Sonntag, 23. Juni 2019

Mehr als eine zweite Renaissance.

Botticelli
aus getabstract

Rezension

Ian Goldin und Chris Kutarna
Die zweite Renaissance
Warum die Menschheit vor dem Wendepunkt steht
FinanzBuch,

Die beiden Ox­ford-Ge­lehr­ten Ian Goldin und Chris Kutarna glauben, dass wir in Europa um das Jahr 1990 her- um in eine zweite Renaissance eingetreten sind – eine Periode großer Blüte, vieler Mög­lich­kei­ten, aber auch Risiken. Sie ziehen Parallelen zu der Zeit von 1450 bis 1550 und erweitern mit dem Blick in die Geschichte unser Verständnis der Gegenwart. Dazu fächern sie ein breites Spektrum an Themen auf und verknüpfen sie miteinander: von Seefahrt, Ent­de­ckun­gen und Buchdruck bis Internet, Welthandel und Na­no­tech­no­lo­gie. Diese Ge­gen­über­stel­lung ist spannend zu lesen und bietet sehr erhellende Schluss­fol­ge­run­gen. getAbstract meint: Ein Werk für alle, die durch einen Blick in die Geschichte eine klarere Sicht auf Gegenwart und Zukunft bekommen möchten.
  • In der Renaissance (etwa von 1450 bis 1550) pros­pe­rier­te Europa.
  • Damals vernetzten sich die Menschen. Der Ideenstrom nahm zu, die Anzahl gebildeter Menschen stieg, und es gab Anreize, wagemutig Neues aus­zu­pro­bie­ren.
  • Viele Einzelne brachten in einer Art kollektiver Genialität die Ge­sell­schaft voran.
  • Das Zeitalter befähigte Individuen, her­aus­ra­gen­de Werke zu schaffen, die mit herr­schen­den Paradigmen brachen.
  • Unsere Gegenwart weist ähnlich ver­hei­ßungs­vol­le Merkmale auf, die darauf hindeuten, dass Paradigmen hinterfragt und Grenzen über­schrit­ten werden können.
  • Grenzen der Sprache und der Da­ten­ana­ly­se gilt es zu überwinden.
  • Die immer engere weltweite Verknüpfung, ihre Komplexität und ihre Kon­zen­tra­ti­on, birgt jedoch auch systemische Gefahren.
  • Komplexität erschwert es, Kau­sa­li­tä­ten und Risiken zu erkennen.
  • Die Kon­zen­tra­ti­on auf attraktive Ver­bin­dungs­punk­te belastet die dortige In­fra­struk­tur und Ressourcen.
  • Jeder Einzelne kann dazu beitragen, dass sich die Ver­hei­ßun­gen der zweiten Renaissance erfüllen und die Gefahren gemindert werden.

