Mittwoch, 23. Oktober 2013
Auszeit für Wowereit.
Wie aus Rom bekannt wird, hat Papst Franz wider Erwarten den Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit nicht seines Amtes erhoben, sondern hat ihm nur eine Auszeit verordnet, bis die bischöfliche Kommission geklärt hat, wie es zu der Kostenexplosion am Flughafen kommen konnte. In welchem Kloster Wowereit seine Buße tun wird, ist noch nicht bekannt.
Dienstag, 22. Oktober 2013
Am Quell der Bürokratie.
aus NZZ, 22. 10. 2013 Frank Lloyd Wright, Larkin Administration Building
Dialektik der Rationalisierung
Eine Tagung zur Geschichte des Büros
Eine Tagung zur Geschichte des Büros
von Urs Hafner · Neigt
sich die Ära des Büros, wie wir es kennen, dem Ende zu? Einiges spricht
dafür. Die tonangebenden Firmen der Internetbranche machen aus dem
Arbeitsplatz ein zweites Daheim, damit der Angestellte sich völlig mit
seiner Firma identifiziere. Banken, Versicherungen und bundesnahe
Betriebe wiederum heben aus Kostengründen die fixen Arbeitsplätze auf.
Die Angestellten lassen sich im Grossraumbüro nieder, wo gerade Plätze
frei sind, oder arbeiten auf ihren mobilen Geräten unterwegs und daheim.
Disziplinierung und Demokratisierung
Das moderne Büro entstand am Ende
des 19. Jahrhunderts als Resultat und Motor der westlichen
Rationalisierung und Bürokratisierung, wie eine zweitägige Konferenz deutlich
machte, die letzte Woche in Bern im Schweizerischen Bundesarchiv
stattfand (von diesem und dem Institut für populäre Kulturen der
Universität Zürich organisiert). Das Kontor und die Kanzlei vereinigend,
trennte das Büro für Männer und unverheiratete Frauen nun deutlich den
Lebensraum vom Arbeitsort. Mit dem Taylorismus, der die Arbeitsabläufe
wissenschaftlich optimierte, kam - zuerst in den progressiven
Vereinigten Staaten - der «Bürosaal» auf. In fabrikähnlichen Räumen
füllten Hunderte von Bürolistinnen und Beamten, unablässig auf ihre
Schreibmaschinen hämmernd, Formulare aus und erledigten Korrespondenzen.
Adriana Kapsreiter (Berlin) malte
die streng gerasterten Säle, in denen ein ohrenbetäubender Lärm
geherrscht haben müsse, als Orte der totalen Disziplinierung und
Überwachung aus, wo Menschen maschinengleich an «Taylor-Schreibtischen»
arbeiteten, die jede überflüssige Bewegung und die Ablage unnützer
Gegenstände verhinderten. Fast wie der Aufseher in Jeremy Benthams
berüchtigtem «Panopticon» hatte der Vorsteher in seinem gläsernen
Einzelbüro die Untergebenen, die keine Pause machen durften, permanent
im Blick. Mit dieser Szenerie kontrastierte Kapsreiter die Ende der
1950er Jahre aufkommenden «Bürolandschaften», die einen deutlich
freundlicheren Eindruck machen. Nun waren die Arbeitsplätze nicht mehr
schematisch, sondern wie zufällig, gleichsam organisch angeordnet;
zwischen den Tischen standen Blumenkisten und Stellwände, die vor
Geräuschen schützten, eine Pausenecke lud mit Kissen zum Kaffee. Ob man
freilich daraus eine Humanisierung der Arbeitswelt ablesen kann, wie
dies die Referentin tat? Ihre Bilder schienen diese Entwicklung
nahezulegen, doch sie sind, was sie nicht bedachte, fotografische
Inszenierungen. Was in den Grossraumbüros tatsächlich geschah, verraten
sie wohl kaum.
Dass die Rationalisierung der
Arbeitswelt eine dialektische Sache ist, ging aus dem Vortrag von
Christine Schnaithmann (Berlin) hervor. Sie stellte das nach Frank Lloyd
Wrights Entwürfen 1906 in Buffalo erbaute Larkin-Gebäude vor, das die
Büros der gleichnamigen Seifenfabrik beherbergte. Es wartete unter
anderem mit einer Klimaanlage, möglichst einfach zu reinigenden Möbeln
und neuartigen Toilettenschüsseln auf. Auch dieses Gebäude sei auf
Effizienzsteigerung der Arbeitenden getrimmt gewesen, aber diese sollten
sich zugleich wohl fühlen, betonte Schnaithmann. Ob sein Gebäude als
schön galt oder nicht, sei für Frank Lloyd Wright zweitrangig gewesen;
es habe vor allem «leben» müssen.
Auch in den Ausführungen Jens van
de Maeles (Gent) zur Reform der belgischen Verwaltung in der
Zwischenkriegszeit stach die Vielschichtigkeit der Rationalisierung
hervor, wie sie schon Max Weber soziologisch beschrieben hat. In den
monumentalen «perfekten Gebäuden», die Grossraumbüros und mehr
Toiletten, Licht und Luft vorsahen (die aber aus finanziellen Gründen
nie gebaut wurden), sollten die Angestellten effizienter arbeiten,
zugleich aber die Vorgesetzten ihre räumlichen Privilegien verlieren und
die Bürger Einblick in eine transparente Verwaltung gewinnen.
