropologen sprechen sich
ohnehin gegen solchen Klimadeterminismus aus, weil er die
Anpassungsfähigkeit von Gemeinschaften ignoriert. In einer Studie aus dem Jahr 2021
haben der Umwelthistoriker Dagomar Degroot von der Georgetown
University in Washington D. C. und seine Kollegen fünf Wege aufgezeigt,
wie Menschen in der Vergangenheit Klimakrisen überlebt haben – zum
Beispiel durch die Umstellung auf eine fleischreiche Ernährung, wenn die
Getreideernten unzuverlässig wurden. »Es ist sehr schwierig, den
Zusammenhang zwischen einem Umweltereignis und einer gesellschaftlichen
Auswirkung zu erkennen«, konstatiert Monica Bini, Geoarchäologin an der
Universität Pisa.
Entscheidend ist auch, welche Aspekte einer
Gesellschaft zusammengebrochen sind, erklärt Alan Greaves, Archäologe an
der University of Liverpool. »Ein Palastsystem oder ähnliche Strukturen
können natürlich kollabieren.« Im Fall der Maya ist dies dadurch
bezeugt, dass keine monumentalen Bauwerke mehr errichtet wurden. Aber
das heißt noch lange nicht, dass die gesamte Gesellschaft zusammenbrach!
Dann müsste es für das akkadische Reich vor 4200 Jahren auch
»Massengräber von Verhungerten geben, und die wurden bislang nicht
entdeckt«.
»Es ist sehr schwierig, den Zusammenhang zwischen einem Umweltereignis und einer gesellschaftlichen Auswirkung zu erkennen« (Monica Bini, Geoarchäologin, Universität Pisa)
Tatsächlich fand sein Team in Paläoklimaarchiven Indizien für zwei aufeinanderfolgende Dürren.
Die erste stand wohl wirklich im Zusammenhang mit dem
4,2-Kilojahr-Ereignis, betraf jedoch nur die Niederschläge im Winter,
die zwischen 4260 und 3970 »before present« abnahmen. Die zweite Dürre
trat zwischen 4000 und 3700 auf und beeinträchtigte den Sommermonsun,
hatte aber deutlich schwächere Wirkung. Die Städte im Süden konnten
unter diesen Umständen offenbar länger durchhalten. Möglicherweise
sorgte auch der Niedergang der Städte im Norden, eine direkte Folge der
ersten Dürre, dafür, dass jene im Süden der zweiten schlechter
widerstehen konnten. Solche Studien deuten daraufhin, dass das fragliche
Ereignis weit über Mesopotamien hinaus wirkte. Doch war es auch eine
globale Katastrophe?
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Die
meisten Klimaforscher bleiben diesbezüglich skeptisch. »Es gibt keine
überzeugenden Beweise dafür, dass dieses Ereignis auch in Nordamerika
große Auswirkungen hatte«, meint Kathleen Johnson, Paläoklimatologin an
der University of California in Irvine. Prinzipiell gebe es für die
südliche Hemisphäre zu wenig Daten, um ein klares Bild davon abzuleiten,
wie sich das Klima dort in der fraglichen Zeit verändert hat.
Überdies
fehlt Paläoklimatologen eine belastbare Erklärung dafür, warum sich das
globale Klima zu dieser Zeit so drastisch verändert habe. »Es gibt
keinen bekannten Auslöser für ein solches Ereignis«, kritisiert Stacy
Carolin. Als Vergleich nennt sie das 8,2-Kilojahr-Ereignis, bei dem sich die globalen Temperaturen abrupt abkühlten.
