Mittwoch, 16. Oktober 2013

Automatisierung des Denkens: Die Freisetzung der Köpfe.

George Logan-laif

Constanze Kurz und Frank Rieger, zwei Galionsfiguren des Chaos Computer Clubs, haben gemeinsam ein Buch verfasst: „Arbeitsfrei“. Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen. In der FAZ vom 13. Oktober veröffentlichten sie eine Zusammenfassung (I), und am folgenden Tag schrieb Jürgen Kaube unterm Titel Wo du hingehst, da will auch die Maschine hingehen eine Rezension (II)

Keiner kann so recht vorhersehen, was da noch alles auf uns zukommt; "was jedoch klar zu erkennen ist, betrifft die arbeitenden Menschen: Sie verschwinden aus mehr und mehr Bereichen der Produktion, sei es physisch oder geistig", schreiben Kurz und Rieger(I).

"Immer wenn sich eine neue Technologiewelle durchsetzte, kam es zu teils dramatischen Umwälzungen, die oft für großes Leid, Ungerechtigkeiten und Machtverschiebungen, aber auch für neuen Wohlstand, Beschleunigung von täglichen Abläufen oder neue Bequemlichkeiten sorgten. Etablierte Lebens-, Arbeits- und Denkweisen wurden zum Teil binnen weniger Jahre obsolet, über lange Zeit erworbene Fertigkeiten und Kenntnisse wertlos." (I) 


Doch diesmal "ändert sich das Spiel der globalen Wirtschaft grundlegend. Schon heute ist der Trend zurück zur Produktion in der Nähe der Endabsatzmärkte in vielen Branchen klar zu sehen. Industrien mit sehr hohem Automatisierungsgrad, wie etwa die Fahrzeugbranche, bauen seit Jahren neue Fabriken direkt in ihren Hauptabsatzländern. Je geringer der Anteil der Lohnkosten an einem Produkt ist, desto mehr treten andere Faktoren für die Standortwahl in den Vordergrund. Transportkosten, Infrastruktur, Stromnetze, Umweltfaktoren, Verfügbarkeit von hochqualifiziertem Personal, Steuerbelastung, politische Stabilität und sonstige regulatorische Faktoren bestimmen letztlich die Profitabilität weitaus stärker als die Kosten für das Personal. Das Kapital, das erforderlich ist, um die nötigen Investitionen zu tätigen, die eine menschenarme Fertigung ermöglichen, wird zum entscheidenden Produktionsmittel." (I) 

Kaube fasst zusammen: "Maschinen ersetzen Arbeit. Die Autoren erzählen das am Beispiel der Herstellung von Brot. Das Vaterunser bittet, dass es täglich gegeben werde. Doch von wem konkret? Erntemaschinen, Düngemaschinen, Milchviehfütterungsmaschinen, Aufbackautomaten und so weiter - die agrarische Produktionskette braucht kaum mehr Personal. Wodurch es ersetzt wurde, schildern Kurz und Rieger vom Getreide bis zur Bäckerei. ... Dem Einwand, die Arbeit sei durch die Maschinen nicht verschwunden, sondern nur zu den Produzenten des entsprechenden Geräts gewandert, begegnet ihr Besuch in Firmen, die Landmaschinen herstellen. Dort ist es genauso menschenleer wie in Ölraffinerien, vollautomatischen Mahlfabriken oder Hochregallagern. Dass Roboter Roboter anfertigen, ist der Fluchtpunkt dieser Geschichte.(II)

Kurz und Rieger: "Die Automatisierung macht nicht halt in der physischen Welt. Sie geht weiter in die nächste Domäne, die bisher als genuin menschlich betrachtet wurde. ... Die Effekte der Computerisierung kognitiver Aspekte sind weitaus subtiler, als wenn in der Fabrikhalle an der Stelle, wo vor einem Jahr noch Menschen schafften, nun Roboter stehen. ... Erfahrung, Wissen und Intuition werden durch Software nachgebildet, Statistiken, Optimierungs- und Wahrscheinlichkeitsrechnungen ersetzen die oft eher unscharf begründeten, einfach zu beeinflussenden Entscheidungen des Menschen."(I)

Den Schönrednern halten sie entgegen: "Viele andere neue Jobs in der so gern umjubelten 'digitalen Wirtschaft', die Social-Media-Berater, Internetagenturen und Webdesigner, sind bisher mehr Schein als Sein. Prekäre Arbeitsverhältnisse, umfangreiche Selbstausbeutung und ein finanziell genügsames Hangeln von Projekt zu Projekt, unterbrochen von Phasen der Abhängigkeit von Sozialleistungen, kennzeichnen die Branche. Wie immer, wenn sich neue Selbstverständlichkeiten herausbilden, die bald zum digitalen Alltag gehören, gibt es ein Überangebot an Beratern und Dienstleistern, die vom kurzfristigen Unwissen und Nichtverstehen der Unternehmen, Parteien und Medien profitieren wollen. Leider funktioniert das immer nur für eine vergleichsweise kurze Zeit; dann kommen zu viele andere auf die gleiche Idee. Obendrein führt die nächste technologische Innovation zur Banalisierung des einstmals tollen Wissens und Kennens."(I)

Das sind nun keine strahlenden Aussichten. Dennoch: "Die Vision einer Gesellschaft, in der Arbeitsplätze, die uns nicht mehr menschenwürdig erscheinen, die besser und schneller von Maschinen erledigt werden können, nicht länger durch immer weiteres Lohndrücken erhalten werden; in der jeder nach seinen Talenten und Fähigkeiten arbeitet und nur so viel, wie es seine Lebensumstände und -phasen erlauben, ist keine hoffnungslose Utopie mehr. Menschlicher Erfindungsgeist und Tatkraft haben uns so weit gebracht, dass Maschinen große Teile der Arbeit erledigen können, die wir nicht erledigen können oder nicht mehr erledigen wollen."(I)

Doch einen Fingerzeig, wie sich die zu befürchtenden Übel der Digitalisierung in zu erhoffende Vorteile verwandeln ließen, geben Kurz und Rieger jedenfalls in ihrer Zusammenfassung für die FAZ nicht. Das tut schon eher - aber ohne sich dessen zu versehen - ihr industriefreundlicher Rezensent Kaube: "Als Ökonom fragt man sich nämlich, wer in einer so plausibel geschilderten Welt, in der am Ende Maschinen ihresgleichen herstellen, überwachen und beauftragen, wer darin eigentlich die von diesen Maschinen fast eigenständig hervorgebrachten Produkte kauft? Die Antwort kann kaum lauten: die Arbeitslosen."(II) Ja, das ist wahr, eine durchgängig automatisierte Produktion in allen Bereichen ist ökonomisch schlechterdings unmöglich - jedenfalls unter den einstweilen herrschenden Bedingungen, wo Einkommen nur durch Arbeit entsteht, und wenn nicht durch eigene, dann durch die der andern, und wo Wert nichts anderes ist als Kommando über fremde Arbeitskraft - die niemand mehr braucht.

