Donnerstag, 10. Juni 2021

Den Fluch der Arbeit haben wir uns selber angetan.


aus Tagesspiegel.de, 9. 6. 2021                                   Feierabend in der Toskana

Vertreibung aus dem Paradies
Bevor die Arbeit überhand nahm: Der Anthropologe James Suzman erinnert an das Glück der Jäger und Sammler. 

von

Mehr Steinzeit wagen – das ist der Rat, den James Suzman uns an Herz legt. Ausgiebig hat der Sozialanthropologe die letzten Jäger- und Sammler-Kulturen in Namibia erforscht und dabei überraschende Einsichten auch über die Frühgeschichte des Menschen gewonnen. Unsere ur-zeitlichen Vorfahren führten demnach keine defizitäre, von der Sorge ums tägliche Brot (das es im buchstäblichen Sinn ja noch gar nicht gab) geprägte Existenz, sondern hatten eine benei-denswerte Work-Life-Balance entwickelt.

Mit nur 15 Stunden Nahrungssuche pro Woche sicherten sie ihr Auskommen, wobei ihre Ar-beit auch noch Spaß machte – nicht zufällig betreiben die Menschen noch heute das Sammeln und Jagen als Hobby. Der Steinzeit-Speisezettel war vielfältig und die Lebenserwartung ver-gleichsweise hoch.

 

James Suzman: Sie nannten es Arbeit. Eine andere Geschichte der Menschheit. 

Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber. C.H. Beck, München 2021. 400 Seiten, 26,95 €

 

Zudem schätzt man in Jäger- und Sammler-Kulturen die soziale Gleichheit. Wenn bei je-mandem individueller Ehrgeiz aufkommt, wird er zurückgepfiffen. Wer sich etwa mit Jagd-erfolg brüstet, den verspottet die Gemeinschaft und „beleidigt“ seine Beute. Auf diese Weise konnten sich freilich weder Statusdenken noch Leistungsprinzip etablieren. Die Menschheit kam nicht voran. Aber warum auch? Das Leben war gut.

Man kennt die erfrischende Aufwertung des Jäger- und Sammler-Lebens andeutungsweise bereits aus Yuval Noah Hararis „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Wie Harari ver-bindet der 1970 in Südafrika geborene, heute in Cambridge forschende James Suzman viel-fältige Kenntnisse und kühne Thesen. Und auch bei ihm beginnt das Übel mit der Erfindung von Landwirtschaft und Viehzucht vor etwa 10 000 Jahren. Nun musste buchstäblich geackert werden. Die Nahrungspalette verkleinerte sich drastisch. Krankheiten breiteten sich durch das enge Zusammenleben mit den Nutztieren aus; die Lebenserwartung sank. Es hat etwas von der biblischen Vertreibung aus dem Paradies.

Fehlendes Vertrauen in die Freigiebigkeit der Umwelt

Aber wieso konnte sich bei so vielen Nachteilen die agrarische Lebensform überhaupt durchsetzen? Den Grund sieht Suzman in klimatischen Veränderungen, durch welche die Steinzeit-Menschen das „Vertrauen in die ewige Freigiebigkeit ihrer Umwelt“ verloren. Die neue Lebens- und Wirtschaftsform war deutlich produktiver und konnte mehr Menschen ernähren.

Mehr Menschen – darin bestand allerdings das nächste Problem, das die Menschheit bis zur Industriellen Revolution in Atem hielt. Die Überschüsse der Landwirtschaft wurden in Bevöl-kerungswachstum umgesetzt, wodurch sich der Mangel fortsetzte. Also musste noch mehr „geackert“ und immer mehr Territorium für die Landwirtschaft erschlossen werden.

 

 

Jäger- und Sammler-Gemeinschaften haben kein Interesse am Anhäufen von Überschüssen. Sie erleben ihre Umwelt als Fülle. Ein zentrales Argument von Suzman ist, dass mit dem Wandel zur Agrarwirtschaft eine neue Einstellung zur Arbeit und ein anderer Umgang mit der Ressource Zeit aufkamen. Vorausschauende Planung und eine hohe Arbeitsdisziplin wurden erforderlich, die Menschen richteten ihr Handeln auf Zukünftiges aus, denn die Ernte ließ als Lohn für die Mühe erst einmal auf sich warten. Der Hoffnung auf volle Kornkammern stand immer die Angst vor Missernten gegenüber.

Auf diese Weise hielt mit der Erfindung der Landwirtschaft eine Ökonomie des „verzögerten Ertrags“, der Knappheit und der Vorratshaltung Einzug, die bis heute unser Wirtschafts- und Berufsleben bestimme. Wir disziplinieren uns zur täglichen Arbeit, sorgen vor, wollen Über-schüsse und Wachstum erzielen.

Hamsterrad der Warenproduktion

Auch die heutige Konsum- und Überflussgesellschaft folge weiterhin, so Suzman, der Öko-nomie des Mangels, auch wenn dieser nur noch relativ ist, im Vergleich mit vermeintlich er-folgreicheren oder wohlhabenderen Freunden, Kollegen oder Vorbildern aus den Medien spürbar wird. Die Werbung erzeuge das Gefühl von Defiziten, um das Hamsterrad der Wa-renproduktion am Laufen zu halten.

Heute sind in den Vereinigten Staaten nur noch zwei Prozent der Menschen in der Land-wirtschaft tätig. Könnte die Gesellschaft also nicht mit ihren Überschüssen ein weniger ge-triebenes, von weniger Ungleichheit gekennzeichnetes Leben führen? Darüber hinaus sieht Suzman das Potenzial, das mit der zunehmenden Automatisierung und dem Einsatz künst-licher Intelligenz verbunden ist. Aber er befürchtet, dass sich die Situation noch verschlim-mern könnte, ganz so, wie Harari eine Zweiteilung der Menschheit in den rundum bevor-zugten Homo Deus und den Homo nutzlos (die Massen) prophezeit.

Ein weiteres Problem bestehe darin, dass sich die Menschen in den letzten 10 000 Jahren daran gewöhnt hätten, Sinn und Struktur ihres Lebens durch die Erwerbsarbeit zu beziehen. Schon heute seien viele „Bullshit-Jobs“ vor allem im Dienstleistungssektor nur noch eine Art Beschäftigungstherapie zur kontrollierten Verausgabung von Energie.

Geistreich durch die Jahrhunderte

Suzman hat keine Rezepte für eine bessere Organisation des Wirtschaftslebens, aber er will zum Nachdenken anregen. Auch wenn manche seiner Thesen ein wenig simplifizieren – sein Buch ist pointiert geschrieben, streift geistreich durch die Jahrhunderte, schildert die Umbrü-che in den Arbeitsverhältnissen, greift sich hier eine Handvoll Naturwissenschaft, dort zwei Portionen Wirtschaftstheorie (Adam Smith und John Kenneth Galbraith) und bringt das alles auf die Linie der eigenen Argumentation.

Das liest sich unterhaltsam und oft anekdotisch – wenn man zum Beispiel erfährt, dass John Harvey Kellogg, Erfinder der Cornflakes, nicht nur ein Pionier der Arbeitszeitverkürzung war, sondern mit seinen Frühstücksflocken auch ein Mittel zur Dämpfung des Sexualtriebs gefun-den zu haben glaubte.

Dass eine Acht-Milliarden-Menschheit nicht zum Leben der Jäger und Sammler zurückkehren kann, ist auch Suzman klar. Er will mit seinem Buch aber deutlich machen, dass unsere Spezies über die längste Zeit ihres Bestehens andere Prioritäten gesetzt hat als Vollzeit-Arbeit und Kar-rierestress: „In allererster Linie geht es mir darum, den krakenhaften Klammergriff, mit dem die Knappheits-Ökonomie unser Arbeitsleben im Schwitzkasten hält, zu lockern und unsere damit verbundene, nicht durchhaltbare Fixierung auf wirtschaftliches Wachstum aufzubre-chen.“ So gesehen ist diese „andere Geschichte der Menschheit“ eine gute Lockerungsübung.


