Freitag, 13. August 2021

Die witzlose, die schreckliche Zeit.

Marilyn Monroe hatte noch gut lachen. Das Bild entstand im Jahr 1960 während der Dreharbeiten zu «The Misfits». 
aus nzz.ch, 9. 8. 2021                         Marilyn Monroe hatte noch gut lachen. Das Bild entstand im Jahr 1960 während der Dreharbeiten zu «The Misfits».

Lachen entwaffnet, Lachen stellt bloss
Der gute Witz ist gefährdet. Spießbürger wollen ihn verbieten.
 
von Konrad Adam
Unter dem knappen Vermerk «Bundesrepublik 1946» findet sich in Salcia Landmanns umfänglicher Sammlung jüdischer Witze folgender Eintrag: «Was ist der Unterscheid zwischen einem Saupreiss und einem Saujud? – Saupreiss darf man sagen.»

Liest man das heute, hat man den zeitlichen Abstand vor Augen. Vor 75 Jahren konnte man, wenn man denn wollte, so etwas witzig finden, weitererzählen und einem Sammelwerk über die Geschichte des jüdischen Witzes einverleiben. Man musste nicht befürchten, als Juden- oder Preussenhasser blossgestellt, am Ende sogar vor Gericht geschleppt und bestraft zu werden. Heute ist man da längst nicht mehr so sicher. Ein falscher Witz kann böse Folgen haben, weshalb man ihn am besten unterlässt.

Zwischen Stil und Gesinnung

Damit das klar ist: Die Ansichten über das, was witzig ist und was nicht, gingen und gehen auseinander. Um zu gefallen, muss der Witz zünden, Sinn im Unsinn erkennen lassen; tut er das nicht, dann klingt er flach, albern oder degoutant. Um den oben kolportierten Witz geschmacklos zu finden, gibt es Gründe genug, damals wie heute.

Tatsächlich hatte sich die Verfasserin, als das Buch 1960 erschien, mit allerlei Einwänden und Vorwürfen auseinanderzusetzen; mit dem Vorschlag, das Buch zu verbieten, zu verschweigen oder einzustampfen, allerdings nicht. Diese Forderung ist eine Errungenschaft der Cancel-Kultur, die es damals noch nicht gab. Was es gab, war Kritik, die dem Erfolg des Buches aber nicht im Wege gestanden, ihn wahrscheinlich sogar noch befördert hat, denn allein seine deutsche Fassung erreichte eine Auflage von mehr als 600 000 Exemplaren. Geschmacksfragen waren damals noch nicht justiziabel, man kannte und respektierte den Unterschied zwischen schlechtem Stil und schlechter Gesinnung und zog nicht jeden, der anders dachte als man selbst, vors Inquisitionsgericht der Selbstgerechten.

Salcia Landmann, selbst Jüdin, hat nicht versäumt, im Vorwort zu ihrem Buch auf den tragischen Hintergrund der Sammlung, die planmässige Vernichtung des osteuropäischen Judentums, aufmerksam zu machen. Sie wollte die Erinnerung an eine Kultur festhalten, die für ihren scharfen, schonungslosen Witz bekannt war, die aber nach dem Krieg in Trümmern lag. Ein Beispiel: Die kleine Schülerin soll wiederholen, was sie über Moses gelernt hat, und antwortet: «Moses war der Sohn einer ägyptischen Prinzessin» – «Aber nein, du hast nicht aufgepasst, die Prinzessin hat ihn doch bloss in einem Körbchen am Ufer des Nils gefunden» – «Sagt sie!» In seiner Kürze ist das schwer zu überbieten, die Schülerin ist lebensklüger als ihre brave Lehrerin.

Von gleicher Art auch dies: «Warum galt Salomon als weise?» – «Weil er die wahre Mutter des vertauschten Kindes herausgefunden hat» – «Kunststück! Den Vater hätte er finden sollen, dann hätte er sich weise nennen können!»

Schade, dass von dieser Art Witz so wenig übrig geblieben ist. Und noch viel trauriger, dass die Reste dieser Kultur den Tugendbolden in die Hände gefallen sind, wo sie so lange befingert und gesiebt werden, bis sich die letzte Spur von Witz verloren hat.

Lachen entwaffnet, Lachen stellt bloss – nach Meinung unserer politisch korrekt gedrillten Sprachbeamten allerdings die falschen, sie selbst nämlich; und muss deshalb verboten werden. Ob die Gemeinschaftsaktion unter dem Kürzel «allesdichtmachen.de» dazu angetan war, die Auswüchse der Corona-Hysterie ins Lächerliche zu ziehen, darüber kann und wird man endlos streiten. Doch eben darum ging es ja irgendwann nicht mehr. Es ging auf beiden Seiten um Macht, um Deutungsmacht.

Jeder gute Witz entmachtet

«Praktisch denken, Särge schenken» haben die Berliner gereimt, als ihre Stadt im Bombenhagel unterging; in ihrem Unglück suchten sie nach einem Ausweg und fanden ihn im Witz. Denn jeder gute Witz entlastet. Alle Gewaltherrscher haben das gewusst und auch den illegalen Witz geduldet, weil er die Stimmung lockert und unter lauter Missvergnügten für Entspannung sorgt. «Er ist die Waffe des Wehrlosen, der zwar mault, sich aber mit der Lage doch halbwegs abfindet», schreibt Salcia Landmann. Und weiter: «Der Täter bedarf keines Witzes.» Er ist humorlos, lacht nicht und sieht im Witz nur den Beweis für falsches, unkorrektes Denken.