Die Losung eines Bedarfsunabhängigen Grundeinkommens mag realistisch sein oder nicht. Aber sie formuliert in aller wünschenswerten Schärfe das Paradox der digitalen Revolution: Sie schafft die Arbeit ab, die doch das Lebensmittel aller vorangegangenen Generationen war, und setzt nichts an ihre Stelle.


Constane Kurz und Frank Rieger: „Arbeitsfrei“. Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen. Riemann Verlag, München 2013. 286 S., Abb., geb., 17,99 .



Wackere Neue Arbeitswelt.

Die Zukunft der Arbeit: Neue Technologien, neue Werte und Kollaboration 

Informations- und Kommunikationstechnologien sind in der Arbeitswelt allgegenwärtig. Sie durchdringen und verdrängen zunehmend die klassische Industrie- und Büroarbeit. Die Digitalisierung macht das Wissen zur zentralen Ressource. Es entstehen flexible und mobile Arbeitsverhältnisse und neue Formen der Zusammenarbeit, die Wirtschaft, Unternehmen und jeden Einzelnen vor neue Herausforderungen stellen. 

Till Breitung  
Pressearbeit  
Münchner Kreis

15.10.2013, 10:41
  München, 15. Oktober 2013 – Auf einer Konferenz des MÜNCHNER KREIS haben rund 130 Experten die Auswirkungen der Digitalisierung auf unser zukünftiges Arbeiten diskutiert. Deutschland wurden dabei überraschend gute Chancen eingeräumt. „Der Erfolg von Arbeit wird immer mehr dadurch definiert, wie kooperativ und kreativ Wissensarbeiter sind und wie intelligent sie sich vernetzen“, sagte Prof. Arnold Picot, Vorstandsvorsitzender des MÜNCHNER KREIS. Das Verständnis von und für neue Strukturen der Arbeit sei Ausschlag gebend. Und dieses Verständnis wachse vor allem in Ländern mit hohem Bildungsniveau, in denen das Wissen die wichtigste verfügbare Ressource ist. 


Die Informations- und Kommunikationstechnologien verändern die berufliche Zusammensetzung des Arbeitsmarktes. Produktionsarbeiter und Bürofachkräfte, deren Tätigkeiten durch präzise definierte Routineabläufe bestimmt sind, werden zunehmend durch Maschinen ersetzt. Dagegen expandieren Berufe, die Kreativität, Umgang mit Menschen oder visuelles und räumliches Anpassungsvermögen verlangen. „Zu den Wachstumsberufen gehören sowohl gut bezahlte Manager als auch Niedriglohnarbeiter im Gastgewerbe, während viele von Computern verdrängte Berufe in der Mitte des Einkommensspektrums liegen. Der technologische Wandel führt somit zu einer Polarisierung der Arbeitswelt“, gab Prof. David Dorn vom Center for Monetary and Financial Studies in Madrid zu bedenken.

Einige Aufgaben und Probleme, die für Menschen relativ einfach zu lösen sind, können derzeit jedoch selbst von moderner Technologie noch nicht algorithmisch bewältigt werden. Hierzu zählen mitunter Text- und Bilderkennung, das Verifizieren, Analysieren und Kategorisieren von Videoinhalten, das Schaffen von Wissen, das Verbessern und Kreieren von Produkten oder wissenschaftliche Forschung. Beim Crowdsourcing werden solche Aufgaben nun auf die Intelligenz und die Arbeitskraft einer großen Anzahl zunächst unbekannter Freiwilliger im Internet ausgelagert. „Die Unternehmen haben hierbei Zugriff auf eine Masse von Menschen, die ihnen im Unternehmen nicht zur Verfügung stehen würden. Durch Crowdsourcing entsteht jedoch auch eine Vielzahl organisatorischer und wissenschaftlicher Herausforderungen aus unterschiedlichsten Disziplinen der Informatik, wie das Schaffen von Anreizen für die Arbeiter und die Qualitätssicherung der durchgeführten Arbeiten“, merkte Prof. Phuoc Tran-Gia von der Universität Würzburg an.

Prof. Thomas W. Malone von der MIT Sloan School of Management war der Konferenz des MÜNCHNER KREIS per Livestream zugeschaltet. Er erklärte, wie das Zusammenwirken technologischer und ökonomischer Rahmenbedingungen bereits heute weit reichende Veränderungen in Organisationen und Unternehmen ermöglicht. Insbesondere die ständig sinkenden Kosten der Kommunikation erlaubten einen Wandel der Arbeitsorganisation, dessen Tragweite er mit dem demokratischen Wandel von Staaten verglich. Malone stellte ein globales Projekt des von ihm geleiteten Center for Collective Intelligence vor, das sich die Erarbeitung von Lösungsvorschlägen für die drängenden Probleme des Klimawandels zum Ziel gesetzt hat. Im Climate CoLab brechen Experten unterschiedlicher Wissensgebiete und Herkunft die genauso komplexen wie bedrohlichen ökologischen Herausforderungen des Klimawandels auf seine Teilaspekte herunter. In virtuellen Diskussionsforen, gemeinsam geführten digitalen Ideenmagazinen und Computersimulationen erarbeitet hier eine Vielzahl internationaler Expertenteams gemeinsam Vorschläge für tragfähige Lösungen. Mehrheitsabstimmungen, die Aufteilung in Lösungs- und Kontrollfunktionen sowie das Prinzip der Expertenbeurteilung erzeugten dabei eine kollektive Intelligenz, die deutlich über dem Durchschnitt der individuellen Intelligenz der Teammitglieder läge, erklärte Malone. Entsprechend hoch sei daher auch die Qualität der Handlungsempfehlungen und der Vorschläge für die politische Entscheidungsfindung.