Die Ursache ist bekannt: Ein Teil des nordamerikanischen Eisschilds
brach in sich zusammen, und zwei gigantische Gletscherseen flossen
daraufhin ins Meer ab; dieser kalte Zustrom unterbrach den
Wärmetransport vom Äquator zu den Polen – mit entsprechenden
Auswirkungen auf das Weltklima. Ohne einen solchen Mechanismus zu
kennen, beruht Weiss’ These allein auf einigen umstrittenen
Übereinstimmungen in Proxyarchiven. Daher neigen die meisten
Paläoklimatologen bislang eher Scroxton zu: Das 4,2-Kilojahr-Ereignis
war auf den Mittelmeerraum und Südasien beschränkt. Dementsprechend haben Greaves und seine Kollegen im vergangenen Jahr 14 Paläoklimaarchive,
die einen abrupten Klimawandel vor etwa 4200 Jahren belegen sollten,
erneut analysiert. Einige von ihnen verwiesen zwar auf eine abrupte
Dürrephase, andere aber auf eine über viele Jahrhunderte anhaltende
Trockenzeit, wieder andere zeigten keine signifikante Veränderung.
Greaves erklärt das heterogene Muster mit einer Dürre im zentralen
Mittelmeerraum und in der Levante, der verstärkte Staubstürmen in
Mesopotamien und im Zagros-Gebirge folgten. Er vermutet, dass sich ein
Niederschlagsgürtel nach Norden verschoben haben könnte, was zu lokal
begrenzten Dürren führte.
Manch einer geht sogar noch weiter: Das 4,2-Kilojahr-Ereignis habe es nie gegeben. Es beruhe lediglich auf den Fehlerbreiten bei der Datierung, so dass mehrere Dürren und Schwankungen im Niederschlagsmuster als eine große Veränderung erscheinen. 2018 veröffentlichten Railsback und seine Kollegen Daten aus einer Höhle in Namibia. Denen zufolge ereigneten sich um 4100 Jahre »before present« zwei Dürrephasen, die insgesamt etwa ein Jahrhundert lang andauerten. Zudem seien die Auswirkungen nicht überall gleich gewesen. »Vor allem in den mittleren Breitengraden der Nordhalbkugel brachten sie Trockenheit, auf der Südhalbkugel mitunter aber sogar vermehrte Niederschläge.«
Carolins Gruppe identifizierte 2019 in einem Stalagmiten aus dem Iran zwei Perioden mit erhöhten Magnesium- und Kalziumwerten, Anzeichen einer staubigen Umgebung. Die erste dieser Phasen begann abrupt um 4510 »before present« und dauerte 110 Jahre; die zweite setzte etwa um 4260 ein und hielt 290 Jahre an. Wahrscheinlich hätten zwei aufeinanderfolgende Dürren die »Staubperioden« verursacht.
»Es gibt eine Reihe von Megadürre-Ereignissen um diese Zeit, die alle in einen Topf geworfen wurden«, fasst Johnson den Stand der Forschung zusammen. »Sie begannen nicht alle zur gleichen Zeit, und es gibt Aufzeichnungen von einigen Orten, die genau das Gegenteil, nämlich feuchte Bedingungen nahelegen.«
Um solche Widersprüche und die
exakten Abläufe zu klären, werden mehr Paläoklimadaten benötigt,
insbesondere auch aus Afrika und Amerika, von wo nur wenige und zeitlich
schlecht aufgelöste Proxyanalysen vorliegen. Aber Paläoklimatologen
müssen auch sorgfältiger vorgehen, betont Carolin. »Man kann nicht
einfach irgendeinen Stalagmiten verwenden, denn Verunreinigungen etwa
machen eine Datierung ungenauer.«
»Es gibt eine Reihe von Megadürre-Ereignissen um diese Zeit, die alle in einen Topf geworfen wurden« (Kathleen Johnson, Paläoklimatologin, University of California in Irvine)
Forscherinnen und Forscher bringt das ins Grübeln:
Könnte sich dergleichen wiederholen und den Schaden, den der vom
Menschen verursachte Klimawandel ohnehin anrichtet, noch ins
Unermessliche steigen? Oder wie Carolin es formuliert: »Wie
wahrscheinlich ist es, dass wir in eine global trockenere Phase
eintreten, die 100 Jahre lang anhalten wird?«![]()
Nota. - Ob es sich um eine einzige große Dürre gehandelt hat oder um eine mehr oder minder zusamennhängenge Kette kleinerer Einzelereignisse, ist für das Verständnis der Klimage-schichte von Belang. Kultur- und sozialhistorisch hat es keine Bedeutung.