Mittwoch, 9. Juni 2021

"Neustaat".

stefanie-buerkle

aus Süddeutsche.de, 9. 6. 2021                                                                                                               Die Union will "dem Staat die Langsamkeit und die Bürokratie austreiben." Dabei scheut sie offenbar auch vor radikalen Ideen nicht mehr zurück.

Wie die Union den Staat modernisieren will 
Die Bundesrepublik solle "einfacher, agiler, digitaler und krisenfester" werden. Dafür schlägt die Fraktion von CDU und CSU 40 Maßnahmen vor. Es ist eine Sy-stemkritik aus dem System heraus.

Von Boris Herrmann, Berlin

In der demnächst zu Ende gehenden Wahlperiode beschloss der Deutsche Bundestag bereits mehr als 400 Gesetze, im Schnitt zehn pro Monat. Die Union hat als größte Bundestagsfrak-tion wesentlich zu diesem Gesetzgebungstempo beigetragen - aber offenbar kam sie inzwi-schen zu dem Schluss, es mit ihrem Arbeitseifer ein wenig übertrieben und den Staat damit überfordert zu haben. "Für jedes einzelne Gesetz mag es gute Gründe geben, in der Summe ist es zu viel", heißt es in einem Positionspapier, das am Dienstag in der Fraktionssitzung von CDU und CSU beschlossen wurde.

Demnach will die Union künftig jeden Gesetzesentwurf einem "Notwendigkeits-Check" un-terziehen und sorgfältiger prüfen, ob Einzelgesetze zusammengefasst werden können. Die weniger werdenden Gesetze sollen dafür dann besser werden. Damit, so heißt es in dem Pa-pier, gebe es mehr Zeit für die Bundesministerien und den Bundestag, "um sich auf das We-sentliche zu konzentrieren" sowie weniger "unnötige Regeln" für den Bürger.

 

 

Die Initiative für weniger Gesetzesinitiativen ist aber nur ein Teil eines umfassenden Reform-pakets, mit dem die Union den Staat grundlegend modernisieren will. In dem Positionspapier, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, werden insgesamt 40 Maßnahmen vorgeschlagen, mit denen die Bundesrepublik "einfacher, agiler, digitaler und krisenfester" gemacht werden soll. Dazu gehören unter anderem ein "App-Store für die Verwaltung", ein Digitalministerium, ein "Digital-TÜV" sowie "Modernisierungsteams" in den Behörden.

Während der Krise habe sich gezeigt, wie eine Verwaltung nicht effizient funktioniere

Manches mag ein wenig schlagwortverdächtig klingen, aber der vielleicht entscheidende Gedanke bei dieser Reform lautet, dass "der Bund bei sich selbst anfangen" soll. Was die Union hier vorlegt, ist eine Systemkritik aus dem System heraus. So wollen CDU und CSU nicht nur die Gesetzgebungsverfahren, das Dienstrecht und die Arbeitsweise der öffentlichen Verwaltung grundlegend verändern, sondern auch die Zusammenarbeit (beziehungsweise das fröhliche Aneinandervorbeiarbeiten) innerhalb der Bundesregierung und ihrer angeschlosse-nen Behörden und Institutionen.

Davon gibt es nach Zählung der Union sage und schreibe 969. Dass dieser Behördendschun-gel einer Verwaltungsreform bedarf, die diesen Namen auch verdient, ist nach knapp 16 Jahren Regierungsverantwortung offenbar im Mainstream der Unionsfamilie angekommen. Dafür dürften nicht zuletzt die Erfahrungen aus der Pandemie gesorgt haben. Während der Krise habe sich gezeigt, wie eine Verwaltung nicht effizient funktioniere, heißt es durchaus auch selbstkritisch in dem Papier: "Statt E-Akte im Laptop türmten sich Aktenberge in Impfzen-tren, Gesundheitsämter erfassten Daten händisch und faxten Listen."

Die Initiative für den sogenannten "Neustaat", so der Titel des Projekts, ist aber schon älter als Corona. Es wurde vor gut einem Jahr von den Fraktionsvorstandsmitgliedern Nadine Schön und Thomas Heilmann (beide CDU) mit ihrem gleichnamigen Buch angestoßen und von Fraktionschef Ralph Brinkhaus vorangetrieben. Alle wesentlichen Gedanken des Buches finden sich in dem nun beschlossenen Unionspapier wieder.

Das Ressortprinzip habe sich zum Hindernis entwickelt

Laut Teilnehmern sagten am Dienstag in der Fraktionssitzung sowohl Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) als auch CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt zu, dass das Papier einen wesentlichen Teil des Wahlprogramms der Union bilden soll. Laschet propagiert seit Monaten seinen Slogan von einem "Modernisierungsjahrzehnt". Dazu gehört ausdrücklich auch die Neustaat-Initiative, heißt es aus Fraktionskreisen. Nadine Schön, 37, gilt nicht von Ungefähr als sehr ernsthafte Anwärterin auf einen Platz in Laschets Wahlkampfteam.

Thomas Heilmann sagte der SZ am Dienstagabend nicht ohne Stolz: "Wir sind die einzige Partei, die eine konkrete Idee vorlegt, wie wir den Laden wieder flott machen und dem Staat die Langsamkeit und die Bürokratie austreiben." Auf dem Weg dahin scheut die Union offenbar auch vor radikalen Ideen nicht mehr zurück.

So sollen etwa die Ministerien kleiner werden und vor allem nicht mehr wie Silos nebeneinan-derher existieren. "Das Ressortprinzip, das jedem Ministerium große Unabhängigkeit gibt, hat sich in seiner überkommenen Form - insbesondere bei Querschnittsthemen wie der Digita-lisierung - zum Hemmnis entwickelt", heißt es in dem Beschluss von CDU und CSU. Sich überlappende Zuständigkeiten und Kompetenzstreitigkeiten würden die Handlungsfähigkeit Deutschlands bremsen.

Keine Ministerien mehr? "Ich könnte es mir vorstellen."

Will die Union am Ende gar die Ministerien ganz abschaffen? Schön und Heilmann schließen das jedenfalls nicht grundsätzlich aus. Nadine Schön hatte bereits bei der Buchvorstellung im vergangenen Jahr gesagt: "Ob es am Ende gar keine Ministerien mehr geben wird? Ich könnte es mir vorstellen." In ihren Gedankenspielen könnten in 15 Jahren alle Angestellten der Bundesverwaltung einen Pool an Arbeitskräften bilden und dann je nach Bedarf flexibel eingesetzt werden.

Die Union ist sich offenbar bewusst, mit ihren Vorschlägen auf Widerstand im System zu stoßen. "Mancher wird sich um liebgewonnene Besitzstände und Zuständigkeiten sorgen", heißt es am Ende des Papiers. Diese Einwände seien gewichtig. Aber: "Unser Staatswesen braucht jetzt dringend neuen Schwung."

Kanzlerin Angela Merkel hört im Herbst auf und wird sich den Ärger, den sich ihre Partei mit dem Papier gegebenenfalls einhandeln wird, nicht mehr antun müssen. Aber auch sie hatte sich dieser Tage in einer Diskussionsveranstaltung für ihre Verhältnisse euphorisch zum Neustaat-Projekt geäußert: "Unsere eingespielte Arbeitsweise funktioniert unter Umständen nicht mehr gut genug", sagte Merkel.

In der kommenden Legislaturperiode will die Union unter anderem auch eine "Umsetzungswoche im Bundestag" einführen, in der Gesetze regelmäßig auf ihre Wirksamkeit geprüft werden sollen. In dieser Woche sollen dann keine neuen Gesetze beschlossen werden.