Die Grenzen des Sagbaren enger zu ziehen, ist das erklärte Ziel des Täters. Er versteht keinen Spass, macht keine Witze und liebt sie nicht, weil er spürt, dass sie auf Leute wie ihn zielen. Der weisse Mann, der an die schwarze Frau, die in der U-Bahn ostentativ die «Jüdische Allgemeine» liest, die höfliche Frage richtet, ob sie nicht doch ein bisschen übertreibt, hat sich aus einer Witz- in eine Hassfigur verwandelt. Denn hier geht es um Gleichstellungspolitik, und dabei gibt es nichts zu lachen. Das Grundgesetz, das ja nicht nur Geschlecht und Hautfarbe, sondern auch Heimat und Herkunft, Sprache und Abstammung, religiöse und politische Ansichten als Merkmale erwähnt, derentwegen kein Mensch benachteiligt oder bevorzugt werden darf – dies Grundgesetz ist für die Besserwisser längst noch nicht erfüllt.

Für sie bleibt selbst der umfangreichste Katalog hinter der Wirklichkeit zurück, weil jeder von uns ja doch zu irgendeiner Minderheit gehört, also nur kurz nachzudenken braucht, um Benachteiligungen zu entdecken, Ansprüche zu erheben und Entschädigung zu verlangen. Da haben die Ostfriesen gute Karten. Wer sucht, der findet; und viele haben ja auch schon gefunden.

Der gute Witz kommt ohne Freiheit aus, die Zwangsjacke tut ihm gut, der Druck macht ihn erfinderisch. Schädlich ist nur der Piefke, der Spiessbürger, der Mass nimmt und sich dann nach der Decke streckt; der tötet ihn. Trotz seiner wohlbekannten Schäbigkeit war der eitle und brutale NS-Funktionär Göring ein ebenso dankbarer Gegenstand wie der verschlagene und rücksichtslose SED-Parteichef Erich Honecker. Über den altersschwachen Paul von Hindenburg haben sich die Deutschen das Maul zerrissen, über den leutseligen ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss waren immerhin ein paar gute Anekdoten in Umlauf, doch schon bei seinem Nachfolger wurde es eng, weil Heinrich Lübke die Witze, die man über ihn machen wollte, realiter immer schon selbst gemacht hatte. Später kam mit Walter Scheel ein lustiger Fuhrmann, von Roman Herzog ist der Ruck geblieben, aber was bleibt von Männern wie Christian Wulff und Horst Köhler oder Frank-Walter Steinmeier? Von einem Bundespräsidenten, der sagt, was alle sagen, nur etwas parfümierter? Er steht für nichts, nur für sich selbst; und das ist eben doch zu wenig.

Tierischer Ernst

Vielleicht war Oskar Lafontaine der letzte Bundespolitiker, über den Witze gemacht worden sind – und der ja auch selbst gern welche machte. Nach seinem Rückzug sieht es traurig aus. Die Zoten, die Joschka Fischer oder Gerhard Schröder zugeschrieben werden, haben nur unvollkommenen Ersatz geboten. Sie haben sich nicht eingebrannt und wären längst vergessen, wenn das, was nach ihnen kam, nicht noch viel dürftiger gewesen wäre: die sechzehn viel zu langen Merkel-Jahre.

Nichts spricht dafür, dass es nach Merkels Abgang besser werden könnte. Denn auch wenn Armin Laschet zu den wenigen Politikern gehört, die mit dem Orden wider den tierischen Ernst dekoriert worden sind – der frühere CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber und, kein Witz, die frühere Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein, Heide Simonis, haben ihn auch erhalten.

Der Kommunarde Fritz Teufel, der, irgendwelcher Schandtaten angeklagt, sich mit den Worten «Wenn es der Wahrheitsfindung dient» vor Gericht erhob und damit einen Witz gemacht hatte, der ein ganzes System der Lächerlichkeit preisgab – Fritz Teufel hat den Orden nie erhalten. Leider nicht.

 

Nota. - Dieser Autor ist mir in irgendeinem Zusammenhang schonmal begegnet; wo war das noch gleich?

JE

Dienstag, 10. August 2021

Otto der Große, der wahre Gründer des ersten Deutschen Reichs.

 

aus welt.de, 10. 8. 2021                                  Otto I. und seine erste Frau Edgitha in dem von ihm begründeten Dom von Magdeburg

10. August 955: Der ostfränkische König Otto I. (912–973) siegt gegen die Ungarn bei Augsburg
Mit acht Legionen begründete der Sachse das Reich der Deutschen
Mit ihren Beutezügen hatten die Ungarn für Angst und Schrecken gesorgt. Doch als sie 955 erneut ins Ostfrankenreich vordrangen, stellte sich ihnen Otto I. bei Augsburg entgegen. Mit einer neuen Taktik errang er einen historischen Sieg.

von Berthold Seewald
 
Sie waren furchtbar in Kleidung und Bewegung und hatten, von menschlicher Gier gepackt, viele Male das Reich plündernd und mordend überfallen. So beschreibt der Chronist Widukind von Corvey, das Volk, das seit 900 n. Chr. zum Schrecken Europas wurde: die Ungarn. Auch im Sommer 955 fielen sie mit einem großen Heer in das Ostfrankenreich ein, das inzwischen von einer Dynastie aus Sachsen regiert wurde. König Otto I. (912–973) nahm die Herausforderung an.

