Samstag, 19. Oktober 2019

Waren die frühen Christen doch keine Vandalen?


aus FAZ.NET, 19.10.2019                                                                   Mithras-Altar in derKrypta der römischen Kirche Stancta scripta

Zerstörerische Frühchristen?
So lest doch nur, wie bös sie waren! An den Quellen vorbei: In „Heiliger Zorn“ zimmert sich Catherine Nixey ein Bild von den Christen als Zerstörern der Antike. Mit historischer Genauigkeit kann ihr Werk nicht dienen. Im Gegenteil.

Von Roland Kany

D ie britische Journalistin und studierte Historikerin Catherine Nixey will mit ihrem Buch „die Zerstörung der klassischen Welt durch die Christen“ aufzeigen. Gleichgültigkeit, abergläubische Dummheit und Zerstörungs- wut der Christen von ihrer staatlichen Förderung seit Kaiser Konstantin ab etwa 312 bis zur angeblichen Schließung der Platonischen Akademie von Athen durch Kaiser Justinian 529 seien schuld „an der nahezu vollständigen Vernichtung der lateinischen und griechischen Literatur“. Die Christen hätten unzählige herrliche Tempel zerstört, wunderschöne Götterstatuen in Stücke geschlagen und friedliche Nichtchristen unterdrückt und getötet.

Das Buch setzt ein am Tatort „Palmyra, um 385 n. Chr.“ In der syrischen Metropole habe man die Angreifer aus der Wüste erwartet, schwarzgekleidete Fanatiker, die lachten und brüllten, während sie altehrwürdige Tempel schändeten. Die glorreichen Momente seien in Liedern verewigt worden: „Die Dämonen und Götzen, unser Heiland hat sie alle zertrampelt.“ Die Männer seien in den Tempel der Athene vorgedrungen und hätten Kopf und Arme der Göttin zertrümmert. „Der ‚Triumph‘ des Christentums hatte begonnen.“ Nixey ruft ihren Lesern die Kämpfer des Islamischen Kalifats in Erinnerung, die 2015 die wenige Jahrzehnte zuvor ausgegrabene und restaurierte Athene von Palmyra mit dem Hammer attackierten. Die Absicht von Nixeys Buch ist damit klar.

Christliche Taliban mit Hammer und Kreuz

Doch schon dieser Anfang ist großteils erfunden. Kein antiker Text erwähnt den Bildersturm von Palmyra, wir kennen weder die Täter noch ihre Gründe noch gar ihr Kostüm. Der zitierte Hymnus hat überhaupt nichts mit Palmyra zu tun. Er stammt aus der Liturgie, die koptische Christen tausend Kilometer entfernt am Festtag der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten feiern. Die Athene von Palmyra wurde den Ausgräbern zufolge wohl tatsächlich in den Jahren nach 380 vandalisiert. Forscher erwägen die antiheidnische Gesetzgebung unter Theodosius I. als Hintergrund und diskutieren die Hypothese (mehr ist es nicht), dass Christen aus Palmyra sich für die in antiken Quellen bezeugten paganen Kirchenzerstörungen und Mordtaten gegenüber ihren Glaubensgeschwistern in Syrien um 362 unter Kaiser Julian, dem „Apostaten“, gerächt haben könnten. Zu Gewalt könnte es also auf beiden Seiten gekommen sein, auch der paganen, davon schweigt Nixey.

Sie erzählt auch von der Zerstörung des Serapis-Tempels in Alexandria durch Christen im Jahre 392, dem bekanntesten Fall dieser Art. Dabei minimiert sie die Nachrichten aus den Quellen, die von vorausgegangene blutigen Attacken gegen Christen durch die studentische Schlägertruppe um einen paganen Professor berichten. Diese Heiden wiederum waren wohl vom Ortsbischof provoziert worden, der sich am Ende am Tempelschatz bereicherte. In Karthago forderte laut Nixey Augustinus im Jahre 401 die Christen auf, heidnische Objekte zu zerschlagen. „Angeblich ließen bei den Ausschreitungen, zu denen es nach den Brandreden gekommen war, sechzig Menschen ihr Leben.“ In Wahrheit waren die sechzig Personen zwei Jahre vorher in der Ortschaft Sufes ermordet worden, allesamt Christen, die zuvor eine Herkulesstatue ruiniert hatten – ohne Brandrede Augustins. Was die römischen Christenverfolgungen vor 312 betrifft, so spielt Nixey sie herunter.

Dass es Beschädigungen antiker Statuen und Reliefs durch Christen gab, ist literarisch und archäologisch unzweifelhaft belegt. Dass dies massenhaft geschehen sei, wie Nixey behauptet, ist fraglich. „Ein ausgewiesener Spezialist für das Thema ‚Religiöser Hass’“ habe, so Nixey, in dem Mithrasfresko unter Santa Prisca in Rom die Spuren einer mit Wucht geschwungenen Axt erkannt, die das Gesicht des Gottes verstümmelte. Entgangen ist Nixey der Nachweis durch Bryan Ward-Perkins im Jahr 2004, dass die Zerstörung erst 1953 durch einen missglückten Restaurierungsversuch erfolgte. Man sollte sich hüten, bei jeder abgebrochenen Nase einer antiken Statue vorschnell an christliche Taliban mit Hammer und Kreuz zu denken.