Für die verbleibenden beiden Sitzungswochen dieser Wahlperiode gilt das Vorhaben, sich in der Gesetzgebung etwas mehr zurückzuhalten aber offenbar noch nicht. Da wollen CDU und CSU gemeinsam mit dem Koalitionspartner SPD dem Vernehmen nach noch eben 42 Gesetze verabschieden.


Nota. - Bürokratismus ist ein berufsbedingter Charakterschaden von Beamten. Aber nicht er hat die Bürokratie hervorgerufen, sondern sie ihn.

Eins vorab: Wer den Rechtsstaat will und die gerichtliche Einklagbarkeit aller Verwaltungsakte, kann die Formalisierung hoheitlichen Handelns alias Machtausübung nicht ablehnen. Pragma-tismus und Effizienz sind nicht das erste Gebot staatlichen Handelns; sondern das Recht. Ein Grundbestand an Bürokratie ist unvermeidlich und wünschenswert.

Die Frage ist freilich, wo der Grundbestand überschritten wird und das Wuchern beginnt. Vorab eEin Zweites: Bürokratie ist keine Mosaik aus lauter Einzelsteinchen, sondern ein Sy-stem mit eigener Dynamik. Ihr ist weder mit prozeduralen Regeln noch mit institutionellen Vorkehrungen beizukommen: Jeder Vorstoß zut Entbürokratisierung hat noch immer eine neue Behörde hervorgebracht. Ihr Ursprung liegt in der Gesellschaft, und dort muss sie kleingehalten werden.

Und nun ein Paradox: Dass die Bürokratie im Umkreis staatlicher Hoheit entstanden wäre und sich von da aus in die Gesellschaft hineingefressen hätte, sieht nur so aus. In Wahrheit ist es umgkehrt. Den Machthabern kann am Wuchern der Subalternen gar nicht gelegen sein - sie kosten Geld und behindern seinen Durchgriff. Und so hat denn das Wuchern in der Gesell-schaft selbst begonnen und hat die staatliche Hoheit in seinen Sog gerissen. 

Es hieß seinerzeit, die k. u. k. Donaumonarchie wäre eine "asiatische Despotie, gemildert durch Schlamperei". Diese Milderung war eine genuine Leistung der Bürokratie und war für den klugen Bürger von Vorteil. Umgekehrt ist es im repräsentativen Staat: Da lähmt die Bü-rokratie sowohl den Souverän als auch die Selbstständigkeit der Personen: die Staatsbürger in beiderlei Gestalt. 
 
Und man muss sie an ihren Wurzeln in der Gesellschaft bekämpfen, wenn man sie im Staat kleinhalten will.
 
Lesen Sie hier weiter! 
 
Danach melde ich mich wieder.
JE
 
 

Montag, 7. Juni 2021

Diktatursozialisiert.

Bundesarchiv

In der heutigen Frankfurter Allgemeinen schreibt Patrick Bahners über die vielbeschrieenen Aussa-gen des "Ostbeauftragten" Wanderwitz von der CDU; namentlich über die Runde bei Anne Will:

... Dass Wanderwitz eine politische Überlegung verfolgt haben könnte, wollte ihm unter Anne Wills Gästen nur Nadine Lindner zugestehen, die Hauptstadtkorrespondentin des Deutsch-landfunks. Sie hob seine Formulierung hervor, dass die CDU nicht auf die AfD schauen dürfe wie das Kaninchen auf die Schlange. Klare Abgrenzung von der AfD, damit verbunden die Mitteilung an zwischen CDU und AfD schwankende Wähler, dass sie sich schon selbst ent-scheiden müssen und nicht in beiden Fällen mehr oder weniger dasselbe bekommen werden – in dieser Umschreibung ergab sich nun doch eine politische Strategie, die erfolgreiche Strategie von Reiner Haseloff.

Mit guten Gründen gab Lindner zu bedenken, dass Wanderwitz keine „Wählerbeschimpfung“ beabsichtigte. Wenn er einem beträchtlichen Teil der AfD-Wählerschaft gefestigte rechtsex-treme Ansichten bescheinigte, war die Missbilligung eindeutig – ebenso aber auch die Aner-kennung der Tatsache, dass diese Wähler eben feste Ansichten haben, das heißt Gründe, die sie für gut halten. Sie sind eben nicht einfach Verführte oder Wutbürger in dem Sinne, dass sie gar nicht wüssten, wofür und wogegen sie sind. Dass Bouffier im praktischen Befund mit Wanderwitz übereinstimmt, offenbarte seine Wortwahl: Ganz selbstverständlich sprach er von „demokratischen Parteien“, um die Grenze zur AfD zu ziehen. Die AfD-Wähler wären dem-nach tatsächlich nicht in der Demokratie angekommen. ...


Nota. - Die gestrige Wahl in Sachsen-Anhalt bestätigt es: Am stärksten ist die AfD bei jungen Wählern, die die DDR gar nicht mehr erlebt haben.

Widerspricht das der Wanderwitz'schen Aussage, ein Gutteil der ostdeutschen Wähler sei dik-tatursozialisiert und 'in der Demokratie nicht angekommen'?

Die DDR hat nur 40 Jahre bestanden, bis 1990. Und was war davor? Vier Jahre sowjetische Militärregierung und zwölf Jahre nationalsozialistischer Totalitarismus. Die vierzehn Jahre Weimarer Republik waren eine einzige Krise am Rande des Bürgerkriegs gewesen, und davor war das Wilhelminische Reich: Einen freiheitlichen Rechtsstaat hatte es auf dem Territorium der DDR nie gegeben.

 

 

Doch im Westen Deutschland hatten Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie auch erst eine vierzigjährige Tradition. Sollen dagegen die dreißig Jahre, seit denen die ostdeutschen Länder zur Bundesrepublik gehören, gar nicht ins Gewicht fallen?

Man muss Wanderwitz' Feststellung sogar noch radikalisieren: Ein großer Teil der ostdeut-schen Wähler sind in der bürgerlichen Gesellschaft noch nicht angekommen. In einer Ge-sellschaft, in der alle rechtlich frei und insofern einander gleich sind; und was die Konsquenz davon ist: alle nicht nur für sich selbst, sondern sogar einander verantwortlich sind.

Frei und einander verantwortlich - da schränkt eine Bestimmung die andere ein. Es sind keine politisch-institutionellen, sondern eine zivilisatorische Bestimmung: Sie beruht auf der Schei-dung eines jeden Bürgers in eine öffentliche Person, die Rechenschaft abzulegen und darum auch fordern kann, und ein privates Individuum, das nur denen verpflichtet ist, denen es sich verpflichtet fühlt. Im Privaten habe ich Neigungen und Leidenschaften, und darf es. Im öf-fentlichen Raum erwarte ich von den Andern Vernunft so wie sie von mir; und zwar unerach-tet ihrer Andersheit, so anders sie wäre. Das ist nicht die Frage von soundsoviel gelernten In-formationen, sondern eine Sache des Horizonts.

*

Die Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft war in den ländlichen Regionen Ostelbiens schon zu Wilhelms Zeiten hinter dem Rest Deutschlands zurückgeblieben. Doch liegt der eigentliche Grund für den heutigen politischen Rückstand Ostdeutschlands woanders. Im Osten haben die unentwickelten bürgerlichen Verhältnisse in besagten viezig Jahren ja nicht einfach stagniert, weil sie nicht gefördert wurden, sondern wurden aktiv und erfolgreich be-kämpft. Das Ergebnis der "kommoden Diktatur" war die sprichwörtliche Nischengesell-schaft, die auf einer theatralisch inszenierten Öffentlichkeit beruhte, und der Feudalisierung der Machtverhältnisse - einer systematisch betriebenen Vermengung zwischen formalen in-stitutionellen Strukturen und persönlichen Abhängigkeiten, sowie der Systematisierung des Prinzips Eine Hand wäscht die andere - wofür das Dritte Reich einen fruchtbaren Boden hinterlassen hatte.