Das war hochriskant, schließlich hatten sich die nomadischen Ungarn, die aus der eurasischen Steppe kommend bis an die mittlere Donau gelangt waren, mit ihrer hochmobilen Reiterei den schwerfälligen Aufgeboten des Reiches lange als überlegen gezeigt. Daraufhin hatte Ottos Vater Heinrich I. (ca. 876–936) eine Heeresreform durchgeführt, die aus den bislang zu Fuß kämpfenden Sachsen Panzerreiter machte. Zugleich unterwarf der König seine Ritter harter Disziplin. Sie sollten die Linie halten und sich gegenseitig mit den Schilden vor dem gefürchteten Pfeilhagel der Ungarn schützen. Mit dieser Taktik errang Heinrich 933 bei Riade einen ersten Sieg.

955 war Otto in einer schwierigen Lage. Sein Sohn Liudolf und sein Schwiegersohn Konrad der Rote hatten sich gegen den König erhoben, zugleich tobte im Osten ein Aufstand der Slawen, der das Gros seiner sächsischen Truppen band. Also brach Otto mit nur wenigen Leuten nach Süden auf, wo die Ungarn daran gingen, die Stadt Augsburg zu belagern. Auf dem Marsch stießen Kontingente der Franken, Bayern, Schwaben und Böhmen zu ihm, sodass sein Heer etwa 10.000 Mann umfasste.

Da die Ungarn – wie andere Reitervölker wie Hunnen oder Awaren vor ihnen – Probleme mit Belagerungen hatten und vor dem stark befestigten Augsburg festlagen, gewann Otto die Zeit, um sein Heer aufzustellen. Er gliederte es in acht „Legionen“, wie Widukind nach römischem Vorbild die Abteilungen nannte: Vorne standen die Bayern in drei Legionen, nach ihnen die Franken sowie als fünfte die stärkste, die königliche Legion mit Elitekriegern. Es folgten die Schwaben in zwei Legionen und mit dem Tross am Ende die Böhmen. Diese letzten Kämpfer waren „besser mit Waffen als mit Glück versehen“.

Vor dem entscheidenden Angriff soll Otto eine Rede gehalten haben: „Sie übertreffen uns, ich weiß, an Zahl, aber nicht an Tapferkeit, nicht an Rüstung. Es ist uns doch hinreichend bekannt, dass sie zum größten Teil ohne Rüstung sind … Ihnen dient als Schirm lediglich ihre Verwegenheit, uns dagegen die Hoffnung auf göttlichen Schutz … Lieber wollen wir im Kampf … ruhmvoll sterben als den Feinden unterworfen in Knechtschaft leben oder gar wie böse Tiere durch den Strick enden.“

Fast wäre es so gekommen. Denn die Ungarn umgingen Ottos Zentrum und stürzten sich auf den Tross und die Böhmen. Nur ein Gegenangriff der Franken verhinderte eine Katastrophe. Daraufhin „ergriff Otto den Schild und die heilige Lanze und richtete selbst als erster sein Pferd gegen die Feinde, wobei er seine Pflicht als tapferster Krieger und bester Feldherr erfüllte“. Der Regen kam ihm dabei zu Hilfe, durchweichte er doch die Sehnen der ungarischen Kompositbögen.

Training und Disziplin seiner Panzerreiter taten ein Übriges, dass den Ungarn „der Garaus gemacht“ wurde, schreibt Widukind, ihre Anführer „krepierten durch den Strick“, aber auch die eigenen Verluste waren hoch. Die Überlebenden huldigten Otto als „Vater des Vaterlandes ... denn eines solchen Sieges hatte sich kein König vor ihm in zweihundert Jahren erfreut“. Die Ungarn dagegen zogen sich zurück und gingen zur festen Landnahme über.

Der gemeinsam erkämpfte Sieg begründete das Bewusstsein, Angehörige eines Reiches zu sein, das nicht mehr ein Teil des Fränkischen, sondern nach der Sprache seiner Bewohner ein „deutsches“ sein würde. Da Otto 962 von Papst Johannes XII. zum Kaiser gekrönt wurde, stellte er sich zudem in die Tradition Westroms, aus der das Heilige Römische Reich deutscher Nation entstand.

 

Sonntag, 8. August 2021

Das Identitäre als Abschied von der Moderne.

aus Die Pressse, Wien, 4. 8. 2021                                          „Who invented the typical girl?“, hieß es in einem Song der Punkband The Slits, die ihr erstes Konzert 1977 im Vorprogramm der Sex Pistols gab

Kulturgeschichte
Von Punk über Atomangst zur Identitätspolitik.
1977 habe der Abschied von der Moderne begonnen, schreibt Philipp Sarasin. Wie kann er das behaupten? Was meinte man damals mit Identität? Und was hat das mit Punk zu tun?
 
Zu zwei neuen Büchern:  „1977" von Philipp Sarasin und „High Energy“ von Jens Balzer

von Thomas Kramar

„No Elvis, Beatles or The Rolling Stones in 1977“, skandierte die Punkband The Clash im Song „1977“, den sie im Herbst 1976 erstmals spielte. Die Prophezeiung erfüllte sich nur zum Teil: Elvis Presley starb am 16. August 1977, die Beatles gab es ohnehin nicht mehr, die Rolling Stones machten munter weiter.

Nach dem Jahr 1977 heißt auch ein ganzes Album, „77“ von den Talking Heads. Ein Stück darauf, „New Feeling“, beginnt mit einer knappen Zeile: „It's not yesterday anymore.“ Ähnlich sentenziös gesagt: Damit hatte die New Wave offiziell begonnen. Ein gutes Popjahr, dieses 1977.