Rationalisierung bedeutete hier neben Disziplinierung auch
Demokratisierung.
Larkin Administration Building was designed in 1904 by Frank Lloyd Wright for the Larkin Soap Company of Buffalo, New York, at 680 Seneca Street
Larkin Administration Building was designed in 1904 by Frank Lloyd Wright for the Larkin Soap Company of Buffalo, New York, at 680 Seneca Street
Die legendären USM-Büromöbel
Wie eine mit
Demokratisierungsvorstellungen einhergehende Design-Innovation am Ende
den Distinktionsbedürfnissen des Kaders zugutegekommen sei, legte Bernd
Kulawik (Zürich) in seiner witzigen Hommage an die berühmten, 1965 auf
den Markt gebrachten Schweizer USM-Büromöbel und deren Miterfinder Fritz
Haller dar. Auch die schier unendlich kombinierbaren Module, deren
Herzstück eine Messingkugel ist, sollten die Arbeitswelt flexibler,
effizienter und demokratischer machen. Für die Sekretärin war der
gleiche schlichte Tisch vorgesehen wie für den Chef. Doch heute sind
USM-Möbel, wie die Werbekampagne glauben machen möchte, ein
Statussymbol. Immerhin nicht mehr nur für Männer.
Montag, 21. Oktober 2013
Ausstellung zur Leipziger Völkerschlacht.
aus NZZ, 20. 10. 2013 Germania hält die Wacht am Rhein, 1860 gemalt von Lorenz Clasen.
Helden nach Mass. Stadtgeschichtliches Museum, Leipzig. Bis 2. März 2014. Ausführlicher Katalog mit Essays zur Historie. 247 S., € 25.-.
Nota.
'Völkerschlacht' ist ein zeitgenössischer Ausdruck. Doch bezeichnete er damals nicht (blutsverwandte) Nationen, sondern die vielen beteiligten Staatsvölker: Hessen, Sachsen, Bayern, Preußen; und auch wohl Russen, Österreicher und Franzosen. Aber nicht Franzosen und alle andern standen einander gegenüber, sondern das Gros der Streitkräfte bestand aus - Deutschen.
Napoleons Grande Armée war auf dem Rückzug aus Russland weitgehend aufgerieben, seine rasch aufgebotenes neues Heer bestand zum weit überweigenden Teil aus Soldaten der mit dem Kaiser verbündeten Rheinbund-Staaten; unausgebildete junge Männer, die den alliierten Heeren nicht wirklich gewachsen waren. In der Hauptsache kämpften in Leipzig Deutsche gegen Deutsche - nicht ganz der Stoff, aus dem nationale Heldenepen gewoben werden.
J.E.
Freiheitsdrang und Hassgesang
Leipzig gedenkt der Völkerschlacht und ihrer Folgen mit einer Ausstellung über «Helden nach Mass»
Leipzig gedenkt der Völkerschlacht und ihrer Folgen mit einer Ausstellung über «Helden nach Mass»
von Joachim Güntner ·
Zweihundert Jahre später hat das grosse Gemetzel seinen Schrecken
verloren. Kaum ist zu verhindern, dass sich in das ernste Erinnern auch
Spektakel mischt. Leipzig 2013 im Banne der Völkerschlacht von 1813 -
das bedeutet Ansprache und Podiumsdiskussion, Festgottesdienst und
Friedensmusik, Theater und Lichtspiel rund ums Völkerschlachtdenkmal,
dazu jede Menge Ausstellungen bis in den Landkreis hinein. Ein
monumentales 360-Grad-Panorama zeigt Leipzig nach dem Ende der Kämpfe:
Am Horizont stehen die Dörfer in Flammen, die Gassen der Stadt fluten
Geschlagene und Gestrandete. Aufruhr und Elend verschmelzen. Eine
Zeitreise soll das dem Besucher bieten. Und weil die Sachsen eine
närrische Freude an historischer Kostümierung haben, spielen mehr als
sechstausend Laiendarsteller an diesem Sonntag in einer Senke des
Umlands Krieg wie anno dazumal und stellen Gefechte nach, zum krönenden
Beschluss der Gedenkwoche. Die Tribünenplätze für die Show sind längst
ausverkauft.
Völkerschlachtbank
Dabei gibt es nichts zu feiern.
Ein Leipziger Pfarrer brachte es dieser Tage auf den Punkt. Für Kriege
gelte: «Es töten sich Menschen, die sich nicht kennen, im Auftrag von
Menschen, die sich zwar kennen, aber nicht töten.» Neunzigtausend Tote
forderte die vier Tage währende Völkerschlacht. Fast jeder fünfte Soldat
verlor sein Leben. Ein solches Ausmass des Tötens in so kurzer Zeit
hatte es in Europa bis dahin nicht gegeben. Nicht gerechnet die an
Hunger und Seuchen Verstorbenen, die Verletzten und Verkrüppelten.
Allein in Leipzig fand der preussische Arzt Johann Christian Reil Ende
Oktober 1813 zwanzigtausend «kranke Krieger aller Nationen» vor, noch
alle in blutigen Gewändern, ohne saubere Verbände, ohne Decken und
Betten, zum Teil in ihrer eigenen Notdurft faulend. «Ihre Glieder sind,
wie nach Vergiftungen, furchtbar angelaufen, brandig und liegen nach
allen Richtungen neben den Rümpfen.» - Völkerschlacht?