Traditionelle, hierarchisch strukturierte Organisationen, die auf Weisung und Kontrolle basieren, sind den informationstechnologisch gestützten Arbeitsformen und neuen Werthaltungen oft nicht mehr angemessen. „Die Entwicklung der Organisationen hält mit diesem Wandel der Arbeit oft nicht Schritt. Managementgesteuerte Organisationen erweisen sich als zu langsam, zu unflexibel, zu fehleranfällig“, erklärte Winfried Kretschmer, Chefredakteur von changeX. Die Herausforderung läge heute darin, neue Modelle für hochgradig anpassungsfähige, extrem innovative und inspirierende Organisationen und deren Führung zu entwickeln. „Mit dem WorldWideWeb entstehen neue Werkzeuge der Kooperation, die mit den alten Strukturen nicht mehr kompatibel sind und andere Formen der Kollaboration erfordern“, so Kretschmer. „Flexibilisierte Arbeitszeiten, Arbeitsorte, das Zusammenwachsen von Arbeits- und Freizeit sowie zunehmend heterogene Teams verlangen überdies andere Integrationsarbeit und Koordinationsmechanismen, die auch Multikulturalität bewältigen“, ergänzte Dr. Josephine Hofmann vom Fraunhofer IAO.

Ausgehend von den sich rasch weiterentwickelnden Technologien fasste Wolfgang Wopperer vom Hamburger Tech-Inkubator mindmatters die Herausforderungen an ein neues Verständnis von Arbeit zusammen: „Will man Charakter und Reichweite der Veränderungen verstehen und ein klares Bild von künftigen Arbeitsformen gewinnen, sind drei Aspekte zu verstehen: Was bedeutet es, wenn Daten und Code statt physischer Produkte Basis und Mittel der Wertschöpfung werden? Wie sind diese faktisch und juristisch verfasst – sind unsere althergebrachten Regeln für Eigentum und Zugang noch angemessen? Und welche Arten der Zusammenarbeit bringen diese Rahmenbedingungen hervor?“

Über den MÜNCHNER KREIS:

Der MÜNCHNER KREIS ist eine gemeinnützige übernationale Vereinigung für Kommunikationsforschung. An der Nahtstelle von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien befasst er sich mit Fragen der Technologie, der Gesellschaft, der Ökonomie und der Regulierung im Bereich von Informations- und Kommunikationstechniken sowie der Medien. Er begleitet und fördert die Entwicklung der Informationsgesellschaft in verantwortungsvoller Weise und wirkt an der Verbesserung der Rahmenbedingungen durch wissenschaftlich qualifizierte Beiträge und sachlichen Dialog konstruktiv mit. www.muenchner-kreis.de

Pressekontakt:
Till Breitung
Sky Communications
Wilhelmsaue 132
10715 Berlin
Tel: +49 (0)30 8613605
E-Mail: t.breitung@sky-communications.de

Weitere Informationen:http://www.muenchner-kreis.de

Nota.
Ich vermisse in dem Ergebnisbericht das Wort Prekariat, Sie nicht?
JE

Dienstag, 15. Oktober 2013

Steinzeitliche Ackerbauern mit Migrationshintergrund.

aus scinexx

Mitteleuropäer haben gemischte Ahnen
Wildbeuter und eingewanderte Ackerbauern lebten 2.000 Jahre lang gemeinsam

In Mitteleuropa lebten heimische Jäger und Sammler mehr als 2.000 Jahre lang eng mit eingewanderten Ackerbauern zusammen. Erst vor rund 5.000 Jahren starb die Wildbeuter-Lebensweise dann aus. Unsere direkten Vorfahren aber gingen aus einer Mischung beider Populationen hervor - viele steinzeitliche Bauern bevorzugten offenbar Wildbeuter-Frauen. Das berichten deutsche Forscher in "Science". Sie hatten genetische Analysen von Knochenfunden in einer Höhle in Westfalten durchgeführt, die zwischen 7.500 und 5.000 Jahre alt sind.

Zum Ende der letzten Eiszeit und dem Beginn der heutigen Warmzeit vor etwa 10.000 Jahren lebten in Europa die Nachfahren der ersten anatomisch modernen Menschen. Sie ernährten sich von der Jagd und dem Sammeln wilder Gräser, Früchte und Knollen. Erste Anzeichen einer bäuerlichen, sesshaften Lebensweise in Mitteleuropa sind etwa 7.500 Jahre alt. Frühere Studien zeigten, dass sich diese ersten Bauern nicht aus ortsansässigen Wildbeuter entwickelt haben, sondern Einwanderer waren. Wie aber die bäuerlichen Immigranten und lokalen Jäger und Sammler damals zusammen lebten und wie lange, war bislang kaum erforscht.

Anthropologen der Universität Mainz um Joachim Burger haben nun festgestellt, dass sich die Wildbeuter nicht nur in unmittelbarer Nähe zu Ackerbauern aufhielten. Sie hatten auch über Jahrtausende Kontakt mit ihnen und bestatteten sogar ihre Toten in der gleichen Höhle wie die benachbarten Bauern. Belege für diese friedliche und über mehr als 2.000 Jahre anhaltendende Koexistenz fanden die Forscher bei DNA-Analysen von steinzeitlichen Knochen aus der Blätterhöhle bei Hagen. In ihr wurden sowohl Wildbeuter als auch Bauern bestattet.

"Gemeinhin wird angenommen, dass die mitteleuropäischen Jäger und Sammler recht bald nach der Ankunft der Ackerbauern verschwunden seien", erklärt die Erstautorin der Studie, Ruth Bollongino. Wie sich jetzt zeigt, behielten die Nachfahren der mittelsteinzeitlichen Bauern ihre wildbeuterische Lebensweise aber noch mindestens 2.000 Jahre lang bei und lebten parallel zu den eingewanderten Bauern. Sie ernährten sich dabei offenbar sehr spezialisiert und aßen vorwiegend Fisch, wie Isotopenanalysen der Knochen schließen lassen. "Der Lebensstil der Jäger und Sammler ist in Mitteleuropa also erst nach 5.000 Jahren vor heute ausgestorben", so die Forscherin.

Bauern nahmen sich Wildbeuter-Frauen

Der lange Kontakt zwischen den beiden Gruppen blieb dabei nicht folgenlos - auch das enthüllten die Genanalysen. Demnach müssen ab und zu Jäger-Sammler-Frauen in die Bauerngesellschaften eingeheiratet haben. Umgekehrt allerdings gab es diesen Austausch nicht: Die Frauen der eingewanderten Bauern hinterließen keine Spuren im Erbgut der Jäger und Sammler oder ihrer Nachfahren. "Dieses Heiratsmuster ist aus vielen ethnographischen Studien bekannt. Bauernfrauen empfinden die Einheirat in Wildbeutergruppen als sozialen Abstieg, wohl auch weil die Geburtenrate bei Bauern höher ist", erklärt Joachim Burger.