Zur Mitte des 14. Jahrhunderts wurde das Deutsche Reich mit wenigen Jahren Abstand erst von der Schwarzen Pest, dann von der Großen Mandränke und schließlich von der Magdale-nenflut heimgesucht. Unser Mittelalter, nämlich die Feudalordnung, ging dabei zugrunde, ehe sich die Elemente einer neuen Ordnung ausbilden konnten. Der politisch-kulturelle Nieder-gang Deutschlands, der durch den Dreißigjährigen Krieg besiegelt wurde, nahm seinen Anfang.
JE
Kein schönes Land zu dieser Zeit. Nichts als Gestümper weit und breit.
Auch unter Biden wird Amerika keine Führungsrolle mehr übernehmen. Deutschland bleibt weiter herausgefordert. Bei solchem Personal!
aus nzz.ch, 28. 1. 2022 Gustave Doré, Aussendung der Taube
von Josef Joffe
Naturschutz ist nicht neu. Schon im 13. Jahrhundert wurde der Kahlschlag im Gasteiner Tal verboten, später der Vogelfang in Zürich. Fridays for Future ist auch nicht ganz taufrisch. 1895 entstand in Amerika die erste landesweite Bewegung, der Sierra Club, dem wir Nationalparks wie Yellowstone verdanken. Doch das Motto war praktisch-pragmatisch: «erkunden, geniessen, schützen».
Inzwischen wuchert die kosmische Angst. Dass der Umweltschutz religiöse Züge aufwies, fiel diesem Autor 2007 ein, als im kalifornischen Napa-Tal das «Gaia»-Hotel aufmachte. Es fehlte die traditionelle Bibel im Nachttisch; nun lag da «An Inconvenient Truth», der Weltbestseller des Ex-Vizepräsidenten Al Gore. Die Botschaft: Erderwärmung ist Weltuntergang.
Verdammnis ist eines der ältesten religiösen Motive. Was schon im Gilgamesch-Epos aufschien, wurde in den schwärzesten Farben als Sintflut in der Genesis ausgemalt: als göttliche Todesstrafe für «der Menschen Bosheit». Es ging noch einmal gut aus, weil Gott Noah, einen «frommen Mann ohne Tadel» als Retter auserkoren hatte. Als in unserer Zeit der «Klimaleugner» (siehe «Gottesleugner») auftauchte, verdichtete sich die Vermutung vom Gleichklang von «Klimatismus» und Religion. Wie funktioniert ein solcher Glaubenskomplex, sagen wir, der jüdisch-christliche? Der Strukturelemente sind vier.
Als Erstes muss ein Prophet her – einer, der weit in die Zukunft blickt und die «Vertilgung» der Menschheit voraussagt. Etwa Jesaja, der rief: «Weh dem sündigen Volk, der schuldbeladenen Nation» (1, 4). Oder Al Gore, der sagte: «Wir Amerikaner haben gesündigt (...), wir müssen Busse tun, indem wir unsere Bequemlichkeiten opfern.» Ähnlich tönt es bei Greta Thunberg: «Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt.»
In der zweiten Abteilung muss eine Religion die Apokalypse beschwören. Johannes verkündet in Offenbarung 13, 13: Es werde «Feuer vom Himmel fallen». Bei Thunberg ist der Weltuntergang schon da: «Ihr müsst handeln, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.» Die Bibel ist ein Kompendium des Verderbens seit der Sintflut. Sodom und Gomorrha werden im Feuersturm vernichtet. Die Zehn Plagen zeichnen den Untergang Ägyptens vor. Kaum sind die Kinder Israels entflohen, will Gott gar sein eigenes Volk umbringen, weil es dem Goldenen Kalb gehuldigt hatte.
Heute bewaffnen sich die Vorboten des Verhängnisses mit Annahmen, Modellen und Statistiken. Das schmelzende Eis werde Küsten überfluten. Hurrikane würden das Land verwüsten. Unsere Vorfahren haben überall Zeichen des Bösen erblickt; wir tun es auch. Vor ein paar Jahren waren die Rodungsbrände in Brasilien das Menetekel. Der schwarze Rauch vergifte die «Lunge der Welt», ersticke die Menschheit. In Offenbarung 6, 13 heisst es: «Die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack, und der Mond ward wie Blut.»