„Im April 1977 war ich ein paar Tage in London und brachte das Kunststück fertig, nichts von der Punk-Explosion mitzubekommen“: Mit diesem ehrlichen Bekenntnis beginnt Historiker Philipp Sarasin sein Buch, das das glorreiche Jahr weiter glorifiziert. Von einem „Zwischenraum der Zeit“ schreibt er, vom „weißen Rauschen der Gegenwart von 1977“, vom Abschied „von der Moderne zumindest in ihrer ,klassischen‘ Form“. Schließlich hätten 1977 auch die Sex Pistols „verkündet, es gebe keine Zukunft mehr“ (stimmt nicht ganz: Die Pistols sangen „No future for England's dreaming“, und „We're the future“). Und Foucault habe, desillusioniert vom Maoismus, 1977 erklärt: „Wir müssen ganz von vorn anfangen.“

So ist Jassir Arafat der Winnetou der Achtzigerjahre und das Palituch die alternativkulturelle Version des Indianerkopfschmucks. Jens Balzer in „High Energy“.

Ein Jahr als Zäsur, als globaler Bruch: Das passt streng nur auf Jahre, in denen Weltkriege begannen oder endeten, vielleicht auch auf 1989 oder 2020 (Corona). Bei anderen Jahren ist es ein kulturhistorisches Spiel. Ein kluges Spiel, das so tut, als walte ein Weltgeist, am liebsten im popkulturellen Gewand, und bereite vor, was wir heute von ihm wollen – diesfalls einen „Gewinn an Freiheit, Diversität und Inklusion“. Diesen sieht Sarasin als „Erbe von 1977“, wie auch „das gefährlich schimmernde Zauberwort einer Zeit nach der Moderne“: Identität. Der Begriff „identity politics“ sei im April 1977 geprägt worden, von einer lesbischen Abspaltung der National Black Feminist Organization. Bald griff der postmoderne Philosoph Jean-François Lyotard die Idee im Bändchen „Das Patchwork der Minderheiten“auf.

Von der Utopie zum RAF-Terror

Was hat die Moderne ausgemacht, deren Ende Sarasin 1977 ansetzt? Der Glaube an die Machbarkeit, an ein globales Ziel der Geschichte, und sei es auch nur, dass „alles Ständische und Stehende verdampft“, wie es im Kommunistischen Manifest über den Siegeszug des Kapitals heißt. Gegen den Marx den „Traum von einer besseren Welt ohne Herrschaft von Menschen über Menschen“ setzte: In diesem Traum, schreibt Sarasin, habe Ernst Bloch das „utopische Potenzial aller bisherigen Geschichte“ gesehen.

Am Grab des 1977 gestorbenen Philosophen Bloch beginnt Sarasin sein erstes Kapitel – und erinnert daran, dass Rudi Dutschke dort gesprochen hat: „Dutschkes Grabrede war kaum verklungen, da überfiel am 5. September ein Kommando der Roten Armee Fraktion den Konvoi des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.“ Wir sind im Deutschen Herbst, am Höhepunkt des RAF-Terrors. In ihm sieht Sarasin die Trümmer des modernen linken Traums von der Revolution, wie in der zersplitterten linken „scene“, wie sich diese selbst gern nannte. Auch das Wort von den „Stadtindianern“ kam damals auf. Die römischen „indiani metropolitani“ erklärten 1977 in einem Manifest, dass „die Truppen der Bleichgesichter mit Stahl und Beton den Atem der Natur erstickt“ hätten. Die heute unter die „Coronaskeptiker“ gegangene Nena griff den Topos im Song „Indianer“ auf.

Selbstformung mit Schwarzenegger

Auch die weiteren Kapitel beginnt Sarasin jeweils mit einem Tod des Jahres 1977. Von der US-Bürgerrechtlerin Fannie Lou Hamer kommt er auf die feministische Wende; von Anaïs Nin – weithin bekannt durch den Kitschporno „Das Delta der Venus“ – zu Esoterik und Identitätspolitik; vom Lyriker Jacques Prévert zum Computer und zur Postmoderne; vom CDU-Politiker Ludwig Erhard zu den radikalen Marktökonomen, zur Soziobiologie und schließlich zu einem Steirer, der 1977 mit der Doku „Pumping Iron“ zur Ikone des Körperkults, der Selbstformung wurde: Arnold Schwarzenegger.

Ein reiches, bei aller Fantasie der Thesen in den Details seriöses Buch. Dass die Fixierung auf 1977 etwas willkürlich ist, zeigt ein anderes neues Buch: „High Energy“ von Jens Balzer über die Achtzigerjahre. Viele Themen Sarasins kommen auch hier vor: Schwarzenegger etwa – der in den Achtzigern freilich zum Cyborg wurde –, oder die Stadtindianer. Im Indianerkostüm hätten die Deutschen aus der Rolle der Täter in jene der Opfer wechseln können, meint Balzer. Arafat sei „der Winnetou der Achtzigerjahre“ für die deutsche Linke gewesen, deren Liebe zu den Palästinensern stehe in der Tradition des linken Antisemitismus. Heute freilich lehne man das Tragen ethnischer Kleidungsstücke wie des Palästinensertuchs wohl eher als kulturelle Aneignung ab ...

Zu Beginn aber fokussiert Balzer auf ein Lebensgefühl, das die frühen Achtziger prägte. Man könnte es mit dem Fehlfarben-Lied „Apokalypse“ fassen, oder mit Nestroy: Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang. Balzer zitiert nicht Nestroy, doch sein Einstieg in seine Kulturgeschichte der Achtzigerjahre ist theatralisch im besten Sinn. Er beginnt mit einer großen Demonstration gegen das, was man damals „Theater Nuclear Force“ nannte: Atomraketen. Er kommt schnell auf Apokalypse und Angst, und er führt einen weiteren zentralen Begriff ein: Wende.