Auch der Frage, welchen Einfluss beide Gruppen auf den Genpool der heutigen Europäer hatten, ging das Team nach. Dabei zeigte sich: Weder die Jäger und Sammler noch die Ackerbauern waren unsere alleinigen Vorfahren. Stattdessen bildet unsere Ahnenlinie einen Mischmasch, in die beide Populationen mit eingingen. Eine Mischpopulationen aus beiden stelle die potenziell die direkten Vorfahren heutiger Mitteleuropäer dar, erklärt Adam Powell, Mathematiker und Spezialist für demographische Modellierungen von der Universität Mainz. (Science, 2013; doi: 10.1126/science.1245049)

(Universität Mainz, 11.10.2013 - NPO)



aus derStandard.at, 10. Oktober 2013, 20:06

Frühe Migrationen sorgten für genetische Vielfalt
Forscher zeigen, wie frühzeitliche Völkerwanderungen den genetischen Pool in Europa beeinflussten

Washington/Mainz - Analysen von Isotopen und Genmaterial aus mehreren archäologischen Fundstätten in Deutschland werfen ein neues Licht auf genetische Entwicklungen der europäischen Bevölkerung. Eine Forschergruppe um den Mainzer Biologen Guido Brandt legte nun eine Studie darüber vor, wie frühzeitliche Völkerwanderungen den genetischen Pool in Europa beeinflusst haben.

Gemeinsam mit Kollegen aus Halle untersuchten sie die Erbsubstanz von 364 Menschen, die vor rund 7.500 bis 3.500 Jahren in der Mittelelbe-Saale-Region lebten. Die im Fachmagazin "Science" veröffentlichten Daten wiesen in deren DNA genetische Einflüsse von Jägern und Sammlern aus Skandinavien nach. Die Forscher gehen davon aus, dass es einen Austausch mit den mitteleuropäischen Kulturen gab. 

Steinzeitliche Parallelgesellschaften

In einem zweiten Artikel berichten Wissenschafter um die Mainzer Anthropologen Ruth Bollongino und Joachim Burger, dass Jäger und Sammler im steinzeitlichen Mitteleuropa über 2000 Jahre lang mit eingewanderten Ackerbauern zusammenlebten, ehe erstere überraschend spät, nämlich vor 5000 Jahren, verschwanden. Bisher sei man davon ausgegangen, dass die Wildbeuter recht bald nach Ankunft der sesshaften Bauern verschwanden.

"Tatsächlich behielten die Nachfahren der mittelsteinzeitlichen Menschen ihre Lebensweise als Jäger und Sammler zunächst bei", sagte Bollongino vom Institut für Anthropologie der Johannes Gutenberg-Universität. Zum Ende der vergangenen Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren lebten in Europa die Nachfahren der ersten anatomisch modernen Menschen. Sie ernährten sich von der Jagd und dem Sammeln wilder Gräser, Früchte und Knollen. Erste Anzeichen einer bäuerlichen Lebensweise in Mitteleuropa sind etwa 7.500 Jahre alt.

Die Forscher fanden nun Beweise für steinzeitliche Parallelgesellschaften bis vor 5.000 Jahren. Dazu untersuchte sie Knochen von 25 Menschen, die in der westfälischen Blätterhöhle über einen Zeitraum von mehr als 4.000 Jahren bestattet worden waren. Alles deute darauf hin, dass Jäger und Sammler ihre Toten in der gleichen Höhle bestatteten wie Ackerbauern. Wildbeuter-Frauen heirateten bisweilen in die Bauerngesellschaften ein, während jedoch keine genetischen Linien von Bauersfrauen bei Jägern und Sammlern gefunden wurden. "Dieses Heiratsmuster ist bekannt. Bauersfrauen empfanden die Einheirat in Wildbeuter-Gruppen als sozialen Abstieg", erklärte Bollongino. (APA/tasch/red)
 

Sonntag, 13. Oktober 2013

Die Aschkenasim kamen aus Rom oder so.

aus Die Presse, Wien, 11.10.2013


Genetik: Woher stammen die Aschkenasim? Aus Rom?
Eine neue Analyse der mitochondrialen Gene – das sind die, die nur von den Müttern kommen – deutet darauf, dass die weiblichen und für das Judentum entscheidenden Ursprünge in Italien lagen.

von J. Langenbach 

Wenig ist in der Genealogie so umstritten – und mit Emotion beladen – wie die Herkunft der Aschkenasim, der Juden Mittel- und Osteuropas. Mit ihren acht Millionen Köpfen stellten sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts ungefähr 90 Prozent der Juden der Welt, und das bringt eine Hypothese für ihre Herkunft in Probleme, die vom Rheinland. Sie geht davon aus, dass im 7. Jahrhundert Juden aus dem Heiligen Land flohen, als es von Moslems überrannt wurde. Sie ließen sich am Rhein nieder, von dort zogen im 15. Jh. etwa 50.000 nach Osteuropa, sie waren willkommen, es gab damals dort keine Pogrome.

Das passt zum Selbstverständnis – ihm zufolge liegen die Ursprünge im Heiligen Land –, und es gibt Genanalysen, die diesen Glauben bestätigen: Doron Behar (Haifa) etwa fand bei den Aschkenasim – und den beiden anderen Hauptgruppen, den Sephardim und den orientalischen Juden – die gleichen genetischen Wurzeln, sie sprossen vor 3000 bis 4000 Jahren im Mittleren Osten (Nature, 422, S.328). Allerdings war die Datenbasis dünn, und um auf die acht Millionen zu kommen, hätten sich die Juden in Mittel-/Osteuropa zehnmal so rasch vermehren müssen wie ihre nicht jüdischen Nachbarn.

Woher sind sie dann gekommen? Aus dem Kaukasus, vom Turkvolk der Chasaren, dessen Mitglieder im 8. Jahrhundert zum Judentum konvertierten. Sie flüchteten nach Westen, als die Mongolen im 13. Jahrhundert ihr Reich überrannten. Diese Hypothese wurde vom Schriftsteller Arthur Koestler verfochten („Der dreizehnte Stamm“, 1976), er wollte damit die Juden vom semitischen Ursprung abschneiden – und damit dem Antisemitismus den Boden entziehen. Es bekam ihm schlecht, der Jude Koestler wurde selbst des Antisemitismus geziehen.