In der dritten Abteilung kommt die Schuldfrage. Die Machthaber sind das Böse. «Der Herr geht ins Gericht mit den Ältesten seines Volkes und seinen Fürsten», donnert Jesaja in 3, 14. «Denn ihr habt den Weinberg verderbt», eure Gier bedient.
Heute ist es der reiche Westen. Der Herr wird euch «den Schmuck an den köstlichen Schuhen wegnehmen und die Heftel, die Spangen» (3, 18). Und vor ihm wird sich «jedes Knie beugen» (45, 23). Die Klimaprophetin Thunberg: «Die Zivilisation wird geopfert, damit einige wenige sehr viel Geld verdienen.» Die hätten «gewusst, welchen unbezahlbaren Wert sie opfern, um unvorstellbare Mengen Geld zu scheffeln».
Nun aber Teil vier: kein Prophet ohne Hoffnung und Erlösung. «So jemand nicht ward geschrieben in dem Buch des Lebens, ward er geworfen in den feurigen Pfuhl» (Johannes 20, 15). Aber der Geläuterte werde Gnade erfahren, so er denn seine Sünden gebeichtet, Umkehr gelobt und Busse auf sich genommen habe.
Im Klimatismus kommt die Rettung aus dem Verzicht, was auch ein religiöser Topos ist. Jesaja grollt: «Eure Häuser sind voll von dem, was ihr den Armen geraubt habt» (3, 18). Heute ist es die Ausbeutung der Dritten Welt. Sühne heischt Entsagung: Weg mit dem Tand! Fahrrad statt Autos, Zug statt Flugzeug. Kein Fleisch, weil Viehzucht die Wälder vernichtet und die Atmosphäre mit Methan vergiftet. Verteuert die Energie, auch wenn das die Armen härter trifft als die Reichen. Lasst ab vom Götzen «Wachstum».
Was ist das Problem? Die Eisbären sterben nicht aus, sondern vermehren sich. Die Seychellen sind noch nicht im Meer versunken. Wetter ist nicht Klima, obwohl wir jeden Tornado als Zeichen des Himmels wahrnehmen. Die Dritte Welt wird reicher – dank dieser verdammten Globalisierung. Ist die Erderwärmung zyklisch oder der rasanten Industrialisierung geschuldet? Die historischen Statistiken, die in die Urzeiten zurückreichen, messen zwar den parallelen Anstieg von CO2 und Temperatur. Was aber ist Ursache, was Effekt – zumal es vor Hunderttausenden von Jahren weder Autos noch Fabriken gab?
Solche Fragen mögen den Köpfen von «Klimaleugnern» entspringen. Gravierender ist das Grundsätzliche: die Unvereinbarkeit von Glauben und Empirie. «Ich glaube» bedeutet «ich weiss». Wissenschaft aber ist die widerlegbare Hypothese anstelle von Gewissheit. Die Welt zerfällt in Rechtgläubige und Häretiker, was dem Klima nicht dient. Es entsteht ein Dialog der Taubstummen, der beide Seiten nicht schlauer macht.
Eine Schicksalsfrage wie das Klima muss ergebnisoffen sein – aus zwei Gründen. Einen darf man den Berichten des Weltklimarates entnehmen. Den betrachten die Gläubigen wie die Bibel 2.0. Tatsächlich ist die Sprache abwägend und vorsichtig; man möge nur die 24 Seiten des «Summary for Policy Makers» in dem 600-Seiten-Wälzer von 2018 lesen.
Die «Zusammenfassung» prophezeit nicht, sie sichert sich ab – ganz anders als die Medien mit ihren Trompetenstössen. «Menschliche Aktivitäten haben geschätzt etwa 1 Grad Erderwärmung verursacht. Es ist möglich, dass sie 1,5 Grad zwischen 2030 und 2052 erreicht, wenn die Temperatur weiter steigt.»