Es war diese Weigerung, diese postmoderne Geste des Singulären, die Punk ausmachte. Philipp Sarasin in „1977“ über die Sex Pistols.

Schon 1975 hatte der CDU-Abgeordnete Herbert Gruhl eine „planetarische Wende“ gefordert, fort vom „Raubbau“ an der Natur. 1980 war Gruhl Gründungsmitglied der Grünen, während seine Ex-Partei CDU für eine „geistig-moralische Wende“ eintrat, zurück zu konservativen Werten. So wendete sich der Begriff Wende – der am ehesten mit „turn“ übersetzt wird, im Gegensatz zum „change“, der in den Sechziger- und Nullerjahren en vogue war. Und er wendete sich gegen Ende der Achtziger abermals, in eine völlig unvorhergesehene Richtung: als Bezeichnung für den Fall des Kommunismus.

So rahmt Balzer seine Geschichte des Jahrzehnts, die auch eine Getränkekunde enthält, inklusive Red Bull, das schon 1987 auf den Markt kam – süffiges Beispiel dafür, wie alt viele scheinbar heutige Dinge sind.

Noch verblüffender ist, wie viele Motive heutiger Diskurse tief in den Achtzigern wurzeln. Die multikulturelle Gesellschaft wurde schon 1980 vom Ausländerreferenten der Evangelischen Kirche in Deutschland postuliert. Schon 1981 warnten Uniprofessoren vor der „Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums“. Die feministisch-lesbische Theoretikerin Gayle Rubin träumte schon 1985 „von einer androgynen und Gender-losen Welt“, was Judith Butler 1986 in ihrer Idee von der kulturell konstruierten sexuellen Identität aufnahm: „Frauen haben keine Essenz, kein Wesen.“ Schon damals spürte man den inneren Widerspruch der Identitätspolitik: Einerseits soll man alle möglichen Identitäten tunlichst unterscheiden, respektieren und hüten; andererseits gelten diese Identitäten als frei wählbar und konstruiert.

Verwirrung mit Judith Butler

In diesem Sinn gab Butler ihrem bis heute verwirrenden Werk „Gender Trouble“ (1990) den Untertitel „Feminism and the Subversion of Identity“, und sogar Michel Foucault zweifelte am Konzept der Identität: „Es ist sehr langweilig, immer derselbe zu sein.“

Wieso verwenden rechtsextreme „Identitäre“ heute fast denselben Begriff wie Linke? Sogar diese Frage keimte schon in den späten Siebzigern, als Alain de Benoist die „Nouvelle droite“ verkündete und Henning Eichberg, der Maos Losung „Dem Volk dienen“ übernahm, einen Band namens „Nationale Identität“ veröffentlichte. Glich der Keltenkult der Rechten nicht der Indianerschwärmerei der Linken? Der Unterschied sei, dass die linken Identitätspolitiker ihre Idee auf den „fiktionalen Fluchtpunkt der Gleichheit aller Menschen“ bezögen, urteilt Sarasin etwas unscharf in „1977“.

So hat der Ruf nach der Identität bis heute den in sich widersprüchlichen, brüchigen Impetus des Punk. „I Wanna Be Me“ hieß 1976 ein Song der Sex Pistols, in dem „dieses Ich alle übergreifenden Deutungsraster und Wahrheiten rabiat zurückwies“, wie Sarasin schreibt: „Es war diese Weigerung, diese postmoderne Geste des Singulären, die Punk ausmachte.“ So regieren am Ende die Irokesenfrisur (als globales Stammeszeichen) sowie Rasierklinge & Sicherheitsnadel (fürs Cut and Paste der Kategorien), okay?

Philipp Sarasin: "1977 - Eine kurze Geschichte der Gegenwart" (Suhrkamp), 506 S., € 32,90(c) Suhrkamp
Jens Balzer: "Die Achtziger – Das pulsierende Jahrzehnt" (Rowohlt Berlin), 400 S, € 28,80(c) Rowohlt
 
 
Nota. - Mit dem Zeitgeist hatte ich nie ein engeres Verhältnis, ob diese Nacher-zählung zutrifft, kann ich selber nicht beurteilen. Dass aber die Identität nicht auf dem Mist der Neureaktionäre gewachsen ist, hätte ich mir denken können. Durch Einfallsreichtum zeichnen sie sich nicht eben aus. Interessieren würde mich, ob nicht auch Olaf Scholzens Respekt irgendwie aus diesem Zusammenhang stammt, denn durch... Ja wodurch zeichnet er sich eigentlich aus?
JE
 

Samstag, 7. August 2021

Der Anfang von einem Ende.


aus FAZ.NET,  7. 8. 2021

Kuba lässt Gründung von Unternehmen zu
Bislang sind in Kuba staatliche Unternehmen die Norm. Jetzt will die kommunistische Regierung den Aufbau kleiner und mittlerer Unternehmen zulassen.

In einem beispiellosen Schritt hat die kubanische Regierung ein Gesetz verabschiedet, das die Gründung kleiner und mittlerer Unternehmen zulässt. Grünes Licht wurde am Freitag auf einer Sitzung des Staatsrats gegeben, an der Präsident Miguel Díaz-Canel per Videokonferenz teilnahm. „Der Staatsrat billigt das Dekret ’Über Mikro-, Klein- und Mittelunternehmen’, das deren Eingliederung in die Wirtschaft ermöglicht, um Teil der produktiven Transformation des Landes zu sein“, hieß es in einer Mitteilung auf der Website der Nationalversammlung.