Naher Osten? Kaukasus? Südeuropa?

Sein Vorstoß fand später Unterstützung durch eine Genanalyse, Eran Ehaik (Johns Hopkins School of Medicine) sichtete Spuren der Chasaren (Genome Biology and Evolution, 5, S.61). Allerdings war auch seine Lage der Daten eher dünn, zudem wiesen sie nicht nur in den Kaukasus, sondern auch nach Südeuropa. Auf diesen Ursprung setzt auch schon einige Zeit die dritte Hypothese, sie wird nun von Martin Richards (Leeds) bestätigt. Er ist bei seiner Analyse gezielter vorgegangen: Während sich die anderen Teile entweder des großen Genoms im Zellkern oder des kleinen in den Mitochondrien – den Zellkraftwerken – vornahmen, konzentrierte er sich auf die mitochondrialen Gene (mt-DNA), aber nicht auf einzelne, sondern auf ihre Gesamtheit, die mt-DNA Genome.
Die sind für die Genetik deshalb interessant, weil sie nur von den Müttern vererbt werden, und das macht sie auch für die Herkunft der Aschkenasim interessant: Die läuft bei Juden über die mütterliche Linie. Und deren Ursprung lag in Italien: 80 Prozent der mt-DNA der Aschkenasim lassen sich in diesen Raum zurückverfolgen, über 8000 Jahre, bis in vorbiblische Zeiten (Nature Communications, 8.10.).

Diese Frauen waren offenbar Konvertiten – im Mittelmeerraum der hellenistischen Periode, von etwa 300 bis 30 v.Chr., gab es eine Welle –, und manche von ihnen taten sich mit jüdischen Händlern aus dem Nahen Osten zusammen, darauf deuten frühere Analysen des männlichen Y-Chromosoms. So sieht es Richards. Er erntet allerdings heftigen Widerspruch von Behar, er beharrt auf den semitischen Wurzeln.



Samstag, 12. Oktober 2013

Eine jüdische Sekte wird zur Staatsreligion.

aus NZZ, 9. 10. 2013                                                                                      Kreuzigung Jesu, Tor Sta. Sabina Rom, Anf. 5. Jhdt.


Eine jüdische Sekte wird zur Staatsreligion
Werner Dahlheim schildert die Geschichte des Römischen Reiches am Leitfaden der Ausbreitung des Christentums
 


von Stefan Rebenich · Dies ist ein grosses Buch. Glänzend geschrieben. Spannend zu lesen. Und der Verfasser hält mehr, als der Titel verspricht: Werner Dahlheim beschreibt keineswegs nur «Die Welt zur Zeit Jesu», sondern er gibt eine eindrückliche Darstellung der Geschichte des Römischen Reiches von der Zeitenwende bis in die Spätantike. Der rote Faden ist die Ausbreitung des Christentums, das als jüdische Sekte in Palästina begann, drei Jahrhunderte lang vom römischen Staat Toleranz einforderte und im vierten nachchristlichen Jahrhundert zur Staatsreligion erhoben wurde - und den Glauben an den dreieinigen Gott nun unbarmherzig mithilfe der Obrigkeit durchsetzte.

Eine Bewegung und ihr Weg

Die Themen sind breit gesteckt, die Synthese der weitverzweigten Forschung ist beeindruckend. Hier die administrative Struktur des Grossreiches und die Herrschaftspraxis des römischen Prinzeps, dort die alltäglichen Freuden des kleinen Mannes und die ästhetischen Genüsse der gebildeten Elite. Politik und Gesellschaft, Militär und Verwaltung, Religion und Philosophie, Literatur und Kunst finden zusammen, und sicher geleitet Werner Dahlheim den Leser durch den «orbis terrarum», der zu Jesu Zeit schon zum «orbis Romanus» geworden war. Die römische Ordnungsmacht sorgte für die innere und äussere Stabilität, die den Aufstieg und die Mission des Christentums begünstigte. 

Werner Dahlheim: Die Welt zur Zeit Jesu.  
C. H. Beck, München 2013. 428 S., Fr. 39.90. 

Die Bewegung, die sich auf den gekreuzigten Jesus von Nazareth zurückführte, an dessen Auferstehung glaubte und in ihm den im Alten Testament verheissenen «Messias» oder «Gesalbten» Gottes (griechisch «Christós») erkannte, nahm ihren Ausgang in Jerusalem und breitete sich mittels Missionaren zunächst in den Städten der östlichen Mittelmeerküste aus. In Alexandria tauchte der Name «Christen» als Fremdbezeichnung für die Anhänger Jesu auf. Die endzeitlichen Prophetien erreichten in den Synagogen der Diaspora hellenistisch geprägte Juden. Aber der Erfolg des neuen Glaubens ging, wie Dahlheim eindrücklich beschreibt, mit der Loslösung vom Judentum einher. In Antiochien wurde zum ersten Mal das Evangelium den Heiden gepredigt. Die Universali- sierung der Heilsbotschaft ist Paulus zu verdanken, einem Repräsentanten des pharisäischen Judentums aus Tarsus in Kilikien, der Jesus als Messias und Gottes Sohn erkannt haben wollte. Paulus nahm den Missionsauftrag Jesu an und führte auf seinen Reisen Nichtjuden zum Glauben an den Auferstandenen. Er initiierte einen Prozess, der letztlich zur Trennung von Synagoge und Kirche führte. Die Christen, die an jüdischen Gebräuchen und Gesetzesvorschriften festhielten, wurden bald als «heterodox» stigmatisiert und später verfolgt.


Das Christentum fand zunächst in den Städten seine Anhänger. Die Christianisierung des flachen Landes schritt sehr langsam voran und war in manchen Gebieten auch in der Spätantike noch nicht abgeschlossen. Die geografischen Zentren des frühen Christentums waren die östlichen Provinzen des Römischen Reiches. Hinzu kamen Nordafrika, Südspanien, das Rhonetal sowie Teile Italiens und besonders Rom. Dagegen gab es auch im zweiten und dritten Jahrhundert Regionen, in denen die Botschaft des Evangeliums gar nicht oder nur wenig verkündet wurde, insbesondere in den Donauprovinzen, im nördlichen Gallien, in Germanien und in Britannien.