Zusammenfassung 
Die Renaissance: Zeit der Prosperität

Im Zeitalter der Renaissance, etwa zwischen 1450 und 1550, rückte die Welt enger zusammen: Seefahrer stießen auf neuen Routen in bislang unbekannte Gebiete vor und berichteten davon. Neue Schiffe, Instrumente und Techniken er­leich­ter­ten ihnen die Navigation. Und das erlaubte wiederum Gerhard Mercator, die Karte der Welt in einer nie dagewesenen Exaktheit zu zeichnen. Der Handel mit anderen Welt­re­gio­nen wuchs an Größe und Vielfalt, auch weil sich das Finanzwesen wandelte. Die Menschen reisten mehr, und in der Hoffnung auf ver­läss­li­che­res Einkommen und Schutz migrierten sie vermehrt in die Städte. Frieden, das Abebben der Pestwelle und zunehmender Wohlstand trugen zur steigenden Le­bens­er­war­tung bei. Die Menschen wandten sich von der Vorstellung ab, dass ihr Schicksal gottgegeben sei: Sie begannen, es selbst in die Hand zu nehmen.
„Aus Unkenntnis der großen Richtung lassen wir uns von un­mit­tel­ba­ren Krisen und den Ängsten, die sie auslösen, bedrängen, um nicht zu sagen, ty­ran­ni­sie­ren.“
Diese Prosperität bildete die Basis für her­aus­ra­gen­de Er­run­gen­schaf­ten in Kunst, Wis­sen­schaft und Philosophie, die häufig mit bis dahin gültigen Paradigmen brachen. Einige Beispiele: Die Künstler Leonardo da Vinci und Mi­che­lan­ge­lo erschufen bleibende Werke voller Ori­gi­na­li­tät. Zuvor waren Künstler eher darauf bedacht gewesen, religiöse Geschichten zu verbreiten, als darauf, etwas neu zu in­ter­pre­tie­ren. Der Astronom Kopernikus re­vo­lu­tio­nier­te unsere Vorstellung vom Kosmos. Der Mediziner und Theologe Servetus deutete das Herz um, vom Sitz der Seele zu einem bloßen Muskel. Damit ermöglichte die Anatomie ein neues, nicht mehr spi­ri­tu­el­les Verständnis des Körpers. Der Philosoph Machiavelli begründete mit seiner Abhandlung Der Fürst unter anderem die modernen Po­li­tik­wis­sen­schaf­ten. Gutenbergs Erfindung der Dru­cker­pres­se machte Bildung einer breiteren Öf­fent­lich­keit zugänglich.

Genialität bei Individuen und im Kollektiv

Teilweise können besondere kreative Leistungen Individuen zu­ge­schrie­ben werden, die sich stark auf ein Thema oder Fachgebiet fokussieren. Manche dieser Durchbrüche wären aber ohne eine kollektive Genialität nicht zustande gekommen: Viele Menschen arbeiteten mit ihren un­ter­schied­li­chen Fähigkeiten am selben Problem und trugen durch originelle Ideen zu dessen Lösung bei. So stützten sich die her­aus­ra­gen­den Per­sön­lich­kei­ten der Renaissance auf das, was ihr Zeitalter her­vor­brach­te. Es lassen sich drei wesentliche Bedingungen erkennen, die die Renaissance so fruchtbar machten:
  1. Der Ideenstrom nahm zu – an in­halt­li­cher Man­nig­fal­tig­keit, an Verbreitung und an Ge­schwin­dig­keit. Dazu trug das neue Printmedium maßgeblich bei.
  2. Ebenso stieg die Anzahl gut gebildeter und aus­ge­bil­de­ter Menschen, die sich für neue Ideen in­ter­es­sier­ten, sie diskutieren und nutzen konnten.
  3. Wagemut wurde durch private und soziale Anreize belohnt: Europäische Staaten standen miteinander im Wettbewerb, teilweise sogar im Krieg. Deshalb waren Neu­ent­de­ckun­gen, die mi­li­tä­ri­sche, wirt­schaft­li­che oder kulturelle Vorteile versprachen, besonders gefragt.
Parallelen zwischen der Renaissance und heute