Da musste nicht bei Null neu angefangen, sondern ein Negativsaldo aufgearbeitet werden. Doch der Anschluss an die Bundesrepublik bewirkte zum einen nur einen strukturellen Um-bau der formalen Institutionen, wo zunächst - unter der Aufsicht westlicher Tutoren - ein jeder des andern Teufel war; und zum andern eine Marktwirtschaft, die ihnen von Karl-Eduard von Schnitzler, den nachher keiner je geguckt haben will, seit einer Ewigkeit als Jeder ist sich selbst der Nächste dargestellt worden war. Das war wirklich nur ein Anschluss, wo eine gesellschaft-liche Revolution nötig gewesen wäre. 

*

Doch Bundestagswahlen werden seither im Osten gewonnen oder verloren, und unter dem Motto Der Ossi darf nicht verletzt werden gab es keinen, der ihnen eine solche zuzumuten wagte. An dem Ergebnis werden wir noch lange zu tragen haben.

JE



 

 

 

Sonntag, 6. Juni 2021

KI kann rechnen; aber nicht denken, weil sie sich nichts vorstellen kann.

biber

aus spektrum.de, 27.05.2021 

Autor versus KI
Der bekannte Schriftsteller Daniel Kehlmann lässt sich nicht von einer künstlichen Intelligenz überwältigen.


von Michael Hedenus

 
Daniel Kehlmann
Mein Algorithmus und Ich
Verlag: Klett-Cotta, Stuttgart 2021
ISBN: 9783608984804 | Preis: 10,00 €

Bereits 1966 entwickelte der Informatiker Joseph Weizenbaum das KI-Programm ELIZA, das eine psychotherapeutische Sitzung simulierte. Der Benutzer war in der Rolle des Patienten und unterhielt sich mit dem Computer über seine Gefühle. Die Wirkung war beängstigend, denn nicht wenige Menschen hielten den Algorithmus tatsächlich für verständnisvoll. Man mag einwenden, diese Geschichte sage mehr über die Psychologie des Menschen aus als über den damaligen Stand der KI-Forschung. Doch bei der Lektüre von Daniel Kehlmanns kurzer Erzählung über seine Begegnung mit der Software CTRL drängt sich dieser Vergleich auf.

Ein Experiment mit Daniel Kehlmann

Der Staat Österreich unterhält eine eigene Vertretung im kalifornischen Silicon Valley, genannt »Open Austria«. Die Vertreter dieser Institution luden den bekannten Schriftsteller Daniel Kehlmann, der sowohl die deutsche als auch die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, zu einem Experiment ein. Seine Erfahrungen schilderte Kehlmann am 9. Februar 2021 in einem Vortrag im Rahmen der Reihe »Stuttgarter Zukunftsrede«. Das Buch »Mein Algorithmus und Ich« ist die Druckfassung seines Vortrags.

Der Name CTRL steht für »A Conditional Transformer Language Model for Controllable Generation« und war ein Forschungsprojekt des Unternehmens »salesforce«. Es handelt sich dabei um eine auf Github frei zugängliche Software, die Texte erzeugen kann – jedoch nicht als Ergebnis eines kreativen Prozesses, vielmehr setzt sie einen vorgegeben Artikel fort. Wenn man etwa den Anfang einer Erzählung eingibt, dann spinnt CTRL die Geschichte weiter. Die Idee der Österreicher war es nun, diese KI einem renommierten Schriftsteller gegenüberzu-stellen.

Es ist besonders erfreulich, dass sich Kehlmann nicht von der Technik einschüchtern ließ. Im Gegenteil: Er hat die Funktionsweise der KI genau nachvollzogen und erklärt sie in seinem Buch sehr gut. Im Grunde hat sich seit ELIZA nichts Wesentliches geändert. Zwar erstaunt der von CTRL produzierte Text auf den ersten Blick, aber er ist genauso inhaltsleer wie die von ELIZA mittels einfacher grammatischer Regeln generierten Fragen.

 
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Was wirklich neu ist, ist die gigantische Menge an Daten, mit der die Software trainiert wurde: 140 Gigabyte, was etwa einer Viertelmillion Büchern entspricht. Diese bezogen die Informa-tiker aus öffentlichen Quellen wie Wikipedia oder Reddit. Das macht das Ergebnis des Pro-gramms völlig unvorhersehbar. Kehlmann war denn auch mehr als einmal überrascht. Als er beispielsweise mit: »I was looking for an appartment. It didn't go well« begann, setzte CTRL fort: »The first thing he said to me was: ›Hey man, you have a nice ass and you're not afraid of anything.‹«

So spannend die Geschichten aber auch anfangs sein mochten, die Software war nicht in der Lage, sie über mehr als die Länge einer Buchseite weiterzuentwickeln. Trotzdem entstanden durchaus interessante Fragmente. Insbesondere fällt auf, dass sie alle eine etwas unheimlich-düstere Atmosphäre erzeugen.

Ob das Experiment nun gelungen ist oder nicht, darüber kann sich der Leser eine eigene Meinung bilden. Kehlmanns Erzählung ist jedenfalls schön zu lesen und regt dazu an, sich intensiver mit der Realität hinter dem Schlagwort KI zu befassen, als es in den meisten Feu-illetons üblich ist. Nebenbei schafft es der Autor trotz der Kürze, ein anschauliches Bild der kreativen Menschen im Silicon Valley zu zeichnen.

 

 

Freitag, 4. Juni 2021

Maaßen, Antisemit?


aus Tagesspiegel.de, 4. 6. 2021                              
Stephan Kramer, Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes

Der heutige Tagesspiegel berichtet über ein Gespräch mit Stephan Kramer, derzeit Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes und langjähriger Verteter der jüdischen Gemeinde:

... Als Co-Autor schrieb Maaßen einen Essay mit dem Titel „Aufstieg und Fall des Postnatio-nalismus“, erschienen im Magazin „Cato". Äußerlich will es konservativen Intellektuellen Lek-türe bieten, tatsächlich etabliert es sich als Blatt der Neuen Rechten.

Maaßen und sein Co-Autor haben in dem Beitrag jedenfalls eine gesteuerte Zerstörung ge-wachsener Traditionen und Nationalkulturen ausgemacht – das Ziel sei es, das Volk in eine „anonyme, atomisierte Masse“ zu verwandeln, die „leicht zu kontrollieren und zu manipulieren ist“.

Jene, die von der „Idee eines totalen Staates angezogen“ seien, die „im Namen von Gerech-tigkeit, Gleichheit oder neuerdings Ökologie eine neue Weltordnung radikal zu verwirklichen hoffen“, würden nun die „Abschaffung“ der Freiheit verfolgen.

Aber sie würden „heute nicht als Feinde unserer Gesellschaftsordnung erkannt; schließlich sind sie Geisteswissenschaftler, Journalisten, Berufspolitiker, EU- und UN-Bürokraten, Befür-worter der ökonomischen Globalisierung sowie Manager multinationaler Konzerne und deren Dienstleister“.

Maaßen sieht hinter dem Komplott zwei Akteure

Sie alle - so schreibt Maaßen - verbinde „eine tiefe Verachtung für normale, regional verwur-zelte Menschen sowie für deren Traditionen und Lebensstile, die sie, wie etwa die Jagd oder den Verzehr von Fleisch, lächerlich zu machen oder sogar zu verbieten versuchen“.