Völkerschlachtbank!
«Helden nach Mass» heisst Leipzigs
offizielle, im Stadtgeschichtlichen Museum aufgebaute
Jubiläumsausstellung. Die Schau inszeniert kein Schlachtengetümmel,
sondern lenkt den Blick auf die Wirkungsgeschichte eines Mythos von
damals bis heute. Denn als Höhepunkt und Triumph der antinapoleonischen
Befreiungskriege hat die Völkerschlacht Geschichtsbilder gestiftet.
Spätere Militärs und Politiker nahmen die Taten und Helden für ihre
Zwecke in Beschlag. Historiker deuteten die Kämpfe als Erwachen eines
grossen nationalen Freiheitsdrangs des deutschen Volkes.
Damals wurde «Vaterlandsliebe» zum
politisch-ideologischen Programm. Der Einzelne sollte zu der
Überzeugung gelangen, er sei seiner Heimat die Aufopferung von Leben und
Eigentum schuldig. Die allgemeine Wehrpflicht, in Frankreich eine Folge
des revolutionären Umsturzes von 1789, wurzelt in Deutschland im Pathos
der Befreiungskriege. Preussen führte einen Tag nach der
Kriegserklärung an Frankreich am 17. März 1813 die Landwehr ein.
Patrioten, nicht Söldner waren gefragt. Freiwilligenverbände wie das
Lützowsche Freikorps, vom Dichter Theodor Körner als «Lützows wilde
Jagd» besungen, gingen ins populäre Liedgut ein und wurden zur Zugnummer
deutscher Männerchöre des 19. und 20. Jahrhunderts.
Ihrem Titel zum Trotz betreibt die
Leipziger Ausstellung keine Heldenverehrung. «Nach Mass» gearbeitet
erscheinen ihre Helden, weil sie sich nicht über einen Leisten schlagen
lassen, sondern schillernde Figuren bleiben. Kräftige Spuren in einer
zweihundertjährigen kollektiven Überlieferung hinterliessen sie alle,
auch wenn heute mancher Name verblasst ist. Eine Folge von Kabinetten
gliedert die Ausstellung thematisch. Die Stationen tragen Titel wie
«Geistige Brandstifter», «Generäle mit Rückgrat» oder «Ikonen der
Nation»; sie widmen sich nationalistischen Hasspredigern, die zugleich
gegen Tyrannei und Leibeigenschaft wüteten, oder erinnern an mutige
Gewissensentscheidungen und entschlossenes Handeln. Auf den
Franzosen-Hasser Ernst Moritz Arndt und den als «Turnvater» bekannten,
von Marx indes treffend «Turnwüterich» genannten Friedrich Ludwig Jahn
folgen weitere Volkstümler und grimmige Patrioten, darunter der schon
erwähnte Theodor Körner, ein gefühlvoller Poet, der als Kämpfer in
Lützows Korps starb und in der Ausstellung eine Locke zurückgelassen
hat.
Reformfreudige Generäle wie der
«gelehrte» Scharnhorst, der als «Marschall Vorwärts» verehrte Blücher
oder wie Gneisenau, der «Jakobiner in preussischer Uniform», geraten in
den Blick. Auch markante Frauengestalten führt Leipzigs Museum vor, etwa
die in Berlin kultisch verehrte Königin Luise, die 1807 nach verlorener
Schlacht den Usurpator Napoleon erfolglos gebeten hatte, Preussen zu
schonen. Mit der Waffe in der Hand zu Felde zog Eleonore Prochaska, die
«Jeanne d'Arc von Potsdam». Frauen wie sie waren rar, mussten ihr
unziemliches Tun mit Männerkleidung tarnen, und am
Geschlechterverhältnis änderten sie nichts. In der Schau steht Prochaska
nicht als Exempel für Gleichheit, sondern «für die Flut des Grimms».
Dass sie es, wie ein Exponat zeigt, in Gestalt eines freizügig
kostümierten Models von heute auch in den Pirelli-Kalender geschafft
hat, dürfte freilich kaum der historischen Wahrheitsfindung dienen.
Mit Bogen- und Brückenschlägen zur
Wirkungsgeschichte sorgt die Ausstellung dafür, dass das ideelle Erbe
der Befreiungskriege fassbar wird. Immer stehen neben Exponaten, welche
die Zeit um 1813 illustrieren, solche, in denen sich die Folgen
spiegeln. Hartnäckig hält sich das Eiserne Kreuz als Tapferkeitsmedaille
bis in die Gegenwart. Aus der Aktion «Gold gab ich für Eisen», bei
welcher die Bevölkerung ihren Schmuck spendete, damit Kriegsfreiwillige
gegen Napoleon ausgerüstet werden konnten, lernten später auch die
Propagandisten des Ersten und Zweiten Weltkriegs, wie man patriotische
Opferbereitschaft stimuliert.