Wer unsere Gegenwart aufmerksam beobachtet, der findet ähnlich günstige Umstände und Bedingungen wie in der Renaissance: Global vernetzen die Menschen sich immer mehr. Mittels der rasant ver­brei­te­ten digitalen Medien ist fast die ganze Menschheit miteinander per Stimme oder Da­ten­ver­kehr verbunden – und das zu tragbaren Kosten. Viele haben Zugang zu einer riesigen In­for­ma­ti­ons­fül­le und können an deren Gestaltung teilhaben.
„Wer die Zukunft voraussehen will, muss sich mit der Ver­gan­gen­heit be­schäf­ti­gen, denn menschliche Ereignisse ähneln stets denen vergangener Zeiten.“
Seit 1990 hat der grenz­über­schrei­ten­de Handel stark zugenommen, ebenso die Diversität der Waren, Güter und Beziehungen. Auch sind die in­ter­na­tio­na­len Fi­nanz­strö­me bis zur Krise 2007/2008 stark angestiegen. Dann sanken sie, allerdings noch immer auf ein höheres Niveau als 1990. Die weltweiten Pas­sa­gier­auf­kom­men auf Flughäfen und die Anzahl der Über­nach­tun­gen in Gäs­te­un­ter­künf­ten wuchsen zwischen 1990 und 2014 deutlich. Ebenso hält der Zuzug in Städte an. Seit 2008 leben mehr als 50 Prozent der Welt­be­völ­ke­rung in Städten.
„Eine Renaissance ist ein Wettkampf um die Zukunft in einem Moment, in dem au­ßer­or­dent­lich viel auf dem Spiel steht.“
Gemessen am Stand von 1990 sind die Armuts- und die An­alpha­be­ten­ra­ten weltweit zu­rück­ge­gan­gen. Die durch­schnitt­li­che Le­bens­er­war­tung ist im letzten halben Jahrhundert stärker gestiegen als in den 1000 Jahren davor. Krankheiten können viel effektiver bekämpft werden als früher. Computer und Internet haben die Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on und die Mög­lich­kei­ten der Kooperation verbilligt und glo­ba­li­siert. Die Re­chen­leis­tung nimmt, wie von Moores Gesetz vor­her­ge­sagt, ex­po­nen­ti­ell zu. Davon profitieren viele Wis­sens­ge­bie­te, etwa Mathematik, Astronomie, Biologie, Geologie, Me­teo­ro­lo­gie oder Wirtschaft. Heute wird an Themen, Ideen und Konzepten gearbeitet, an die vor 20 Jahren noch nicht zu denken war.

Pa­ra­dig­men­wech­sel in den Na­tur­wis­sen­schaf­ten

Ähnlich wie in der Renaissance brechen Wis­sen­schaft­ler heute auf etlichen Gebieten mit Paradigmen. Beispiele aus den Na­tur­wis­sen­schaf­ten belegen dies. In der Medizin hat die Kombination aus Me­di­ka­men­ten, Chirurgie und präventiver Aufklärung in den letzten Jahrzehnten Hei­lungs­chan­cen verbessert und Krankheiten verhindert. Sie arbeitet auch daran, die natürlichen Grenzen des Alters und der Gene zu verschieben oder gar aufzuheben. So fanden die Mediziner heraus, dass die DNA nicht allein – wie ur­sprüng­lich angenommen – den Organismus bestimmt. Auch die Epigenetik (nicht in der DNA kodierte Erb­in­for­ma­tio­nen) spielt eine Rolle.
„Die Neu­ar­tig­keit der Welt der Renaissance reichte weit über den physischen Raum hinaus; sie erstreckte sich bis auf die Ge­dan­ken­welt.“
Andere Forscher erkunden, wie sich die DNA ver­schie­de­ner Spezies kombinieren oder wie sich ein syn­the­ti­scher Organismus entwerfen lässt. Die Macht, Leben zu erschaffen oder zu verändern, die bisher der Natur vorbehalten war, ist aufregend und gefährlich zugleich. Deshalb wird sie in einigen Ländern gesetzlich beschränkt.