Bislang sind im kommunistisch regierten Kuba staatliche Unternehmen die Norm. Die Änderung erfolgt rund einen Monat, nachdem tausende Kubaner auf die Straße gegangen waren, um gegen die Regierung zu protestieren. Die ungewöhnlichen Demonstrationen wurden teils gewaltsam unterdrückt.

In den vergangenen Monaten hatte die Staatsspitze ihre Reformen beschleunigt, um die Modernisierung der Wirtschaft voranzutreiben und die schlimmste Wirtschaftskrise einzudämmen, die der Karibikstaat seit 30 Jahren erlebt. Im Februar beschloss die Regierung, einen Großteil der staatlich kontrollierten Wirtschaft für den Privatsektor zu öffnen - mit Ausnahme von Schlüsselbereichen wie Gesundheit, Medien und Bildung. Rund 2000 Bereiche wurden für Selbstständige zugänglich gemacht.

Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel 

Schätzungsweise 600.000 Kubaner arbeiten in der Privatwirtschaft, das sind etwa 13 Prozent der Erwerbstätigen. Sie forderten jedoch eine rechtliche Struktur, die ihre Unternehmen ausdrücklich zulässt. „Für die kubanische Wirtschaft ist dies ein großer Schritt, der mittel- und langfristig Auswirkungen auf die Umstrukturierung der nationalen Wirtschaft haben wird“, sagte Oniel Díaz, ein auf die Entwicklung der kubanischen Wirtschaft spezialisierter Berater. Das Gesetz stelle einen Wendepunkt dar, den viele Kubaner seit Jahren sehnsüchtig erwartet hätten.

Freitag, 6. August 2021

F. D. Roosevelts New Deal und die Neuaufteilung der Welt.

Rossevelt's New Deal 1933-1938 - When President Roosevelt took office in 1933, he feverishly created program after program to give relief, create jobs, and stimulate economic recovery for the U.S. These programs were called ¿alphabet soup¿ as well as the ¿New Deal.¿ - United States / Colour 35mm Transparency

aus welt.de, 5. 8.                                                                                              Werbeplakat für den New Deal

Mitten im dicksten Elend erfand er die Freiheit völlig neu
Als Franklin D. Roosevelt 1933 Präsident wurde, lagen die Vereinigten Staaten wirtschaftlich am Boden. Doch mit dem New Deal schuf er ein belebendes Klima der Zuversicht. Umstritten sind die Maßnahmen trotzdem noch immer.
 
Das Beste, was sich über diese Krise sagen ließ, war, dass es ein Erkennungszeichen gab, das inmitten all des Elends Orientierung schaffte: Aus den Jackentaschen der Männer, die buchstäblich auf der Straße waren, hingen kleine Schnüre. Sie gehörten zu Tabakspäckchen der Marke „Bull Durham“, und ihre Träger signalisierten damit: Ich bin zwar am Boden, aber leg’ dich trotzdem nicht mit mir an, ich bin zu hart für dich.

So erinnerte sich Charles Bukowski an  die Zeit der Großen Depression in seiner brillanten Autobiografie „Fast eine Jugend“. Politiker hielt dieser Autor bekanntlich bestenfalls für korrupte Jammergestalten – und doch kam er nicht umhin, das Rednertalent seines Präsidenten Franklin Delano Roosevelts (1882–1945) zu würdigen.

Rhetorisches Können hatte der Mann nach dem Zusammenbruch von 1929 bitter nötig. „FDR“, wie man ihn nannte, übernahm 1933 ein Land, dessen größtes Problem nicht etwa die Wirtschaftskrise war. Erstmals seit ihrer Gründung 1776 glaubten viele Amerikaner nicht mehr an das Versprechen, in den USA ihr Glück finden zu können.

Dem entgegenzutreten, erforderte zuerst, Worte zu finden, die Hoffnung weckten. Das tat der Demokrat, als er am 5. August 1934 von einem „New Deal“ sprach. Also davon, dass die Karten für alle Bürger neu gemischt würden.

Ein gewaltiges Versprechen, fußend auf einer Einsicht, die zumindest Wähler der Republikaner heutzutage in die Nähe des Kommunismus rücken würden: „Was auch immer wir tun, um unserer maroden Wirtschaftsordnung Leben einzuhauchen, wir können dies nicht längerfristig erreichen, solange wir nicht eine sinnvollere, weniger ungleiche Verteilung des Nationaleinkommens erreichen“, urteilte Roosevelt.

Am 5. 8. 1934: Roosevelt unterschreibt das erste  Dekret zum New Deal

Und fügte er hinzu: „Die Entlohnung für die Arbeit eines Tages muss – im Durchschnitt – höher sein als jetzt, und der Gewinn aus Vermögen, insbesondere spekulativ angelegtem Vermögen, muss niedriger sein.“ Es dürfte einleuchten, dass eine so fundamentale Ansage einige scharfe Regeln brauchte.

Die Vorgängerregierung des Republikaners Herbert Hoover hatte sich auf das Engagement des Einzelnen verlassen, doch sein Nachfolger trat eine Lawine von staatlichen Maßnahmen los, wie es sie in den USA noch nie gegeben hatte: Er regulierte den Aktienmarkt. Er baute die Sozialversicherung und die Sozialhilfe vor allem für Senioren aus. Aber vor allem legte der Mann, der infolge einer seltenen Nervenerkrankung selbst kaum gehen konnte, ein gewaltiges Programm auf, das Menschen Arbeit gab, die der Staat bezahlte.