In der DDR eine grosse Sache
BRD und DDR bedienten sich der
historischen Gestalten auf je eigene Weise. Viele Exponate bezeugen
diese Differenz. So vergab die Nationale Front der DDR für patriotische
Leistungen eine Ernst-Moritz-Arndt-Medaille (ein Preisträger war der
TV-Demagoge und antiwestliche Scharfmacher Karl-Eduard von Schnitzler),
was von offizieller Seite in der Bundesrepublik nie gewagt worden wäre.
Die DDR verstand sich als legitime Erbin der Freiheitskämpfer und beging
das Jubiläum der Völkerschlacht regelmässig mit grossen Feiern. In der
Bundesrepublik hatte die Deutung Vorrang, wonach die Befreiungskriege
einen nationalistischen Furor entzündeten, mit dem noch die Nazis die
Welt in Brand zu setzen vermochten. Heute dient die Völkerschlacht zur
Mahnung, wie teuer uns Europas Frieden sein sollte. Aber da es dafür
mittlerweile stärkere Menetekel gibt, dürfen in Leipzigs Gedenkwoche
auch Gefechtskarneval und sonstige Spektakel nicht zu kurz kommen.
Helden nach Mass. Stadtgeschichtliches Museum, Leipzig. Bis 2. März 2014. Ausführlicher Katalog mit Essays zur Historie. 247 S., € 25.-.
Nota.
'Völkerschlacht' ist ein zeitgenössischer Ausdruck. Doch bezeichnete er damals nicht (blutsverwandte) Nationen, sondern die vielen beteiligten Staatsvölker: Hessen, Sachsen, Bayern, Preußen; und auch wohl Russen, Österreicher und Franzosen. Aber nicht Franzosen und alle andern standen einander gegenüber, sondern das Gros der Streitkräfte bestand aus - Deutschen.
Napoleons Grande Armée war auf dem Rückzug aus Russland weitgehend aufgerieben, seine rasch aufgebotenes neues Heer bestand zum weit überweigenden Teil aus Soldaten der mit dem Kaiser verbündeten Rheinbund-Staaten; unausgebildete junge Männer, die den alliierten Heeren nicht wirklich gewachsen waren. In der Hauptsache kämpften in Leipzig Deutsche gegen Deutsche - nicht ganz der Stoff, aus dem nationale Heldenepen gewoben werden.
J.E.
Sonntag, 20. Oktober 2013
Chinas Wirtschaft wächst wieder.
aus NZZ, 19. 10. 2013
Mehr Bewegung im Inland
Investitionen weiterhin zentral
Erwartete Strukturreformen
Erspriessliches aus China
Eine robuste Binnennachfrage und Infrastrukturinvestitionen stärken das Wirtschaftswachstum
Eine robuste Binnennachfrage und Infrastrukturinvestitionen stärken das Wirtschaftswachstum
Chinas Wirtschaftsleistung ist im dritten
Quartal um 7,8 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode gewachsen. Diese
Zahlen entsprechen den Erwartungen. Wie lange die Erholung andauert,
hängt aber von internen und externen Unsicherheiten ab.
von Markus Ackeret, Peking
Im eher kurzlebigen Geschäft der
Marktbeobachter hat China wieder Oberwasser. Das Wachstum des
Bruttoinlandprodukts (BIP) von 7,8% gegenüber der Vorjahresperiode im
dritten Quartal, das am Freitag in Peking vorgestellt wurde, hat die
Erwartungen der Prognostiker erfüllt. Das ist auch ein gutes Zeichen für
die Weltwirtschaft. Wenngleich die Zahl für die chinesischen
Verhältnisse der vergangenen Jahre keine Euphorie auslöst, hat das
Wachstum gegenüber dem Vorjahr erstmals seit Jahresbeginn wieder
zugelegt. Hatten vor einigen Monaten noch Zweifel darüber bestanden, ob
China das Jahresziel von 7,5% erreichen würde, scheint zumindest diese
als Untergrenze gedachte Zielgrösse übertroffen zu werden. Davon ist
auch Ministerpräsident Li Keqiang überzeugt, wie er dieser Tage sagte.
Mehr Bewegung im Inland
Hinter der leichten Erholung
stehen verschiedene Faktoren. Das Wachstum der Industrieproduktion und
der Detailhandelsverkäufe war sowohl im September als auch über die
gesamten neun Monate dieses Jahres hinweg stabil. Vor allem die robuste
Binnennachfrage beeinflusste beide Faktoren positiv, weil die
Manufakturbetriebe wieder mehr Bestellungen aus dem Inland erhielten.
Die Industrieproduktion wuchs im September um 10,2% gegenüber dem
Vorjahresmonat, der Detailhandel um 13,3%. Für die gesamten neun Monate
waren die Zahlen leicht niedriger.

Dass die städtischen Einkommen im
Unterschied zum Vorjahr weniger stark anstiegen, wollte der Sprecher des
nationalen Statistikamts nicht als beunruhigend verstanden wissen. Noch
immer steigen die Löhne real an. Die forcierte Verstädterung könnte
seiner Meinung nach neben der allgemeinen Wirtschaftslage eine Erklärung
für das bescheidenere Wachstum sein. Wenn Personen aus ländlicher
Umgebung zu Städtern werden, bringen sie zunächst ein geringeres
Einkommen mit, da das Stadt-Land-Gefälle in China nach wie vor sehr
gross ist.