Die blutigen Christenverfolgungen interessieren Dahlheim weniger. Vielmehr beschreibt er die Vielfalt der christlichen Gemeinden, die Entstehung der christlichen Bibel, die Genese der christlichen Theologie, die Organisation des Gemeindelebens, die Auseinandersetzung mit Nichtchristen und die Inkulturation des griechisch-römischen Erbes. Ausführlich behandelt der Althistoriker die christliche Überlieferung, die Texte der Missionsprediger, die Briefe des Paulus, die Evangelien und die Anfänge der christlichen Historiografie, aber auch die Welt der Wunder, der Magie und der Märchen, die sich im christlichen Roman findet.

Die rasche Ausbreitung der ursprünglich jüdischen Splittergruppe war keiner geplanten Strategie geschuldet und konnte sich zunächst nicht auf eine feste Organisation stützen. Faszinierend bleibt die Frage, weshalb der Glaube an den Gekreuzigten siegreich war. Generationen von Gelehrten haben sich an ihr abgearbeitet. Die Antworten sind Legion. Werner Dahlheim kennt sie alle. Jede auf Providenz abstellende Interpretation ist ihm fremd. Das Wirken des Heiligen Geistes sucht man in seinem Buch vergebens. Dahlheim nennt als wichtige Faktoren die christliche Ethik, das sozial-caritative Engagement, das Vorbild der Märtyrer. Er beschreibt, wie die christliche Glaubenstradition schriftlich fixiert und eine eigene Überlieferung konstituiert wurde; in einem langwierigen und schwierigen Prozess der Kanonbildung und in endlosen innerchristlichen Diskussionen* um zentrale theologische Aussagen gewann die christliche Lehre ein eigenes, unverwechselbares Profil.

Literarischer Genuss

Dahlheim verweist schliesslich auf die Wirkung der christlichen Botschaft, insbesondere auf «die Hoffnung auf Erlösung für jeden, ob arm oder reich, und das Versprechen, Vergebung für die in einem harten Leben gehäufte Schuld zu finden». Die christliche Nächstenliebe zeigte nicht zuletzt deshalb Wirkung, weil sie die desintegrativen Folgen sozialer Verwerfungen zumindest teilweise zu kompensieren vermochte. Zugleich relativierte die durch den Glauben vermittelte Gewissheit, eine bessere Zukunft in einer jenseitigen Welt zu finden, die diesseitige Not zahlreicher Menschen, die am Rande der Gesellschaft eine kärgliche Existenz fristeten.

Gewiss wird man Werner Dahlheim nicht überall folgen. Der erste christlich getaufte Kaiser Konstantin liess sich 337 sicherlich nicht als dreizehnter Apostel in seinem Mausoleum zu Konstantinopel bestatten, sondern vielmehr als christusgleicher Imperator, der sich nach antiker Tradition mit seinem siegbringenden Schutzgott identifizierte und den Platz inmitten der zwölf Apostelfürsten beanspruchte. Dem intellektuellen Gewinn und dem literarischen Genuss tut solche Widerrede keinen Abbruch. Der umfassend gebildete Historiker und der an Luthers Deutsch geschulte Autor beherrscht seinen Gegenstand und seine Sprache viel zu gut, als dass auch nur auf einer Seite Verdruss oder Langeweile aufkommen könnten.


*) Endlos - darauf kommt es an! Nämlich auf jede erreichte Stufe folgte unweigerlich die nächst höhere. Die christliche Theologie ist ein Diskurs, und dessen Träger ist das sakrale Priestertum. Ohne dies wären die christologischen Debatten der ersten Jahrhunderte Spielereien von Liebhabern gewesen, die für niemanden verbindlich waren. Aber die jüdische Splittergruppe war, durch den Anschluss an den Messias-Glauben, zur Kirche geworden. Das machte ihre Dynamik aus.
J.E.


Freitag, 11. Oktober 2013

Ist das amerikanische Jahrhundert doch noch nicht vorbei?

aus NZZ, 7.10. 2013


Wider die transatlantische Amnesie
Ob das amerikanische Jahrhundert zu Ende geht oder nicht, wird in Europa entschieden.  


Von Eric T. Hansen

Waren die USA einst das Land der Verheissung von Freiheit und Fortschritt, Würde und Wohlstand, haben sie diesen Nimbus heute stark eingebüsst. Noch sind sie die einzige weltweit agierende Supermacht, doch stehen sie politisch erschöpft und finanziell ausgelaugt da. Ihre Schwäche könnte Europas Chance sein.

Wir leben in apokalyptischen Zeiten. Hollywood produziert einen Zombie-Film nach dem anderen. Keine Woche geht vorbei, ohne dass die Welt von Aliens, Monstern und Robotern heimgesucht wird oder durch Viren, Krieg und Terrorismus ihr Ende findet. In Europa bevorzugt man ein anderes Ende, etwas leiser, aber ebenso dramatisch: Es wird auf den baldigen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems gewettet, auch die Demokratie scheint für viele ausgedient zu haben. Eines der wichtigsten Zeichen für das nahende Ende ist der Abtritt der USA als Weltmacht.

Denn Amerika ist nicht mehr das, was es einmal war. Durch den Irakkrieg, Guantánamo und den NSA-Skandal hat es seine einstige moralische Autorität eingebüsst. Das Land, das einst für Vielfalt und Freiheit stand, steht jetzt für Waffenwahn, Rassismus, Polizeistaat und Paranoia.

Die amerikanische Politik wird von verrückten Opportunisten dominiert, die nur noch den mächtigen Lobbys dienen, und das Zweiparteiensystem ist bis zum Gehtnichtmehr polarisiert, so dass der hoffnungslos überschuldete Staat eigentlich nicht mehr regiert werden kann. Bald wird das einst stolze, idealistische Land zu einem Entwicklungsland verkommen und an den Rand der Geschichte gedrängt.

Was unternimmt Amerika?

In den Einzelheiten stimmt all das auch. Die USA sind tatsächlich im wirtschaftlichen, politischen und moralischen Sinkflug begriffen. Nur die Schlussfolgerung daraus ist Wunschdenken: Sie werden ihre Rolle als Führungsnation der westlichen Welt nicht verlieren, und zwar aus einem einfachen Grund - es gibt kein anderes Land, das diese Rolle übernehmen will.

Es ist ein seltsamer Widerspruch: Fast jeden Tag höre oder lese ich als in Deutschland lebender Amerikaner, wie Amerika absteigt. Doch wenn die Nordkoreaner mit der Bombe fuchteln oder in Iran waffenfähiges Kernmaterial hergestellt wird, fragt niemand: Was wird Deutschland dagegen tun? Was China, Russland, die EU, die Uno oder die arabische Welt? Die drängende Frage lautet immer noch: Was unternimmt Amerika?