Maaßen sieht hinter dem Komplott zwei Akteure – und ihre „mehr oder weniger offene Ver-schmelzung“. Nämlich die „vormals sozialistischen Linken mit dem Wirtschaftsliberalismus“. Und weiter heißt es in dem Beitrag: „Diese Ideologie bildet eine Projektionsfläche für die po-litischen Erlösungshoffnungen linker Denker, während Wirtschaftsglobalisten sie als Rechtfer-tigung ansehen, globales Eigentum und globale Profite zunehmend auf einige tausend Fami-lien zu konzentrieren, die sich daranmachen, bald alles zu besitzen.“ 

Der Thüringer Verfassungsschutzchef sieht darin klare antisemitische Muster: „Globalisten ist ein rechtsextremer Code, darin sind sich unter anderem die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Bundeszentrale für politische Bildung einig", sagte Kramer.

Verschwörungsideologischen Begriff der „neuen Weltordnung“

Außerdem verwende Maaßen den verschwörungsideologischen Begriff der „neuen Weltord-nung“. Dabei gehe es um die Vorstellung einer totalitären globalen Regierung einer interna-tionalen Elite, die die Menschheit versklavt und aussaugt. „Es grüßen die Protokolle der Wei-sen von Zion“, sagte Kramer.

Auch der Rechtsextremismusforscher Matthias Quent kommt zu dem Schluss, dass sich Maaßen in dem Magazin-Beitrag in der ideengeschichtlichen Tradition antisemitischer Welt-bilder bewegt. Der „taz“ sagte Quent: „Das ist die Erzählung von wurzellosen, in der Diaspora lebenden jüdischen Kräften, die angeblich sowohl hinter dem Kapitalismus als auch hinter dem Bolschewismus stecken und für die Auflösung von Volk und Nation verantwortlich sei-en.“

Soviel über den Bericht im Tagesspiegel.

Was der Thüringer Verfassungsschützer aus diesem einen Artikel Maaßens herausliest, in ein klassisches völkisch-reaktionäres Weltbild, kokettierend mit traditionalistischen und organizistischen Staatsvorstellungen. Es ist eine ferne Botschaft aus dem vordemo-kratischen Traum von der heilen Welt und ihrer bewährten Ordnung. Sollte er ihm ganz ohne Hintergedanken aus der Feder geflossen sein, wäre es umso dringlicher, es ihm unter die Nase zu reiben. Dass er mit solchen Vorstellungen jahrelang der oberste Schützer unserer Verfassung war, jagt mir noch nachträglich einen Schreck ein.

Es macht aber einen Unterschied, ob er zusammenfassend abschließt: Und hinter dem allen stecken Juden, oder ob er das nicht tut. Einen noch größeren Unterschied würde es machen, wenn er es nicht tut, weil er es nicht meint. Und wenn er es nur aus takti-schen Gründen verschwiege, so dürfte man es zwar vermuten, aber man dürfte es ihm nicht öffentlich unterstellen. Oder richtiger gesagt - dürfen im strafrechtlichen Sinne dürfte man schon, aber in einem politischen Sinn müsste man sagen: Das ist der Stil von Demagogen, deren Absicht es ist, den Rechtsstaat zu unterminieren. Das darf man nicht nur, das muss man sogar sagen. (Verstehen Sie's nicht falsch: Ich meine den Artikel im Tagesspiegel)

Dass ich außerdem meine, die CDU sollte Leute wie Maaßen rausschmeißen, um ein deutliches Zeichen zu setzen, steht auf einem ganz andern Blatt. Das, was er wirklich sagt und tut, führt die CDU in ein tiefes schwarzes Loch, wenn man ihn lässt. 

JE



Mittwoch, 2. Juni 2021

Expertise vs. Beratungsresistenz.

Mentor und Telemach

aus spektrum.de, 1. 6. 2021

»Der Schlüssel ist Dissens in der Gruppe«
Nicht nur in der Politik werden Expertenmeinungen einfach ignoriert. Warum? Welche Rolle spielt dabei die Gruppe? Und was hilft bei Beratungsresistenz? Antworten gibt der Psychologe Thomas Schultze-Gerlach von der Universität Göttingen im Interview.


von Christiane Gelitz

»Beratungsresistenz ist ein höchst stabiler Befund, man findet sie in allen Ländern, in denen man Studien dazu durchgeführt hat«, sagt der Psychologe Thomas Schultze-Gerlach. Seine Forschung an der Universität Göttingen zeigt: Mehr noch als Einzelpersonen tendieren Gruppen dazu, Rat weniger zu beherzigen, weil sie von ihrem gemeinsamen Urteil überzeugter sind – unabhängig davon, ob sie tatsächlich besser Bescheid wissen. Gemeinsam mit Kollegen stellte der Psychologe fest: Selbst wenn sie nur zu zweit sind, befolgen Menschen Rat von Dritten seltener als allein. Im Interview erklärt er, was hinter der Beratungsresistenz steckt.

»Spektrum.de«: Angenommen, eine Gruppe von Politikern lässt sich von Fachleuten beraten, wie eine schwierige Lage am besten zu meistern ist. Was kann bei einer solchen Beratung schiefgehen?

Thomas Schultze-Gerlach: Die Frage ist erst mal, welche Interessen neben der eigentlichen Lösungssuche noch im Spiel sind, etwa von Interessengruppen, die gar nicht mit am Tisch sitzen. Doch nehmen wir einmal an, es geht nur um die Lösungssuche selbst. Dann müssen Politiker dennoch an die Machbarkeit denken. Für den besten Vorschlag könnte die politische Mehrheit fehlen, oder es sind unerwünschte Nebeneffekte zu erwarten. Dann wird die Idee verworfen, auch wenn sie eigentlich gut ist. Im Idealfall bekommt das Beratergremium etwaige Einschränkungen vorab mitgeteilt und kann sie bei der Lösungssuche einbeziehen. Ein kritischer Punkt ist schließlich noch, die Beschlüsse nach außen stimmig zu kommunizieren.

»Im schlimmsten Fall gibt es eine Person, die die Gruppe führt, und der Rest stimmt immer zu«

Und wenn es allein darum geht, den besten Rat überhaupt zu erkennen: Was steht dem entgegen?

Es kommt darauf an, wie die Gruppe zusammengesetzt ist. Erstens könnten Personen dabei sein, die sich für besonders schlau halten oder sich nicht gerne etwas sagen lassen. Dann wird die Gruppe als Ganzes ebenfalls weniger empfänglich sein für Ratschläge. Das ist das größte Hindernis.

Das Problem hinter der Beratungsresistenz wäre dann also gar nicht die Gruppe.

Genau. Ein zweites Hindernis ist aber spezifisch für Gruppen: geteilte Fehlüberzeugungen. Stellen Sie sich vor, zehn Personen sind sich relativ einig, wie man mit einem Problem umgehen sollte. Doch diese Personen haben alle eine ähnliche Fehlinformation gelesen. So entsteht ein falsches Sicherheitsgefühl. Der Konsens ist weniger wert, als wenn sie sich auf verschiedene Informationen stützen. Je mehr Personen unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis kommen, desto sicherer kann man sich sein, dass es gut ist. Die Unabhängigkeit ist auch gefährdet, wenn eine Person eine Idee äußert, die anderen das plausibel finden und gar nicht mehr selbst nachdenken. Im schlimmsten Fall gibt es eine Person, die die Gruppe führt, und der Rest stimmt immer zu.

Wie kann man das verhindern?

Indem die Führungsperson glaubhaft macht, dass Widerspruch gefragt ist. Die Gruppenforschung zeigt: Der Schlüssel zu guten Entscheidungen ist Dissens in der Gruppe. Entweder stellt man die Gruppe gezielt aus Personen zusammen, die unterschiedliche Sichtweisen haben. Oder man erklärt jemanden zum »Advocatus Diaboli«, zum Anwalt des Teufels. Er muss die Ideen kritisch auseinandernehmen, also eine Gegenposition übernehmen. Dann ist ein Machtgefälle in der Gruppe gar kein Problem.