Investitionen weiterhin zentral
Auf stabilem Niveau bewegten sich
auch die Infrastrukturinvestitionen, die seit langem die treibende Kraft
des rasanten chinesischen Wachstums sind. Obwohl es zum Programm der
Regierung gehört, ihren Anteil am BIP-Wachstum zu verringern, trugen sie
in den ersten neun Monaten 55,8% dazu bei, während der Binnenkonsum
45,9% beisteuerte. Die Zahlen lagen auch schon näher beisammen. Im
Sommer hatte die Regierung, aus Sorge über allzu starke Bremsspuren, ein
kleines Anreizprogramm für Infrastrukturinvestitionen aufgelegt, das
sich vor allem auf den Bau von Eisenbahnlinien und U-Bahnen bezog. Das
trug zum neuen Schwung bei. Die Meinungen darüber, ob solche Programme
klug seien oder bloss zum Bau weiterer unnützer Infrastruktur beitrügen,
sind geteilt. Unter Ökonomen wird auch darüber debattiert, ob nicht
ohnehin wegen unzulänglicher Bemessung der Anteil des Konsums an der
Wirtschaftsleistung zu gering veranschlagt wird.
Erwartete Strukturreformen
Auch jene, die für die Fortsetzung
grosszügiger Infrastrukturinvestitionen plädieren, sehen jedoch die
Notwendigkeit struktureller Reformen, im Finanzsektor, aber auch im
Umgang mit den Staatskonzernen, Eigentumsrechten und dem
diskriminierenden Meldewesen («Hukou»-System), das die Binnenmigration
behindert. Grosse Erwartungen richten sich deshalb an das bevorstehende
November-Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, das
konkretere Hinweise auf die Wirtschaftspolitik der seit März amtierenden
politischen Führung geben soll. Immer wieder haben der Staats- und
Parteichef Xi Jinping und Ministerpräsident Li Keqiang in den
vergangenen Monaten bekräftigt, für ein nachhaltigeres Wachstum auch ein
gemächlicheres Tempo in Kauf zu nehmen.
Die Wachstumsperspektiven sind
nicht nur deshalb von Zurückhaltung geprägt. Auch die externen Faktoren
deuten an, dass das BIP im nächsten Quartal nicht mehr ganz so stark
wachsen könnte. Die Weltbank und die Asiatische Entwicklungsbank haben
jüngst unter anderem wegen der sich abzeichnenden Änderung der
amerikanischen Geldpolitik und deren Auswirkungen auf die
Schwellenländer ihre Wachstumsprognosen für Asien gesenkt. China ist
davon indirekt als Handelspartner aufstrebender südostasiatischer
Staaten betroffen, die unter Turbulenzen an ihren Finanzmärkten gelitten
haben.
Unter Beobachtung in China selbst
stehen vor allem das Kreditwesen und der Immobilienmarkt. Im September
ist das Kreditvolumen erneut angestiegen, vor allem auch im
inoffiziellen Sektor der zum Teil schwer durchschaubaren Anlagevehikel
und Trust-Loans. Dieser ist von den offiziellen Banken nicht klar zu
trennen. Die Analytiker der UBS sehen im Kreditwachstum noch keine
Gefahr, da es zuvor einen Rückgang gegeben hatte. Auch die Entwicklung
des Immobilienmarkts, ein sozialpolitisch heikles Thema, beurteilen sie
gelassen, obwohl die Verkäufe und damit auch die Preise wieder stärker
ansteigen.
Samstag, 19. Oktober 2013
War wenigstens Stalins Industrialisierung ein Erfolg?
aus NZZ, 19. 10. 1. Fünfjahrplan
von Gerald Hosp · Es gab eine Zeit, als die Sowjetunion nicht nur wegen ihres Nuklearwaffenarsenals gefürchtet war, sondern auch wegen ihres Wirtschaftswachstums. Viele Ökonomen waren zur damaligen Zeit von der von oben verordneten Kollektivierung in der Landwirtschaft und der Industrialisierung unter Josef Stalin beeindruckt. Auch wenn die Stalinsche Wirtschaftspolitik als brutal erachtet wurde, fanden sich genügend Stimmen, die den verordneten Übergang der Arbeitskräfte von der Landwirtschaft in die Industrie lobten. Stalins Russland entwickelte sich wirtschaftlich besser als das zaristische Russland vor 1913, die Investitionen im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt verdoppelten sich. Bis in die 1950er Jahren geisterte die Frage herum, wann denn die Sowjetunion die USA überholen würde. Daraus zogen auch Länder wie China und Indien Lehren, wie eine rückständige Wirtschaft zu mehr Wachstum geführt werden kann.
War aber Stalin tatsächlich notwendig für Russlands wirtschaftliche Entwicklung? Vier russische Ökonomen stellten sich in einer Studie diese Frage und kommen zu einem klaren Ergebnis: nein. Sie geben zu bedenken, dass die Entwicklung ohnehin stattgefunden hätte. Zudem sagen die Makrodaten auch nichts darüber aus, ob der einzelne Sowjetbürger von Stalins Politik profitiert hat. Um die Frage zu beantworten, greifen die Ökonomen in die Trickkiste: Sie berechnen eine kontrafaktische Wirtschaftsentwicklung in Russland; d. h. sie schauen sich an, wie die Sowjetunion ausgesehen hätte, wenn nur der Trend aus dem Zarenreich vor 1913 fortgesetzt worden wäre. Im Vergleich führte die Kollektivierung zu geringerer Produktivität und grossen Wohlfahrtseinbussen. Auch wenn der Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden hätte und Stalins Industrialisierung weitergegangen wäre, hätte sich die Wohlfahrt verringert. Dabei werden nur ökonomische Ergebnisse verglichen, menschliches Leid durch Hungersnöte und Repression wird bei dieser Rechnung gar nicht einkalkuliert. Von Stalin gibt es wahrlich nichts zu lernen.