Glatt gelogen

Wie steht es um die Literaturvernichtung durch Christen? Zutreffend führt Nixey an, dass der Philosoph Porphyrios ein großes Werk gegen die Christen schrieb, das in konstantinischer Zeit verboten wurde, so dass heute nur noch spätantike Zitate daraus erhalten sind. Doch Nixey schreibt, dass Porphyrios’ Werke wegen ihrer Gefährlichkeit „komplett vernichtet wurden“ und „es kein einziges Buch von Porphyrios in die Neuzeit geschafft“ habe. Glatt gelogen. Durch christliche Schreiber sind bis heute die Plotinbiographie des Porphyrios, seine vier Bücher über Vegetarismus und weitere Schriften erhalten, ja seine Einführung in die aristotelische Kategorienschrift wurde ein Standardlehrbuch der Logik des Mittelalters.

Die Verfasserin klagt, dass die Werke Demokrits die Epoche der christlichen Mehrheitsgesellschaft nicht überlebt hätten. Seine im fünften Jahrhundert vor Christus entwickelte philosophische Atomtheorie erübrigt ihrer Meinung nach eine religiöse Deutung der Welt. Haben Christen die Werke Demokrits vernichtet, wie Nixey suggeriert? Zwar ist kein einziges Werk Demokrits erhalten, doch dieser Verlustprozess war nach Auskunft der Philologen schon am Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen. Es lag also nicht an den Christen, die zu dieser Zeit eine winzige Minderheit waren. Antike Berichte über Demokrits Atomtheorie sind jedoch in großer Zahl erhalten, etwa bei Aristoteles und nicht nur in Lukrez’ Lehrgedicht, wie Nixey mit einer verfälschten Geschichte flunkert, durch die sie den Eindruck erwecken will, die Christen hätten den Atomismus tausend Jahre unter Verschluss gehalten.

Keine Fachkompetenz, kein Augenmaß

Nixey gibt zwar zu, dass verschiedene Faktoren zum Verlust antiker Literatur beitragen konnten und sie nicht sagen wolle, „dass die Kirche nicht auch einiges bewahrt hätte“. Doch solche salvatorischen Klauseln sollen nur die Glaubwürdigkeit ihrer Schauergeschichten erhöhen: „Im ganzen Reich brannten Scheiterhaufen, auf denen die verbotenen Bücher landeten.“ Das ist so nicht belegbar. Bücherverbrennungen kamen zwar wie bei den paganen Römern so auch bei Christen vor. Die Fälle betrafen hier aber, schlimm genug, primär Texte verurteilter christlicher Theologen sowie die schon von paganen Kaisern verbotene astrologische und magische Literatur, einige christentumskritische Texte, aber kaum nachweisbar pagane literarische oder fachphilosophische Werke.

Und nein, Augustinus hat nicht „die letzte existierende Abschrift von Ciceros ,Über den Staat‘“ abgeschabt und „mit Psalmen überschrieben“. Die um 400 angefertigte Pergamenthandschrift mit sonst unbekannten, ab 1819 wieder lesbar gemachten Teilen von Ciceros Werk wurde im siebten Jahrhundert gelöscht (rund zweihundert Jahre nach Augustins Tod), vielleicht weil sie unvollständig war, und mit Augustins großem Psalmenkommentar neu beschriftet. Solche Palimpseste haben, anders als Nixey glauben machen will, zumeist nichts mit religiöser Wut zu tun, sondern waren eine übliche Wiederverwendung des teuren Materials. Am häufigsten palimpsestierten Christen die Bibel und christliche liturgische Bücher.

Und so weiter. Man muss in Nixeys Buch mühsam nach Abschnitten suchen, die einer Überprüfung ohne Einschränkung standhalten. Wer sich zu Nixeys Themen seriös informieren will, sollte zu anderen Büchern greifen: Johannes Hahn über Gewalt von Christen und Heiden in der Spätantike, Wolfgang Speyer über Büchervernichtung und Zensur, Egert Pöhlmann zur Überlieferung von Texten und Peter Gemeinhardt über antikes Christentum und Bildung. Sie bieten, was Nixeys mittlerweile in fünf Sprachen übersetztem und von vielen Journalisten gefeiertem Buch abgeht: Fachkompetenz, Augenmaß, Bemühen um sachgerechte Darstellung und Kontextualisierung. Nixey dagegen lässt fort, was ihr nicht in den Kram passt, und fügt wahre, halbwahre und unzutreffende Behauptungen zu einem Konstrukt zusammen, dem nicht nur Einseitigkeit, sondern ein Übermaß an Falschheit vorzuwerfen ist.

Catherine Nixey: „Heiliger Zorn“. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019. 396 S., Abb., geb., 25,– Euro.

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