In den letzten Wochen haben wir dieses Phänomen auf exemplarische Weise wieder erleben können. Der Bürgerkrieg in Syrien tobt seit zwei Jahren, und schon früh stellten die Amerikaner die Frage, ob sie sich einmischen sollen oder nicht. Es wurde so lange in den Zeitungen diskutiert, bis die Politiker darauf reagieren mussten, und der Kongress diskutierte über die Frage so lange, bis Präsident Obama Stellung nehmen musste. Das tat er im August 2012: Die USA würden (abgesehen von Waffenlieferungen an Rebellen) nicht eingreifen, es sei denn, Asad setze Chemiewaffen ein. Als dieses Jahr tatsächlich Chemiewaffen zum Einsatz kamen, drohte Obama tatsächlich auch zu handeln.

Bis anhin hat kein anderes Land eine Intervention in Syrien ernsthaft in Betracht gezogen. Die Europäer haben sich über den Bürgerkrieg bestürzt gezeigt, aber die Frage ausgeklammert, ob sie eine Verantwortung haben, einzugreifen. Russland und China haben sich ähnlich geäussert und teilweise Syrien in Schutz genommen. Die muslimische Welt ist zerrissen. Viele Länder haben sich immer wieder für diplomatische Lösungen ausgesprochen, womit aber noch nichts getan ist.

Heile Welt der sechziger Jahre?

Erst als Obama mit einem militärischen Einsatz drohte, geriet die Weltgemeinschaft in Bewegung, und Russland machte den Vorstoss, Syrien könne doch einfach seine Chemiewaffen abgeben. Dieser so einfache wie schlaue Vorschlag hat den USA den Wind aus den Segeln genommen, aber nicht nur das: Er hat auch gezeigt, wie leicht es ist, den USA den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wenn die Weltpolizei-Rolle Barack Obama wichtig gewesen wäre, hätte er einen militärischen Einsatz trotz dem russischen Vorschlag durchgesetzt. Aber er war eher erleichtert, dass jemand anders Verantwortung übernahm.

In den letzten Jahren wäre es für Russland, China oder auch für Deutschland ein Leichtes gewesen, einen solchen Vorschlag vor die Uno zu bringen. Aber keiner hat es getan, denn alle sind froh, wenn jemand anders es macht. Wenn ein Europäer die Vereinigten Staaten betrachtet, stellt sich ein merkwürdiges Phänomen ein, das ich «transatlantische Amnesie» nenne. Er vergisst, dass er alles schon vorher gesehen hat, und jedes neue Phänomen scheint einmalig bedrohlich zu sein.

Vor nicht allzu langer Zeit sprach ich mit einem besorgten Herrn über die politische Polarisierung in meiner Heimat. Er meinte, noch nie sei es um Amerika so schlecht bestellt gewesen wie heute, und verwies auf die Tea-Party-Bewegung. Es war eine rätselhafte Aussage, denn er war älter als ich, und schon ich hatte in Amerika schlimmere Dinge als die Tea-Party gesehen.

Die mächtige John Birch Society, zum Beispiel, die während des Kalten Krieges unbedingt die Sowjetunion angreifen wollte. Noch radikaler waren die Know-Nothings im 19. Jahrhundert, die sämtliche eingewanderten Deutschen abschieben wollten, und diese wiederum waren nichts gegen den ersten Ku-Klux-Klan, der kurz nach dem Bürgerkrieg die sogenannten Jim-Crow-Gesetze ermöglichte, die die jüngst befreiten Sklaven wieder entrechteten. Ist eine Sarah Palin wirklich schlimmer als Joe McCarthy? George W. Bush Jr. schlimmer als Richard Nixon? Und der Irakkrieg schlimmer als Vietnam?

Wir idealisieren die sechziger Jahre als eine Art Ur-Amerika, als Amerika, so wie es sein soll. Aus der Epoche Kennedys beziehen wir unsere Vorstellung von amerikanischer Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Und vergessen dabei, dass die Armut damals bei 19 Prozent lag (heute bei 15 Prozent) und dass Kennedy selbst diverse Attentate und Putschversuche in Lateinamerika veranlasste, den Vietnamkrieg initiierte und in der Kubakrise die Welt so nah an den Rand eines Atomkrieges brachte wie nie zuvor und nie wieder. Nüchtern betrachtet gibt es zwischen Kennedy und George Bush Jr. keinen grossen Unterschied. Doch für uns ist Kennedy der noble Ritter auf dem Schimmel und Bush der grösste Bösewicht aller Zeiten.

Wir bewerten die heutige Entwicklung als eine nie da gewesene Abkehr von dem idealen Amerika, das wir alle lieben, aber - geben wir es ruhig zu - in Wahrheit tut das Land bloss weiterhin das, was es immer getan hat. Dieses Über-Amerika gab es in Wirklichkeit nie. Was sich verändert hat, ist unsere Perspektive. Europa sieht Amerika heute anders, weil es heute ein anderes Amerika braucht: einen Widerpart.

Man kann viel über das Selbstbild der Europäer lernen, indem man die Geschichte des europäischen Antiamerikanismus studiert, wie es Philippe Roger in seinem Buch «Der amerikanische Feind» getan hat. Alles begann mit der Angst Europas, seine internationale Führungsrolle an Amerika zu verlieren. Und das, bevor es die Vereinigten Staaten überhaupt gab: Schon 1766 versicherte der Naturforscher Comte de Buffon seinen Landsleuten, ein Staat in Nordamerika könne nie «gross» werden, da selbst die Pflanzen und Tiere dort im Vergleich zur europäischen Natur «klein» - und daher minderwertig - seien. Diese Theorie verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter der französischen Elite und sorgte für enorme Erleichterung. - Amerika übernahm tatsächlich die Führungsrolle der westlichen Welt, doch war das erst möglich, als Europa selber diese aus der Hand gab. In den beiden Weltkriegen versank es in Chaos und Hilflosigkeit, und im Kalten Krieg war es nicht in der Lage, sich allein gegen die Sowjetunion zur Wehr zu setzen. Das sogenannte «amerikanische Jahrhundert» entstand, weil Europa immer wieder von den USA gerettet werden musste.