Von Stalin lernen heisst nicht siegen lernen
von Gerald Hosp · Es gab eine Zeit, als die Sowjetunion nicht nur wegen ihres Nuklearwaffenarsenals gefürchtet war, sondern auch wegen ihres Wirtschaftswachstums. Viele Ökonomen waren zur damaligen Zeit von der von oben verordneten Kollektivierung in der Landwirtschaft und der Industrialisierung unter Josef Stalin beeindruckt. Auch wenn die Stalinsche Wirtschaftspolitik als brutal erachtet wurde, fanden sich genügend Stimmen, die den verordneten Übergang der Arbeitskräfte von der Landwirtschaft in die Industrie lobten. Stalins Russland entwickelte sich wirtschaftlich besser als das zaristische Russland vor 1913, die Investitionen im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt verdoppelten sich. Bis in die 1950er Jahren geisterte die Frage herum, wann denn die Sowjetunion die USA überholen würde. Daraus zogen auch Länder wie China und Indien Lehren, wie eine rückständige Wirtschaft zu mehr Wachstum geführt werden kann.
War aber Stalin tatsächlich notwendig für Russlands wirtschaftliche Entwicklung? Vier russische Ökonomen stellten sich in einer Studie diese Frage und kommen zu einem klaren Ergebnis: nein. Sie geben zu bedenken, dass die Entwicklung ohnehin stattgefunden hätte. Zudem sagen die Makrodaten auch nichts darüber aus, ob der einzelne Sowjetbürger von Stalins Politik profitiert hat. Um die Frage zu beantworten, greifen die Ökonomen in die Trickkiste: Sie berechnen eine kontrafaktische Wirtschaftsentwicklung in Russland; d. h. sie schauen sich an, wie die Sowjetunion ausgesehen hätte, wenn nur der Trend aus dem Zarenreich vor 1913 fortgesetzt worden wäre. Im Vergleich führte die Kollektivierung zu geringerer Produktivität und grossen Wohlfahrtseinbussen. Auch wenn der Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden hätte und Stalins Industrialisierung weitergegangen wäre, hätte sich die Wohlfahrt verringert. Dabei werden nur ökonomische Ergebnisse verglichen, menschliches Leid durch Hungersnöte und Repression wird bei dieser Rechnung gar nicht einkalkuliert. Von Stalin gibt es wahrlich nichts zu lernen.
Freitag, 18. Oktober 2013
Alles wie gehabt.
aus tagesschau.de, Stand: 18.10.2013 10:59 Uhr
...
Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de
"Die politische Faulheit setzt sich fort"
Die Zeichen stehen auf Große Koalition.
Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn meint, eine
Minderheitsregierung wäre die bessere Lösung. Er warnt im Gespräch mit tagesschau.de, unter der Großen Koalition gediehen politische Faulheit und Apathie.
...
Salzborn: Große Koalitionen
segeln nicht selten unter der Flagge, "große Probleme" anzupacken -
aber: Was sollen denn diese großen Probleme sein? Wir werden eine starke
Dominanz der CDU/CSU erleben, die die SPD verschleißen wird. Und das,
obwohl die Lage in Deutschland gar nicht so eindeutig ist: Bei den
Wählerinnen und Wählern gibt es fast ein Patt zwischen den beiden großen
politischen Lagern.
tagesschau.de: Wäre eine Minderheitsregierung nicht die bessere Alternative?
Salzborn: Es wäre eine Variante,
in der Angela Merkel gezwungen würde, eigene Schwächen und Fehler nicht
immer auf andere abwälzen zu können. Denn sie hat nicht nur reihenweise
Minister aus den eigenen Reihen verschlissen, sondern letztlich auch
machtstrategisch geschickt ihrem bisherigen Koalitionspartner für nahezu
alle Mängel die Verantwortung zugeschoben, so dass die eigene Weste
immer sauber blieb. Merkels Machtpolitik würde in einer Alleinregierung
bei jeder Entscheidung öffentlich auch dafür in Regress genommen. Das
täte der politischen Kultur, die in den letzten Jahren sehr in einem
Einheitsbrei verkleistert ist, durchaus gut.
tagesschau.de: Warum gibt es eine solche Minderheitsregierung nicht in Deutschland?