Wird das in der Praxis angewendet?

Ja, das ist eine verbreitete Technik, um Gruppendenken vorzubeugen. Der Begriff kommt aus der katholischen Kirche: Wenn die Kurie jemanden heiligsprechen wollte, wurde einer der ihren zum »Advocatus Diaboli« auserkoren und musste die Gegenrede führen.

Die Rolle von Konsens in der Gruppe

Ist sich eine Gruppe schon vorher einig, lässt sie sich von einem anders lautenden Rat weniger beeinflussen als eine Einzelperson. Das schließen Thomas Schultze-Gerlach und seine Kollegen Stefan Schulz-Hardt und Andreas Mojzisch aus Experimenten mit 300 Zweiergruppen und knapp 200 Einzelpersonen. Die Psychologen hatten ihnen Fragen zum Allgemeinwissen gestellt, etwa nach der Einwohnerzahl von Hamburg. Waren sich die Teammitglieder zunächst uneins, berücksichtigten sie den Rat hingegen stärker als Einzelpersonen.


Kommt es auch auf die Größe der Gruppe an?

Ja. Wir beobachten, dass schon zwei Personen denselben Rat weniger stark berücksichtigen als eine Einzelperson. Und wenn wir die Gruppen größer machen, dann sinkt der Einfluss weiter. Die größte Gruppe, die wir bisher untersucht haben, umfasste allerdings sechs Personen. Bei 10, 50, 100 Personen könnte es also irgendwo eine Grenze geben, wo der Einfluss nicht weiter sinkt.

Könnte man mit einer ebenso großen Gruppe an Ratgebern ein Gegengewicht bilden?

Das wissen wir nicht. In unseren eigenen Studien haben wir keinen Unterschied gefunden, wenn der Rat von zwei Personen statt von einer kam. Das kann jedoch auch daran liegen, dass der Versuchsaufbau die Zahl der Ratgeber nicht sonderlich betonte. Eine Arbeit von Albert Mannes zeigte, dass die Menge der Ratgeber einen Einfluss hatte. Das halte ich auch für wahrscheinlich und plausibel, unter anderem aus Erfahrungen mit Online-Rezensionen: Wir finden es überzeugender, wenn 1000 Leute ein Produkt gut bewerten, als wenn es nur wenige tun.

Ganz allgemein betrachtet: Was hat in Laborexperimenten den größten Einfluss darauf, ob wir Rat annehmen?

Es gibt zwei ähnlich starke Faktoren: für wie gut hält man das eigene Urteil und für wie gut den Rat. Wenn ich sicher bin, dass ich Recht habe, nimmt der Einfluss des Rats ab; bin ich mir unsicher, nimmt er zu. Und wenn ich überzeugt bin, dass der Rat nicht besonders gut ist, ignoriere ich ihn eher; halte ich ihn für gut, werde ich mich anpassen. Das ist ein vernünftiges Verhalten.

»Problematisch wird es dann, wenn ich entweder den Rat oder mein eigenes Urteil falsch einschätze«

Und trotzdem nutzen wir Rat nicht immer so, wie es vernünftig wäre?

Problematisch wird es dann, wenn ich entweder den Rat oder mein eigenes Urteil falsch einschätze. Die meisten Personen halten sich im Vergleich zum Durchschnitt für etwas kompetenter. Dann ergibt es für sie subjektiv Sinn, einen Rat nicht so stark zu nutzen, auch wenn sie eigentlich davon profitieren könnten. Diese Beratungsresistenz ist ein höchst stabiler Befund, man findet sie in allen Ländern.

Menschen zeigen sich also deshalb beratungsresistent, weil sie ihre Meinung fälschlicherweise für besser halten als den Rat, den sie bekommen? Oder gibt es noch andere Gründe?<

Die Forschung beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Beratungsresistenz, aber es ist noch immer nicht klar, was da alles hineinspielt. Wir prüfen gerade die Arbeitshypothese, dass es auch um das Bedürfnis nach Autonomie geht. Vor allem, wenn ich einen Rat bekomme, den ich nicht aktiv eingeholt habe. Dann reagiere ich abwehrend und ignoriere ihn oder berücksichtige ihn nur so wenig, dass ich mir sagen kann, die Entscheidung unterm Strich doch selbst getroffen zu haben. Oder ich erkenne an, dass der Rat eigentlich gut ist, sage aber, dass ich meine eigenen Fehler machen will.

Wie können Berater dafür sorgen, dass sie trotz allem gehört werden?

Es gibt drei gesicherte Strategien und eine Hypothese. Die erste: Interessenkonflikte offenlegen. Dazu gibt es Studien von meiner Kollegin Sunita Sah von der University of Cambridge. Sie hat gezeigt: Wenn der Berater selbst sagt, dass auch er von seinem Rat profitiert, gewichten die Entscheidungsträger den Rat höher und nicht etwa geringer, wie es angemessen wäre. Bekommt ein Versicherungsberater für höhere Beträge mehr Provision, dann sollte man weniger investieren, als er empfiehlt.

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Und die anderen Strategien?

Die zweite ist, den Rat im Brustton der Überzeugung vorzutragen, denn das wird als Hinweis auf Kompetenz bewertet. Lyn Van Swol von der University of Wisconsin-Madison und Bahador Bahrami von der LMU München haben das unabhängig voneinander nachgewiesen. Die dritte Strategie: sehr präzise Ratschläge zu erteilen, zum Beispiel monatlich 102,73 Euro zu investieren. David Loschelder von der Universität Lüneburg und ich haben das in einer Studie getestet: Die Präzision erweckt den Eindruck, dass der Rat besser ist – da scheint jemand so gut zu sein oder sich so viele Gedanken gemacht zu haben, dass er die Zahl präzise berechnen kann. Und eine weitere Strategie leitet sich aus der Hypothese des bedrohten Autonomiegefühls ab. Ich würde davon ausgehen, dass Rat besser ankommt, wenn mindestens zwei Optionen zur Wahl stehen. Auch wenn eine davon bewusst schlechter ist, entsteht das Gefühl, eine eigene Wahl treffen zu können.

Welche Rolle spielt dabei die Person des Ratgebers selbst?

Expertise und Vertrauenswürdigkeit – also gute Absichten – sind die wichtigsten Faktoren. Man sucht außerdem häufiger Rat bei Mitgliedern der eigenen Gruppe. Zumindest im Labor hat es aber keinen Einfluss, ob ein Rat von einer Person der eigenen oder einer fremden Gruppe kommt. Allerdings wird die Gruppenzugehörigkeit sehr einfach hergestellt, etwa über vermeintliche gemeinsame Vorlieben. In der Realität dürfte das anders aussehen, man stelle sich einmal vor, Grünen-Wählern einen Ratschlag von AFD-Wählern vorzulegen.

»Man muss sich die passenden Ratgeber aussuchen: Personen, die einem Gutes wollen, aber eine ganz andere Sicht auf die Welt haben«

Woraus kann man schließen, ob ein Rat gut ist?

Valide Hinweise sind so etwas wie Berufserfahrung, Reputation oder vergangene Leistungen der Ratgeber. Doch auch ohne solche Anhaltspunkte können wir die Qualität von Rat grob einschätzen. Man kann zwar nicht zwischen sehr gutem, gutem und mittelgutem Rat unterscheiden. Aber einen sehr schlechten Rat erkennt man auch ohne Expertise, in der Regel daran, dass er sehr unplausibel ist. Was man nicht als Qualitätsmerkmal ansehen sollte, sind die Kosten. Wenn man den Ratgeber bezahlt, folgt man seinem Rat öfter, nach dem Motto: Was teuer ist, muss gut sein. Das trifft allerdings nicht immer zu.

Wie kann man denn dann dafür sorgen, dass man guten Rat bekommt?