Dieser letzte Punkt folgte aller Kritik staatlicher Lenkung zum Trotz einer Überlegung, die doch wieder bei der Psyche des Einzelnen ansetzte: Wer Almosen empfängt, fühlt sich unnütz; wer arbeitet, entwickelt automatisch das Gefühl, etwas beizutragen. Dies erkannt zu haben, ohne den Einflussbereich des Staates zu weit auszudehnen, ist die große Leistung, die Roosevelt in diesen Jahren vollbrachte. Nicht umsonst bezeichnen die Amerikaner mit dem Wort „liberal“ eine Form von Politik, die an sein Wirken dieser Jahre anknüpft.

Franklin D. Roosevelt 1934  

Umstritten ist geblieben, wie viel die Maßnahmen konkret dazu beitrugen, dass 1941 in den USA wieder Vollbeschäftigung herrschte. Das stellt sich bei Roosevelts Rhetorik ganz anders dar, sie gilt als makellos. Den Geist des New Deals fasst wohl das Zitat am besten zusammen: „Hör nie auf, etwas zu versuchen. Wenn du siehst, es funktioniert nicht, versuch etwas anderes. Und egal, wie dick es kommt: Versuch überhaupt etwas.“

Es ist das Zivile, die Möglichkeit zu scheitern, die diesen Satz so großartig macht, die ihm die Furcht vor der Freiheit nimmt. Franklin Delano Roosevelt brauchte für seinen New Deal keine Herrenmenschen und niemanden, der alles teilen will, was er besitzt. Vermutlich ist es nicht zuletzt das, was ihn zu einer Jahrhundertgestalt gemacht hat.

 

Nota. - Leo Trotzki, der größte Visonär des 20. Jahrhnderts, hatte im Angesicht des herauf-ziehenden Weltkriegs 1938 die Todeskrise des kapitalistischen Weltsystems diagnostiziert. Erst im Jahr darauf sollte der Welthandel wieder dasselbe Volumen erreichen wie 1913 am Vora-bend des ersten Weltkriegs, und da der kommende Krieg dessen Verheerungen in den Schatten stellen würde, sei jede Rückkehr zu einem Gleichgewicht ausgeschlossen.

Bekanntlich ist es anders gekommen. Der ausschlaggebende Fehler bei der Diagnose des Untergangs war die Einschätzung von Rossevelts New Deal gewesen: Noch im Mai 1940, ein gutes halbes Jahr nach Beginn der Kampfhandlungen, tat er ihn als einen Fehlschlag ab und sah die USA in Panik in den Abgrund treiben. Dabei hatte er früh verstanden, dass es sich, gewissernmaßen als Pendant Hitlers "Volksstaat", um eine Ausführung des alten sozialdemo-kratischen Programms der Ausgleichung des Klassengegensatzes durch die wirtschaftliche Eigenrolle des Staatsapparates handelte. Doch dieses hielt er für gescheitert, und seine faschi-stische Wiederbelebung diente der Vorbereitung Deutschlands auf den neuen Krieg, der die Welt in die Revolution oder in den Abgrund stürzen musste.

Tatsächlich war das New Deal ein durchschlagender Erfolg, Amerika musst sich nicht in Ver-zweiflung, sondern in Siegerlaune in den Krieg stürzen, und der wiederum erwies sich als das größte Konjukturprogramm aller Zeiten, das wenig später in Korea noch eine Fortsetzung fand. Und wieder waren Großbritannien und Frankreich bei den USA hoffnungslos verschul-det, während man dort nicht wusste wohin mit den monströsen Kriegsgewinnen. Und statt den europäischen Westmächten den Kredit zu kündigen, setzten sie eins drauf und pumpten dort, aber auch in die besiegten Deutschland und Japan, die Dollarmilliarden des Marshall-plans. Nicht nur folgte der größte Aufschwung, den die Weltwirtschaft je erlebt hatte; sondern zugleich wurde das Problem erledigt, um das die beiden Waffengänge von 1914-18 und 1939-45, die im Nachhinein wie ein unterbrochener einziger erscheinen, geführt werden musste: die Neuaufteilung der Welt. 

So wurde der später so genannte Kalte Krieg zu der längsten Friedensepoche, den die indu-striell hochentwickelten, nämlich imperialistischen Länder je erlebt hatte.

In fast allem hat Leo Trotzki Recht behalten, nur nicht in diesem einen und entscheidenden Punkt. Der Todeskampf des Kapitalismus ist ausgefallen. Bestätigt wurde eine marxistische Binsenweisheit: Für das Kapital gibt es keine ausweglose Situation. 

JE

Montag, 2. August 2021

Thomas Beckets Tod.


aus nzz.ch, 2. 8. 2021                         Thomas Beckets Martyrium in einer Darstellung aus dem 13. Jahrhundert. (Urheber unbekannt).

Für Thomas Becket liess sich sogar ein König geisseln. Und obwohl seine Ermordung 900 Jahre zurückliegt, ist er in England immer noch ein Star
Der Erzbischof von Canterbury war einst Vertrauter des Königs. Doch dann wurde er von dessen Rittern in seiner Kathedrale erschlagen.
 
von Marion Löhndorf

Es ist keine von diesen historischen Ausstellungen, die gediegen gemacht, aber schlecht besucht sind. Bei Thomas Becket im British Museum drängeln sich die Besucher, und das trotz beschränkten Zulassungen. Er ist seit 851 Jahren tot und immer noch ein Star. Der englische Heilige gehört zu den ikonischen Figuren des Landes, er beflügelte die Entstehung von Romanen, Filmen und Theaterstücken wie T. S. Eliots «Murder in the Cathedral» (1935).