Salzborn: Die Menschen in
Deutschland haben einen seltsamen Hang zur Mitte. Sie wirkt ausgewogen
und abwägend, deshalb wollen viele dazugehören. Dass die Mitte aber auch
langweilig und spießig ist, mag man nicht hören. In diesem
Spannungsfeld bewegt sich aber das Dilemma: Viele Menschen sind einfach
sehr glücklich damit, auf die "da oben" zu schimpfen, sich zugleich aber
bezogen auf die Erfolge einer dominanten Kanzlerin im nationalen Glanz
mit zu sonnen - ohne dabei selbst aktiv werden zu müssen. Eine
Minderheitsregierung würde gerade gesellschaftlich dazu herausfordern,
aus der spießig-dösigen Idylle des kleinbürgerlichen Rebellen aufwachen
zu müssen. Eine Alleinregierung der Unionsparteien als
Minderheitsregierung würde objektiv dazu zwingen, wieder stärker zu
polarisieren und damit den Menschen auferlegen, eigene Interessen auch
wieder erkennen zu müssen, selbst Farbe zu bekennen, ob man für oder
gegen etwas ist. In einer Großen Koalition wird sich nur das Gefühl der
politischen Faulheit und Apathie bei vielen Menschen fortsetzen, die
sich darauf verlassen, dass Merkel es schon richten wird. Insofern ist
man in Deutschland zugleich zu feige und zu arrogant, um das Konzept
einer Minderheitsregierung ernsthaft zu erwägen.
...
Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de
Zur Person
Donnerstag, 17. Oktober 2013
Konkurrenz und Karriere - in Wirtschaft und Wissenschaft.
„Generation 35plus“: Zwischen hoffnungsfroh und fatalistisch
Stefanie Terp
Stabsstelle Presse, Öffentlichkeitsarbeit und Alumni
Technische Universität Berlin
16.10.2013 15:22
Die neue Studie „Generation 35plus – Aufstieg oder Abstieg? Hochqualifizierte und Führungskräfte in Wirtschaft und Wissenschaft“ aus dem Fachgebiet Medien- und Geschlechtersoziologie der TU Berlin zeigt, welche Motive die neue Führungsgeneration in Wissenschaft und Wirtschaft beschäftigt. Die Ergebnisse wurden am 16. Oktober 2013 im Rahmen einer Tagung vorgestellt und diskutiert.
Selbsterfüllung, Sinnstiftung und Gestaltungsfreiheit, so lauten die Schlagworte, die angeblich den Wertekanon der so genannten „generation y“, der nach 1980 Geborenen, ausmachen. Job, Gehalt, Aufstieg – diese Generation stellt demnach alles in Frage – nicht umsonst wird das deutsche y im Englischen so wie das englische Wort „why“ (warum) ausgesprochen. Ein so fundamentaler Wertewandel passiert jedoch nicht von heute auf morgen. Vorboten müssten sich jetzt schon bei der „Generation 35plus“ feststellen lassen – der Vorhut der eigentlichen „generation y“. Dazu zählen Berufstätige, die bereits einige Jahre im Arbeitsleben stecken, bestehende Strukturen kennen und die kommende Führungsgeneration darstellen. „Genau dieser Frage sind wir nachgegangen“, erzählt Prof. Dr. Christiane Funken, Leiterin des Fachgebiets Medien- und Geschlechtersoziologie an der TU Berlin. In einem Feldvergleich „Wirtschaft – Wissenschaft“ haben die wissenschaftliche Mitarbeiter Sinje Hörlin und Jan-Christoph Rogge jeweils zwischen 20 und 30 Personen aus den Arbeitsfeldern in Tiefeninterviews zu ihren Erfahrungen, ihren Motiven und ihrer Zukunftsplanung befragt. „Den Wertewandel als Universalerklärung für die sehr unterschiedlichen Karriere- und Lebensentwürfe der jüngeren Alterskohorten heranzuziehen, ist aus unserer Sicht eine unzutreffende Analyse“, so das Resümee von Prof. Funken.
Allen Befragten gemeinsam ist, dass sie sich in Führungspositionen oder Aufstiegspositionen befinden. Trotz dieser vergleichbaren Ausgangssituation kommt die Studie zu dem klaren Ergebnis: „Keineswegs ist unter den Angehörigen der ‚Generation 35plus‘ von gleichen Motiven auszugehen. Vielmehr zeigen sich vielfältige Reaktionen auf den strukturellen Wandel, die aber – wenn überhaupt – nur in Teilaspekten von den Medien aufgegriffen und dann fälschlicherweise als umfassender Einstellungs- und Wertewandel etikettiert werden“, so Prof. Funken. Ein größeres Bild zu erstellen und die strukturellen Bedingungen der Arbeitswelt mit den Einstellungen der Beschäftigten in Bezug zu setzen, ist das Ziel der jetzt abgeschlossenen Untersuchung, deren Ergebnisse die Arbeitsgruppe am 16. Oktober 2013 auf einer großen Abschlusskonferenz in Berlin präsentierte.