Man muss sich die passenden Ratgeber aussuchen: Personen, die einem Gutes wollen, aber eine ganz andere Sicht auf die Welt haben. Vorher sollte man sich fragen, was ein Rat überhaupt leisten soll: die bestmögliche Entscheidung liefern? Oder soll er mir die Unsicherheit nehmen, wenn ich bereits eine Idee habe, wie ich mich entscheiden will? Dann frage ich besser Leute, die mir ähnlich sind, deren Meinung also gar nicht unabhängig ist von meiner und die vielleicht dieselben Urteilsfehler machen. Mit großer Wahrscheinlichkeit sagen sie, dass sie es genauso machen würden. Dann kann ich gut schlafen, und ob es eine andere Variante gibt, mit der ich besser gefahren wäre, werde ich in den meisten Fällen nie erfahren.


Ratgeben ist eine Kunst – Rat zu suchen und anzunehmen ebenfalls. Was guten Rat ausmacht und wann er auch beherzigt wird, lesen Sie in dieser dreiteiligen Serie auf »Spektrum.de«.



Das kommt auf die Art der Entscheidung an. Bei Geldanlagen etwa will man doch keinen unkritischen Ratgeber, sonst ist am Ende das Geld weg.

Genau, da gibt es hartes Feedback. In so einer Situation brauche ich jemanden, der mir wohlgesinnt ist und der über andere Informationen verfügt als ich selbst, um eine unabhängige Meinung zu bekommen und eigene Urteilsfehler auszugleichen. Aber das ist leichter gesagt als getan, denn dafür müsste ich die Urteilsfehler kennen, und das ist meist nicht der Fall. Gerade unsere eigenen Urteilsfehler können wir schwer erkennen.
 
Am einfachsten wäre es, ganz viele Leute zu fragen.

Man spricht hier von »wisdom of the crowd«, der Weisheit der Vielen. In den meisten Fällen ist das Ergebnis gut, etwa bei Fragen wie der, wie viele Kilometer ein Ort von einem anderen entfernt ist. Doch bei manchen Fragen teilen die Leute eine Fehlüberzeugung. Dann gewinnt man womöglich nichts, allerdings verliert man auch nichts. Es gibt Arbeiten, die zeigen, dass Rat von drei bis sechs Personen genügt, um das Potenzial auszuschöpfen. Mehr als sechs bringen demnach nicht so viel zusätzlich, dass sich der Mehraufwand lohnen würde.

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Unterscheiden sich Männer und Frauen darin, wie sie mit Rat umgehen?

Wir finden nur selten Unterschiede. Und wenn, dann gibt es eine einfache Erklärung. Zum Beispiel waren Männer beratungsresistenter, wenn sie Distanzen schätzen sollten. Sie waren sich in ihrem Urteil sicherer als Frauen – ihre Urteile waren aber gar nicht besser. Geht es um Kalorien in Nahrungsmitteln, sind Frauen beratungsresistenter. Dahinter stecken Geschlechtsstereotype. Außerhalb vom Labor, vor allem im Beruf, können die Geschlechterunterschiede jedoch größer ausfallen. Männer werden für Nachgiebigkeit bestraft, Frauen für forsches Auftreten. Also kann es sein, dass Frauen, die so wenig Rat annehmen wie ihre männlichen Kollegen, als beratungsresistenter wahrgenommen werden. Dazu kenne ich aber keine Forschung.

Woran forschen Sie selbst derzeit?

Wir untersuchen, wie sich unterschiedlich große Gruppen an Ratschlägen orientieren. Sofern wir die Drittmittel dafür bekommen, wollen wir das ausweiten auf die Frage, welche Rolle die Gruppengröße der Ratgeber dabei spielt. Ein weiterer Fokus soll künftig auf so genannten normativen Einflüssen liegen, also wann wir einem Rat folgen, um jemandem zu gefallen oder ihn nicht zu verärgern. Im wahren Leben kann das einen starken Einfluss haben, aber auch im Labor nutzen Versuchspersonen Ratschläge mehr, wenn sie wissen, dass der Ratgeber davon erfährt. Das ist vernünftig, denn Menschen reagieren sehr verschnupft, wenn man ihre Ratschläge regelmäßig ignoriert. Deshalb sollte man einen Rat auch mal nutzen, wenn er nicht so gut erscheint – sonst steht diese soziale Ressource womöglich bald nicht mehr zur Verfügung.

Verhalten wir uns auch so, wenn der Rat von jemandem kommt, den wir vermutlich nie wiedersehen werden?

Ja, die soziale Komponente hat selbst unter Fremden großen Einfluss. Als ich im Ausland mal nach dem Weg gefragt habe, schickte die Person mich in eine Richtung, die ganz sicher falsch war. Ich habe gewartet, bis die Person weg war, erst dann bin ich woanders lang.

»Alles, was der eigenen Meinung widerspricht, wird auf Herz und Nieren geprüft, und alles, was ihr entspricht, wird unkritisch für gut befunden«

Hat Ihre Forschung Ihr eigenes Verhalten verändert?

Ich glaube schon. Ich versuche, anderen Meinungen toleranter zu begegnen. Wenn man eine Idee hat und die gut findet und jemand anders sieht das nicht so, dann geht man normalerweise in eine Abwehrhaltung. Alles, was der eigenen Meinung widerspricht, wird auf Herz und Nieren geprüft, und alles, was ihr entspricht, wird unkritisch für gut befunden. Wir nennen das präferenzkonsistente Informationsbewertung. Ich habe mir deshalb antrainiert, mehr zuzuhören. Wie gut mir das tatsächlich gelingt, sollten aber besser andere Leute beurteilen.

In welchen Fragen entscheiden Sie lieber allein?

In Geschmacksfragen, also zum Beispiel, welche Bücher ich lese. In manchen Dingen braucht ma

 

Nota. - Sie können es kaum übersehen haben: Das ist ein Kommentar zum gestrigen Eintrag.

Nota für Leute, die viele lesen: Wenn irgendwo umgehen geschrieben steht, probieren Sie mal aus, ob stattdessen denken, meinen, dafürhalten, urteilen oder ganz allgemein handeln eben-sogut oder besser passen würde. Und wenn ja, schauen Sie nach, ob es ein Autor oder eine Autorin geschrieben hat. Wenn letzteres, fragen Sie sich, ob es stimmt, dass Männer lieber über Sachen und Frauen lieber über Beziehungen reden.

JE

 

Dienstag, 1. Juni 2021

Die expertokratische Involution.

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Alexander Bogner
Die Epistemisierung des Politischen
Verlag: Reclam, Ditzingen 2021
ISBN: 9783150140833 | Preis: 6,00 € 
 

aus spektrum.de, 25.05.2021 

Experten - eine Gefahr für die Demokratie?
Wie die politische Nähe zur Wissenschaft die Demokratie verändert.


von Josef König

Virologen und Epidemiologen bestimmten die öffentliche Diskussion zu Beginn der Corona-Pandemie. Rasch drangen Begriffe wie Reproduktionszahl, Inzidenz, Herdenimmunität, PCR-Test in den Alltag ein. Die Politik zeigt sich bis in die Gegenwart als »alternativlos«, so das Mantra von Kanzlerin Merkel. Sie folgte lange fast blind dem Rat weniger Wissenschaftler und Experten, die kurz darauf auch als Helden der Öffentlichkeit die Medien dominierten. Inzwi-schen ist die Auseinandersetzung deutlich breiter, sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch zwischen ihren Hauptakteuren, den Politikern, Journalisten und der breiten Öffentlichkeit.