Am 29. Dezember 1170 wurde Becket am Altar der Kathedrale von Canterbury erschlagen. Vier Ritter des Königs waren gekommen, um ihn, den Erzbischof, zu töten. Sie spalteten ihm den Schädel mit solcher Wucht, dass Knochenstücke und Hirn auf dem Kirchenboden landeten. Der Mönch Edward Grim war dabei und überlieferte der Nachwelt die Details. Eine Kuratorin der Museumsschau fand, die Geschichte habe Ähnlichkeit mit der Fernsehserie «Game of Thrones». Es geht hier wie dort um Macht, Ruhm und Hass.

Vom Emporkömmling zum Gottesdiener

Dem Mord vorangegangen waren jahrelange erbitterte Auseinandersetzungen mit König Heinrich II. und seinem Erzbischof. Becket stammte aus einer Londoner Kaufmannsfamilie mit Wurzeln in der Normandie. Ohne Adelszugehörigkeit hatte er es bis zum Schatzkanzler Englands gebracht, sich eng mit dem König befreundet und sogar die Erziehung von dessen Kindern übernommen. Er war ein Aufsteiger, ein Aussenseiter, ehrgeizig und machtbewusst. Als Heinrich ihm zusätzlich das Amt des Erzbischofs von Canterbury antrug, vollzog der Weltmann Becket den erstaunlichen Wandel zum strengen Gottesdiener.

Anstatt jedoch die Interessen seines Königs und Förderers weiterhin loyal und erfolgreich zu vertreten, wie er es als Schatzkanzler getan hatte, stellte er sich nun mit derselben Rigorosität in den Dienst der Kirche. Der Konflikt der ehemaligen Freunde, letztlich ein Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Macht, spitzte sich zu und führte zum jahrelangen Frankreich-Exil des unbeugsamen, beim Volk populären Erzbischofs. Bei seiner Rückkehr war nichts gelöst, im Gegenteil.

Der im Gespräch geäusserte berühmte Satz des Königs, «Gibt es niemanden, der mich von diesem lästigen Priester befreit?», wurde von vier anwesenden Rittern missverstanden. Sie nahmen ihn als Auftrag und machten sich auf den Weg nach Canterbury. Diese Äusserung und die Mordszene empfindet die gegenwärtige Ausstellung im British Museum als expressionistischen Scherenschnitt auf grosser Leinwand nach (im Sonstigen bleibt sie zurückhaltend). Man konnte wohl der Versuchung nicht widerstehen, den Konflikthöhepunkt auch filmisch zu inszenieren.

Rekord-Heiligsprechung

Nach der Tat verbreitete sich die Nachricht vom Mord weit über die Landesgrenzen hinaus und nährte eine glühende Becket-Verehrung. Dem zu Lebzeiten umstrittenen Erzbischof wurde nun Wunder über Wunder zugeschrieben. In den Augen der Menschen war er schon zum Märtyrer geworden, bevor er in Rekordzeit – nur drei Jahre nach seinem Tod – von der Kirche offiziell heiliggesprochen wurde. Ein Jahr später, 1174, tat der König, der schwor, den Mord nicht angeordnet zu haben, seinen barfüssigen Bussgang zur Kathedrale von Canterbury und liess sich von Mönchen dort geisseln.

Die Ausstellung in London legt zeitlich und geografisch grosse Distanzen zurück. So sehen wir, wie lang und wechselvoll das Nachleben dieser charismatischen Figur war. Nur zwanzig Jahre nach Beckets Tod entstand etwa für eine winzige Kirchengemeinde im schwedischen Lyngsjö eine geschnitzte Tür , die das Gespräch des Königs mit seinen Rittern nachempfindet. Dem Fall wurde enormer politischer Nachhall zugeschrieben – bis hin zur Magna Charta.

Das bleibende Geheimnis

Die Legende überlebte auch die Anschläge auf die Erinnerung an den Erzbischof. Mit der Ablösung Englands von Rom durch Heinrich VIII. (1534) kam der Becket-Kult zu einem vorläufigen Ende. Das neue Oberhaupt der englischen Kirche liess alle Spuren des Heiligen beseitigen, einschliesslich des Sarkophags und der Gebeine. Wir lernen, wie Beckets Ansehen schwankte und wie sehr das Sprechen über ihn auch immer ein Urteilen war.

Für die Dauerhaftigkeit des Andenkens sorgte indes nicht nur der Mord mit seinen Horrordetails und dem unerhörten Tatort. Auch die Konstellation der Beteiligten trug dazu bei: der Zwist zwischen dem König und Becket, zwei starken Charakteren, über deren Bewertung sich die Nachwelt bis heute streitet. Weiter kamen die Umstände und die Folgewirkung des Mordes hinzu – und ein paar bis heute ungeklärte Probleme. Hatte der König den Mordbefehl gegeben? Oder war der Satz über den «lästigen Priester» falsch gedeutet worden?

Die Fragen verliehen dem Fall das nötige Geheimnis und damit Diskussionspotenzial, das für mehrere Jahrhunderte reichte: Dazu gehörte das Rätsel um die Kehrtwendung Beckets vom loyalen Freund des Königs zum apodiktischen Vertreter der Kirche. War er darin glaubwürdig? Heiliger oder Verräter? Manchen galt er als Rebell im Kampf gegen die Obrigkeit, auch dieser Aspekt förderte seine scheinbar unvergängliche Anziehungskraft. Zumal in England, das den Widerspruch und den Sonderweg so liebt.

Ausstellung im British Museum bis 22 August; der Katalog «Thomas Becket: Murder and the Making of a Saint» ist für 30 £ erhältlich.