Grö­ßen­be­schrän­kun­gen im Kollektiv durch­bre­chen

Nicht nur Paradigmen gilt es, zu wechseln. Auch tra­di­tio­nel­le Grö­ßen­be­schrän­kun­gen sind zu überwinden. Zum einen hindern un­ter­schied­li­che Sprachen die Menschen am ge­gen­sei­ti­gen Verständnis. Nur etwa 25 Prozent der Welt­be­völ­ke­rung verstehen die am weitesten verbreitete Sprache, Englisch. So bleiben bei­spiels­wei­se Themen, die im nich­teng­li­schen Teil des Internets diskutiert werden, vielen verborgen. Alle Inhalte zu übersetzen, würde zu viel kosten und zu lange dauern – trotz Com­pu­ter­un­ter­stüt­zung. Allerdings machen sich mitt­ler­wei­le viele Menschen daran, kleinere Teile des World Wide Web in andere Sprachen zu übertragen, so etwa Untertitel für Filme, Un­ter­richts­vi­de­os und TED Talks.
„Erst seit Kurzem wird uns klar, dass die Summe der in­di­vi­du­el­len Strategien und Ent­schei­dun­gen zur Verfolgung privater und kom­mer­zi­el­ler Ziele unsere kollektive Ver­wund­bar­keit für Scho­cker­eig­nis­se erhöht hat.“
Zum anderen wachsen die Ver­ar­bei­tungs­ka­pa­zi­tä­ten nicht mit der gleichen Ge­schwin­dig­keit wie die Daten. Wis­sen­schaft­ler kommen mitunter nicht nach, Daten auszuwerten und zu nutzen. Und Computer allein können nicht so gut wie­der­keh­ren­de Muster iden­ti­fi­zie­ren oder Wichtiges von Be­deu­tungs­lo­sem trennen wie das menschliche Gehirn. Deshalb suchen Wis­sen­schaft­ler nun Un­ter­stüt­zung bei Ama­teur­for­schern. Auf sogenannten Ci­ti­zen-Sci­ence-Web­platt­for­men können diese bei Projekten mitmachen. Beispiele sind Zooniverse für Astronomen, Chimp & Sea für Erforscher der Tierwelt Afrikas, Old Weather für die Tran­skrip­ti­on alter Schiffs­log­bü­cher, die Auskunft über Klimadaten geben, Tomnod, um illegale Fischerei zu bekämpfen, und EyeWire zur Kartierung des mensch­li­chen Gehirns.

Lässt sich Genialität quan­ti­fi­zie­ren?

Manche zweifeln daran, dass das heutige Zeitalter Genialität her­vor­bringt. Diese Skeptiker ar­gu­men­tie­ren etwa, dass eine zweite Mona Lisa das Einkommen nicht wachsen lässt. Und dass die Ar­beits­pro­duk­ti­vi­tät – also der Wert, den eine Ar­beits­stun­de produziert – trotz des technischen Fort­schritts mitt­ler­wei­le nur noch langsam zunimmt. Zudem sind einige Zu­kunfts­er­war­tun­gen der Ver­gan­gen­heit nicht Realität geworden: So fliegen, trotz des tech­no­lo­gi­schen Wandels, Autos zur allgemeinen Ent­täu­schung immer noch nicht. Mög­li­cher­wei­se haben neue Er­kennt­nis­se also nur noch in­kre­men­tel­len Nutzen; von Genialität ließe sich dann nicht mehr sprechen.
„Das Internet stellt eine ganz neue Quelle für systemische Risiken im 21. Jahrhundert dar.“
Dagegen ist erstens einzuwenden, dass sich au­ßer­ge­wöhn­li­che in­di­vi­du­el­le und kollektive Leistungen nicht immer in wirt­schaft­li­chen Zahlen fassen und messen lassen. Genialität kann mit In­no­va­tio­nen zur Wirt­schafts­ak­ti­vi­tät beitragen, sie kann aber auch in ganz anderen Dimensionen Ver­än­de­run­gen anstoßen und vor­an­trei­ben, etwa in der Gesundheit, der Kunst oder in Fragen der Ge­rech­tig­keit.
„Komplexität überfordert unsere Wahrnehmung; Kon­zen­tra­tio­nen überfordern unsere Ur­teils­fä­hig­keit.“
Zweitens wirkt sie mög­li­cher­wei­se lang­fris­ti­ger, als die Mess­kon­zep­te reichen. Drittens kann Genialität auch mittelbaren Nutzen stiften, der bei einer Messung un­be­rück­sich­tigt oder verborgen bleibt. Viertens täuscht mitunter der eigene Maßstab: So un­ter­schätz­te Robert Metcalfe, Miterfinder des Ethernets, im Jahr 1995 die zukünftige Bedeutung des Internets massiv, sagte sogar seinen Zu­sam­men­bruch für das folgende Jahr voraus. Ein weiterer Irrtum ist der Glaube, dass alle Probleme durch In­no­va­tio­nen gelöst werden können.