Im Schatten des grossen Bruders

Auch moralisch: Im Zeitalter des Faschismus zeigte Europa, dass seine aufgeklärte Bürgerlichkeit oft nur Schein war; durch die Diktaturen, die in Spanien bis 1975 und in Osteuropa erzwungenermassen bis 1989 herrschten, wurde klar, dass es auf dem Kontinent mit der Demokratie nicht zum Besten stand. Im Epochenjahr 1989 änderte sich alles: Europa brauchte Amerika nicht mehr und konnte langsam daran gehen, das verlorene Selbstvertrauen wiederzugewinnen und aus dem Schatten des grossen Bruders herauszutreten.

Wenn man sich von seinem alten Lehrmeister lösen will, hilft es ganz entscheidend, dessen Fehler zu erkennen. Das ist der Grund, warum wir heute in ganz Europa eine Phase übertriebenen USA-Bashings erleben: Je mehr Amerikas (sehr reale) Sünden hervorgekehrt werden, desto mehr verblassen im Vergleich die europäischen Laster. Im ständigen Vergleich mit den USA formt sich so ein positives europäisches Selbstbild: Im Gegensatz zu den Amerikanern haben die Europäer eine vernünftige Gesundheitsversorgung, sie sind keine Waffennarren, Europas Politik ist gut funktionsfähig und verstrickt sich nicht in aussichtslosen Kriegen - es sei denn, aus gutgemeinter, aber irregeleiteter Loyalität zu ihrem politisch korrupten transatlantischen Partner. - Dazu gehört auch die Phantasie, dass Amerika sinkt, fällt oder gar verschwindet.

Das ist alles legitim, aber es ist nicht alles. Denn in dieser Situation verbirgt sich eine grössere, noch unerkannte Chance für Europa, als nur das eigene Selbstbild aufzupolieren. Eine Chance, die Europa gerade im Begriff ist, zu verschenken. In der «Süddeutschen Zeitung» vom Mai dieses Jahres hielt der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer warnend fest: «Vor unseren Augen nimmt gegenwärtig eine postamerikanische Welt Gestalt an, die allerdings nicht durch eine neue Ordnung abgelöst wird, sondern vielmehr durch machtpolitische Ambivalenzen, Instabilität, ja Chaos.» Fischer forderte den «europäischen Hühnerhof» und vor allem Deutschland auf, die Rolle anzunehmen oder mindestens zu ergänzen, die Amerika ausübt.

Fischer ist nicht der Einzige. Die Appelle an Europa, entschlossener und internationaler zu handeln, häufen sich von Monat zu Monat. Es geht dabei gar nicht um militärische Aktionen in entfernten Krisenherden wie Syrien, sondern um die Etablierung einer starken, gemeinsamen politischen Position. Man sollte es ruhig aussprechen: Europa hat das Potenzial, vielleicht sogar die Verantwortung, zur dritten Supermacht des 21. Jahrhunderts zu werden. Der internationalen Gemeinschaft ist es längst aufgefallen, dass die EU neben den USA und China zu den drei grössten Wirtschaftsmächten der Welt zählt. Sollte es der EU gelingen, ihre 28 Kleinstaaten in eine gemeinsame politische Föderation einzubinden, die als geschlossene politische Einheit nach innen und nach aussen wirkt, gäbe es neben Amerika und China eine dritte Supermacht auf der Welt.

Das ist trotz der derzeitigen Finanzkrise, ja eigentlich nur wegen ihr möglich, weil die Regierungen der angeschlagenen europäischen Staaten derzeit keine Wahl haben, als enger miteinander zu kooperieren. So ist es heute - und nur heute - denkbar, die Befugnisse der Europäischen Zentralbank zuungunsten der nationalen Zentralbanken auszubauen und damit eine zentrale europäische Finanzpolitik zu schaffen. Das wäre wiederum der erste Schritt zu einem föderalen Europa.

Die Gunst der Stunde wird nicht ewig dauern. Europa hat vermutlich nur etwa zehn Jahre Zeit, vielleicht weniger, um die momentane Schwäche Amerikas auszunutzen. 2012 schätzte die Internationale Energieagentur (IEA) in einem Bericht, dass die USA bis zum Jahr 2020 dank der neuen Fördertechnologie «Fracking» nicht mehr auf Ölimporte angewiesen sein, sondern im Gegenteil zu einem der wichtigsten Ölexporteure der Welt aufsteigen werden. Damit wird der wirtschaftliche Abschwung vermutlich gestoppt werden. In etwa zehn Jahren ist wieder mit einer starken, selbstbewussten amerikanischen Supermacht zu rechnen.

Nur momentane Schwäche

Ob Europa dann zu den Grossen gehört und die Spielregeln mitbestimmt oder ob es eine Ansammlung von kleinen, hilflosen Einzelstaaten bleibt, die sich folgsam an den Grossen - an China und den USA - orientieren, das wird sich in den nächsten paar Jahren entscheiden.

Viele Europäer freuen sich, dass die Kräfte der USA momentan am Schwinden sind, weil sie das Gefühl haben, dass jene Europas im Vergleich dazu steigen. Tatsache ist aber, dass Europa genauso an Machtschwund leidet, so dass sich im Verhältnis faktisch gar nichts ändert. Will Europa wieder aufsteigen, reicht es nicht, mit dem Finger auf Amerika zu zeigen - es muss selber aktiv werden.

Wie ich die Europäer kenne, genügt es ihnen, die momentane Schwäche Amerikas genüsslich zu betrachten und zu kommentieren, anstatt die Situation zum eigenen Vorteil auszunutzen. Das ist gut für uns Amerikaner, denn nach einer kurzen Pause geht das amerikanische Jahrhundert dann eben weiter. Es ist nur schade um das europäische Jahrhundert, das ich gern gesehen hätte.

Eric T. Hansen, Jahrgang 1960, ist ein amerikanischer Autor, Journalist und Satiriker. Er lebt seit 25 Jahren in Deutschland und publiziert auch auf Deutsch. Er verfasst eine politische Kolumne für «Zeit Online». Sein jüngstes Buch trägt den Titel «Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss» (Lübbe-Verlag). - Beim abgedruckten Text handelt es sich um den Vortrag, den der Autor im Rahmen des NZZ-Podiums «Amerika - Mission und Wirklichkeit» gehalten hat. Siehe: www.nzzpodium.ch.


Nota.

Solange er Außenminister war, machte Joschka Fischer nicht gerade den Eindruck, als folgte er einer bestimmten weltpolitische Orientierung. Wenn sich das geändert hat, kann man es nur begrüßen. Aber er entscheidet ja nichts mehr. 
J.E.