Extremwetter wird durch «Attributionsstudien» erklärt, auf Deutsch: Wir wissen nicht genau, was was erzeugt. Es geht um Wahrscheinlichkeiten und Hochrechnungen, die auf Annahmen basieren. Menschengemachte Emissionen «allein treiben nicht unbedingt die Erwärmung von 1,5 Grad», heisst es. In den Medien ist die Rede von 4 Grad, ganz bestimmt. Risiken hingen laut IPCC von vielen Faktoren ab wie «Tempo der Erwärmung, Geografie, Industrialisierung». Jesaja kannte kein Wenn. Doch gewöhnlichen Sterblichen ist Weissagung nicht gegeben. Wissenschafter kennen nur Konditionale, Schätzungen und Projektionen. Zu Recht.
Das zweite Problem ist: «Was tun?» Hausbesitzer können Feuer nicht voraussagen. Trotzdem werden sie sich eine Brandversicherung anschaffen. Das gleiche Vorbeugeprinzip gilt für den Klimaschutz. Die Frage ist nur: Wie hoch soll die Prämie sein? Radikale Klimaschützer denken nicht an Abwägung, sondern an Apokalypse. Was immer der Preis – er muss sein, auch wenn Wachstum, Wohlstand und soziale Gerechtigkeit leiden.
Rationale Vorbeugung muss sich aber an den Kosten orientieren. Um die haben sich Jesaja und Johannes aus gutem Grund nicht gekümmert. Nur der Weltuntergang kann Zerknirschung und Läuterung erzwingen. Konjunktive bremsen dagegen die pädagogische Wucht der Weissagung. «Es gibt keine Grauzonen, wenn es ums Überleben geht», predigt Thunberg.
Doch stimmt das? Noah hat die Arche konstruiert; seine Nachfahren werden sich auch zu helfen wissen. Indem sie nicht zu dicht an über die Ufer tretenden Flüssen bauen oder am feuergefährdeten Waldesrand. Um sich gegen die Dürre zu wappnen, werden sie hitzeresistente Samen züchten, gegen die Fluten werden sie Dämme und Deiche hochziehen. Und sie werden nicht wie in Deutschland alle Atomkraftwerke stilllegen, um Strom aus französischen Meilern und schmutziger polnischer Kohle zu beziehen.
Der naturbewusste Mensch räsoniert über Kosten und Nutzen. E-Autos statt CO2-Schleudern? Herstellung und Entsorgung von Batterien sind nicht ökofreundlich. Windmühlen töten Vögel und Insekten, die Obstbäume befruchten. Vegan ist gut fürs Vieh, aber nicht für die CO2-fressenden Wälder, die gerodet werden müssen, um Platz für Nährpflanzen zu schaffen – und bitte ohne Kunstdünger! Subventionierte Sonnenenergie jagt die Strompreise hoch und macht die Ärmeren ärmer – hier und heute. Der Glaube bewegt Berge, Politik ist eine Sache von Kosten und Konsequenzen.
Just derlei pragmatisches Denken ist der ärgste Feind der Untergangspropheten; ohne kosmischen Druck keine Umerziehung. Nur die Apokalypse kann die Welt umkrempeln, nur das Allerschlimmste das Gute gebären. An Stellschrauben zu fummeln, lullt dagegen die Menschen ein. Kostenbewusstes Reformieren nimmt die Angst und blockiert die Erlösung vom Übel. Nur der Blick in den biblischen «Feuersee» kann uns retten.
Was sagt die Wissenschaft, auf die sich «Häretiker» wie «Apokalyptiker» berufen? Hier soll der Philosoph Karl Popper das letzte Wort haben: «Alle Theorien sind Hypothesen.» Nur der empirische Befund erlaubt «Widerlegung und damit die Weiterentwicklung der Theorie. Eine Wissenschaft, die ihre Theorien gegen Kritik immunisiert (. . .), ist Pseudowissenschaft oder Glaube.» Wissenschaft ist nicht Gesinnung, sondern kritischer Disput.