Gefahren und Risiken genialer Ideen

Neuerungen, die durch geniale Gedanken entstehen, können auch Gefahren mit sich bringen. In diesem Punkt haben die Skeptiker recht. In der Renaissance wurden in Europa erstmals Schuss­waf­fen eingesetzt – zunächst in Form von Kanonen, später als Hand­feu­er­waf­fen, die im Lauf der Zeit für immer breitere Ge­sell­schafts­krei­se er­schwing­lich wurden. Heute stellt Bio­ter­ro­ris­mus die größte neue Gefahr dar. Denn im Gegensatz zu Atomwaffen ist der Wir­kungs­ra­di­us von Viren räumlich nicht begrenzt. Die technischen Mög­lich­kei­ten zur syn­the­ti­schen DNA-Pro­duk­ti­on eines ge­fähr­li­chen Virus sind in ent­wi­ckel­ten Ländern vorhanden und kos­ten­güns­tig zugänglich. Die Wahr­schein­lich­keit, dass sie genutzt werden, steigt stetig. Eine weitere Gefährdung erwächst durch das Internet: Anstatt die Menschheit im positiven Sinn zu verbinden, können mit dem Internet auch kriminelle Aktivitäten besser koordiniert und Hetz­kam­pa­gnen weiter und schneller verbreitet werden als zuvor.
„Tugend, so hatte Aristoteles erklärt, ist die cha­rak­ter­li­che Qualität, so zu handeln, wie man sollte, selbst wenn das schwierig und unpopulär ist oder bestimmte Interessen stört.“
Nicht nur das Internet, auch die Finanz- und Han­dels­strö­me unterliegen der globalen Vernetzung. Doch je enger alles miteinander verknüpft ist, desto anfälliger wird ein System für Störungen. Das liegt zum einen an seiner Komplexität, die dazu führt, dass ein scheinbar un­we­sent­li­ches Ereignis an ganz anderer, un­er­war­te­ter Stelle im System Wirkungen zeigt. Kausale Zu­sam­men­hän­ge lassen sich nur schwer erkennen und Risiken deshalb kaum im Voraus abschätzen. Ein weiterer wunder Punkt komplexer Systeme ist ihre Kon­zen­tra­ti­on auf besonders attraktive Ver­bin­dungs­punk­te, an denen sich In­fra­struk­tur, Ressourcen und das soziale Miteinander kreuzen. Krankheiten wie Sars oder Ebola können sich in solchen Zentren viel schneller ausbreiten. Diese Netzknoten zu isolieren, ist im Ernstfall einerseits schwierig, an­de­rer­seits für das System insgesamt eine Belastung.

In welcher Welt wollen wir leben?

Durch die ver­schie­de­nen Neuerungen sind wir immer wieder gefordert, Ent­schei­dun­gen zu treffen über die Welt, in der wir leben wollen. Bei­spiels­wei­se sind durch die fort­schrei­ten­de Au­to­ma­ti­sie­rung viele der ge­gen­wär­ti­gen Ar­beits­plät­ze bedroht. Unklar ist, ob neue Jobs geschaffen werden oder es zukünftig viel mehr Un­ter­be­schäf­tig­te oder Arbeitslose geben wird. Ebenso unklar ist, ob die durch Au­to­ma­ti­sie­rung ent­stan­de­nen Gewinne nur wenigen zu­gu­te­kom­men oder mit den am Ar­beits­le­ben weniger beteiligten Menschen geteilt werden. Ein anderes Beispiel ist die Frage, wie unsere Ge­sell­schaft die öffentliche Sicherheit und die Pri­vat­sphä­re von Individuen aus­ba­lan­cie­ren möchte. Wir haben es in der Hand, ob sich die Risiken oder die Chancen unserer Zeit realisieren werden. Einiges, was Sie beitragen können:
  • Seien Sie offen für neue Ideen. Fragen Sie bei Meinungen nach Argumenten und stützenden Fakten; hin­ter­fra­gen Sie, ob es nicht noch andere Sichtweisen gibt.
  • Fördern Sie Kreativität, auch mit fi­nan­zi­el­len Mitteln, zum Beispiel durch Crowd­fun­ding.
  • Haben Sie Mut zum Ex­pe­ri­men­tie­ren, Erforschen, Probieren, auch außerhalb Ihrer fest­ge­füg­ten Lebensbahn. Haben Sie keine Angst vor dem Scheitern.
  • Nehmen Sie eine lang­fris­ti­ge Perspektive ein, die Ihnen Vertrauen in die Zukunft jenseits negativer Schlag­zei­len gibt. Tauschen Sie sich mit anderen dazu aus.
  • Folgen Sie Ihrer Lei­den­schaft an Orte, an denen viele Menschen diese teilen. Wenn Sie noch keine Passion für sich entdeckt haben, schauen Sie sich danach in einer der größten oder wachs­tums­stärks­ten Städte der Welt um – „finden Sie Ihr Florenz.“
  • Schließlich: Handeln Sie tugendhaft, ehrlich, wagemutig und mit Würde. Letzteres setzen Sie um, indem Sie sich lebenslang in un­ter­schied­lichs­ten Gebieten fortbilden, sich für An­ders­ar­ti­ges in­ter­es­sie­ren und der Kunst in Ihrem Alltag einen Platz einräumen.