Probleme anderen Ursprungs

Den Einfluss und die Auswirkungen von zunehmender Expertise auf die Politik analysiert der Wiener Soziologe Alexander Bogner in seinem Buch »Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet«. Seine Ausgangsthese: In einer Gesell-schaft, in der »Kalkül, Wissen und Expertisen« in den Vordergrund rücken, könne »das Ver-trauen in die Macht des Wissens selbst demokratiepolitisch zweifelhafte Folgen« haben. So würden viele »politische Krisen und Konflikte primär als ›epistemische‹ Probleme verstanden«, obwohl sie einen anderen Ursprung haben.

Die epistemischen Konflikte verlagern sich zunehmend zwischen Experten, Gegenexperten und Laienexperten, so Bogner. Tatsächlich seien es aber häufig versteckte Werte, die mitein-ander in Konflikt geraten, während sich die Beteiligten nur auf Wissen fokussieren. Dadurch tritt ein epistemischer Populismus auf die große Bühne, der Impf- und Klimawandelleugner in den Vordergrund schwappen lässt: Aus Pippi Langstrumpfs kindlichem Kredo »Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt« werden Donald Trumps Fakten.

Spektrum Kompakt:  Verschwörungsmythen – Wenn Fakten geleugnet werden
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Bogner analysiert soziologisch die Mechanismen hinter derartigen Konflikten an Beispielen der Coronakrise, des Klimastreits, der Impfkontroverse oder der Kriminalitätsdebatte. Er diskutiert dabei Aspekte der liberalen Demokratie und der in ihr beschworenen Gefahr der »Diktatur der Dummen«. Er rekapituliert die Idee Platons von einer Regierung von Philoso-phen, behandelt spannende Fragen, etwa ob »mehr Demokratie wagen« in Politik und Wis-senschaft der richtige Weg sei. Er zeigt, dass Forderungen von den Philosophen Paul Feyer-abend (»Wider den Methodenzwang«) und Bruno Latour (»Dinge zum Sprechen« bringen) einen zutiefst anarchischen Freiheitsbegriff zur Grundlage haben.

In der Folge differenziert er zwischen Experten, die »im Labor forschen und das Wissen vorantreiben«, und Intellektuellen, die dieses Wissen in der Öffentlichkeit verbreiten. Nach Bogner sind Intellektuelle aus der Krise der Experten geboren. Das zeigt Bogner insbesondere am Beispiel der Dreyfuss-Affäre im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts, als der Schrift-steller Emile Zola besagten Justizskandal in seinem Essay »J'accuse« auf den Punkt brachte, nachdem die »Experten öffentlichkeitswirksam vorgeführt hatten, dass sie mit ihrem Latein am Ende sind …«. Heute habe man inzwischen in »der Universität nicht länger mit Intellek-tuellen zu tun, sondern mit ängstlichen, jargonbesessenen Karrieristen, die von Leistungsver-einbarungen gequält und von Evaluationsgremien vor sich her getrieben werden«.

Die Konsequenz ist nach Bogner, dass aus einer »fortschreitenden Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft« die »Wiederverrätselung der Welt durch die Komplexitätssteigerung« erfolgt. In dieses Feld stießen Populisten, die im schmalen Grat zwischen »Wissenschaftsleug-nung im Dienst der Komplexitätsreduktion und handfester Verschwörungstheorie« agierten.

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Die Lösung könne nur aus der Einsicht folgen, »dass Politik und Wissenschaft voneinander getrennte Sphären sind: So wenig sich wissenschaftliche Wahrheit nach der Mehrheitsmeinung richtet, so wenig ist die Aufgabe von Politik, die Wahrheit zu vollstrecken.«

Bogners Studie ist sprachlich klar und verständlich geschrieben. Die Argumentation ist offen, kritisch und gut nachvollziehbar. Und dennoch gibt es Leerstellen, die womöglich der knappen Seitenzahl der Reihe »Was bedeutet das alles?« des Reclam-Verlags geschuldet ist. So postuliert Bogner »Wahrheit« als eine Leitidee der Wissenschaft, ohne zu diskutieren, dass dies nicht für alle Disziplinen gleichermaßen gelten kann. Daher fehlt im Buch zum Beispiel eine Diskussion über die »Sorte Wissenschaftler«, die sich zunehmend selbst als Aktivisten verstehen, denen damit die Studie freien Lauf zur politischen Einflussnahme bietet. Zudem wünscht man sich eine soziologische Diskussion darüber, wie und wo sich die Grenzen zwischen Wissenschaft-lern und Politikern verwischen, ebenso einen Beitrag, welchen Einfluss politisch motivierte Gutachten und Projekte sowie der durch sie vorangetriebene Geldfluss auf die Wissenschaft haben. Dennoch ist die Lektüre des Buchs uneingeschränkt zu empfehlen.

 

Nota. - Der Aufschwung der Wissenschaften im siebzehnten Jahrhundert war das politische Ereignis par excellence, schrieb ich gelegentlich. Denn sie machten den freiheitlich Rechtsstaat und die Demokratie möglich.

Die Rechtfertigung der Vernunft ist nicht, dass sie als Herrschaftsform die Demokratie gebie-tet, sondern umgekehrt rechtfertigt die Demokratie, dass sie die Herrschaftsform ist, die am wenigsten der Vernunft widerspricht.

Ob aber Herrschaft der Vernunft Herrschaft der Wissenschaftler oder auch nur der Wissen-schaft bedeutet, ist eine Frage für sich. Der Wissenschaftler richtet seine Aufmerksamkeit - methodisch gesagt: seine ganze Aufmerksamkeit - auf das Phänomen, das er untersucht. Die Ergebnisse, zu denen er gelangt, betreffen dieses Phänomen und nichts anderes: Das ist es, was ihn als Wissenschaftler von anderen Zeitgenossen unterscheidet. Zum Beispiel von machthabenden Politikern. 

Dass es wissenschaftlichen Disziplinen gibt, die von vornherein mehrere Wirklichkeitsbereiche ins Auge fassen - zum Beispiel der Epidemiologe, der Medizin und Soziologie zugleich be-trachtet -, kompliziert die Sache, macht aber wesentlich keinen Unterschied. Wesentlich ist dagegen der Unterschied der Politik. Die hat von Anfang an einen ihr eigenen Gegenstand: das gesellschaftliche Ganze. Das ist der höchstmögliche Gesichtspunkt, und von ihm aus blickt sie auf alle Spezifikationen herab, während ein Einzelwissenschaftler - und sei es eine interdisziplinäre Einzelwissenschaft -, sobald er zum Ganzen aufsteigt, immer nur Einzelne zu Einzelnen addieren kann. 

Sagen sie nun nicht, ich rede nur vom Idealpolitiker, der in der Wirklichkeit nicht vorkommt. Der Idealwissenschaftler kommt in der Wirklichkeit auch nur hin und wieder vor - sie sind ja auch viel zahlreicher als die Machthabenden. Ein Idealzustand lässt sich in diesen Breiten in-stitutionell gar nicht herstellen. Es kann immer nur prozessierende Emendationen geben, und da wir von demokratischen Rechtsstaaten reden, kann dieser Prozess nur Öffentlichkeit hei-ßen. Die Öffentlichkeit muss darauf achten, dass jeder Protagonist seine Rolle 'möglichst gut' spielt. Das ist banal, aber genauso ist es.

Nicht banal, sondern Quell aller erdenklichen Komplikationen, ist die moderne Gegebenheit, dass unter den Bedingungen sich im Eiltempo ausweitender Kommunikaationsmittel die große Masse derer an den öffentlichen Verhandlungen beteiligt, die weder Wissenschaftler noch im institutionellen Sinne Politiker sind. Und auf allen erdenklichen Ebenen über alle erdenklichen Kanäle.

Das ist nun im Alltag unendlich viel umständlicher als früher. Doch so viel Wörter man auch darüber sagen kann - am Grunde ist es dann doch kein bisschen weniger banal: Es sollte eben jeder sein Bestes beitragen. Institutionell vorsorgen kann man da nichts. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

JE