Ketzer und Gläubige reden freilich nicht miteinander. Der Glaube, so Luther, ist eine «feste Burg». Die sperrt störende Fragen links wie rechts aus. Und damit Neugier, die kluge Umweltpolitik vorzeichnet.
Josef Joffe unterrichtet internationale Politik und Ideenlehre an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies in Washington.
aus nzz.ch, 26. 1. 2022
Der Radikalenerlass von 1972
Ausschluss ist immer ein Zeichen für getrübten politischen Instinkt
In
Erinnerung an die Zerstörung der Weimarer Republik von innen heraus
wollte man die Verfassungstreue der deutschen Beamtenschaft vor fünfzig
Jahren mit einer Überprüfung absichern. Die Geschichte eines
Berufsverbotes und seiner Folgen
von Herfried Münkler
Vermutlich
hatte keines der Kabinettsmitglieder die politische Brisanz der
Beschlussvorlage geahnt, die sich am 28. Januar 1972 in den Unterlagen
für die Sitzung der Bundesregierung in Bonn befand. Im Prinzip ging es
dabei ja auch nur um eine bundeseinheitliche Regelung für das Verfahren,
in dem von den Bundesländern die Verfassungstreue der einzustellenden
Beamten und Beamtinnen überprüft wurde.
Der Paragraf 35 des Beamtenrechtsrahmengesetzes, in dem festgehalten war, dass sich Beamte durch ihr gesamtes Verhalten zur Ordnung des Grundgesetzes zu bekennen hatten, sollte ländereinheitlich gehandhabt werden. Das war von der Sache her durchaus sinnvoll. Es sollte verhindert werden, dass entschiedene Verfassungsfeinde, gleich, ob von rechts oder links, in einem Bundesland abgelehnt und im anderen mit hoheitlichen Aufgaben oder der Erziehung von Kindern beauftragt wurden. Die Geschichte der Weimarer Republik war ein Beispiel für die Folgen, wenn man hier keine Sicherungen einbaute.
Der Teufel dieser schon bald als Radikalenerlass bezeichneten Entscheidung steckte im Detail, wie die Verfassungstreue zu überprüfen war. Erstens in der Regelanfrage bei den Verfassungsschutzbehörden: Das Prüfungsverfahren sollte auf alle ausgeweitet werden, die in den öffentlichen Dienst eintreten wollten, statt einer Beschränkung auf evidente Verdachtsfälle. Zweitens sollte die Anfrage für alle Bereiche des öffentlichen Dienstes gelten, also ohne Einschränkung auf besonders sensible Tätigkeiten. Die Regelung galt auch für Bahnbedienstete und Briefträger. Drittens sollten auch bereits bestehende Beamtenverhältnisse überprüft werden, so dass es auch zu Entlassungen aus dem Dienstverhältnis kommen konnte.
Womöglich war diese Ausweitung dem Imperativ der Verfahrensgerechtigkeit geschuldet, vielleicht wollte man auch nur sicherstellen, dass niemand unbemerkt durchrutschte. Das aber war Beamtenlogik, politisch gedacht war es nicht, denn damit war das Skandalisierungspotenzial des Verfahrens sehr viel grösser als bei selektiven Überprüfungen. Das Ganze wurde zum Ansatzpunkt für politischen Widerstand: Schon bald war von «Berufsverboten» die Rede, was in der Diskussion dann nicht an Richtern, hohen Offizieren oder Schulleitern exemplifiziert wurde, sondern an Eisenbahnern und Briefträgern.
Der öffentliche Dienst der frühen 1970er Jahre war noch umfassend, und es gab keine alternative Berufsausübung bei privaten Unternehmen. Die Vorstellung von hoheitlichen Aufgaben war noch nicht durch Privatisierungen aufgeweicht. So kam es zwischen 1972 und 1985 zu 3,5 Millionen Regelanfragen, in deren Folge 1250 Bewerber nicht als Lehrer oder Hochschullehrer eingestellt und 250 Beamte entlassen wurden. Einige von ihnen wurden später entschädigt und rehabilitiert, und so mancher von denen, die bei einer Überprüfung qua Regelanfrage abgewiesen wurden, avancierte später als Politiker zu einer staatstragenden Säule der Bundesrepublik.