Über die Autoren 

Ian Goldin ist Professor und Direktor der Oxford Martin School der Universität von Oxford in England. Von 2003 bis 2006 war er Vi­ze­prä­si­dent der Weltbank. Chris Kutarna hat in Oxford promoviert und bei der Boston Consulting Group in Fragen der in­ter­na­tio­na­len Politik und Wirtschaft beraten.


Nota. - Ich setze voraus, dass getabstract korrekt zusammengefasst hat. Da fällt mir als erstes die eigenwillige Epochenbestimmung auf. 1450 bis 1540 - nur neunzig Jahre? Literaturwissenschaftler würden die Renaissance mit Petrarca, Kunsthistoriker mit Giotto beginnen lassen - rund hundert Jahre früher. 

Da fällt mir ein: Die Schwarze Pest wütete 1346 bis 1353, nachdem im Jahr 1342 gewaltige Überschwemmun- gen weite Teile Europas verheert hatten - Ost- und Zentralfrankreich, die Provence, Norditalien, das ganze heu- tige Deutschland sowie Böhmen, Österreich und Ungarn; in Süddeutschland die Magdalenenflut. In Europa kam es zu einem Niedergang des Ackerbaus, der, indem er die Feudalität schwächte, einen Aufschwung des städti- schen Bürgertums begünstigte.   

Es gibt Anlass, im 14. Jahrhundert den Beginn der Neuzeit wahrzunehmen. Ein besonderes Datum its die Herr- schaft Philipps des Schönen in Frankreich, der sein Land als kontinentale Großmacht etablierte, indem er im Innern den Absolutismus begründete.  

Und sogleich fällt auf, dass wirtschaftshistorische Erwägungen bei Goldin und Jutarna kaum eine Rolle spielen. Aber ohne die ist Sozial- und Kulturgeschichte nicht wohl möglich.

Gehen wir von der anderen, von unserer Seite an den Vergleich heran, so wurde der Umbruchcharakter der Gegenwart zunächst mit dem Ausdruck neue industrielle Revolution bezeichnet, wobei man gleich mitentschei- den musste, ob des die zweite, dritte oder schon vierte wäre. Das war aber, je weiter die Digitalisierung um sich griff, kleinlich und unangemessen. Der Vergleich mit der Gutenberg-Revolution hat ihrem Ausmaß und ihrer kulturellen Reichweite Rechnung getragen, doch die produktionstechnische und ökonomische Dimension, die alles Dagewesene in den Schatten stellt, ging wieder verloren.

Im Grunde ist die noch immer an Tempo und Tiefe gewinnende Digitale Revolution aber nur mit der Neolithi- schen Revolution, mit der Einführung des Ackerbaus und der Entstehung der Arbeits- und Wirtschaftsgesell- schaft zu vergleichen. Also, wenn wir von der Vorgeschichte der Jäger- und Sammler-Kulturen absehen, mit dem Anfang der Geschichte.

Also ein Neu anfang, indem sie unser bisherige Geschichte zu einem Abschluss bringt. Das ist mehr als bloß eine Renaissance.
JE 

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