Wirtschaft: „Kulturvermittler“, „Dynamiker“ und „Entschleuniger“
In den Arbeitswelten Wissenschaft und Wirtschaft lassen sich fundamentale Veränderungen beobachten: Beide Felder sind fest im Griff von enormer Beschleunigung, hoher Leistungsverdichtung und einer starken Projektorientierung. Während allerdings in der Wissenschaft ein zentraler Aspekt – der drastisch verschärfte Wettbewerb – die Wahrnehmung dominiert, zeigt der Strukturwandel in der Wirtschaft seine Wirkung auf ganz unterschiedliche Weise. „Unter den Führungskräften in der Wirtschaft bilden sich drei Gruppen heraus“, so TU-Wissenschaftlerin Sinje Hörlin, „die wir unter die Schlagwörter ‚Kulturkritik‘, ‚Dynamik‘ und ‚Entschleunigung‘ zusammengefasst haben.“ Die Gruppe der „Kulturkritischen“ ist stark aufstiegsorientiert, zieht aber oft den Wechsel in ein kleineres oder mittelständisches Unternehmen in Erwägung. „Ursache ist meist der erlebte Widerspruch zwischen neuen unternehmerischen Leitbildern und den Bedingungen des Konzernumfelds, die es häufig unmöglich machen, diesen Leitbildern gerecht zu werden“, so Sinje Hörlin. Die ebenfalls karriereambitionierten „Dynamiker“ haben das unternehmerische Credo der fortwährenden Veränderungsbereitschaft zum Bestandteil ihrer eigenen Identität gemacht und halten sich bewusst alle Optionen offen. Dagegen ziehen die „Entschleuniger“ die Konsequenz aus massiver Leistungsverdichtung und der sich auflösenden Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben: Sie setzen ihrer Karriere ein bewusstes Ende. Vor allem die weiblichen Führungskräfte dieser Gruppe thematisieren die Kluft zwischen einer Arbeitswelt, die von der Flexibilität und der Autonomie ihrer Mitarbeitenden profitiert, ihren Mitarbeitenden aber oft genau diese Selbstbestimmung verweigert. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Führungspositionen in Teilzeit, ein Modell, das nach wie vor auf erhebliche Widerstände stößt.
Wissenschaft: „Fatalisten“, „Hoffnungsvolle“ und „Spielverweigerer“
Ganz anders in der Wissenschaft: Hier ist der alles dominierende Faktor die statistisch extrem verschlechterte Karrierechance, die jeden betrifft, der in diesem System arbeitet. Das deutsche Wissenschaftssystem kennt als einziges Karriereziel nach wie vor nur die Professur. „So sind in den vergangenen Jahren in der Wissenschaft rund 40.000 neue Stellen entstanden – aber nur rund 400 neue Professuren“, erläutert Jan-Christoph Rogge. „Diese ‚Monodirektionalität‘ sowie die Vermassung des wissenschaftlichen Nachwuchs gegenüber dem minimalen Angebot an Führungspositionen, führt zu einer unzumutbaren Belastung aller Angestellten und wirkt innovationsverhindernd“, ist Prof. Funken überzeugt. Einziges strukturierendes Merkmal in der Menge der befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist demnach auch die jeweilige Reaktion des Individuums auf diesen Notstand.
Auch hier hat die Arbeitsgruppe drei potentielle Grundmuster erkannt und mit den Begriffen „Fatalisten“, „Hoffnungsvolle“ und „Spielverweigerer“ charakterisiert. Die „Hoffnungsvollen“ haben einen verhältnismäßig entspannten Umgang mit der beruflichen Unsicherheit gefunden und sind aus sich selbst heraus aufstiegsorientiert. Die „Fatalisten“ sehen sich den Strukturen des Wissenschaftssystems nahezu hoffnungslos ausgeliefert und zeigen eine erzwungene Aufstiegsorientierung. Die „Spielverweigerer“ dagegen verweigern eine dezidierte Aufstiegsorientierung. „Ihre Idealvorstellung wäre ein der Forschung gewidmetes Leben auf einer unbefristeten wissenschaftlichen Stelle – in der Realität sitzen sie dagegen aber eher auf befristeten Stellen“, erläutert Jan-Christoph Rogge. Alle Befragten in der Gruppe der „Hoffnungsvollen“ erfahren eine intensive Karriere-Förderung. Einerseits durch Mentoren oder Mentorinnen, andererseits durch einen starken privaten Partner, der im besten Falle viele emotionale und finanzielle Unsicherheiten, die der Wissenschaftsbetrieb mitbringt, abfedert. Interessante Nebenerkenntnis: Frauen sind in dieser Gruppe unterrepräsentiert. Insgesamt zeigt die Studie klar, dass trotz zahlreicher Programme wie das Professorinnen-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung oder die forschungsorientierten Gleichstellungsstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Aufstieg im Wissenschaftssystem für Frauen nach wie vor weit schwieriger ist als für Männer.
„Die Attraktivität der Wissenschaft als Beruf hat unter dieser ‚Monodirektionalität‘ und dem stark verschärften Konkurrenzdruck erheblich gelitten“, ist TU-Professorin Christiane Funken überzeugt. „Der Verbleib in der Wissenschaft ist bei den von uns befragten ‚Überzeugungstätern‘, die sich bewusst für die Forschung entschieden haben, keine Frage mehr von Inhalten, sondern von materiellen Zwängen und der privaten Situation. Dass dieser Konkurrenzdruck zu einer Qualitätssteigerung in der Wissenschaft führt, darf bezweifelt werden“, so Prof. Funken. Letztlich steht damit nicht nur die Attraktivität der deutschen Wissenschaft auf dem Spiel, sondern auch ihre Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit.
Katharina Jung
Weitere Informationen erteilt Ihnen gern: Prof. Dr. Christiane Funken, TU Berlin, Institut für Soziologie, Fachgebiet Kommunikations- und Mediensoziologie, Geschlechterforschung, Tel.:030/314-28425, E-Mail: christiane.funken@tu-berlin.de
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