Nicht die selektive Überprüfung der Verfassungstreue, sondern die Regelanfrage für den gesamten öffentlichen Dienst und die Unzuverlässigkeit so mancher Antwort der Verfassungsschutzbehörden waren das Problem. Willy Brandt, unter dessen Kanzlerschaft der Radikalenerlass beschlossen wurde, sagte später, dies sei einer der kardinalen Fehler seiner Amtszeit gewesen. Die administrative Durchführung des Erlasses stand im eklatanten Gegensatz zu der – mit Brandts Kanzlerschaft emblematisch verbundenen – Formel in seiner ersten Regierungserklärung von 1969, «mehr Demokratie zu wagen».
Für Brandt, den Emigranten von 1933, der nach dem Ende der Nazizeit zurückgekehrt war, um am Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuwirken, war Demokratie nach wie vor ein Wagnis. Er wusste um die Bedrohung vonseiten der Extreme – und das dürfte mit ein Grund dafür gewesen sein, warum er sich Anfang 1972 überhaupt auf den «Extremistenbeschluss» eingelassen hatte. Die Erinnerung an die Weimarer Republik und ihre Zerstörung von innen heraus mitsamt der Rolle, die dabei die Beamtenschaft – Richter, Lehrer, Offizierskorps – gespielt hatte, trübte damals seinen politischen Instinkt, der ihn vor diesem Beschluss und der Art seiner Durchführung eigentlich hätte warnen müssen.
In der Berufsverbots-Debatte der 1970er Jahre – der Erlass wurde 1979 von der sozialliberalen Koalition offiziell aufgekündigt – spielte nämlich nicht die Weimarer Republik, sondern die ersten zwei Jahrzehnte der Bundesrepublik die Hauptrolle. Damals gaben sich viele ehemalige NSDAP-Mitglieder – und unter ihnen so manch überzeugter Nazi und zahlreiche Kriegsverbrecher, die eigentlich hätten vor Gericht gestellt werden müssen – in der Beamtenschaft ein Stelldichein. Es betraf die Ministerialbürokratie über die Richterschaft bis zu den lokalen Verwaltungen.
Wäre der Radikalenerlass von 1972 auf die alten Nazis angewandt worden, so hätte schätzungsweise die Hälfte der im öffentlichen Dienst Beschäftigten daraus entfernt werden müssen. Ende der 1960er Jahre hatte sich das politische Klima in Deutschland geändert, und es war absehbar, dass der Erlass vorwiegend Linke und nicht Rechte treffen würde. Dementsprechend wurde er als «parteiisch» kritisiert, nicht zuletzt auch in der Sozialdemokratie und bei den Liberalen der FDP, also in den die Regierung stellenden Parteien.
Schon bald war klar, dass man einer Logik des Administrativen auf den Leim gegangen war und nicht politisch gedacht hatte. Es dauerte sieben Jahre, bis man aus der selbst gestellten Falle wieder herauskam, und genau in dieser Zeit verlor die SPD ihre Fähigkeit zur umfassenden Integration der politischen Linken des Landes.
Man kann den Erlass darum mit einem gewissen Recht als Initialzündung zur Aufsplitterung der Parteienlandschaft in Deutschland bezeichnen. Sicherlich kam noch anderes dazu, vor allem die Atomenergiepolitik und der Nato-Doppelbeschluss. Ob aber die daraus entstandene Partei, die Grünen, ohne die politischen Talente, die in den 1970er Jahren nicht bei der SPD gelandet waren, auf Dauer stabil und integrationsfähig gewesen wäre, ist durchaus die Frage.
Sicherlich gab es auch einige Gründe, die für einen genaueren Blick auf den Linksextremismus sprachen. So hatte Rudi Dutschke vom «Marsch durch die Institutionen» gesprochen, den man jetzt antreten werde, mit der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) war 1969 eine Partei gegründet worden, die man entweder als Nachfolgeorganisation der vom Bundesverfassungsgericht verbotenen KPD oder als politischen Arm der DDR ansehen konnte. Und mit der Baader-Meinhof-Gruppe hatte sich eine linksterroristische Formation gebildet, von der die Schwächen des föderalen Polizeisystems spektakulär offengelegt wurden.
Die von der Opposition bedrängte Regierung wollte nicht als hilflos oder schwächlich dastehen, zumal sie nur über eine knappe Mehrheit im Bundestag verfügte, deren Erosion durch den Übertritt von SPD- wie FDP-Abgeordneten zur CDU bereits in Gang war. Das Misstrauensvotum gegen Brandt vom Frühsommer 1972 zeichnete sich ab. Diejenigen, die den Radikalenerlass nicht als blossen Verwaltungsakt ansahen, sondern seine politische Dimension überblickten, könnten ihn als Zeichen politischer Stärke angesehen haben.
Und in gewisser Hinsicht spielt auch die damals alles beherrschende Debatte über die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition hinein: Die aussenpolitische Annäherung an die UdSSR und die Anerkennung der DDR sollten nicht als Aufweichung der politischen Trennlinien im Innern missverstanden werden.
Es ging um die Unterstützung durch jene Wähler, die für eine neue Aussenpolitik eintraten, aber den Kommunisten im Innern der Bundesrepublik deswegen keine grösseren politischen Spielräume zugestehen wollten. Kurzfristig mögen diese Kalküle aufgegangen sein und zu Brandts fulminantem Wahlsieg im Herbst 1972 beigetragen haben, aber längerfristig war es eine Fehlkalkulation, wie dies Willy Brandt im Rückblick eingestanden hat.
Was lässt sich aus dem misslungenen Projekt von Anfang 1972 lernen? Ganz offensichtlich gehört das vorsichtige, zurückhaltende Agieren der deutschen Behörden gegenüber «Reichsbürgern» und anderen erklärten Verfassungsfeinden auf der extremen Rechten zu den Spätfolgen des Radikalenerlasses.
Man fürchtet, durch ein entschlosseneres Vorgehen könne es zu einer politischen Verfestigung der Szene kommen, die man gerade vermeiden will. Man will all jenen, die irgendwie und irgendwann in ihr gelandet sind, die Möglichkeit des Ausstiegs offenhalten. Des Weiteren will man die Produktion von Märtyrern vermeiden, die dann als inkarnierte Anklagen genutzt werden können, um den liberalen Anspruch der politischen Ordnung infrage zu stellen.
Unter keinen Umständen will man zudem riskieren, durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in die Schranken gewiesen zu werden. Dieser hatte 1995 Deutschland wegen der Entlassung eines DKP-Mitglieds aus dem Staatsdienst unter Verweis auf die Meinungs- und Versammlungsfreiheit zur Wiedereinstellung des Betreffenden und zu Schadenersatz verurteilt.
Auch die gegenwärtige Zurückhaltung beruht auf einer politischen Kalkulation. Es bleibt freilich abzuwarten, ob sie aufgeht oder ob damit womöglich Liberalität an einer Stelle gezeigt wird, wo die extreme Rechte sie als Schwäche verstehen und ausnutzen könnte, um die Demokratie zu zerstören. Lernen aus der Geschichte schliesst nicht aus, dass man das Falsche lernt.
Nota. - Ach, war es nicht Willy Brandts Radikalenerlass? - Na ja, aber es war nicht seine Idee - das haben ihm inkompetente Berater eingeredet! Womöglich gar Günter Guillaume!!
Als 1974 Brandt zurücktrat und Helmut Schmidts "restriktive Rahmenbedingungen" ausbra-chen, war die Zeit der innerlich längst ausgetrockneten linksradikalen Sekten endgültig vorüber, und die natürlichste Sache der Welt wäre gewesen, dass sie nach und nach alle reumütig, wenn auch nicht ohne Ziererei, unter die Fittiche der alten Tante SPD zurückgeschlichen wären.
Aber da waren die Berufsverbote. Der Graben war zu breit, da kam man nicht so einfach rü-ber, dieses Tischtuch war zerschnitten. Ohne Willy Brandt und seinen Radikalenerlass hätten Die Grünen nicht entstehen können.
JE